Auslese

Die Tage nach dem Brand verlangten dem Jarl alles ab. Entscheidungen drängten sich ihm auf wie Fliegen einem Stück Frischfleisch auf einem Marktstand. Gereizt hatte Ragnar seine Männer dazu aufgerufen, beim Wiederaufbau großzügig mit anzufassen, hatte Baumaterial verteilt, das eigentlich für ganz andere Zwecke vorgesehen war und hatte eine ganze Gruppe von Helfern in die Wälder geschickt, um frische Stämme für die Hauswände zu schlagen.
Die Frauen fuhren mit kleinen Booten hinaus auf den Fjord und schnitten Schilf - viel zu früh eigentlich, weil diese Arbeit weitaus einfacher war, wenn der Sund und mit ihm die Flussmündung gefroren waren und man auf dem Eis gehen konnte. Doch sie hatten keine Zeit, zwei Monde oder länger zu warten und es war ein Glück, dass das Rohr schon so trocken war, dass es für die Dächer genutzt werden konnte. Die Menschen drängten sich in den verbliebenen Wohnhäusern und über kurz oder lang würde die Enge zu Unruhe und Missgunst führen.
Gründlich kontrollierte der Jarl jeden Tag, ob seinen Anweisungen auch Folge geleistet wurde, half hier und da, indem er die Arbeitskräfte neu verteilte und legte, wo es am nötigsten war, auch selbst mit Hand an. Auch heute wieder war er zeitig zu Pferde unterwegs, da er bei den Holzfällern nach dem Rechten sehen wollte. Unerwartet gesellte sich ein zweiter Reiter zu ihm - Rollo.
"Es geht schneller bergauf als gedacht", begrüßte der Krieger seinen Bruder und warf einen Blick auf die Bauarbeiten, die trotz der frühen Morgenstunde schon in Gang gekommen waren.
Der Jarl nickte. "Ja, sie wissen alle, wie viel auf dem Spiel steht. Säße uns nicht die Leidang(1)  für Horik im Nacken, könnten wir uns mehr Zeit lassen." Nachdenklich musterte Ragnar die versehrte Siedlung. "Es wird dennoch den ganzen Winter in Anspruch nehmen, bis wir diesen Rückschlag wettgemacht haben werden", brummte er unzufrieden. "Das wird eine harte Zeit, Rollo, auch wenn die Lager noch weitgehend leer waren. Dass die Leute so eng aufeinander hocken, macht mir große Sorgen."
Der Bruder des Jarl nickte. "Sie werden sich die Köpfe einschlagen, wenn man ihnen nicht noch mehr Aufgaben gibt", stimmte er zu. "Wir sollten nicht mit den Bauarbeiten nachlassen, bis wir nicht jedes Haus und jede Werkstatt wieder aufgebaut haben."
Ragnar strich sich über die kahlrasierten Schläfen. "Die Werkstätten machen mir besonders große Sorgen", gab er zu. "Viele Werkzeuge sind verbrannt oder zumindest schwer zu Schaden gekommen. So hart kann Aodh gar nicht arbeiten, um das alles schnell genug zu ersetzen. Doch wenn wir nicht richtig zimmern und töpfern können, wird es schwierig, uns für Horiks Kriegszug gut vorzubereiten, von allem anderen ganz zu schweigen."
