"Bilder tauchten auf." (A&M)

Thomas‘ Sicht:

Passte dieser Anzug? Oder war er zu formell? Keine Ahnung. Er war schwarz, ich wählte eine dunkle Krawatte dazu. „Thomas?“ „Grace“, erwiderte ich. Sie stand an dem Türrahmen. Sie trug ein dunkelblaues Kleid, in dem sie wunderhübsch aussah. Fast zu hübsch für eine Beerdigung. „Ich wusste nicht, was ich anziehen sollte. Das Kleid hat mir Ava geborgt.“ Grace sah mich unsicher an als würde es nicht passen. Sie kam zu mir und ich legte meine Hände auf ihre Taille und zog sie näher. Sie fuhr mit einer Hand durch meine Haare und mit die andere legte sie um meinen Hals. Auf ihrer Wange glitzerten Tränen. „Warum hast du geweint?“, flüsterte ich. „Ich habe nicht geweint.“ Ich sah sie schief an. „Du kannst mir alles sagen!“ „Ich weiß.“ Ich suchte in ihrem Gesicht nach Anzeichen. Sie bemerkte meinen Blick und lächelte. Ich beugte mich vor und küsste sie. Sie erwiderte den Kuss.

Ich konnte gar nicht sagen, wie sehr ich sie liebte. Ich spürte den Stoff ihres Kleides und ihre weichen Hände auf meinem Hals. Plötzlich tropfte eine Träne auf meinem Gesicht. Grace weinte. Ich hörte auf und sie legte ihren Kopf an meine Schulter. Still und heimlich rannen ihr die Tränen herunter.

„Thomas?“, flüsterte Grace so leise, dass ich es anfangs nicht hörte. „Ja?“ „Hast du schon mal jemanden sterben gesehen?“ Ich schüttelte leicht den Kopf. Erst jetzt fiel mir ein, dass Grace wahrscheinlich zugesehen hat, als Jeremy starb. Deswegen hatte sie geweint. Sie stand unter Schock. Ich drückte sie noch näher. Ihr Haar roch nach Vanille, der Geruch stieg mir direkt in die Nase.

Wir schwiegen und standen einfach da. Nach einiger Zeit fiel mir auf, dass wir los mussten. „Grace? Es ist schon spät. Wir müssen fahren.“ Sie wischte sich über die Wange und ging hinaus. Ich folgte ihr.



„Thomas? Was war passiert nachdem Frederico Jeremy… getötet hat?“ Ich antwortete nicht. Ich sah aus dem Fenster meines Honda Accords. Häuser strichen an uns vorbei, Kinder spielten auf den Wegen und Personen gingen mit Hunden spazieren. „Ich weiß es nicht“, sagte ich. „Ich hab jemanden um Hilfe schreien gehört und bin hingerannt“, ich brach ab. Grace sah mich gespannt an, doch ich wich ihrem Blick aus. „Er hatte gesagt, dass du ins Krankenhaus musst. Dann bin ich ins Haus gerannt um dich zu holen. Du lagst auf der Couch, deine Sachen waren… blutdurchtränkt. Dann sind wir ins Krankenhaus gefahren.“ Grace sah ebenfalls aus dem Fenster und schwieg, die Stille schien mich zu erdrücken.

Als wir endlich bei der Kirche angekommen waren, stiegen wir ohne ein Wort aus. Ich hatte das Gefühl, als müsste ich etwas sagen. Nebeneinander gingen wir auf den Eingang zu. Ihre Hand und meine Hand berührten sich kurz. Ich nahm sie und drückte sie. Grace‘ Finger verhakten sich in meine.

