Blut, Tränen und Schmerz

Knirsch. Knirsch. Knirsch. James´ Schritte verhallten in der Dunkelheit. Unverändert saß ich im Schnee, nicht weit von einer Straßenlaterne entfernt und schaute zu der Stelle, an der James verschwunden war. Die Ungewissheit und die panische Angst brachten mich beinahe um den Verstand. Mein hektischer Herzschlag pochte mir unangenehm in den Ohren. Wie ein Schlag traf mich die Gewissheit, dass ich alleine war und gefährliche Killern hier herumschlich. James war davongelaufen, vielleicht sogar in den Tod.
Augenblicklich schüttelte ich den Kopf, um diesen Gedanken zu vertreiben, doch zu spät. In meinem Körper breitete sich in Sekundenschnelle ein unerträglicher Schmerz aus, der meine Sinne betäubte. Wieso hatte er mich verlassen? Warum riskierte er einfach sein Leben, ohne vorher über sein Handeln nachzudenken? Verängstigt fing ich leise an zu wimmern.
Dieses Geräusch war das Einzige, was ich in der unendlichen Stille hören konnte. Mich beunruhigte diese Ruhe. Ich befürchtete, dass die Killer sich versteckten und bloß darauf warteten sich jeden Moment auf mich zu stürzen, um mich zu töten. Hart musste ich schluckte.
Ich ließ meinen Blick umherschweifen. Ich versuchte etwas zu erkennen, aber es war viel zu dunkel. Langsam rappelte ich mich trotz wackligen Beinen auf. Wenn die Killer wirklich hier lauerten, dann sollte ich fliehen. Aber in welche Richtung sollte ich laufen? Sollte ich James folgen?
Ich sah wieder zu der Baumgruppe, bei der ich ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Ich machte mir große Sorgen, weil James immer noch nicht zurück war. Suchte er nach seinen Ex-Kollegen oder hatten sie ihn…hatten sie ihn…
Ich stoppte meinen Gedankengang. Ich blendete meine Angst aus und konzentrierte mich lieber auf den Funken Hoffnung, der in meinem Herzen loderte.
James geht es gut. Er weiß, wie man mit diesen Killern fertig wird. James hat alles unter Kontrolle.
Meine Hände fingen wie verrückt an zu zittern, daher verschränkte ich meine Arme und klemmte meine Hände ein. Ich atmete mehrmals tief ein und aus und dachte weiterhin angestrengt darüber nach, was ich jetzt tun sollte. Viel Zeit blieb mir jedoch nicht, denn ich hörte Schritte, die näher kamen.
„Püppchen, wo bist du?“, sang eine melodische Frauenstimme. Der Klang dieser Stimme ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.
Nein. Nein. Nein. Ich schloss die Augen. Ich spürte, wie mir heiße, stumme Tränen die eiskalten Wangen herunter liefen. Warum Ophelia? Warum ausgerechnet Ophelia?
Wenn es Zeit war zu fliehen, dann jetzt. Ich riss meine Augen blitzschnell auf und wirbelte herum. Ich rannte los, aber nach fünf Metern bremste ich abrupt ab.
Beinahe wäre ich ein weiteres Mal in den Schnee gefallen. Nicht unweit von mir entfernt stand Ophelia, die vom gleißenden Mondlicht umhüllt wurde.
Durch die Anstrengung und die Kälte waren ihre sonst so blassen Wangen zartrosa. Sie trug eine figurbetonte, weiße Trench-Jacke mit einer großen Kapuze und weit auslaufenden Ärmeln. Die Kapuze war bespickt mit echtem, dunkelbraunem Zobelpelz, genauso, wie der Saum der Jacke und deren Kragen. Ihre schwarze Hose war enganliegend und ihre Füße bekleideten weiße Ankleboots mit Schnürung.
Die langen dunkelbraunen Haare hatte sie nicht komplett unter der Kapuze versteckt, weshalb unzählige Schneeflocken auf ihnen lagen, genau wie auf meinen eigenen.
Als sie meine ängstliche Miene bemerkte, breitete sich ein dämonisches, hinterhältiges Grinsen auf ihrem makellosen Gesicht aus. Ihre Augen funkelten mysteriös.  
„Da bist du ja“, frohlockte sie. Sie machte einen Schritt auf mich zu. Ich dagegen wich zurück.
„Du willst doch nicht schon gehen, oder?“, fragte sie mich gespielt enttäuscht und schob die Unterlippe vor. In diesem Moment sah sie unglaublich schön und verführerisch aus, doch ich wusste genau, dass sich hinter dieser unschuldigen Fassade das abgrundtief Böse verbarg und ich vorsichtig sein musste.
Elegant bewegte sie sich auf mich zu. Dann blieb sie in meiner Nähe stehen. Die Furcht lähmte mich.
„Ich muss zugeben, dass ich nicht gerade begeistert bin dich lebend zu sehen, Püppchen.“ Ich konnte einen bitteren Unterton in ihrer Stimme heraushören. Auch wenn ich es gekonnt hätte, ich entschied mich dafür lieber nicht mit ihr zu reden.
