In einer kleinen Stadt, fast schon am Rande der Welt, im hintersten Winkel einer Gasse, befand sich der Eingang zum Laden „Gewürzte Mischung – Für jede Verwünschung der richtige Tee“. Er war nicht leicht zu finden, nur die wirklich verzweifelten unter ihnen, konnten ihn ausfindig machen.

Der Nachteil bei dieser ganzen Sache war jedoch, dass der Laden nicht sonderlich gut besucht war. Aus diesem Grund langweilte sich Loreen, die Besitzerin, wie so oft in letzter Zeit fast zu Tode. Mit dem Kopf auf die Hand gestützt, saß sie missgelaunt am Tresen und starrte Löcher in die Luft.

Es gab einfach nicht mehr genug Menschen auf dieser Welt, die Wert auf die richtige Sorte Tee für alle möglichen Gräueltaten legten. Was war nur aus der Menschheit geworden? Wo waren all die hinterlistigen Halunken, betrogenen Ehefrauen und düsteren Halsabschneider geblieben, die ihr früher die Tür eingerannt hatten? Sogar die liebestrunkenen Bastarde, die von „Liebe in Flaschen - bitte nur portionsweise verabreichen“ nicht genug hatten bekommen können, blieben seit langer Zeit fern.  

Sie hatte alles hier, was man sich nur wünschen konnte. Schwarzer Tee für den sicheren, giftbringenden Tod; Kräutertees, die ihre Opfer verschwinden ließen oder grüner Tee, der ein Leben nach dem Tod garantierten wollte.

Es musste etwas Neues her, da war sich Loreen sicher. Eine Mischung, der kein Sterblicher (oder auch Untoter) widerstehen konnte.

„Vielleicht sollte ich mal wieder eine neuen Teemischung ausprobieren.“, wandte sich Loreen an ihren Schutzgeist, der auf seiner Stange eingenickt war.

Baltasar schreckte hoch und sträubte dabei sein Gefieder. „Was? Wie meinst du?“

„Eine neue Teemischung.“

„Bist du dir sicher? Der letzte Versuch war… naja, du weißt schon.“ Den Raben schüttelte es bei der Vorstellung an das vorangegangene Erlebnis.

Ohne auf seine Einwände einzugehen, holte Loreen ein Buch aus dem Regal und blätterte darin herum. „Wir brauchen irgendwas, was dem Laden neuen Schwung verleiht.“

„Gott, wie ich es hasse, wenn sie das sagt!“

Kurz darauf zeigte Loreen mit dem Finger auf eine Seite: „`Bittersüße Todesmischung`, das hört sich doch vielversprechend an. Und die Zutaten müsste ich auch alle da haben.“ Mit dem Buch bewaffnet, ging sie zu den Regalen, zog alle möglichen Schubladen auf und entnahm die benötigten Sachen. Apfelstücke, Hagebutten- und Orangenschalen, Pfefferminze, Zimt und Malvenblüten.

Im hinteren Labor legte sie alles auf den Tisch und entfachte das Feuer.

Einerseits kam es auf die richtige Mischung an, doch vor allem auch auf den richtigen Zauber. Loreen war erst 127 Jahre alt und galt daher noch als Junghexe. Dies hatte sie jedoch nicht davon abgehalten, damals den Teeladen ihrer Tante zu übernehmen.  Auch wenn ihre Familie immer dagegen gewesen war.

Während das Wasser erhitzte, maß sie die richtige Menge Pfefferminze ab und zerkleinerte die Schalen und Apfelstücke mit dem Mörser. Vorsichtig zerrieb sie die Malvenblüten zwischen den Fingerkuppen und gab eine Prise Zimt dazu. Als alles bereit war, goss sie das heiße Wasser über die Teemischung, rührte kräftig um und sprach dabei die entsprechende Formel. Dann ließ sie alles ein paar Minuten in der Kanne ziehen.

„So Baltasar, der Moment der Wahrheit ist gekommen.“ Loreen lächelte. Sie ließ sich in ihren bequemen Sessel am Feuer sinken und führte die Tasse zum Mund.

„Ich kann gar nicht hinsehen!“ Baltasar verbarg seinen Kopf zwischen den Flügeln.

Der fruchtige Tee schmeckte angenehm süßlich an ihrem Gaumen. Doch kaum hatte sie alles hinuntergeschluckt, fiel ihr die Tasse aus der Hand. Irgendetwas fühlte sich anders an. Sie griff sich an die Kehle, spürte einen Kloß im Hals, der ihr die Luft abschnürte. Es fröstelte sie, obwohl sie direkt am Feuer saß.