Vor der kleinen Kirche stand Jeremy’s Mutter. Und sein Bruder. Grace verlangsamte das Tempo, ich passte mich ihr an. „Tom. Jetzt ist es zu spät um es sich anders zu überlegen, oder?“ „Ja, jetzt ist ein bisschen zu spät. Wir können trotzdem gehen.“ Ich sah sie erwartungsvoll an. „Also wenn du willst!“, fügte ich hinzu. Doch sie schüttelte entschlossen den Kopf. „Nein, das können wir der Mutter nicht antun.“

Die Mutter drehte sich um und lächelte als sie uns sah. „Danke, dass ihr gekommen seid! Ich weiß das schwer zu schätzen!“ Sie trug ein schwarzes knielanges Kleid und eine dunkle Sonnenbrille. Ihr Haar war zu einem strengen Zopf gebunden, in der Sonne sah es aschblond aus. Sie wirkte älter, als wäre sie in den letzten paar Tagen zehn Jahre gealtert. Jeremy’s Bruder hingegen starrte Grace an. Er hatte wie ich einen Anzug an, seine Haare wurden mit einem Gel zurückgehalten. Grace bemerkte es auch, sagte jedoch nichts. Ich legte meine Hand um ihre Taille um zu zeigen, dass ich sie beschützen würde. Er verstand meine Geste und blickte auf den Boden. „Kennen Sie Ben?“, fragte Mrs. Stepperson und deutete auf Jeremy’s Bruder. Grace sah mich unsicher an, doch ich schüttelte den Kopf. Er streckte mir die Hand hin. Ich nahm sie und sagte: „Ich bin Thomas.“ Ben erwiderte nichts, nickte einfach. Grace sagte nichts, sie hatte anscheinend der Mut verlassen. „Das ist Grace.“ Er nickte wieder und ging dann in die Kirche.

„Tut mir leid. Der Tod seines Bruders macht ihm zu schaffen“, sagte Mrs. Stepperson. Grace starrte ins Nichts. „Wollen wir?“, fragte ich und deutete auf die Kirche. Jeremy’s Mutter nickte, doch Grace hielt mich zurück. „Warte kurz. Bitte.“ Ich blickte sie verwirrt an. „Okay. Lass dir Zeit!“

Sie strich sich durch das Haar. „Ich… Ich kann da nicht rein.“ „Warum nicht?“, fragte ich. „Ich weiß, dass es kindisch ist, aber ich habe… Angst… vor…“, sie brach ab und ich bemerkte, dass sie zitterte. „…Ben?“, beendete ich ihren Satz. „Nein. Vor Jeremy.“ Ich runzelte die Stirn. „Vor ihm?“ Grace nickte. „Davor ihn wiederzusehen.“ Wir schwiegen. Mir war nicht in den Sinn gekommen, dass sie davor Angst hatte. Aber es schien logisch. Immerhin wollte er sie umbringen. „Tut mir leid, das klingt kindisch“, flüsterte sie und wirkte nicht mehr so entschlossen, da hinein zu gehen. „Nein, überhaupt nicht. Willst du nach Hause fahren?“ Grace reagierte nicht. „Geh du schon mal vor, ich komm gleich nach.“ „Okay, aber hau nicht ab!“ Ein kurzes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, doch es verschwand so schnell und heimlich, wie es gekommen war.

Die Kirche war klein, aber schön. Der Altar war geschmückt und dort stand Jeremy’s Sarg. Seine Mutter und sein Bruder saßen davor, langsam ging ich nach vorne.

Jeremy lag bleich und still in seinem gepolsterten Sarg. Er trug einen grauen Anzug, sein Gesicht sah aus, als würde er schlafen. Im Stillen verabschiedete ich mich von ihm. „Jeremy. Du warst kein guter Mensch. Aber ich hoffe, egal wo du jetzt bist, dass du dort sicher und glücklich bist.“ Als ich aufsah, stand Grace neben mir.

Sie sagte nichts, sondern griff einfach nach meiner Hand. Eine Träne kullerte ihr herunter und sie zitterte. Bevor sie zusammenbrach, zog ich sie zur Bank und wir setzten uns. „Danke Thomas.“ Unsere Blicke begegneten sich. Ich sah sie eine Zeit lang an und sagte dann: „Grace, ich werde dir immer beistehen. Egal was passiert.“ Sie lächelte und rückte an mich heran wie neulich im Park. „Wir haben schon so viele Dinge erlebt, die meisten davon waren schlimme Sachen, die wir nie wieder vergessen werden. Der Tod Jeremy’s ist einer davon, aber wir werden weiterleben.“ Zögernd und leise fügte ich hinzu: „Und nach seinem Tod wird er oder Jeremy’s Bande uns nicht mehr belästigen. Ich klinge grausam, aber irgendwie erleichtert mich auch ein bisschen sein Tod. Weil ich weiß, dass du jetzt sicher bist!“ Sie blickte stumm geradeaus. „Mich auch. Trotzdem ist es schrecklich.“ Ich nickte. Plötzlich stand sie auf. „Ich komm gleich wieder. Ich muss… kurz an die frische Luft!“ „Alles okay?“ Sie antwortete mir nicht, sondern rannte hinaus.