„Ich war mir so sicher, dass ich dich an Halloween erwürgt habe“, knurrte sie wütend. „Aber jeder macht mal Fehler.“
Sie schien mehr mit sich selbst zu reden, als mit mir. Egal, wie sehr ich mich auch fürchtete, ein süffisantes Grinsen umspielte automatisch meine Lippen. Keine Minute später bereute ich meine Schadenfreude, denn Ophelias Augen huschten zu mir. Sie durchbohrte mich mit einem hasserfüllten Blick. Ihre vollen Lippen hatte sie verärgert aufeinandergepresst.
Dann, ohne Vorwarnung, gab sie mir eine saftige Ohrfeige. Ein lauter Knall durchbrach die Stille. Ich fasste mir an die schmerzende Wange. Für einen Moment wurde mir schwarz vor Augen und ich wankte.
„Wag es nie wieder über mich zu lachen“, raunte sie mir gefährlich ins Ohr. Nach ihren Worten zuckte ich zusammen und meine Angst stieg ins Unermessliche.
Sie wird mich töten. Sie wird mich töten. Sie wird mich töten, weil sie es damals nicht geschafft hat. Verzweifelt schluchzte ich.  
„Jetzt ist Schluss damit wegzulaufen“, sagte sie bestimmt, wobei sie noch immer zornig war.
„Es ist Zeit zu sterben“, fügte sie plötzlich zuckersüß hinzu und klimperte mit ihren langen Wimpern. Ich spürte, wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich. Ich war einem Ohnmachtsanfall nahe.
„Das…“, begann ich, aber sie hob energisch die Hand.
„Halt deinen Mund, Püppchen!“, kreischte sie ungehalten. Ihre Stimmungsschwankungen waren mir unheimlich.
„Ja…James wird nicht zu…zulassen, dass du mich…tö…tötest“, stammelte ich leise. Meine Worte brachten sie zum Lachen. Ihr Lachen war hoch, klar und glockenähnlich.
„So jung, zerbrechlich und naiv“, spottete sie, als sie sich vor mich stellte und mit ihrem rechten Zeigefinger sanft über meine Wange fuhr. Hastig zog ich mein Gesicht zurück.
„Diesmal wird Jimmy dich nicht retten“, klärte sie mich auf, so, als hielte sie mich für dumm. Augenblicklich blieb mein Herz stehen und meine Kehle schnürte sich zu.
„Wir sehen uns später, Püppchen“, meinte sie hämisch, bevor sie ihre Hand zu einer Faust ballte und mir mit voller Wucht ins Gesicht schlug. Ich hatte das Gefühl, ein Auto krachte in mich hinein.
Mir schwirrte der Kopf, als ich zu Boden fiel. Mein Blick verklärte sich und mir wurde schwindelig.
Ich sah mein eigenes rotes Blut im reinen, weißen Schnee, bevor ich das Bewusstsein verlor.  

Klack. Klack. Klack. Ein wiederkehrendes und nervtötendes Geräusch dröhnte mir in den Ohren und brachte meinen Kopf fast zum Explodieren. Um mich herum war es finster, weil meine Augen geschlossen waren. Ich wollte sie öffnen, aber meine Lider waren unsagbar schwer. Egal, wie oft ich auch versuchte sie zu heben, es gelang mir nicht. Ich wurde sauer. Sauer auf mich und meinen schwachen Körper.
Dazu kam, dass meine linke Gesichtshälfte höllisch wehtat, meine ausgetrocknete Kehle nach Wasser schrie und mir übel war. Mir ging es schrecklich. Das mit Abstand Schlimmste war jedoch, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich mich befand und warum ich mich dermaßen schlecht fühlte. Ich versuchte mich zwar zu erinnern, aber mein Kurzzeitgedächtnis ließ mich mal wieder im Stich.
Klack. Klack. Klack. Da war es schon wieder. Die heftigen Schmerzen in meinem Kopf brachten mich beinahe um den Verstand. Ich wollte schreien, aber aus meinem Mund kam bloß ein jämmerliches Krächzen. Nach mehreren Versuchen ließ ich es bleiben, es brachte ja doch nichts. Stattdessen konzentrierte ich mich darauf, herauszufinden, was mit mir geschehen war.
Das Einzige, was ich außer dem undefinierbaren Geräusch wahrnahm, war, dass ich mit dem Rücken auf etwas Hartem lag. Mit meinen Fingerspitzen fühlte ich, dass es kalt und ebenmäßig war. Der erste Gedanke, den ich dazu hatte, war, dass ich geschlafen hatte und aus unerfindlichen Gründen während des Schlafs aus dem Bett gefallen sein musste. Das würde zumindest meine Kopfschmerzen erklären.
Genau. Ich war mir ziemlich sicher, dass es so war. Ich schmunzelte.
Aber was war das? Ich spürte, dass sich etwas über meinem Mund befand, etwas Festsitzendes, das eingetrocknet war. Sehr merkwürdig.
Mit noch immer geschlossenen Augen setzte ich mich langsam und vorsichtig auf. Leicht schwankte ich hin und her. Mir war furchtbar schwindelig. Was ist nur los mit mir?
