Behind Black Mirror': Nosedive (2)

Naomi (Nene)  

Naomi war nicht immer die berühmte, beliebte Naomi gewesen, wie sie heute alle kannten. Es hatte auch mal eine andere Zeit gegeben. Eine Zeit voller Kummer, Schmerz und Anfechtungen. Sie war in der Grundschule und auch zu Beginn der High-School, sogar öfters das Opfer von Mobbing gewesen. Niemand wusste heute noch davon. Ihre Familie gehörte zwar zur Oberschicht und materiell, fehlte es dem damals aschblonden Mädchen, an nichts. Doch dadurch, dass die Eltern beide in gehobenen Positionen arbeiteten, hatten sie sehr wenig Zeit. Oft brachten sie ihrer Tochter tolle Geschenke mit und lasen ihr jeglichen Wunsch von den Augen ab. Doch das war nur zur Beruhigung des schlechten Gewissens, weil sie so wenig Zeit für ihre Tochter hatten. Damals, auf der Grundschule vom Naomi, gab es noch nicht diesen ausgeprägten Bewertungs- Wahn, der heute mit den immer moderner werdenden Handys betrieben wurde. Erst als Naomi 11/12 Jahre alt war, begann es. Sie und ihre Familie lebten ausserhalb der städtischen Gebiete und so schwappte der neue Trend erst etwas später von den grossen Städten herüber in die Vororte.

Die sozialen Medien wurden immer ausgefeilter und je länger, je mehr, begann ein ganz neues System in die immer hochtechnisiertere Welt, Einzug zu halten. Ihre Eltern mussten erkenne, dass es immer schwieriger wurde, auf herkömmliche Art zu Reichtum zu gelangen und da sie die Nase, schon immer ziemlich hoch getragen hatten, waren sie bei ihren Mitmenschen auch nie sonderlich beliebt gewesen. So kam es, dass Naomis Mutter schliesslich ihren Job als Werbefachfrau, an eine beliebtere Nachfolgerin verlor und die erfolggewohnten Blestows auf einmal nur noch mit einem einzigen Gehalt auskommen mussten. Naomi war jedoch ziemlich verwöhnt und die Arroganz ihrer Eltern, hatte bereits auf sie abgefärbt. Schon deswegen, war sie unbeliebt und wurde in den Social Medias, nun da jeder, jeden bewertete, fertig gemacht.

Der Status ihrer Mutter, trug nicht unbedingt dazu bei, dass man das junge Mädchen schonte, im Gegenteil. Es wurde oft gespottet und hagelte täglich negative Bewertungen. Die Diskriminierung der einst reichen Blestows griff schliesslich auch auf den Rest der Familie über und es folgte eine sehr schwere Zeit, in der Nenes Vater oft betrunken nach Hause kam und immer mehr zu Gewalttätigkeiten, seiner Familie gegenüber, neigte. Auch er hatte seinen Job mittlerweile an jemanden Beliebteren verloren. Und er fand auch nur noch schwer etwas, denn nun wurde bei einer Bewerbung, stets das Social Media Profil jedes Kandidaten angeschaut und da ihre Eltern, mehr und mehr dem Abgrund zusteuerten, weil ihre Scores in den Keller fielen, wollte sie kaum mehr jemand einstellen.

Innerhalb kürzester Zeit, verloren so die Blestows beinah ihr ganzes Hab und Gut, was ihnen nur noch mehr Spott und Verachtung einbrachte. Naomi litt sehr unter den völlig ungewohnten, feindlichen und komfort- armen Umständen. Die Macht ihrer Eltern schwand immer mehr, denn diese kamen schliesslich an einem Tiefpunkt von 2.1 Beliebheits- Score an. Naomi selbst erging es nicht besser. Sie hatte keinen einzigen Freund mehr an ihrer Schule und auch als sie die Schule schliesslich wechselte, wurde sie nicht sonderlich freundlich empfangen, denn alle kannten ihre Bewertungen und mieden sie deswegen demonstrativ. Es war die Hölle für das damals pubertierende Mädchen und sie rutschte schliesslich in eine schlimme Bulimie  hinein. Jeden Tag stopfte sie sich, in ihrem Kummer, mit allerlei ungesunden Sachen voll, die sie jedoch kurz darauf, wieder keuchend auf der High- School Toilette erbrach. Die zwei schlimmsten Jahre ihres Lebens folgten, in denen sie in eine schwere Depression verfiel. Als dann ihre Eltern, weil der Vater wieder mal mit zu viel Alkohol im Blut einen schweren Unfall machten, und das junge Mädchen von einem Moment auf den andren zur Waisen wurde, zerbrach sie beinahe daran. Sie machte schliesslich  mit 13 einen Selbstmordversuch, indem sie sich ihre Pulsadern aufschnitt, doch man fand sie noch rechtzeitig und so sprang Naomi dem Tod nochmals von der Schippe.