Die Brüder blieben lange still und ließen ihre Pferde im Schritt durch den Ort gehen, während sie sich weiter umsahen. Rollos Blick blieb schließlich am Hafen hängen und an den Schiffen, die dort noch immer lagen und auf die Einwinterung warteten. Nachdenklich musterte er ihr größtes Handelsschiff, eine schwere Knorr(2)  mit dem Namen Straumfjorðurnautr. "Vielleicht sollten wir nicht darauf warten, dass Aodh sein Schmiedefeuer neu entzündet, sondern uns das, was wir am nötigsten brauchen, aus Haithabu holen", schlug er vor. "Noch haben wir freien Zugang zum Hafen und dem Markt dort. Sobald Harald Wind von Horiks Plänen bekommt, ist die Stadt für uns zu heißes Pflaster."
Nachdenklich wandte nun auch Ragnar den Blick auf den Fjord und den Hafen. "Daran habe ich auch schon gedacht", gab er zu. "Doch wir bräuchten mindestens ein Dutzend Männer für die Fahrt und Thorstein ist schwer verletzt."
Rollo kniff abwägend die Augen zusammen. "Die Knorr nach Haithabu zu lotsen, schaffe selbst ich. Dazu brauchen wir Thorstein nicht unbedingt.  Zwei, drei Tage an der Küste entlang … Im schlimmsten Fall könnten wir auf Sicht segeln. Und wenn das Wetter so heiter bleibt, ist es eh ein Kinderspiel." Er räusperte sich und holte noch einmal tief Atem. "Gib mir zwei Handvoll Männer für zwei Wochen und lass uns die Straumfjorðurnautr mit Beutegut und Sklaven vollpacken, um Tauschware zu haben. Dann sei dir sicher, dass ich dir eine ganze Schiffsladung mit Werkzeugen, Fellen und Proviant zurückbringe."
Der Jarl schwieg lange und bedachte das Angebot seines Bruders. Doch letzten Endes war es besser, jetzt auf ein Dutzend Hände  zu verzichten, als später den Mangel hinten und vorne zu spüren. Also tat er, was getan werden musste und sagte Rollo die Fahrt zu,  wissend, das der Bruder dabei nicht nur das Wohl der Siedlung sondern auch seinen eigenen Gewinn im Auge hatte. Die höflichen Dankesworte des Jüngeren nahm er abwinkend zur Kenntnis und atmete dann erleichtert auf, als der andere sich auf den Rückweg machte. Rollo würde sich eilen, um bald in See stechen zu können, das wusste Ragnar. Und so war es auch gut und richtig, denn man wusste in diesen Tagen nie, wann der Winter hereinbrach und die Fahrt in der offenen Knorr zu einer kalten und nassen Angelegenheit wurde.
Rollo aber ließ seinem Eifer freien Lauf. Aufgeputscht vom Wissen, die Straumfjorðurnautr als Kapitän und Steuermann unter sich zu haben - eine ganz außergewöhnliche und ehrenvolle Verantwortung, die er da übernahm - machte er das Handelsschiff binnen eines einzigen Tages flott. Und schon am nächsten Morgen trafen die Anführer Straumfjorðurs zusammen, um über jene Güter zu verhandeln, die nach Haithabu gebracht werden sollten.
Ragnar hatte darauf bestanden, dass man vor allem überzählige Sklaven verschiffte und Wertgegenstände wählte, die im Winter für niemanden von Nutzen waren. Das alles sollte bis zum nächsten Tag bereit sein, um dann auf der Straumfjorðurnautr untergebracht zu werden.