Meine Hände zitterten, als ich sie gegen meinen pochenden Schädel presste. Ich hatte das Gefühl, dass mein Magen sich mehrfach überschlug. Ich war kurz davor mich an Ort und Stelle zu übergeben. Ich probierte erneut meine Lider zu heben und tatsächlich, diesmal klappte es. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe ich klare Umrisse erkennen konnte, denn meine Augen mussten sich erstmal an die Helligkeit gewöhnen.
Ich saß in einem Raum ohne Fenster. Die Wände waren schneeweiß und der Boden, auf dem ich saß, bestand aus grauem Linoleum. Trotz des Schwindels und der Übelkeit wagte ich es einen kurzen Blick hinter mich zu werfen. Dort entdeckte ich eine Tür.
Um mich herum befanden sich hohe Regale aus Metall, die beinahe bis zur Decke reichten. Die Meisten waren angefüllt mit beigefarbenen Kisten, die hübsch mit weißen Schleifen verziert waren. Andere wiederum hatten nur eine dünne Aluminiumstange zwischen ihre Wände gespannt, an denen schwarze Kleidersäcke hingen. Es sah aus wie ein Abstellraum kombiniert mit einem Kleiderschrank. Das Problem war, dass ich noch nie hier gewesen war.
Klack. Klack. Klack. Das Geräusch hallte in meinem Kopf wieder, wie ein Echo. Meine Kopfschmerzen wurden immer schlimmer. Ich stand kurz vor einem Heulkrampf.
Verzweifelt vergrub ich das Gesicht in meinen Händen. Dabei berührten meine Finger das Harte und Trockene unter meiner Nase. Mit dem rechten Zeigefinger rieb ich darüber. Sogleich hatte ich eine braune Kruste in der Hand.
Dieser Anblick ließ schlagartig mehrere Bilder blitzartig vor meinem inneren Auge aufflackern.
Vor mir sah ich viele Bäume, deren Äste sich aufgrund der Schneemassen tief durchbogen. Überall lag der reine, weiße Schnee und unaufhörlich schneite es weiter. Zuerst war ich alleine, denn James war in der Dunkelheit verschwunden, doch dann tauchte Ophelia mit einem dämonischen Lächeln im Gesicht auf. Ich sah, wie sich ihre vollen Lippen bewegten und sie nahe an mich herantrat. Dann ging alles ganz schnell. Sie hob ihre rechte Hand und schlug mir mit voller Kraft ins Gesicht. Ich sah frisches Blut, als ich im kalten Schnee landete.
Mir blieb die Luft, die ich hektisch einatmete, im wahrsten Sinne des Wortes im Hals stecken. Mein Herz schlug mit dreifacher Geschwindigkeit gegen meinen Brustkorb. Mir war heiß und kalt zugleich.
Das unter meiner Nase war getrocknetes Blut. Ich betastete die Wange, die Ophelia mit ihrer Hand getroffen hatte. Sie war geschwollen und fühlte sich heiß an.
Obwohl ich nicht wusste, wo sich dieser Abstellraum befand, war mir schmerzlich bewusst, dass Ophelia mich K.O. geschlagen und verschleppt hatte, wohin auch immer. Ich saß hier völlig alleine fest. Niemand von meinen Freunden oder meiner Familie hatte eine Ahnung, wo ich war.
Das Schrecklichste für mich war jedoch die Ungewissheit, was James anging. Wusste er, dass Ophelia mich mitgenommen hatte? Ging es ihm gut? Und wo war er?
Ich hatte eine Heidenangst um ihn, aber auch um mich. Der bloße Gedanke daran, dass Ophelia sich auf der anderen Seite der Tür aufhielt, reichte aus, damit sich meine Muskeln verkrampften und Panik in mir aufstieg. Ich musste mit allen Mitteln versuchen zu fliehen. Ich musste hier weg und zwar um jeden Preis.
Wenn ich hier blieb, dann war mein Tod schon beschlossene Sache.
Das Problem an der ganzen Sache war aber nicht nur mein schlechter Gesundheitszustand, sondern auch, dass dieser Raum kein Fenster besaß. Es gab bloß die Tür hinter mir.
Klack. Klack. Klack. Das Geräusch tauchte erneut auf, doch diesmal verstummte es genau vor der Tür. Erst jetzt wurde mir klar, dass es Schritte waren, die ich hörte. Tierische Angst kroch in mir hoch. Um mich herum herrschte eine unheimliche Stille. Ich wagte es nicht zu atmen.
Irgendjemand stand vor der Tür. Ich vermutete, dass es Ophelia war. Inständig hoffte ich, dass sie nicht zu mir hereinkam.
Minuten vergingen, in denen ich in meiner Stellung verhaarte und versuchte völlig ruhig zu bleiben. Ich wusste nicht, ob sie sich noch hinter der befand.
Aber plötzlich hörte ich, wie sie sich mit jemandem unterhielt. Sie war also nicht allein. Zuerst vernahm ich bloß ihre einzigartige melodische Stimme, doch dann kam eine tiefe, mir unbekannte Männerstimme hinzu.
Ich musste hart schlucken. Wer war das? Waren noch mehr wahnsinnige Killer hier? Wo war ich nur gelandet?
