Klobürste Bärbel fand ihr Leben scheiße.

Nicht nur, daß ihr Chef, Herr Magnus Meier aus dem vierten Stock, sie Tag für Tag dazu zwang, seine..., äääh...Hinterlassenschaften mit einer derartigen Vehemenz ins Klo zu stopfen, daß Bärbel oft Hören und Sehen verging (das Riechen leider nicht, aber scheiß drauf), nein, damit hätte sie leben können, war ja schließlich ihr Job, aber was sie wirklich anpisste, waren ihre Arbeitskollegen. Die hatte sie echt gefressen!
Ganz besonders zwei von denen machten Bärbel Tag für Tag für Tag das Leben zur Hölle. Bloß, weil sie in der höheren Etage arbeiteten, glaubten sie, was Besseres zu sein:

Walter Waschlappen und Siegbert Seife!

Zum Kotzen, die beiden, fand Bärbel. Und ständig diese ach so lustigen Sprüche, die die beiden brachten.
"Ey, Bärbel, tolles Kleid, das du heute trägst. So schön braun!"
"Hey, Bärbel, super Parfüm. Was ist das, Eau de Toilette?!"

Okay, okay, Bärbel war eine Klobürste, sie stand in der Badezimmerhierachie ganz unten (na gut, das Klopapier war vielleicht noch etwas mehr am arsch), sie hatte einen Drecksjob, aber deshalb hatte sie ja wohl trotzdem ein kleines bißchen Respekt verdient, zum Kuckuck! Herrn Meier wollte sie mal sehen, wenn sie mal `ne Woche streiken würde!

Nein, das Leben war nicht schön. Das Leben war Kacke!

War es da ein Wunder, daß es Bärbel eines Tages reichte? Daß sie, als Walter und Siegbert sie wieder einmal wie Dreck behandelten, ausrastete und schrie:
"Jetzt reicht`s! Ich kündige!"
Sie sprang ein letztes, ein allerletztes Mal in die Kloschüssel, machte sich ordentlich sauber und hopste dann mit großen Sprüngen aus dem Badezimmer. Walter und Siegbert sahen ihr sprachlos hinterher.
"Ey, Bärbel, wo willste denn hin?", rief Siegbert schließlich.
"Zum Arbeitsamt. Ne Umschulung machen", schrie Bärbel, hopste an Herrn Meier vorbei, der gerade durch die Wohnungstür kam, sprang die Treppen herunter,  schlüpfte aus der offenen Haustür auf die Straße und atmete tief durch. Endlich frei! Das verlangte nach einem gewichtigen Kommentar, fand Bärbel. Aber alles, was ihr einfiel, war:

"Und wo ist jetzt dieses Scheißarbeitsamt???"

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Einige Zeit später saß Bärbel Herrn Schumansky, Abteilung A - K, gegenüber.
"Name?", fragte er mit sichtlich desinteressierter Stimme, ohne aufzublicken.
"Äh..., Bärbel Klobürste."
"Hm", machte Herr Schumansky und tippte etwas in seinen Computer ein.
"Schulbildung?"
"Keine."
"Tsss", machte Herr Schumansky  abfällig  und tippte.
"Letzte Arbeitsstelle?  Falls Sie überhaupt schon mal gearbeitet haben... Arbeitgeber und Berufsbezeichnung."
"Klobürste bei Herrn Magnus Meier."
"Wollen Sie mich verarschen?!", brüllte Herr Schumansky und hob endlich den Kopf.
"N...nein, ich bin doch...", stotterte Bärbel eingeschüchtert.
Herr Schumansky registrierte endlich, daß da tatsächlich eine Klobürste vor ihm saß.
"Oh..., ähem..., entschuldigen Sie, aber Klobürsten kommen eher selten hierher."
Kein Wunder, dachte Bärbel, so, wie man hier behandelt wird, grenzt es an ein Wunder, daß sich überhaupt jemand hierher traut...
"Na, ich bin jetzt jedenfalls hier und ich suche einen neuen Job. Können Sie mir da helfen?", fragte Bärbel.
Herr Schumansky dachte nach.
"Hm, ich weiß nicht, ich glaube, der Arbeitsmarkt hat an gebrauchten Klobürsten eher wenig Interesse. Wenn Sie noch neu wären..."
Bärbel unterbrach ihn:
"Nein, nein, da haben Sie mich falsch verstanden. Ich möchte nicht länger als Klobürste arbeiten. Hätten Sie nichts anderes für mich?"
"Nuuuuun..., ich weiß im Augenblick nicht, wo man eine gebrauchte Klobürste arbeitstechnisch noch einsetzen könnte, aber ich will mal sehen..."
Er begann wieder in seinen Computer zu tippen. Bärbel wartete.
"Hm, nein, das nicht..., nein, das geht auch nicht, das auch nicht, ...Hauswirtschaft..., nein, geht nicht wegen der Hygienebestimmungen, hmmmm..."
Endlich sah er Bärbel wieder an.
"Also, alles, was ich Ihnen derzeit anbieten kann, wäre ein Minijob. Sehen Sie,  es ist nicht so leicht, jemanden ohne Schulabschluß zu vermitteln. Da darf man nicht anspruchsvoll sein."
"Hauptsache, ich hab was zu tun und muß nicht mehr als Klobürste arbeiten. Was wäre das denn für ein Job?", fragte Bärbel.
"Das Grünflächenamt der Stadt sucht dringend Leute, die den Stadtpark sauberhalten."
"Aha, und was genau müsste ich da tun?"
"Nun, hauptsächlich müßten Sie den Müll beseitigen, den die Leute in die Gegend werfen, anstatt in die Mülleimer, außerdem gibt es viele Hundebesitzer, die die Häufchen ihrer Hunde nicht beseitigen, die müssten Sie..."
"Daaanke, das reicht", unterbrach Bärbel ihn, "das kommt nicht in Frage. Von Scheiße habe ich die Schnauze voll!"