Eines Tages, als sie mit verbundenen Handgelenken in einem der vielen Mehrbettzimmer, für unbeliebtere Leute lag, ging die Tür auf einmal auf! Ein bezauberndes Mädchen, mit dunkelbraunem, langem, glänzenden Haar und einem rosafarbenen Kleid, trat ein, dicht gefolgt von einer ebenfalls sehr eleganten, ebenfalls dunkelhaarigen Frau, mit blauen Augen und einem hellblauen Etuikleid. Das Mädchen musste etwa gleich alt, wie Naomi sein, die Frau so Mitte 30. Erstaunt blickte sie ihnen entgegen. Die Frau trat nun vor und reichte der Patientin mit einem perfekten Lächeln die Hand. «Hallo! Bist du Naomi Blestow?» «Ja… stotterte die Angesprochene verlegen und musterte die Neuankömmlinge fasziniert. Sie sahen genauso aus, wie man sich erfolgreiche, beliebte Leute heute so vorstellte. Die Frau lächelte erneut und sprach: «Mein Name ist Susan Brighton. Das hier ist meine Tochter Lisa Brighton. Wir sind ferne Verwandte von dir.» «Aber, ich kenne sie eigentlich gar nicht.» «Weil es schon zu lange her ist. Du warst damals noch klein, als du uns ab und zu besuchen kamst.» Susan wühlte in ihrer hellblauen, eleganten Hermes- Tasche und holte einige Fotos hervor. Tatsächlich war darauf Naomi als kleines Mädchen, zusammen mit Susan und Lisa zu sehen. 

«Das waren noch schöne Zeiten,» sprach Susan und blickte auf einmal etwas bekümmert. «Leider haben deine Eltern und wir uns aus den Augen verloren, als sie beiden anfingen, immer mehr zu arbeiten und an ihren Karrieren zu feilen. Die Zeit sich zu treffen, fehlte immer mehr und schliesslich, verloren wir uns gänzlich aus den Augen. Deine Mutter war eine Cousine zweiten Grades von mir. Als wir hörten, was Schreckliches passiert ist und dass du deine beiden Elternteile, auf so schreckliche Art und Weise verloren hast, beschlossen wir dich bei uns aufzunehmen.» «Wollte mich von der näheren Verwandtschaft denn niemand?» fragte Naomi traurig. «Nein, niemand hat die Möglichkeiten dich aufzunehmen. Oder es fehlt einfach an gutem Willen. Damit du nichts in ein Heim musst, wollten wir uns deiner annehmen.» 

Susan setzte sich an den Bettrand und streichelte dem einsamen Mädchen über die aschblonden, zerzausten, glanzlosen Haare. «Es tut mir sehr leid, dass du so schlimme Zeiten durchmachst. Wir werden unser Bestes geben, dir ein gutes Leben zu ermöglichen. Wir haben ein schönes, grosses Haus im silky- heron (Seidenreiher) Cove und genug Platz für ein zusätzliches Familienmitglied.» 

«Wenn du willst, darfst du gerne unsere Profile anschauen!» sprach Lisa und reichte Naomi das türkisgrüne Handy. Diese schaute rein und ihre Augen weiteten sich. Susan war eine 4.6 und Lisa…» Oh mein Gott, du bist eine 4.7! Das ist ja unglaublich!» rief sie aus. Susan lachte und sprach: «Ja, meine Tochter hat mich mittlerweile überholt. Vielleicht habe ich etwas zu viel meine wahren Gedanken ausgesprochen. Nicht alle mögen das. Doch wie auch immer! Du wirst dich bei uns sicher wohlfühlen.» «Aber es könnte eure Scores runterdrücken, wenn ihr eine 2 bei euch aufnehmt.» «Das riskieren wir jetzt einfach mal. Jemand muss sich doch um dich kümmern und in ein Heim schicken wir dich nicht.» Naomi war tief berührt und so kam es, dass sie ein neues Mitglied der Familie Brighton wurde.