Tausende Fragen schossen mir durch den Kopf und hämmerten gegen meinen Schädel. Ich wünschte mir sehnlichst, dass dies alles bloß ein furchtbarer Albtraum war und ich jeden Moment aufwachen würde. Ich muss doch bald aufwachen, dachte ich verzweifelt.
Plötzlich, ohne Vorwarnung, wurde die Tür mit einem Ruck geöffnet. Blitzschnell drehte ich mich um und blieb wie erstarrt an Ort und Stelle sitzen. Als ich zur geöffneten Tür blickte, war ich überrascht, denn niemand war zu sehen. Ich schaute in einen geräumigen Flur, dessen Boden mit hochwertigem, dunklem Parkett ausgelegt war. Verwirrt schob ich die Augenbrauen zusammen. Wer hatte die Tür aufgemacht?
Das ist doch egal, meldete sich meine innere Stimme panisch. Mach, dass du weg kommst und zwar schnell!
Die Stimme hatte Recht. Ich sollte meine kostbare Zeit nicht mit unwichtigen Fragen verschwenden, sondern besser abhauen.
Ich war im Begriff aufzuspringen, als ein großer, muskulöser Mann mit kurzen blonden Haaren im Flur auftauchte. Er kam mir irgendwie bekannt vor.
„Ah, Jimmys kleine Freundin ist ja wach“, frohlockte er mit einem teuflischen Grinsen im Gesicht. Doch ich achtete in keinster Weise auf seine Worte, sondern auf seine blutdurchtränkte Kleidung. Die rote Flüssigkeit tropfte in regelmäßigen Abständen auf den Boden. Die platschenden Geräusche klangen für mich unglaublich laut. Der Mann sah aus wie nach einem Gemetzel.
Verängstigt und leichenblass wich ich zurück, bis ich mit dem Rücken an ein Regal stieß. Meine Lippen bibberten wie verrückt und mir stand eiskalter Schweiß auf der Stirn.
„Keine Angst, ich bringe dir nur deinen Geliebten wieder.“ Die Bluttropfen in seinem Gesicht liefen bei jedem Wort noch ein Stückchen weiter herunter.
Ich hatte kaum Zeit das Gesagte zu verarbeiten, als er verschwand, aber nur für eine halbe Minute. Dann kehrte er mit jemandem zurück. Es war eine leblose Person, die schlaff in seinem Arm hing. An den dunkelbraunen Haaren erkannte ich, dass es James war.
Kurzerhand warf der blonde Mann James, ohne Rücksicht auf Verluste, zu mir in den kleinen Raum. Entsetzt riss ich die Augen auf.
„Ganz ruhig, wir werden dich nicht töten.“ Ein süffisantes Lächeln umspielte seine Lippen. „Nun ja, sagen wir besser noch nicht“, korrigierte er sich sofort.
Anschließend machte er die Tür zu und ich konnte hören, wie er sie von außen verschloss.
Keine Sekunde später erwachte ich aus meiner Starre und krabbelte zu James herüber. Da er auf der Seite lag, drehte ich ihn erstmal um.
Ein ekelerregender, metallener Gestank stieg auf. Mir wurde speiübel. Sein Hemd war nass, denn es war mit seinem Blut vollgesogen. Meine Hände waren komplett rot und das Blut lief mir durch die Finger.
Doch das war mir egal, denn als ich James´ Gesicht sah, blieb mir das Herz stehen. Seine Haut war so weiß, wie die Wände dieses Raumes. Er hatte viele offene Wunden, bei denen das rosafarbene Fleisch zu sehen war.
Sein rechtes Auge war blau und geschwollen. Aus der Nase floss jetzt noch Blut, das über seinen Mund, bis zum Hals lief. Es war ein schrecklicher Anblick und dabei wusste ich noch nicht einmal, wie der Rest seines Körpers aussah.
Heiße Tränen sammelten sich in meinen Augen. Mein Herz schlug nun heftig gegen meinen Brustkorb. Ich konnte kaum atmen. Ich war mir sicher, dass ich einem Nervenzusammenbruch nahe war, denn ich hatte Angst, dass James tot war.
Die einzige Möglichkeit, um herauszufinden, ob er noch lebte, war seinen Puls zu fühlen, doch ich traute mich nicht ihn anzufassen. Zu groß war meine Angst, dass ich nichts an seinem Hals oder seinem Handgelenk fühlen würde.
Verunsichert musterte ich James. Seine ganzen Wunden verleiteten mich dazu, meine Furcht zu unterdrücken und etwas zu unternehmen.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und atmete tief ein, bevor ich meinen Oberkörper herunterbeugte und mein rechtes Ohr auf seine Brust legte. Ich konnte spüren, wie meine Haare James` Blut aufsogen.
„Sei bitte nicht tot, James. Du darfst nicht tot sein“, flüsterte ich mit erstickender Stimme.
Im ersten Moment geschah das, was ich befürchtet hatte. Ich hörte nichts. In mir krümmte sich alles und die Tränen rannen unaufhörlich über meine Wangen auf seine Brust.