Grace‘ Sicht:



Ich hielt das nicht mehr aus. Ich rannte aus der Kirche und setzte mich auf eine grüne, schmutzige Bank. Ein starker, schwüler Wind blies mein offenes Haar nach hinten. Die Tränen schossen aus meinen Augen. Ich will sie nicht zurückhalten, nicht mehr, gestand ich mir leise. Mit einem schweren Seufzer vergrub ich meinen Kopf in meinen Händen, die Ellbogen auf den Knien gestützt, starrte auf den asphaltierten, schwarzen Boden. Stellte mir vor, wie es wäre, sich einfach auf ihn zu setzten- die Wärme spüren, die sich mit jedem hitzigen Sommertag vermehrte. SO wollte ich es.

Eine Hand lag auf meiner Schulter. Ich schrak zurück, das Kleid von Ava rutschte weiter nach oben, ich versuchte es so schnell wie möglich wieder nach unten zu ziehen. Mein Gesicht wurde von einer auf die andere Sekunde heiß. „Hi“ Ich sah hoch und merkte, dass es Ben war. Ich schluckte. Was macht er hier?- schoss es mir durch den Kopf. „Grace… ich wollte mich entschuldigen.“ Ich blinzelte. „Ich weiß, dass war grausam von mir. Ich weiß… aber… mein Bruder bedeutet… hat mir immer SEHR viel bedeutet und ich hab immer alles für ihn getan. Er WOLLTE es.“ Verdutzt über seine Beichte starrte ich ihn an, merkte zu spät, wie unhöflich das war, konnte meinen Blick aber nicht von ihm abwenden. Ich begann zögerlich: „Ich… ich kann das… nachvollziehen aber…“ Ich erhaschte ihn, wie er in meinen Ausschnitt sah. Ich räusperte mich. „Ich versteh‘ das ja aber… es war MEHR als nur falsch! Du hast mich als… als… als…Prostituierte dargestellt! In einer Bar! Vor anderen Menschen!“ Ich beruhigte mich langsam wieder. Mein plötzlicher Ausbruch überraschte Ben aber er setzte kurz darauf wieder ein Pokerface auf. Wie trügerisch. „Ich kann das nicht wieder gut machen, oder?“ Ich schüttelte langsam den Kopf, konzentriert auf meine Atmung. Ich würde gleich wieder umfallen. Wo ist Thomas?! „Okay. Ich… wie gesagt. Sorry. Ich wünschte ich könnte es gut machen. Wirklich.“ „Wie alt bist du eigentlich?“, mir war die Frage einfach so herausgerutscht. Am liebsten hätte ich sie wieder zurück genommen. Ben lächelte. Der Himmel wurde dunkler. Gewitter. „Ich bin nicht sehr viel älter als du.“ Er zwinkerte mir zu und verließ den Platz auf der Bank, ging wieder hinein. Kurz darauf kam Thomas. Ich war so erleichtert, dass ich beinahe das Klingeln meines Handys überhörte. Eine Nachricht. Frederico. Ich erstarrte.



(F) „Grace. Ich bin bei der Polizei. Ich muss eine Aussage machen. Sie baten mich, dir das zu sagen. Sie bräuchten dich auch da. Hoffe du kannst antworten.