 

Ihr Leben wendete sich dadurch immer mehr zu Besseren. Besonders Susan und Lisa, welche sie nun einfach Liz nannte, nahmen sich ihrer an und lehrten sie eine Menge wichtige Dinge über das Leben und darüber, wie man sich verhalten musste, um gut bewertet zu werden. Sie unterzogen Nene einer Rundumerneuerung, gingen mit ihr zum Friseur, der ihr die Haare blondierte und glatt frisierte. Schleppten sie zur Pedicure und zu Maniküre und kauften ihr lauter schöne, neue Kleider. Weiss und hellgelb, wurden zu ihren Hauptfarben im Alltag und an Festen trug sie oft ein Blau, das genau die Farbe ihrer Augen wiederspiegelte. Nach und nach, mauserte sich die nun mittlerweile 15- jährige Waise, von einem unscheinbaren Entlein, zu einem schönen Schwan. Susan und deren Mann Tom, scheuten keine Kosten, ihr eine gute Ausbildung zu ermöglichen und Naomi nahm zusätzlichen Unterricht in Psychologie, Soziologie, Medienwesen und Allgemeinbildung. Das Mädchen sog alles wie ein Schwamm in sich auf und das trug zu ihrer Image Verbesserung bei.

Ganz neue Möglichkeiten eröffneten sich dem Mädchen, denn ihre Pflegefamilie war hoch angesehen und auch dass sie Naomi bei sich aufnahmen, änderte kaum etwas daran, oder wenn, dann nur übergangsweise. Dadurch hatten sie sehr oft Vorteile anderen gegenüber. Ihre meist natürlichen Freundlichkeit, machte sie allseits beliebt. Nur ab und zu konnte vor allem Tom, gewisse Missstände in der Gesellschaft, nicht verschweigen oder er wollte seine schlechte Laune einfach nicht immer verbergen. Darum war er auf 4.3 stehen geblieben. Was ihn jedoch nicht weiter störte, denn das war noch immer eine gute Wertung. Seine Tochter Liz jedoch, stieg immer weiter in der Gesellschaft auf. Sie schaffte es mit der Zeit sogar, bis auf 4.8 zu kommen, eine gewaltige Leistung! Naomi sehnte sich danach, dieses Ziel eines Tages auch zu erreichen. Es wurde zu ihrem Lebensziel. Zu ihrer einzigen Passion und wenn sie dazu auch manchmal andere Menschen geschickt manipulieren musste. Sie schaute immer genauesten was sie sagte, wie sie wirkte, was sie in ihrem Profil postete und welche Leute sie kennen lernen musste, um ihren Beliebtheits- Score noch zu steigern. Ihre gute Bildung, half ihr dabei. 

Liz war ihr grösstes Vorbild. Diese begann sich dann jedoch mehr und mehr von ihren Eltern zu distanzierte, weil sie sich langsam schämte, dass ihr Vater einfach nicht höher als 4.3 kam. Ziemlich bald, zog sie deshalb aus und stand auf eigenen Beinen. Naomi und sie hielten jedoch den Kontakt und Liz wurde nun zu ihrer Hauptmentorin. So stieg Nenes Score mehr und mehr an, bis sie endlich, endlich auch bei 4.3 anlange! Eine beachtliche Leistung, wenn man bedachte, dass sie einst auf 2 gewesen war. Doch es genügte ihr noch immer nicht, sie wollte noch höher hinaus und arbeitete noch härter. Sie begann täglich zu trainieren, schmiss wann immer mögliche rauschende Partys, für ausgesuchte Leute und bandelte da und dort mit einflussreichen Jungs oder etwas reiferen (wenn auch niemals zu alten), Männern an. Mittlerweile war sie zu einer der begehrtesten, jungen Frauen geworden die es weit herum gab.