Trotz meiner Verzweiflung und Trauer gab ich nicht auf. Ich hob leicht meinen Kopf und legte mein Ohr auf eine andere Stelle. Ich hielt den Atem an.
Bumm…bumm. Ein Herzschlag. Das war ein Herzschlag. Zwar war er sehr schwach, aber er war da. Ich war so glücklich und erleichtert, dass ich am Liebsten in die Luft gesprungen wäre. James lebte!
Ich bekam ein zaghaftes Lächeln zu Stande, doch dieses erstarb, als mir klar wurde, dass ich ihn aus der Bewusstlosigkeit holen musste. Aber wie sollte ich das anstellen?
Meine erste Idee war es, ihn aufzusetzen, doch da er um einiges schwerer war, als ich, verwarf ich diesen Einfall auch gleich wieder. Stattdessen nahm ich sein Gesicht in meine blutbeschmierten Hände.
„JAMES!“, sagte ich laut. „James, wach auf. Bitte.“ Mit meinen Daumen strich ich über seine Wangen. Minutenlang wiederholte ich diese Worte immer und immer wieder.
Endlich, mir kam es wie eine Ewigkeit vor, flatterten James` Lider und er öffnete die Augen.
„Gott sei Dank“, jubelte ich und küsste ihn auf die blutigen Lippen.
Kaum hatte ich mich von ihm gelöst, da drehte er sich zur Seite, stützte sich mit dem rechten Arm ab und rang röchelnd nach Luft. Hin und wieder spuckte er eine Menge Blut aus. Anschließend legte er sich erschöpft und schweißnass wieder auf den Boden. Schwer hob und senkte sich sein Brustkorb bei jedem Atemzug.
„Wie geht es dir, James?“, fragte ich besorgt und legte eine Hand auf seinen Arm.
„Miserabel, aber dass ist nicht wichtig. Ich bin so froh, dass es dir gut geht, Holly.“ Es war kaum zu überhören, dass ihn das Sprechen unglaublich anstrengte. Als er mich jedoch ansah, wurde sein Gesicht starr und er riss entsetzt seine Augen auf.
„Leider scheine ich mich aber zu irren“, meinte er erschrocken. Ich war verwirrt.
„Was meinst du denn? Natürlich geht es mir gut“, widersprach ich.
„Da sagt mir deine angeschwollene und blaue Wange aber was ganz anderes, Holly.“ Fest presste er seine Lippen aufeinander, bevor er mit seiner rechten Hand meine verletzte Wange entlang strich. Leichte Schmerzimpulse zuckten unter meiner Haut.
„Das ist halb so schlimm, James.“ Ich winkte ab. „Dir geht es viel schlechter als mir, also, hast du starke Schmerzen?“ Meine Augen wanderten seinen Körper rauf und runter.
„Ja, aber ich halte das aus, schließlich bin ich James Roddick“, entgegnete er arrogant und brach in Gelächter aus. Doch schnell wurde aus dem Lachen ein starker Hustenanfall und sein Gesicht verzog sich.
„Wie kannst du jetzt noch Witze machen?“, fragte ich ihn verständnislos.
Statt mir zu antworten, setzte er sich wie in Zeitlupe auf. Dabei drohte er zur linken Seite zu kippen. Schnell schnappte ich mir seinen rechten Arm und zog ihn zurück, bis er wieder gerade saß.
„Kann ich irgendetwas für dich tun? Soll ich dich vielleicht verarzten?“ Ich sprach so schnell, dass sich meine Stimme beinahe überschlug.
Sofort schüttelte er den Kopf. Dann wandte er sich um und schaute mich an. Seine grauen Augen zeigten nichts als Leere.
„Wie dankbar ich dir auch für dein Angebot bin, du kannst nichts tun. Ich habe das Gefühl zu verdursten, aber dagegen kannst du nichts machen. Auf meinem Körper habe ich so viele Wunden, dass ich sie nicht einmal zählen kann. Ich weiß auch gar nicht ob, und wie schlimm meine Organe und Knochen verletzt sind. Bei jeder Bewegung wird mir schwarz vor Augen und ich könnte schreien vor Schmerz. Da wir aber keine Medikamente haben und du keine Ärztin bist, muss ich wohl durchhalten und hoffen, dass ich in den nächsten Minuten oder Stunden nicht verblute.“ Sein ernster Ton und seine versteinerte Miene versetzten mich in Panik.
„Ich muss doch etwas tun können“, warf ich verzweifelt ein. Er konnte unmöglich von mir verlangen, dass ich tatenlos zusah, während er Schmerzen hatte und im Minutentakt Blut spuckte.
„Holly…“
Mit einer Handbewegung schnitt ich ihm das Wort ab.
„Ich werde dir helfen. Damals im Motel habe ich dir trotz fehlender medizinischer Kenntnisse mit den Fingern eine Kugel aus dem Schulterblatt gezogen, dann werde ich das hier auch schaffen, oder?“ Ich hatte keine Ahnung, woher meine plötzliche Entschlossenheit kam, aber sie überzeugte James und veranlasste ihn dazu nachzugeben.