„Guten Abend“, erklang eine tiefe Stimme im Sessel ihr gegenüber. Baltasar fuhr mit einem Krächzen in die Höhe und Loreen entfuhr ein Schrei. Die Hexe wurde leichenblass, was jedoch nicht verwunderlich war. Ihr gegenüber saß, gekleidet in einem dunklen Anzug, der leibhaftige Tod. Zwar war er kein hässlicher Anblick, wenn man es genau nahm, war er sogar ziemlich attraktiv, jedoch hießen die wenigsten ihn willkommen.

„Was willst du hier?“, keifte sie den Mann an. Sie war ihm schon früher begegnet. Eine besondere Gabe der Hexen war es, den Tod zu erkennen, wann immer er in ihrem nahen Umfeld auftauchte.

„Nach was sieht es denn aus? Meine Arbeit erledigen, wie immer.“ Während er sprach, zupfte er ein Staubkorn von seinem Jackett und betrachtete es stirnrunzelnd.

„Du musst dich irren. Hier ist niemand gestorben.“

„Ich bin eigentlich ungern der Überbringer von schlechten Nachrichten, aber meist lässt sich das in meinem Beruf leider nicht vermeiden.“ Er grinste, als würde ihm das alles gehörig viel Spaß bereiten. „Du bist tot, Hexe. Deine Zeit ist abgelaufen.“ Zur Veranschaulichung hielt er ein Stundenglas in die Höhe, welches eben noch nicht da gewesen war. In der oberen Hälfte befand sich kein einziges Körnchen mehr.

„Das kann nicht sein. Hexen können nicht an ihren eigenen Zaubertränken sterben!“  

„Tja, meine Liebe. Dann scheinst du etwas gehörig falsch gemacht zu haben, sonst säße ich ja jetzt nicht hier.“

Während Loreen schwieg und diese Nachricht erst einmal sacken lassen musste, sah sich der Tod um. „Was riecht denn hier so lecker?“

Abwesend antwortete sie ihm: „Wahrscheinlich der Tee. Bedien dich, wenn du willst.“ Wie hatte das passieren können? Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass der eigene Trank niemals auf einen zurückschlagen konnte. Tausende Male hatte sie bereits ihre Teemischungen gekostet und noch nie war ihr etwas geschehen. Sie nahm das Buch vom Tisch und las sich das Rezept noch einmal aufmerksam durch.

Nachdenklich beugte sich der Tod über den Kessel: „Mhh, merkwürdig. Ich habe seit Jahren nichts mehr gerochen… Ich will mich natürlich nicht beschweren, schließlich hat das ja auch seine Vorteile, aber so manchmal vermisst man es dann doch.“ Er machte ein wehleidiges Gesicht.

„Wie konnte ich nur so dämlich sein?“ Das Rezept ging auf der zweiten Seite weiter, die Loreen jedoch vollkommen übersehen hatte. Dort wurde eine Warnung ausgesprochen. Als sie die entsprechende Textstelle las, wurden ihre Augen immer größer und ihr Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei. „Das kann nicht wahr sein! Niemals!“

Baltasar flog an ihre Seite und las die Zeilen laut vor: „Nicht davon kosten! Dieser Trank ist der leibhaftige Tod selbst, daher kann er auf Mischer zurückgreifen… Loreen, wie dämlich bist du eigentlich? Hab ich dir nicht schon hundertmal gesagt, du sollst die Anweisungen bis zum Ende lesen? Genau deswegen gab es auch das letzte Mal dieses Desaster!“, zeterte der Rabe auf ihrer Schulter.

„Warum schreibt man solch eine Warnung nicht an den Anfang? Das ist ja wie das Kleingedruckte bei einem Telefonvertrag.“, beschwerte sich Loreen.

Währenddessen hatte sich der Herr im Anzug eine Tasse Tee geschnappt und war wieder auf den Sessel ihr gegenüber gesunken. Als er einen Schluck davon gekostet hatte, rief er aus: „Das gibt es nicht! Ich kann ihn sogar schmecken!“ Verdutzt schaute er die Tasse und dann wieder zu der Hexe. „Was hast du da reingemischt?“

„Nichts Besonderes.“, antwortete Loreen gereizt. Eigentlich wollte sie sich jetzt nicht mit den Geschmacksnerven des Todes auseinander setzen, wo sie doch ein viel größeres Problem hatte.

„Er schmeckt einfach vorzüglich.“ Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht.  

