Besuch im Traumland

Kühle Luft schlug Shanora entgegen. Die Bibliothek öffnete sich für die junge Prinzessin an einer Stelle, die entfernt vom Gelächter ihrer Geschwistern lag. Regale aus Rosenquarz und Bergkristall, Aquamarin und Moosachat säumten den Weg, den sie beschritt. Der Stimme folgend, die sie noch immer lockte mit ihrem Gesang. So vertraut, so fremd. Shanora wusste nicht genau wieso, doch sie konnte nicht widerstehen.
Sacht fuhren ihre Finger über die Bücherrücken.
"Komm zu mir ... kleine Shanora ... Prinzessin von Elensar, komm zu mir"
Die türkisen Augen stoppten bei einem Einband mit silbernen Beschlägen. Flink zog sie ihn heraus und musterte den Titel.
"Ich kann nicht zaubern", flüsterte sie enttäuscht. Ein Band zum Thema der Weltenreise und Dimensionsportalen. Nichts, was sie je beherrschen könnte.
Seufzend ließ sie sich auf dem Boden nieder und betrachtete das Bild des Bandes. Ein Kreis besetzt mit den Strahlen der Sonne und darin zu sehen kleine Figuren, Bäume, Flüsse, Berge, Tiere. Eine andere Welt.
"Öffne es ... Komm zu mir ... "
Die Stimme flüsterte und ihr stellten sich die Haare auf den bloßen Unterarmen auf. Mit einer Bewegung hob sie den Buchdeckel an. Ein Wind erhob sich und fuhr in die Seiten, die flatternd vor und zurück blätternd, bis sie an einer Stelle zum Erliegen kamen.
Ein einziges Wort stand auf der Seite und Shanora las es unwillkürlich laut vor: "Somnentrata."
Kaum war der letzte Laut über ihre Lippen geglitten, erglühten die Lettern und sie verspürte ein Ziehen im ganzen Körper. Zu ihrem Entsetzen sah sie, wie ihre Hände sich auflösten und ins Buch gesogen wurden.
Sie öffnete den Mund zu einem Aufschrei, doch es war bereits zu spät. Ihr ganzer Körper wurde in das Buch gezogen und grelle Lichter umgaben sie.
"Au!", schrie sie auf, als sie unsanft auf dem Rücken landete. Über ihr erstreckte sich ein Himmel voller Sterne in dunkelblau und violett. Unter sich konnte sie weiches Gras fühlen. Sich den Kopf reibend, setzte sich Shanora auf und blickte sich um. Es gab hier nichts und Boden wie Himmel schienen sich in unendliche Weiten zu erstrecken, denn sie sah rings um sich nur ebenes Gras. Die Bücher, die eben noch bei ihr waren, waren verschwunden.
"Was machst du hier, Kleines?", erklang die Frage einer wohlbekannten Stimme hinter ihr und ließ ihr Herz einen Takt aussetzen.
Ein Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus und sie wirbelte herum, doch ihr Lächeln erstarb, als sie erkannte, wer da stand.
Lang vermisste grüne Augen blickten ihr entgegen, doch das Gesicht, das dazu gehörte, ließ Shanora erschaudern. Dort wo einst Fleisch und Muskel war, blickte der blanke Knochen durch und Hautfetzen hingen von der entstellten Hälfte des Gesichtes. Auch der Körper war zur Hälfte entstellt. Ein Arm aus Knochen lugte unter dem zerfetzten Ärmel eines blauen Kleides hervor, das sich an den schlanken Leib schmiegte. Der Saum war versengt und auch ein Bein war beschädigt, soweit sie erkennen konnte. Verbranntes Fleisch und heller Knochen. Doch die Augen wirkten lebendig und so auch die langen grünen Haare, gebändigt allein durch ein blaues Haarband, die um sie herumwehten und bei jedem Schritt wie Wellen des Meeres folgten, obwohl kein Wind ging.
"Mari?", Shanora wunderte sich, dass sie überhaupt fähig war, diese Frage auszusprechen, denn ihre Zunge fühlte sich bleischwer an.