„Na gut, sieh dir die Verletzungen mal an.“ Mit heftig zitternden Händen öffnete er jeden einzelnen Knopf seines Hemdes. Anschließend quälte er sich aus den Ärmeln.
Nun saß er mit nacktem Oberkörper vor mir. Als ich ihn so vor mir sah, klappte mir vor Schreck die Kinnlade herunter. Sein Oberkörper wirkte durch unendlich viele Schwellungen unförmig.
Zusätzlich war er übersäht mit blauen Flecken, blutenden Wunden und Abschürfungen. Es gab keine Stelle, die unversehrt war.
„Ich…Das…“, stammelte ich. Mir fehlten die Worte.
„So sieht nun mal die fleißige Arbeit von durchgeknallten, rachsüchtigen und wütenden Auftragskillern aus“, sagte James, als ihm meine entsetzte Miene auffiel. Sprachlos schüttelte ich den Kopf.
„Wo tut es denn am meisten weh?“
„Das kann ich gar nicht sagen, Holly“, krächzte er mit immer leiser werdender Stimme. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Meine Vermutung bestätigte sich, als sich seine Augäpfel urplötzlich nach innen drehten und er nach hinten fiel. Mit einem lauten Rumpfs kam er auf dem harten Boden auf. Unter mir vibrierte es.
„JAMES“, kreischte ich. Hektisch legte ich den Zeige- und Mittelfinger meiner rechten Hand auf seinen Hals. Ich fühlte einen Puls, zum Glück. Er war also nicht tot, sondern er hatte erneut das Bewusstsein verloren.
Verzweifelt packte ich ihn an den Schultern und schüttelte ihn. Ich dachte gar nicht daran, dass ich ihm damit wehtun könnte. Mir war es wichtiger, dass er wieder zu sich kam.
„Komm schon. Wach auf“, flehte ich James an, dabei war ich mir nicht mal sicher, ob er mich überhaupt hörte.
Je mehr Zeit verging, desto unruhiger und panischer wurde ich. Hatte sich sein Gesundheitsstand vielleicht doch in den letzten Minuten drastisch verschlechtert?
Erneut überprüfte ich seinen Puls. Ich konnte keine Veränderung feststellen. Ich wusste nicht, was ich noch tun sollte.
Ein langgezogenes Stöhnen kam über meine Lippen. Diese Situation überforderte mich nicht nur, sondern sie machte mich schier wahnsinnig. Ich hatte keine Ahnung, wo wir uns befanden, James ging es mehr als schlecht und ich sah keine Fluchtmöglichkeit. Wie sollten wir das bloß überleben?
Ich zog meine Knie an und legte meinen Kopf auf meine Arme. Es würde nicht mehr lange dauern, bis ich erneut anfing zu weinen.
Augenblicklich kehrten meine Kopfschmerzen zurück. Meine trockene Kehle war wie zugeschnürt und mein Herz schlug ungewöhnlich schnell.
Heftiges Röcheln und Husten ließen mich meinen Kopf heben. James hatte die Augen geöffnet und schnappte nach Luft. Neues Blut floss seine Mundwinkel hinab. Sofort sprang ich auf und sackte neben ihm nieder.
„Setz dich auf, James“, befahl ich sanft. Ich fasste ihn am Arm und half ihm dabei seinen Oberkörper in die Höhe zu hieven.
„Was ist denn passiert?“, fragte er verwirrt und schaute sich mit verklärtem Blick um.
„Du hast das Bewusstsein verloren“, klärte ich ihn auf.
„Schon wieder?“ Er grinste. „Das wird langsam langweilig.“
Ich wurde nicht schlau aus seiner Aussage. Irritiert schob ich die Augenbrauen zusammen.
„Ich bin schon zusammengebrochen, während meine lieben Ex-Kollegen sich um mich gekümmert haben“, sagte er mit ironischem Unterton. Sein Grinsen wurde noch breiter.
„Wenn ich richtig gezählt habe, dann war das eben das fünfte Mal.“ Entsetzt riss ich die Augen auf. Wieso lachte er die ganze Zeit? Hatte sein Schädel viel zu viele Schläge abbekommen? Aus seinem Grinsen wurde ein herzhafter Lachanfall. Es klang, als ob er kurz davor war zu ersticken.
„Hör bitte auf zu lachen“, meinte ich streng. Ich fand es unangebracht in so einer ernsten Situation Witze zu reißen.
„Ich werde dich jetzt verarzten. Ich weiß zwar nicht womit und wie ich das anstellen soll, aber ich werde es dennoch tun. Und dann überlegen wir uns, wie wir hier rauskommen, okay?“ Mein Ton ließ keine Widerrede zu.
„Von mir aus“, meinte James und gluckste leise. Gut, sein normaler Menschenverstand schien wieder zu funktionieren.
„Glaubst du, dass du die nächsten Minuten überstehst, ohne ohnmächtig zu werden oder willst du dich lieber gegen eine Wand lehnen?“ Es überraschte mich selbst, dass ich trotz meiner panischen Angst die Führung übernahm. Eigentlich war es auch besser so, denn dadurch wurde ich abgelenkt und hatte etwas zu tun. Außerdem war James momentan nicht in der Lage irgendwelche Entscheidungen zu treffen.
