Bad Santa

Dezember 1963

 

Der Schnee kam in dicken Flocken vom Himmel und nervtötendes Weihnachtsgedudel betäubte die Ohren derer, die durch die Einkaufsmeile hetzten und in die bereits übervollen Geschäfte drängten, um ihr hart verdientes Geld diesen Geiern in den Rachen zu werfen, die damit warben, dass nur viele, möglichst große Geschenke unter dem Baum für ein fröhliches Weihnachtsfest standen.

Niemand bemerkte ihn.

Er stand in einer Nische zwischen zwei Häusern, verborgen hinter stinkenden Mülltonnen, deren Geruch selbst die Kälte nicht mindern konnte, und sah auf die vielen Leute, die bepackt wie die Esel immer weiter vorantrieben, gestresst ihren Kindern hinterherbrüllten, denen man ausnahmsweise erlaubt hatte, sich ein Weihnachtsgeschenk selbst auszusuchen, diese Entscheidung aber bereits wieder bereute und am liebsten ganz woanders wäre.

Er lächelte leicht, was niemand sah, da sein Gesicht im Dunkeln lag, zusätzlich verborgen durch den Schirm einer Baseballkappe.

Wie hatte er als Kind diese Vorfreude geliebt, dieses Flimmern der Spannung in der Luft, was Santa ihm wohl unter den Baum legen würde, wenn er nur recht brav wäre. Und brav war er, das war er immer. Selbst als Daddy begann, ihm wehzutun, war er immer brav gewesen, hatte sich nie beschwert. Selbst als Daddy seine Freunde mitbrachte und einer von ihnen seine Zigaretten auf seiner Haut ausgedrückt hatte.

Er war immer artig gewesen, denn er wollte ja Santa nicht verärgern.

Und Santa war immer gut zu ihm gewesen.

Bis zu jener Nacht vor nahezu 30 Jahren...

Er schüttelte unwirsch den Kopf. Dieses Jahr würde er wieder ein Weihnachten haben, wie er es liebte. Er harrte in der Kälte aus, als hätte er kein Gespür dafür. Er wartete, er rauchte und verfolgte die gestressten Menschen mit den Augen.

Diese Menschen verstanden Weihnachten nicht. Warum dieser Stress? Ging es nicht um Besinnlichkeit?

Es wurde Nacht und ein Geschäft nach dem anderen verabschiedete die letzten Kunden. Nurmehr wenige Leute waren auf der Straße, als er aus der Nische trat und sich umsah. Er betrachtete einen dieser verkleideten Santas, die als wandelnde Werbesäule Lollis an die Kinder verschenken sollten, damit die Eltern das Geschäft betraten.

Ein kleiner Junge kam mit seiner Mutter den Weg entlang, da diese noch schnell in den Laden wollte. Es war ein einfacher Supermarkt, doch die Angestellten räumten schon die Auslagen ein. Sie musste sich also beeilen, wenn sie noch hineinwollte.

»Du wartest hier, Joey. Mommy ist gleich wieder da«, bestimmte die Frau und ließ den Jungen bei dem Werbe-Santa stehen. Dieser machte das typische »Ho, ho, ho« und reichte dem Kind eine Zuckerstange.

»Na Kleiner, warst du denn auch schön artig?«

Dieser nickte und nahm schüchtern die Süßigkeit an. »Ja, war ich, Santa. Bringst du mir dafür zu Weihnachten die Biberpelzmütze, die ich mir schon so lange wünsche, um mit Daddy zum Campen gehen zu können?« Die neugierigen, braunen Augen des Jungen funkelten erwartungsvoll und aufgeregt.

Der falsche Santa lachte wieder volltönend, tappte dem Kind auf die Bommel seiner Wollmütze und nickte. »Wenn du wirklich so artig warst, wie könnte ich nicht?«

Der Junge lächelte breit und als seine Mutter wieder aus dem Laden kam, winkte er dem Weihnachtsmann zu, als sie sich entfernten.

 

»Oh, er wird enttäuscht sein, wenn er am Weihnachtsmorgen nicht seine Mütze unter dem Baum findet!«

Der Mann mit der Baseballkappe stand unweit des Santas und seine Stimme klang tief und bedauernd. Der Weihnachtsmann wandte sich zu ihm um, musterte ihn kurz und zuckte dann mit den Schultern.

»Sie sollten dem Kind keine Versprechungen machen...«

»Wenn er sich diese Mütze so wünscht, werden ihm seine Eltern bestimmt eine schenken. Was kümmert es mich?«

»Sie sind Santa. Sie sollten die Kinder nicht belügen.«

Der falsche Weihnachtsmann drehte sich nun gänzlich zu dem jungen Mann um und zog sich den falschen Bart unter das Kinn.

»Hör' mal, Kumpel. Ich mache diesen Job hier nur, um mal 8 Stunden am Tag von dem Genörgel meiner Alten wegzukommen. Ich verteile Süßigkeiten. Ich beeinflusse nicht, ob die Eltern den Kindern kaufen, was sie haben wollen. Die haben in meinem Augen eh alle schon viel zu viel. Und ich hab jetzt Feierabend, also...«

Er wandte sich wieder um und wollte seine Sachen zusammenklauben, als das Supermarktlicht erlosch und die Straße plötzlich in milchigem Dämmerlicht lag. Der Schnee fiel dicht und die Straßenlaternen gaben nur fades Licht.

»Böser Santa...«, murmelte der Mann mit der Baseballkappe, trat auf den Weihnachtsmann zu und stach ihm mit einem Messer tief in den Hals. Ein Gurgeln erklang, als er zusammensackte und der Mann mit der Kappe ihn mit Leichtigkeit in eine der schmalen Gassen zwischen den Häusern zog.

»Du hast nicht verdient, das Kostüm von Santa zu tragen«, knurrte er und begann, den Sterbenden geschickt seiner Kleidung zu berauben.

»Ich werde ein besserer Santa für eine Familie sein dieses Jahr. Du hast deine Chance vertan.«

Milde lächelnd sah er dem Mann in die Augen, als diese immer glasiger wurden und schließlich erloschen.

»Du hättest den Jungen nicht belügen sollen, das ist alles.«

Er raffte die befleckten Kleider an sich und verschwand im Schneegestöber, ohne dass ihn jemand sah oder mitbekommen hätte, was soeben vorgefallen war.

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