Ein groteskes, doch irgendwo warmes Lächeln kam zur Antwort: "Ja, Kleines, ich bin es. Oder zumindest, was von mir über ist."
"Du... Du bist tot, richtig? Das heißt, ich bin jetzt auch tot? Ist das das Totenreich oder wo bin ich hier?"
"Nicht ganz", schmunzelnd trat Mari auf Shanora zu, streckte die gesunde Hand aus und streichelte dieser über die Wange, "Ich bin gefangen in einem Zustand zwischen Leben und Tod. An einer Grenze, wenn man so will. Dies hier ist die Traumwelt, Shanora. Hier sind deine Träume und hier sind die Seelen aller, die noch nicht hinüber gegangen sind."
"Hinüber ins Totenreich", Shanora nickte langsam, "Traumland. Ich träume also gerade? Aber meine Träume sehen doch immer anders aus. Ganz anders als alles hier! So stell ich mir eher die Hölle vor."
"Glaub mir, wenn ich dir sage, dass ich froh wäre, wenn es die Hölle wäre. Da wäre wenigstens was los", sie strich sich das lange Haar mit der knochigen, von Sehnen zusammengehaltenen, Hand zurück, "Hat dir Ladira noch nicht die Unterschiede erklärt zwischen dem Totenreich, dem Hades, dem Elysium, Odins Walhalla, den Unterlanden und der Hölle? Ich gebe zu, es ist auch sehr verwirrend, da man zum Totenreich auch Hölle oder Unterwelt sagt."
Die Antwort auf ihre Frage stand deutlich sichtbar in den verwirrten Augen Shanoras. Auch ihr Mund verzog sich zu einem schiefen Lächeln, dessen Bedeutung irgendwo zwischen Scham aus Unwissenheit, Verwirrung und Überforderung von all dem Wissen stand.
"Oh, Kleines, es tut mir leid.", Mari fasste Shanoras Gesicht an den Wangen, "Ich wollte dir keinen Schrecken einjagen zu all dem Wissen, aber du solltest das irgendwann wissen, bevor du Königin wirst."
"Ich will doch gar nicht Königin sein", nuschelte Shanora, "Warum kann Finn nicht einfach König werden? Er würde sich so freuen und ich könnte in die Welt da draußen reisen. Ich möchte das alles doch gar nicht."
"Gern würde ich dir dieses Schicksal ersparen, aber deine Zukunft wurde dir in die Wiege gelegt und es ist kein Zufall, dass du überlebt hast als das Schiff unterging mit deiner Familie. Niemand außer dir hat überlebt.", sie blickte eindringlich in die türkisenen Augen, "Verzeih. Niemand außer dir und deinem Bruder. Er kann nicht König werden. Der weiße Thron würde niemals einen männlichen Erben akzeptieren. Aber genug davon. Erzähl mir. Wieso bist du hierhergekommen?"
"Mich hat eine Stimme gerufen als ich gelesen habe. Ich habe über verfluchte Kinder gelesen.", Shanora hielt still, die Finger, die sie an ihrer Haut spürte, waren kühl und sie merkte, dass Mari, obwohl sie so nah war, dennoch so weit entfernt war, "Lunachildren. Sagt dir das was?"
Die grünen Augen Maris schlossen sich nachdenklich und sie blickte sie warm an, "Ja. Ich fürchte du stehst gerade mit einem dieser Lunachildren hier. Welche Stimme hat dich gerufen?"
"Ich weiß es nicht. Als du jetzt hier aufgetaucht bist, dachte ich, du hast mich gerufen!", Shanora hob die Hand, um auf sie zu deuten, doch Mari schüttelte leicht den Kopf: "Nein, das habe ich nicht. Ich fürchte, du musst schnell wieder zurück. Zurück nach Elensar."
"Wieso? Ich hab noch so viele Fragen", weiter kam sie nicht. Ein schnalzendes Gerräusch zerriss die unheimliche Stille an diesem Ort.
Mari wirbelte herum. Sie waren umzingelt von schattenhaften Wesen. Grau, ohne wirklichen Leib mit glühenden Augen und Fingern geformt wie Klauen.