„Die Wand wäre wohl das Vernünftigste, schließlich ist meine Rate für Ohnmachtsanfälle heute sehr hoch.“
Ich verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. Es brachte nichts ihm zu sagen, dass er mit seinen Witzen aufhören sollte. Er machte ja sowieso immer das, was er wollte.
„Komm, ich helfe dir.“ Ich stand auf und hielt ihm eine Hand hin. Doch er schlug meine Hilfe aus, wie üblich. Überheblich, wie James war, wollte er wieder alles alleine machen.
Unter qualvollem Ächzen kniete er sich erstmal hin, ehe er aufstand. An der Stelle, wo er gesessen, beziehungsweise gelegen hatte, hatte sich eine große Blutlache gebildet.
Kaum stand James auf seinen Beinen, da schwankte er heftig und seine Pupillen rasten von einem Ort zum Anderen. Sofort war ich zur Stelle und umklammerte mit meinen Armen fest seine Taille.
„Musst du immer so unvernünftig sein?“, fragte ich ihn aufgebracht. Wir hatten schon genug Probleme, da musste er nicht noch seine bereits schlechte Gesundheit aufs Spiel setzen.
„Ich bin nicht unvernünftig“, protestierte er. Erneut umspielte ein Grinsen seine Lippen, aber dieses fror sehr schnell ein. Sein bleiches Gesicht wurde noch ein bisschen weißer. Mit den Unmengen von Blut überall auf seinem Körper und in seinem Gesicht sah James schaurig aus.
„Was ist los, James?“ Die hysterische hohe Stimme, die aus meinem Mund kam, konnte unmöglich meine Eigene sein.  
James öffnete seinen Mund, um mir zu antworten, doch er brachte keinen Ton heraus. Stattdessen presste er die Lippen aufeinander, seine Lider flatterten und er fiel nach hinten. Mit aller Kraft versuchte ich ihn festzuhalten, meine Arme waren jedoch zu schwach.
So konnte ich nur zusehen, wie er ein weiteres Mal auf den Boden krachte. Zum Glück hatten wir nicht allzu nah an einer Wand oder einem Regal gestanden, sonst hätte er sich heftig den Kopf gestoßen. Ich kniete mich sogleich neben James, der leblos vor mir lag. Ich nahm seine linke Hand, denn das war schließlich das Einzige, was ich tun konnte.
Trotzdem kam ich mir nutzlos vor. Als ich jede einzelne Wunde auf seinem Körper genauer betrachtete, fiel mir plötzlich siedendheiß ein, dass ich ihn ja verarzten wollte und dazu brauchte ich Verbandszeug. Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen. Mir wurde bewusst, dass es schwer werden würde, hier irgendetwas zu finden, das als Verband herhalten konnte.
Egal, ich musste etwas tun. Ich zog sanft meine Hand weg, bevor ich wie von der Tarantel gestochen aufsprang und zu den Regalen ging. Mit meinen zitternden Händen öffnete ich eine der edlen Kisten und beschmierte sie mit Blut.
Nachdem ich den Deckel entfernt hatte, kamen drei verschiedenfarbige Pullover zum Vorschein. Irritiert legte ich die Stirn in Falten und nahm einen von ihnen heraus. Er war dunkelblau und fühlte sich sehr weich an. Schnell legte ich ihn wieder zurück und öffnete eine weitere Kiste. Auch diese beinhaltete Klamotten. Langsam bestätigte sich mein Verdacht, dass wir uns in einer Art Kleiderschrank befanden. Wo waren wir nur und wie sollte ich James helfen, wenn es hier bloß Klamotten gab?
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als ich aus den Augenwinkeln beobachtete, wie James sich beinahe wie in Zeitlupe aufsetzte und an die nächste Wand lehnte. Seine Lippen bibberten und Schweiß lief seine Stirn hinab. Ich riss mich von den Kisten los und kniete mich neben James.
„Lass mich raten, ich bin schon wieder umgekippt.“ Zustimmend nickte ich.
„Tut mir leid, dass ich dir soviel Ärger mache“, jappste er angestrengt.
„Du kannst doch nichts dafür, James“, entgegnete ich kopfschüttelnd und strich ihm die Haare, die an seiner Stirn klebten, aus dem Gesicht. Seine Haut fühlte sich fiebrig an. Meine Sorgen um ihn stiegen ins Unermessliche.
„Wie fühlst du dich?“, fragte ich, weil ich Angst hatte, dass es ihm nach den zwei Ohnmachtsanfällen und Stürzen auf den harten Boden schlechter ging.
„Es ging schon mal besser.“ Zaghaft lächelte er, dabei wurden seine, mit Blut befleckten, Zähne entblößt.
„Weißt du vielleicht, wo wir sind? Ich habe nach Verbandszeug gesucht und komischerweise nur Klamotten gefunden“, erklärte ich und schaute ihn fragend an.
„Wir sind bei Ophelia zu Hause. Ich vermute mal, dass dieser Raum einen kleinen Teil ihrer Kleidersammlung darstellt“, krächzte er mit trockener Kehle.