Jetzt wurde Herr Schumansky sauer.
"Ich glaube, ich muß Ihnen da mal ein paar Zahlen nennen. Wir haben derzeit in Deutschland 671.192 freie Arbeitsstellen, aber gleichzeitig 3.662.651 Arbeitslose. Merken Sie was? Selbst wenn wir alle freien Stellen besetzen würden, wären fast drei Millionen Menschen noch immer ohne Arbeit.  Da draußen wartet niemand auf Sie, Frau Bärbel! Es gibt genug Menschen, denen wir den Job beim Grünflächenamt anbieten können und die sich nicht so anstellen wie Sie! Wenn Sie wirklich arbeiten wollen, dann schaffen Sie auch den Job im Park!"
"Ich meinte ja nur...", flüsterte Bärbel, "wegen der Scheiße... Haben Sie denn wirklich nichts anderes?"
"Tut mir leid, im Augenblick sehe ich da nichts,... warten Sie. Sagen Sie mal, Sie sind doch aus Kunststoff, nicht wahr?"
Bärbel nickte.
"Gut, in der Recyclingfabrik suchen sie noch ungelernte Arbeiter, vielleicht wäre das was für Sie. Ich drucke Ihnen die Unterlagen aus. Bewerben Sie sich so bald wie möglich, am besten gleich morgen und melden Sie sich wieder bei mir, um mir das Ergebnis mitzuteilen."

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Am nächsten Morgen, gleich um acht Uhr, stellte Bärbel sich in der Fabrik vor. Zuerst war man von dem Gedanken, eine Klobürste einzustellen nicht so begeistert (in der Abteilung "Herrentoilette" wäre zwar für sie Verwendung gewesen, aber das wollte Bärbel nicht!), aber schließlich wollte man es doch mal mit ihr versuchen. Nun schuftete Bärbel also am Einfülltrichter der Einschmelzanlage. Schon nach kurzer Zeit taten ihr sämtliche Borsten weh, und die Hitze bekam ihr auch nicht so gut. Nein, ein Job für die Ewigkeit war das hier wohl auch nicht... 
Und der Lohn erst..., ziemlich wenig Geld für so eine Schufterei, vielleicht wäre sie doch lieber bei Herrn Meier...
"Sache mal, watt soll`n die Scheiße? Biste am träumen, oder watt?! Sieh zu,  dassde weitermachst!"
Herrje, der Vorarbeiter!
"Entschuldigung, ich wollte nicht...", rief Bärbel zu ihm herunter.
"Quatsch keine Opern, Mädel, mach hinne! Oder glaubste, wir ham hier die Zeit zu warten, bis datt gnädge Frollein ausjeträumt hat?"
Bärbel beeilte sich, die zerhäckselten Kunststoffteile in den Trichter zu befördern. Plötzlich ging ein Alarmton los.
"Ey, watt machste denn nun schon wieder für`n Mist? Mann, Mädchen, jetzt sitzt der Scheißtrichter dicht. Sieh zu, dassde den freikriegst, damit wir hier weitermachen können. Du hältst ja den ganzen Betrieb auf!"
Oje, oje, der erste Arbeitstag und dann gleich sowas. Bärbel starrte verzweifelt auf den Trichter. Was machte man da bloß? Eine Idee huschte durch Bärbels Kopf, aber Bärbel verwarf sie sofort wieder. Nein, das würde sie keinesfalls tun...
"Hallo, wird das bald mal was?"
Also, dann eben doch. Hoffentlich ging das gut...
Bärbel sprang in den Trichter und hüpfte auf den Kunststoffteilen auf und ab. Endlich löste sich die Verstopfung.
Tja, gelernt ist eben gelernt, dachte Bärbel, jetzt muß ich nur zusehen, daß ich hier heil wieder...
Zu spät! 
Zusammen mit dem geschredderten Kunststoff rutschte auch Bärbel in die Einschmelzanlage. Himmel, war das heiß hier! 
Hil...", konnte Bärbel nur noch rufen, dann verlor sie das Bewußtsein.