„Und was passiert nun mit mir?“

„Ich nehme deine Seele mit ins Jenseits.“

Loreen sackte in sich zusammen. Was hatte sie da nur wieder für einen Mist gebaut?

Auch der Rabe auf ihrer Schulter war plötzlich ganz still, was sonst so gar nicht seine Art war.  

„Jammerschade, wenn man sich überlegt…“ Der Tod nahm noch einen Schluck aus der Tasse. „Der Tee ist einfach herrlich. Seit Jahrzehnten habe nicht mehr solch einen Genuss verspürt. Wirklich jammerschade, dass es bei diesem einem Mal bleiben soll.“

In dem Moment kam Loreen einen Einfall: „Ich könnte noch weiteren für dich kochen. So viel du möchtest.“ Loreen wartete bis sich ein Lächeln auf dem Gesicht des Todes zeigte. „Jedoch wäre das nicht möglich, wenn du… naja du weißt schon, mich mitnehmen würdest.“

Sofort verschwand das Lächeln wieder. „Berechtigter Einwand, aber leider sind mir da die Hände gebunden.“ Der Tod verzog das Gesicht. „So sehr ich das auch in diesem Fall bedauere, aber wenn ich ohne Seele in die Unterwelt zurückkehre, wird das ziemlich ungemütlich für mich werden.“

„Und wenn du einfach eine andere Seele mitnehmen würdest?“

„Man kann Seelen nicht einfach austauschen.“ In diesem Moment wanderte sein nachdenklicher Blick zu Baltasar. „Aber wenn ich recht überlege, würde es da eine Möglichkeit geben.“

Loreen folgte dem Blick des Mannes.

Als Baltasar merkte, dass er plötzlich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt war, riss er den Schnabel erschrocken auf. „Das ist nicht euer Ernst? Loreen, das ziehst du nicht ernsthaft in Erwägung?“

„Es wäre zumindest eine Alternative. Er als dein Schutzgeist könnte deine Schuld für dich begleichen.“, grinste der Tod schelmisch.

So verlockend die Idee war, konnte sie das jedoch niemals ihrem treuen Schutzgeist antun. Er begleitete sie nun schon so viele Jahre, dass sie sich ein Leben ohne ihn gar nicht vorstellen konnte. Dieses Leben würde es aber nicht mehr geben, wenn sie keine andere Lösung fand.  

„Aber was, wenn es gar keine Seele geben würde?“, wandte sie sich an den Tod.

„Ich verstehe nicht ganz.“

„Was würde passieren, wenn du keine Seele finden würdest? Wenn du unverrichteter Dinge zurückkehren müsstest?“

„Ähm, ich bin mir nicht sicher, ob das jemals schon passiert ist.“, warf er ein.

Loreen meinte sich zu erinnern, etwas in einem Buch davon gelesen zu haben.

Sie rannte nach vorne in den Laden, wo sie ihre Bücher aufbewahrte. Als sie das Regal absuchte, fand sie jedoch nicht das, wonach sie suchte.

„Wo hab ich dieses verflixte Buch hin?“, grübelte sie. Ihr fiel ein, dass sie noch weitere hinten im Labor aufbewahrte, die sie nicht benötigte.

Als sie endlich das entsprechende Buch „Seelenheil“ gefunden hatte, blätterte sie hastig durch die Seiten. „Hier ist es: ‚Die Seele verkorken‘, doch ob das wirklich funktioniert, bin ich mir nicht sicher.“

„Was hast du zu verlieren?“, warf Baltasar ein. „Tot bist du eh schon.“

„Vielen Dank für diese intelligente Bemerkung.“ Loreen sah ihn mit einem bösen Blick an.

Der Tod war neben sie getreten und sah ihr über die Schulter. „Wo er recht hat.“

Die Hexe fasste sich an den Kopf. So ungern sie es zugeben wollte, musste sie den beiden zustimmen.

„Wie viel Zeit bleibt mir?“, fragte sie.

„Je schneller, desto besser. Bis zum Morgengrauen muss ich zurück sein, auch wenn mir unwohl bei dem Gedanken ist, ohne Seele dort aufzutauchen. Das wird bestimmt ein ziemliches Aufsehen erregen. Du wirst dich auf eine Untersuchung der Unterwelt gefasst machen müssen und glaub mir, die sind nicht gerade ein Spaziergang.“

Sie musste es versuchen. Loreen schaffte Platz auf dem Tisch und las sich das Rezept aufmerksam durch. Dieses Mal von Anfang bis Ende, um ja nichts zu übersehen und schaute auch auf der anderen Seite nach versteckten Hinweisen.  