"Du musst gehen", flüsterte sie und stockte als eine Gestalt zwischen den Wesen hervortrat.
"Ich glaube nicht, dass sie irgendwohin gehen wird, hübsche Waldfee. Dafür war es doch ein wenig viel Aufwand, sie hierher zu locken", sprach die Gestalt mit zischendem Tonfall, "Ich will mich nicht selbst rühmen, aber ich habe deine Stimme perfekt nachgeahmt, damit die Prinzessin in die Falle tappt. Ihre Sehnsucht dich wiederzusehen. So tragisch. Nachdem sie Mami und Papi verlor und ihre Geschwister. Oh warte, die kannte sie ja nicht. War also kein großer Verlust. Aber du, Mari, du warst ein Verlust für sie! Der Ruhepunkt, der Fels in der Brandung im Wald der tausend Gefahren und ausgerechnet du verschwandest."
Theatralisch warf die Gestalt, die nach und nach die Figur einer gänzlich in schwarz gekleideten Frau annahm, ihr kurzes, am Kopf klebendes, Haar in den Nacken und klatschte, sich selbst applaudierend, in die Hände. "Bin ich nicht ein Genie? Ein Genie, ja, das bin ich, ja. Nun, meine Kleinen", die Frau ließ den Blick über die Schattenmonster wandern, die den Kreis immer enger zogen, "Holt euch die Prinzessin! Der Dunkle wird sicher erfreut sein, wenn wir ihm ihren Kopf präsentieren!"
"Nur über meine Leiche!", fauchte Mari, "Ach verflucht! Das geht ja nicht mehr. Dann eben über mein vollkommenes Verschwinden. Du legst dich mit der Falschen an!"
Die Grünhaarige hob die Arme nach oben und das Gras rings um sie selbst und Shanora schoss meterhoch in die Höhe. Sie drehte sich zu Shanora um, deren Gesicht so blass geworden war, dass Sommersprossen und die feinen Narben sich allzu deutlich abhoben: "Du musst hier fort."
"Aber ... aber wie?", stammelte Shanora, als sie ihrer Stimme wieder traute, "Ich weiß nicht, wie!"
"Du bist im Land der Träume. Stell dir eine Tür vor, ein Portal, einen Torbogen. Ganz egal. Stell dir sowas vor und stell dir vor, dass wenn du hindurch gehst, du nach Hause kommst und dann geh durch. Du schaffst das!", Maris Finger tanzten durch die Luft, woben grün leuchtende Fäden. Ranken wuchsen hinauf und schlangen sich spiralförmig um den Platz, bildeten einen Kokon um sie.
"Was passiert mit dir?", flüsterte das Mädchen und kaute nervös auf ihrer Unterlippe.
"Ich komme schon klar. Sie vermag vieles, aber mich wird sie nicht töten können", lächelte Mari beruhigend und ließ mit einem Fingerschnippen eine Blume in Shanoras dunklem Haar erblühen, "Nun beeil dich und grüß meine Schwestern. Sie sollen sich keine Sorgen machen. Es steht geschrieben. Alles steht geschrieben. Denk an das, was ich dir erzählt habe."
"DEIN BANN WIRD NICHT LANGE HALTEN, WALDFEE!", donnerte die Stimme der fremden Frau schrill durch die Wand aus dichtem Gras, "DU KANNST SIE NICHT EWIG BESCHÜTZEN! DU BIST NUR EIN GEIST, EINE FANTASIE IN DIESER DIMENSION!"
Shanora zuckte zusammen und schloss die Augen, dachte angestrengt an eine Tür. Die Tür zu ihrem Zimmer. Nein, zu Finns Zimmer. Dort fühlte sie sich sicher. Dort, wo ihr Bruder sie vor allen Alpträumen beschützte.
"Gut so. Mach weiter!", forderte Mari sie auf, als sich flackernd eine Tür projezierte, "Geh. Wir sehen uns wieder."
Shanora riss die Augen auf. Starrte auf die Tür und fasste nach der Klinke. Sie warf einen Blick auf Mari, bevor sie die Klinke hinunterdrückte und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch das Portal, das sie erschaffen hatte, erfüllte bereits seinen Zweck und zog sie hinein.