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Als Bärbel wieder zu sich kam, war es um sie herum dunkel. Sie fühlte sich irgendwie anders. Kleiner und schlanker, irgendwie. Was war bloß los, wo war sie hier und warum war es so dunkel? Bärbel versuchte, sich zu bewegen, mußte aber feststellen, daß das nicht ging. Um sie herum schien eine Mauer zu sein. War sie etwa eingesperrt? Und wenn ja, wo? Und warum? Dann fiel ihr ihr Unfall in der Fabrik wieder ein. War sie etwa eingeschmolzen und recycelt worden? Was war hier bloß los?
Lange Zeit geschah gar nichts, dann ging ein Ruck durch Bärbels Gefängnis, es schaukelte eine Weile, bis ihr kotzübel war, dann endlich wurde die Verpackung, in der sie offensichtlich steckte, aufgerissen, Bärbel wurde herausgenommen und irgendwo abgestellt.
Licht, dachte Bärbel, Luft! Endlich!
Ihre Augen hatten sich noch nicht ganz an das plötzliche Tageslicht gewöhnt, aber hören konnte sie. Und sie hörte...
"Hey Süße, du bist ja  ne Hübsche."
"Ja, sowas Tolles wie dich hatten wir hier schon lange nicht mehr!"

Nein. Nein! NEIN!!!

Alles, nur das nicht. Das konnte nur ein schlechter Traum sein. So gemein konnte das Leben gar nicht sein!
Bärbel blinzelte vorsichtig, und da waren sie tatsächlich:

Walter Waschlappen und Siegbert Seife!

Bärbel war zum Heulen zumute! Alles umsonst! Die Kündigung, die Demütigung beim Arbeitsamt, die Beleidigungen in der Fabrik, alles tapfer ertragen, alles umsonst!

...Aber wieso "Hübsche"?
Bärbel sah an sich herunter. Sie war wirklich viel schlanker... und kleiner... und ihre Borsten waren oben statt unten... War sie etwa???

Ja, die Klobürste Bärbel war jetzt die Zahnbürste Bärbel! Und offensichtlich eine gut aussehende. Jedenfalls gerieten Walter und Siegbert bei ihrem Anblick total aus dem Häuschen.
"Sag mal, meine Hübsche, wie heißt du denn?", fragte Walter.
"Ich? Oh, ich heiße äh, ich heiße... Bärbel."
"Bärbel? Hatten wir hier schon mal eine. So ne olle stinkige Klobürste war das. Kein Vergleich zu dir, Also, willkommen hier im Badezimmer von Herrn Magnus Meier. Ich bin der Siegbert und der da ist der Walter."
"Ich w..., ich meine, schön, euch kennen zu lernen. "

Bärbel gab auf. Offensichtlich sollte es ihr Schicksal sein, ausgerechnet in diesem Badezimmer und mit diesen Flitzpiepen zu arbeiten. Naja, hatte vielleicht auch sein Gutes. Immerhin schienen Walter und Siegbert ja ganz schön auf sie abzufahren. Da taten sich Möglichkeiten auf... Schließlich arbeitete sie jetzt eine Etage über ihnen, im Zahnputzbecherhalter statt auf dem Waschbeckenrand wie die beiden und wenn sie ihnen die kalte Schulter zeigen und sie von oben herab behandeln könnte, nun, warum nicht. Hatten die beiden ja auch lange genug bei ihr getan, konnten ruhig mal erfahren, wie das war.

Und als dann noch am Abend Herr Magnus Meier ins Bad kam, um sich die Zähne zu putzen, da konnte sie sich ein diabolisches Grinsen nicht verkneifen.
Wenn du wüßtest!, dachte sie, wenn du wüßtest, daß ich vor ein paar Tagen noch deine Klobürste war!

Alles in allem, fand Bärbel, waren ihr neues Leben und ihr neuer Job gar nicht so übel. Wenigstens war das Leben jetzt nicht mehr Scheiße, jetzt war es...

                                                                ZAHNBELAG????

SCHEIßE!!!


          


Comments

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    Ich weiß nicht, was ekelhafter ist ... Scheiße oder der Mund und die Hinterlassenschaften auf dessen Zähnen ... ich würde bei beidem kotzen wie die Hölle >.< Ich tippe fast darauf, dass der Mund für mich schlimmer wäre ... ja, ganz sicher ... bäh pfui ... Aber lustig, wie auch schon der erste Teil davon :D Wenn ich nochmal Liken könnte, würde ich ^^

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    XD Geil geschrieben ^^

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    Herrlich, hat mich richtig zum Lachen gebracht. Du hast eine Menge Fantasie und gleichzeitig hat die Geschichte sowas einzigartig Menschliches, dass sie schon fast wieder tragisch ist!

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    Also mein Waschlappen, Lila Lustigflausch, und meine Seife, Gruntilda Grünstich, sind zu meiner Toilettenbürste immer nett XD Ich höre selten Klagen ... aber frag doch mal die Katzentoilette *lacht*

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