Frederico war bei der Polizei. Plötzlich überfiel mich Panik. Was ist, wenn er doch verhaftet wird. Er hat ja jemanden umgebracht! „Grace! Was ist?!“ Thomas rannte zu mir und nahm mein Handy. „Verdammt. Wir MÜSSEN dort hin! Warte… ich… ich sag’s Mrs. Stepperson. Ich komm‘ gleich!“ Ein zweites Mal rannte er in die Kirche. Als er drinnen war nahm ich mein Handy. Ich versuchte zu schreiben aber meine Hände zitterten. Mit Mühe schrieb ich:

(G) „Wir sind gleich da.“

(F) „Okay. Der Polizeibeamte sagt, er wird warten.“

(G) „Okay.“



Thomas kam mit Mrs. Stepperson. Sie wirkte traurig. Ich bedauerte es aber ich MUSSTE dort hin. „Grace. Thomas. Ich danke euch so sehr, dass ihr trotz allem gekommen seid! Es war wirklich, wirklich gütig von euch. Ich hab etwas gut bei euch. Wirklich.“ Thomas nickte fast unmerklich, ich stieß ihn in die Seite und lächelte. „Nein, haben Sie nicht. Es war meine…“ Ich sah zu Thomas. Er zog eine Augenbraue hoch. „…UNSERER freie Entscheidung. Wir wollten kommen. Ich spreche nochmals mein Beileid aus. Es tut mir wirklich leid.“ Mrs. Stepperson nahm meine Hand und drückte sie. „Grace. Du… du warst so mutig. Ich wünsche dir noch alles, alles Liebe. Und dir, Thomas…“ Sie wandte ihren Blick zu Tom. „… Pass auf sie auf.“ Thomas nickte eifrig, ergriff meine Hand und zog mich weg. „Das sehe ich als selbstverständlich!“, rief er ihr während dem Gehen zu.



„Wie war Ihre Beziehung zu… ehm… Mr. Stepperson.“ Der Polizeibeamte sah mich eindringlich an. „Jeremy und ich waren NIE befreundet.“ Kurz und knapp. Keine unnötige Information. Frederico saß draußen mit Thomas. Er hatte die Befragung schon hinter sich. Ich hätte mir gewünscht, dass Tom da war. Er durfte aber nicht. „Gab es davor schon Probleme mit … Jeremy?“ Ich nickte. „Ja… er ist…“ Ich hielt inne. „Er war sehr auf Gewalt aus.“ Der Beamte, er war ein etwas rundlicher Mann, vielleicht Mitte 40, schrieb alles mit. „Wie war ihre Beziehung in Bezug zu… Frederico Stolezz?“ „Wir waren zusammen. Wir haben uns vor einigen Wochen getrennt.“ Keine unnötige Information. Der Typ nickte. Meine Hände waren verschwitzt und das Zimmer war so stickig, dass es mir schwer fiel zu atmen. Ich hatte über Avas Kleid eine Weste von Tom, die meine Schultern bedeckte. Er gab sie mir, als ich im Auto, die Fahrt hierher, anfing zu zittern. Schock. „Wo sind Ihre Eltern?“ Ich sah ihm in die Augen. „Sie sind in Europa.“ „Haben Sie jemanden hier?“ „Meine Tante.“ Der Typ schrieb es in einen kleinen Block. Seine Brille rutschte auf seine Nase. Er schob sie wieder hoch. „Also… es ist so. Von Mr. Stolezz habe ich erfahren, dass Jeremy es schon länger auf Sie absah.“ Ich seufzte leise. Wieso musste es so enden? „Mr. Stolezz meinte, es wäre Notwehr. Also die Ermordung Mr. Stepperson’s. Pflichten Sie dem bei?“ Ich nickte. Natürlich. Es war Notwehr. „Wissen Sie… Mr. Stolezz war schon einige Male hier. Diebstahl, Gewalttätigkeit, Deal. All dies und… ich habe ihm nicht geglaubt, als er die Aussage machte. Jetzt, ich hoffe, kann ich mir seiner Unschuld bewusst sein. Ist es nicht so?“ Ich nickte nur. „Ich würde Ihnen einen Therapeuten empfehlen. Sie haben zugesehen, wie ein Mensch umgebracht wurde. Wenn nicht jetzt schon Schockzustände und Ähnliches eingesetzt haben, wird es noch einsetzten. Darauf können Sie wetten.“ Ich ließ die Bedeutung der Wörter auf mich einwirken. Sie haben zugesehen, wie ein Mensch umgebracht wurde. Mir wurde es erst jetzt klar. Bilder tauchten auf. Blut. Blut. Überall Blut.

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