Sie machte einen genauen Plan, was es zu erreichen galt und was für ein Ziel sie vor Augen hatte und das las sie täglich wie ein Mantra durch, in das sie all ihre Kraft steckte. Ihr Aufstieg, ging weiter und weiter. Sie genoss nun sehr die Privilegien, die sie mit ihrem hohen Score (mittlerweile war sie auf 4.6 angekommen) bekam. Dadurch kam sie auch mit ganz neuen Leuten in Berührung. All ihrer Partner, suchte sie sich stets danach aus, ob diese ihr helfen konnten, weiter zu steigen. Tatsächlich schlief sie sich ab 18 durch so manches Bett und kümmerte sich nicht sonderlich darum, was sie dadurch an gebrochenen Herzen hinterliess. Wenn eine Beziehung auseinander ging, stellte sie es stets so geschickt an, dass immer sie als das arme, verlassene Opfer erschien und wenn sie dafür auch die eine oder andere Lüge auftischen musste. Mit Männern unter 4.5 gab sie sich erst gar nicht mehr ab. 

Auf der neuen High school, lernte sie schon früh Lacie Pound kennen. Ein Mädchen, dass eher wenig Beachtung genoss. Naomi sah in Lacie einen ungeschliffenen Diamanten, welchem man mit der richtigen Unterweisung, auch zu einem besseren Score verhelfen konnte.

Da sie selbst aus dem tiefsten Sumpf des Elends, so hoch aufgestiegen war, gab Naomi das Gefühl, dass sie nun souverän genug war, um Lacie auf den richtigen Pfad zu lenken. So wurde der lockige Rotschopf, sozusagen zu ihrem neuen Prestige Projekt. Die Bewertung von Lacie war nicht gar so niedrig, wie jener von Nene und ihrer Familie einst gewesen war. Aber doch erst 4.0. Lacie vergötterte Nene schon von Anbeginn und wollte unbedingt wie sie werden. Das kam der Blondine in verschiedensten Bereichen entgegen. Sie zeigte sich mildtätig, was ihren Status noch verbesserte, konnte Lacie gut für all ihre Zwecke einspannen und sich als ihre Mentorin hervortun. Da Lacie erst 4.0 war, bestand keine Gefahr, dass sie Naomi so schnell übertrumpfen würde. Lacie machte auch alles brav mit, das Naomi von ihr verlangte. Sie war sogar noch dankbar dafür, auch wenn das blonde Mädchen sie nicht immer sehr nett behandelte. Denn manchmal selbiger der rothaarige, etwas tollpatschige Lockenkopf, auch gehörig auf die Nerven. Als sich dann Lacies späterer Schatz Greg, tatsächlich in die mittlerweile 22- jährige Naomi verguckte und Naomi in ihm mit seinem guten Score von 4.6 ein gutes Sprungbrett für ihre eigene Statuskampagne sah, liess sie sich auf eine kurze Affäre mit ihm ein. Doch auch das vertuschte sie geschickt und niemand konnte ihr jemals nachweise, dass sie Lacie eigentlich den Mann ausgespannt hatte. Dieser verliess Lacie kurz nach der Affäre und setzte ohne sie seinen Weg zur obersten Spitze fort, ebenso wie Naomi.

Später dann traf Naomi den smarten Paul und dieser machte ihr schliesslich einen Heiratsantrag. Nun galt es jedoch noch, die richtigen Trauzeugen für diesen unglaublich wichtigen Anlass auszusuchen. Das musste gut geplant sein und nach einem Gespräch mit ihrem Image Berater, entschied sich Naomi, die gutmütige, etwas naive Lacie Pound, welche nun immerhin 4.2 war, anzurufen. Das sollte Laci's aber auch Naomis Leben, grundlegend verändern.            

 

Comments

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    Wow. Ich finde deine Hintergrundgeschichte zu den Charakteren bisher schon sehr interessant! Du hast Nenes Hintergrundgeschichte wirklich sehr kreativ mit Lacies verbunden. Wird es mehr davon geben? Vielleicht noch Lacies Bruder?

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    Ich bin ungerne kleinkariert, aber eine Korrektur würde ich gerne anbringen: Die Magersucht, die du beschrieben hast, ist eigentlich Bulimie. Bulimiker essen sehr viel und erbrechen das Gegessene wieder, bevor sie es verdauen können, um nicht zuzunehmen. Magersüchtige essen kaum bis gar nichts, um die Kalorienzufuhr so gering wie möglich zu halten. Sie erbrechen eher weniger und wenn sie es tun, dann bingen sie vorher nicht, wie Bulimiker. (Ich bin bei dem Thema leider etwas sensibler. ^^')

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    Irgendwie gruselig - diese ganzen Scors...

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