"Shani?!", Finn schreckte von seinem Bett hoch, auf dem er gelangweilt Schach gegen sich selbst gespielt hatte, als seine Schwester mit einem Plumpsen auf dem Boden daneben landete.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb sie sich ihr Hinterteil und hob den Kopf. Kaum trafen sich ihre Augen, schossen Tränen in ihre.
"Oh Finn... ", hauchte sie und Tränen liefen wie Sturzbäche über ihre Wangen.
Der blonde Junge schreckte zurück. Er hatte seine Schwester noch nie so spontan weinen sehen und es lag sicher nicht am Schmerz. Er kannte niemanden, der sooft aufgeschlagene Knie hatte wie sie und trotzdem keine Träne verdrückte. Da sollte ein Fall auf den Hintern aus dem Nirgendwo kein Problem darstellen. Prompt sprang er aus dem Bett und zog sie in seine Arme. "Was ist passiert, Shani? Du warst nicht beim Essen und alle dachten, du hättest dich wieder vor dem Unterricht gedrückt", flüsterte er und drückte sie liebevoll an sich.
Sie schlang die Arme um seinen Hals, barg das Gesicht schluchzend an seiner Schulter: "Ich hatte solche Angst, Finn! Ich ... Ich hab M-mari wiedergesehen. Sie ist noch irgendwo da draußen. Ich hab einen Zauberspruch probiert und sie gesehen. Aber da war noch jemand. Eine gruselige Frau mit bösen Augen. Sie wollte meinen Kopf."
"Shhh...", er streichelte sanft über die dunklen Haare und stutzte, als er eine orangfarbene Rose aus diesem hervorzog, "Hoffnung..."
Shanora hob schniefend den Kopf: "Was?"
"Die orange Rose hier. Die steht für Hoffnung und Warten.", er suchte ihren Blick, "Du hast Mari wirklich getroffen oder?"
Sie nickte und schluckte einen Kloß hinunter: "Ja. Sie sagte, wir sehen uns wieder." Finn drehte die Blume zwischen den Fingern und drückte Shanora weiter mit der anderen Hand tröstend an sich. "Dann komm. Schnäuz dich, bevor du den Rotz in meinen Pulli wischt. Ich pass auf, dass dir nichts passiert, versprochen! Hier im Landhaus kann dir nichts geschehen und kein Wort zu Ladira, dass du gezaubert hast. Seit wann kannst du überhaupt zaubern?", seine Augen musterten suchend ihr Gesicht und er zog ein zerwuzeltes Taschentuch aus der Hosentasche, das er ihr reichte.
Sie schnäuze sich lautstark hinein und nuschelte dazwischen: "Weiß ich nicht. Ich hab nur gewünscht, dass ich hier lande und es ist passiert."
"Hmm ... Vielleicht gelingt es dir, wenn du dich wirklich konzentrierst oder wenn du einen Zauberstab hast wie Vanessa anfangs. Sie hat sich ja auch ein bisschen schwer getan ihre Kräfte kanalisieren."
"Ich glaub, ich bin nicht zum Zaubern geboren, Finn. Ich schaffe es ja nicht mal eine menschliche Gestalt anzunehmen", sie ließ die Schultern hängen, "Wie soll ich da je richtig zaubern?"
"Ach stell dich nicht an, Schwesterlein! Wir sind dazu geboren. Sonst hätte uns Ladira längst woandershin gebracht und nicht darauf bestanden uns selbst auszubilden. Sie merkte doch sofort, wenn Magie in jemandem steckt. Du und ich stammen von der weißen Königin ab. Wenn wir nicht dafür gemacht wurden, wer denn sonst?", lachte er auf und stupste sie auf die Nase, "Beruhig dich aber erst Mal. Ein bisschen mehr Farbe noch und weniger Tränen und ich kann mit dir runtergehen, um nachzusehen, ob noch Essen da ist. Wir sagen einfach, du hättest dich im Garten versteckt."
"Bist der Beste", lächelte Shanora matt zurück, als er ihr aufmunternd zuzwinkerte und umarmte ihn erneut, um ihn nicht gleich wieder Tränen sehen zu lassen.
Sie würden sie wiedersehen, ja. Aber wann? Wann denn? Und wie?

Comments

  • Author Portrait

    Ein klein wenig unheimlich, da möchte man Shan sofort an der Hand nehmen, aber gut, Finn ist danach eh da :)

  • Author Portrait

    Geil geil geil :) will das nächste Kapitel am besten sofort :) will wissen wie es weiter geht :)

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