Dies war ein mächtiger und komplizierter Zauber, der ihre Kräfte an ihre Grenzen bringen würde.

Wieder eilte sie in den Verkaufsraum, um dort die entsprechenden Zutaten zusammen zu suchen. Im Geiste dankte sie den Göttern, dass sie bisher nicht die Lust gefunden hatte, mal ordentlich auszumisten. Viele der Zutaten hatte sie noch nie benötigt, seit sie den Laden vor vielen Jahren übernommen hatte. Doch genau diese brauchte sie für den Seelentrank.

„Ich hoffe nur, dass alle Zutaten noch haltbar sind. Ich will nicht wissen, wie lange die schon da rumliegen.“ Angewidert verzog sie das Gesicht.  

Derweil schenkte sich der Tod eine weitere Tasse Tee ein und machte es sich vor dem Feuer gemütlich.

Loreen krempelte ihre Ärmel nach oben. Immer wieder sah sie auf das Zauberbuch, um ja keine Zutat zu vergessen oder einen Schritt zu überspringen.

Diesmal kam es auf die genaue Abfolge an, damit der Trank seine volle Wirkung entfaltete. Zwischenzeitlich musste sie den Sud immer wieder ziehen lassen, bevor sie fortfahren konnte. Die Worte, die sie dabei sprach, hinterließen einen unangenehmen Nachgeschmack in ihrem Mund.

Schweiß lief ihr den Nacken hinunter, ihr Rücken schmerzte fürchterlich. Sie hatte das Gefühl, seit Stunden zu werkeln, doch die Sonne war bisher noch nicht aufgegangen.

Zum Schluss musste sie einen Tropfen ihres eigenen Blutes hinzufügen, um den Zauber zu verschließen. Als der Trank sich endlich blau färbte, wie im Buch beschrieben, ließ sie sich erschöpft auf den Stuhl fallen. „Fertig.“

„Und was passiert jetzt?“ Baltasar ließ sich auf ihrer Schulter nieder.

„Jetzt muss ich ihn trinken.“

Baltasar schluckte hörbar.

Noch einmal las sie sich alles aufmerksam durch. Danach fühlte sie den Trank in einen Becher. Für ihre Seele hatte sie sich eine kleine, runde Phiole ausgesucht. Dies würde von nun an ihr zu Hause sein, bis sie eine Möglichkeit gefunden hatte, sie wieder zu befreien.

„Vielleicht solltest du dich lieber setzen.“, schlug der Tod vor.

Loreen machte einen mitleidigen Eindruck. Zusammengekauert saß sie auf dem Sessel, ihrem Lieblingsplatz und hielt die Tasse mit ihrem Schicksal in der Hand.

Niemals hätte sie damit gerechnet, dass ihr Leben so ihr Ende finden würde.

Sie hob den Trank und prostete ihren beiden Zuschauern zu. Baltasar sah sie aufmunternd an und nickte ihr zu.

In einem Zug kippte sie den Inhalt hinunter. Bei dem bitteren Geschmack verzog sie angeekelt das Gesicht.

Einen Moment lang passierte nichts, doch dann breiteten sich die Schmerzen in ihrem Inneren aus. Es fühlte sich an, als würde sie jemand zerreißen. Qualvoll krümmte sie sich zusammen und Schreie drangen aus ihrer Kehle. Ihr Körper wurde von Anfällen geschüttelt und sie biss sich dabei ausversehen auf die Zunge. Kälte durchströmte sie und irgendwann sank sie erschöpft auf dem Sessel zusammen.

Es war vollbracht. Nun musste sie nur noch die abschließenden Worte aufsagen und ein weiterer Blutstropfen leitete ihrer Seele den Weg in die Phiole. Eine bläulich schimmernde Flüssigkeit kam darin zu Ruhe.

„Geschafft.“ Irgendwie fühlte sie sich hohl an, innerlich von einer Kälte überzogen.

Der Tod richtete sich auf und strich seinen Anzug glatt. „Ich werde nun zurückkehren. Verstecke die Flasche an einem sicheren Ort, wo sie niemand finden kann. Aber vergiss nicht unseren Deal!“

Loreen sah ihn herausfordernd an. „Keine Sorge, dein Tee wird jederzeit für dich bereitstehen.“

Nun würden die nächsten Tage zeigen, wie es sich ohne Seele lebte. Eines wusste sie jedoch mit Sicherheit, sie würde von nun an die Finger von schwarzer Magie lassen und wenn ihr Laden daran zugrunde ging.

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