Und so kam es, dass der Lärm der Beladung am darauffolgenden Morgen auch Thorstein auffiel, der sich von Rúna gerade einen straffen Brustwickel anlegen ließ, mit dessen Hilfe er heute endlich erstmals das Grubenhaus verlassen wollte. Das unverhoffte Rufen und Kreischen in der Siedlung schien nichts Gutes zu bedeuten. Auch Rúna hob lauschend den Kopf bei der Unruhe.
"Wir sollten uns das ansehen, sobald du hier fertig bist", schlug Thorstein vor. "Das klingt fast, als bekämen wir Besuch. Doch wer sich so spät im Jahr noch nach Straumfjorður verirren sollte, weiß ich auch nicht."
Rúna hatte Zweifel, ob der Steuermann mit seiner Vermutung rechthatte. Wenn da draußen ein fremdes Boot in den Hafen einlief, sollten dann die Rufe nicht erwartungsvoll und fröhlich sein? Doch aus dem Stimmengewirr glaubte sie eindeutig Jammern und Wimmern herauszuhören. Sie war froh, als es Thorstein recht gut gelang, sich von seinem Krankenlager zu erheben. Sie band sich Solvig auf den Rücken und bot ihm dann willig ihre Schulter zur Stütze, als der großgewachsene Mann seine ersten Schritte nach der schweren Verletzung wagte. Und tatsächlich schaffte er es auf diese Art, die kleine Hütte zu verlassen.
Draußen ließ sich der Steuermann erschöpft auf die kleine Bank an der vorderen Hauswand fallen. Es waren nicht so sehr die fehlende Kraft oder der Schmerz, die ihn behinderten. Viel mehr plagte ihn ein heftiger Luftmangel, der sich auch sogleich in einem schlimmen Hustenanfall bemerkbar machte. Mit einem angewiderten Laut spuckte der Mann Schleim und Blutklümpchen aus und sog dann dankbar die frische Luft ein. Noch war er ganz und gar nicht gesund!
Rúna hingegen beachtete Thorstein in diesem Moment gar nicht. Wie gebannt starrte sie auch das Geschehen in der Siedlung. Dutzende Bewohner drängten sich mit Packen und Päckchen zum Hafen, um dort das größte der Handelsschiffe zu beladen. Doch es waren nicht die Träger, die Rúnas Starre verursachten. Entsetzt sah sie dabei zu, wie gefesselte Frauen und Kinder wie Vieh zu dem Boot getrieben wurden. Schläge und Tritte hagelten auf jene nieder, die sich gegen die Verladung zur Wehr setzten. Zwei kleine Mädchen wurden zum Hafen geführt und Rúna sah mit Grauen, wie deren schreiende Mütter von starken Männerhänden daran gehindert wurden, zu ihren Kindern zu laufen. Als eine der beiden Frauen sich kratzend und um sich schlagend zu befreien versuchte, fuhr eine unbarmherzige Faust herab und sie sank bewusstlos zu Boden. Die Sklavenauslese für Haithabu, von der Lathgertha gesprochen hatte, war in vollem Gange.
Auch Thorstein sah dem Treiben zu und obwohl er ähnliche Szenarien schon oft beobachtet hatte und selbst daran beteiligt gewesen war, schien es, als sähe er heute zum ersten Mal, was die Menschen von Straumfjorður wirklich taten. Mit einem Mal kamen ihm die gaffenden Weiber und die spottenden Krieger nicht mehr so selbstverständlich vor wie bisher.
Er sah die zurückbleibende Mutter unter dem Faustschlag ihres Herrn zu Boden gehen und erinnerte sich dabei an ein Gespräch mit Teitr, das noch gar nicht so lange zurücklag. 'Es gibt nur zwei Dinge, die eine Frau wirklich nie vergeben würde', hatte der Alte ihn wissen lassen. 'Wenn du sie gegen ihren Willen besteigst und wenn du ihr die Kinder wegnimmst, die sie geboren hat.' Und der Steuermann hatte dem Alten durchaus rechtgegeben. Stirnrunzelnd ließ Thorstein seinen Blick über das Geschehen schweifen. Das hier war von den Göttern gewollt. So zumindest hatte er es von den Goden und auch von seinem Vater gehört. Doch es gab auch andere Stimmen, die die Richtigkeit der Sklaverei anzweifelten. Und wenn er sich vorstellte, dass man Rúna dort hinunter zum Hafen führte …
Hufgetrappel riss ihn aus seinen Gedanken und noch ehe Thorstein sich ganz fassen konnte, hielt der Reiter vor dem Grubenhaus und sprang aus dem Sattel. Rollo war bereits komplett in seine wasserbeständige Ledermontur gekleidet und trug das Schwert an der Seite. Der breite Schild ragte zu beiden Seiten hinter seinem Rücken heraus. "Es ist soweit!", verkündete er zusammenhanglos und winkte mit drei Fingern Rúna zu sich.
Starr vor Entsetzen wich die junge Frau ein wenig vor dem furchteinflößenden Krieger zurück. Wollte er sie jetzt etwa auch mitnehmen? Nach Haithabu? Hatte nicht Ragnar versprochen, dass sie bleiben durfte? War sie nicht Thorsteins Gefährtin?
Doch die Unfähigkeit der Sklavin, seinem Befehl nachzukommen, ließ Rollo ungeduldig werden. Fordernd kam er näher und sprang schließlich auf das kleine Podest, das den Eingang des Häuschen markierte. "Nun mach schon Mädchen", knurrte er bedrohlich. "Gib mir den Balg, damit wir in See stechen können."



(1) Leidang (altnordisch „leiðangr“) ist die Bezeichnung für die auf der frühen Wehrpflicht beruhende Seerüstung, der zufolge bestimmte regionale Einheiten ein Kriegsschiff zu bauen, auszurüsten und zu bemannen hatten.(Quelle: die allwissende Wikipedia)

(2) Die Knorr war der Lastesel, auf dem die Wikinger ihre Handelsware über die Meere beförderten. Quelle für mehr Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Knorr_%28Schiffstyp%29

Comments

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    Ja, das Leben ist kein Ponyhof ... Rúna hat in ihrer Stellung eigentlich keinerlei Rechte. Und auch Thorstein hätte, wenn es hart auf hart käme, nicht das letzte Wort. Das wollte ich hier mal andeuten. Doch ein wenig Menschlichkeit gab es auch bei den Nordmännern - mehr dazu im nächsten Kapitel! Dankeschön fürs Schmökern! Bleib dran, es wird wieder besser - lach!

  • Author Portrait

    Es tut so weh, solches zu lesen.... Und, ach, Rúna, es scheint, als bleibe dir nichts erspart!

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