Bücherregen

"Ist hier noch noch frei?", flüsterte sie hinter einen haushohen Stapel Büchern versteckt, den sie kunstvoll auf ihren schlanken Armen balancierte.

"Mmmh", antwortete er, ohne sie wirklich eines Blickes zu würdigen.

Wutsch. Sämtliche Bücher verteilten sich polternd und rutschend auf dem glatten, weißen Tisch und blieben auch über seinen Aufschrieben und Unterlagen liegen.

"Scheiße!", fluchte sie und schob sofort ein etwas leiseres "Sorry" hinterher. Ungeschickt und hastig klaubte sie alle Bücher wieder zu einen unordentlichen Stapel zusammen.

Grinsend reichte er ihr die drei, die noch die freie Sicht auf seine Papiere behinderten, ordentlich gestapelt rüber und mit ihnen den herrlichen Duft seines männlich-herben Aftershaves. "Kein Problem. Kann ja mal passieren", griff wieder nach seinem Füller und setzte seine Notizen fort.

"Danke", erwiderte sie anstandshalber und setzte diese literarischen Werke gedankenlos als Spitze auf ihren schiefen Turm von Pisa.

Wutsch. Wieder verteilten sich sämtliche Bücher über den Tisch und seine Unterlagen.

"Tut mir echt Leid", flüsterte sie verlegen lächelnd und kramte hastig alles wieder zusammen. "Ich bin heute etwas neben der Spur."

Stirnrunzelnd sammelte auch er nochmals ein paar Bücher ein und setzte sie in einem akkuraten Stapel demonstrativ neben ihren wieder schiefen. Tief einatmend kam ihm nur ein gepresstes "Ist schon in Ordnung!" über die Lippen, bevor er sich wieder seinen lückenhaft beschriebenen Zetteln zuwandte.

Verstohlen biss sich sich auf ihrer Lippe herum und betrachte ihn unauffällig. Hübscher Kerl. Die braunen, glatten Haare umrahmten ein ausdrucksstarkes Gesicht mit markanter Nase und sinnlichen Lippen. Er hatte die halblangen Haare hinter sein rechtes Ohr geschobenen und den Kopf leicht nach links geneigt. So konnte sie die kleine, blitzende Creole nicht übersehen. Dummerweise war sie in der Ohrmuschel, nicht im Ohrläppchen. Also ein Kerl, der auf Piercing stand. Sie wiederum gar nicht. Ungewollt verzog sie ihren Mund zu einer missbilligenden Schnute.

"Stimmt etwas nicht?", fragte er sie, ohne auch nur ein winziges bisschen von seinen Blatt aufzuschauen. "Habe ich noch Tomatensauce am Mund? Oder sonst irgendwelche komischen Dinge?"

Augenblickliche wurde ihr am ganzen Körper gleichzeitig heiß und kalt und ihr Gesicht färbte sich tomatenrot vor Scham. "Nein, . . . nein", stotterte sie ertappt, griff sich das oberste Buch ihres wackeligen Stapels, schlug es wahllos auf und las . . . irgendwas.

Neckisch grinsend musterte er sie jetzt seinerseits. Und sie gefiel ihm. Lange, lockige, braune Haare. Nicht zu so einem scheußlichen Zopf gebändigt. Süßer Mund, schlanke Nase und . . . dezent geschminkt. Wäre er ihr im Park begegnet, hätte er ihr wohlwollend hinterhergepfiffen. Naja, in der Theorie. Aus diesem Alter war er schließlich heraus. Aber er hätte sich nach ihr umgedreht.

"Suchen Sie etwas Bestimmtes?", begann er den Versuch eines Gesprächs. Es war der denkbar blödeste Ort dafür, schließlich sollte man in einer Bibliothek leise sein. Und genau deswegen war er ja schließlich auch hier. Aber egal. "Die Wahl ihrer Bücher sieht so," er zuckte nach Worten suchend die Schultern, "so wahllos aus."

Verwirrt schaute sie von ihrem Buch auf. Sie war sowieso auf einer komplett falschen Seite unterwegs. Nur um ihn nicht merken zu lassen, dass er sie völlig durcheinander gebracht hatte. "Nein, ich suche . . . , ich suche . . .", ja, was eigentlich? Ihr war es völlig entfallen. Heute war einfach nicht ihr Tag. Seufzend ließ sie sich gegen die Lehne ihres Stuhles plumpsen und sah den hübschen Typen an, der wiederum sie erwartungsvoll anblickte. "Eigentlich suche ich einen Job."

"Hier?" Ungläubig schüttelte er den Kopf. "In diesen Büchern? Geht das im Internet nicht einfacher?"

Widerwillig musste sie lachen. "Da haben Sie sicher recht. Aber gesunde Halbwahrheiten, wie sie dort verbreitet werden, helfen mir gerade nicht weiter. Ich habe ein Vorstellungsgespräch bei einen Buchhändler. Und jetzt will ich mein verschüttetes Uniwissen wieder aus der Versenkung holen und aufpolieren."

"Indem Sie fünfzig Bücher lesen? Das kann unmöglich Ihr Ernst sein." Er schüttelte kritisch den Kopf. "So etwas funktioniert doch nie. Sie müssen anders überzeugen. Mit Ihrem Wesen. Und Ihrem Geschäftssinn. Natürlich auch mit Ihren Wissen. Aber dieses ist eben nicht alles. So verkopfte Idioten werden es nie zu etwas bringen. Schließlich ist Fachidiotie nicht das, was zählt. Zumindest im wirklichen Leben."

Irgendwo hatte er ja recht. Aber sie brauchte den Job. Immerhin hatte sie ein Haus abzubezahlen. Doch darüber wollte sie nicht mit einem Wildfremden diskutieren. "Wieso sind Sie eigentlich hier? Sie haben nicht mal ein einziges Buch!" Jetzt war sie es, die ihn erwartungsvoll ansah.

"Ich bin meiner WG-Hölle entflohen", antwortete er frustriert und fuhr sich mit der Hand über sein ansehnliches Gesicht. "Einfach auf der Suche nach Ruhe. Für gewöhnlich gehe ich in den Park. Aber heute pisst es ja so abscheulich. . ."

"Und die Tinte würde nur verlaufen", beendete sie seinen Satz und deutete nickend auf seinen Füller.

"Ruhe da drüben!", schalte es unwirsch von der anderen Seite des Raumes.

Schuldbewusst blickten sich beide an, verkniffen sich aber das Losprusten.

"Darf ich Sie auf einen Kaffee einladen?" Augenzwinkernd sah er sie an. "Da stört es auch niemanden, wenn wir uns weiter unterhalten. Ich bin übrigens Per."

Eigentlich hatte sie keine Zeit, schließlich war in zwei Tagen ihr Bewerbungsgespräch. Und sie bräuchte so dringend diesen Job. Sonst könnte sie ihr kleines, hübsches Reihenhäuschen gleich wieder verkaufen. Aber in seinen grün-braunen Augen stand so viel Hoffnung. "Ich heiße Lisa." Lächelnd nahm sie seine angebotene Hand. Sollte sie wirklich mitgehen?


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Momentan überlege ich, ob ich Lisas und Pers Geschichte aufschreiben soll.

Was meint ihr?

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