Um ehrlich zu sein hatte ich nach der Nennung ihres Namens abgeschaltet und nichts mehr gehört, außer einem unaufhörlichen Rauschen. Mein Körper wurde von der aufkommenden Angst gelähmt. Meine Muskeln verkrampften sich schmerzhaft und mir blieb das Herz stehen. Wieso ausgerechnet Ophelia? Die Frau, die mich abgrundtief hasste und keine Chance ausgelassen hatte, mir Schmerzen zuzufügen.
„Holly?“ James` Stimme schien von sehr weit weg zu kommen. Meine Augen schnellten zu ihm und ich konzentrierte mich wieder auf meinen Freund. Dabei versuchte ich die Gedanken an Ophelia zu verdrängen, was mir aber nicht so recht gelingen wollte.
„Alles in Ordnung?“ Mit einem undefinierbaren Blick musterte er mich.
„Das fragst du mich? Wer von uns beiden kippt denn alle fünf Minuten um?“
„Da hast du Recht“, meinte er grinsend. Ich ignorierte seine fröhliche Miene.
„Was soll ich denn jetzt machen?“ Ich konnte es nicht verhindern, dass meine Stimme panisch klang. Ich war völlig überfordert.
„Nimm einfach die Klamotten als Verbandszeug“, antwortete James. Danach atmete er schwer. Wachsam beobachtete ich ihn, aus Angst, dass er erneut bewusstlos wurde. Entschlossen nickte ich und stand auf. Ich ging zu den Regalen herüber und riss vier Kisten heraus. Mit lautem Gepolter fielen sie zu Boden. Alle waren mit James´ Blut besudelt. Ich ließ mich auf die Knie sinken und krabbelte zu meinem Freund zurück. Zum Glück war er noch bei Bewusstsein. Blitzschnell zog ich die Kisten an mich heran und holte alle Kleidungsstücke hervor. Ich wollte keine Zeit mehr verlieren, daher nahm ich einen Pullover in die Hände und zog an ihm.
Mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, zerrte ich an dem Kragen, so lange, bis ich ihn in zwei Hälften geteilt hatte. Immer wieder riss ich an dem Pulli. Irgendwann hatte ich ihn in mehrere, breite Streifen gerissen. Dies machte ich auch mit den Anderen, obwohl meine Hände höllisch brannten und meine Gelenke steif wurden. Schweißgebadet hockte ich neben James und starrte die unzähligen Streifen auf dem Boden an. Das sollte erstmal reichen, um die meisten Wunden zu verbinden.
Ich schnappte mir die Streifen und musterte James, um zu sehen, welche Verletzungen zuerst versorgt werden mussten. Das Problem war, dass jede Stelle seines Körpers gleich aussah.
Daher entschied ich mich einfach bei seinem Brustkorb anzufangen.
„Ich fange an dich zu verbinden, James“, kündigte ich an und schaute zu ihm herüber. Sein schlechter Zustand schien unverändert. Er zitterte und Schweiß bedeckte seine Haut.
Er antwortete mir nicht, stattdessen schloss er die Augen und röchelte. Besorgt beugte ich mich über ihn und nahm sein Gesicht in meine Hände. James war eiskalt.
„Was ist los?“, fragte ich mit unsicherer Stimme. Mühsam hob James seine Lider. Sein Blick ging jedoch ins Leere. Er schien nicht zu bemerken, dass ich ihn direkt ansah.
„Ich habe solche Schmerzen“, brachte er gequält hervor und verzog schmerzhaft sein Gesicht. „Ich kann nicht mehr, Holly.“ Stetig war er leiser geworden. Entsetzt riss ich die Augen auf und mein Herz blieb stehen. Ich war mir hundertprozentig sicher, dass er bald sterben würde. Ich fing ebenfalls an zu zittern und verlor jeglichen Mut. Ich ließ meine rechte Hand, welche die Pulloverstreifen umschloss, sinken.
Es ist zu spät, um ihn zu verarzten. Es ist zu spät, um ihn zu retten. Es ist zu spät.
Von einer Sekunde auf die Andere bekam ich einen Heulkrampf. Ich schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte. Die wahnsinnigen Killer hatten die Liebe meines Lebens umgebracht und ich würde die Nächste sein.
Hysterisch weinte ich, bis ich keine Luft mehr bekam. Ich hatte einen riesigen Kloß im Hals, der mich nicht schlucken ließ. Geistesabwesend robbte ich ein Stück zurück. Ich konnte es nicht ertragen James` Leiche zu sehen oder zu berühren.
„Holly?“, krächzte James urplötzlich. Vor Schreck machte ich einen Hopser. Mein Verstand hatte sich bereits vorgestellt, dass James tot war. Nun war ich überrascht, aber auch erleichtert, seine Stimme zu hören.
„Wo bist du?“
Ich wollte etwas sagen, aber ich konnte nicht. Während ich starr auf dem Boden kauerte, sammelte James seine verbliebenen Kräfte und stemmte seinen Oberkörper in die Höhe. Dabei jaulte er vor Schmerz und stöhnte. Seine Qualen rissen mich aus meiner Trance.
„Ich bin hier, James“, sagte ich beruhigend. Ich hockte mich vor ihn und nahm behutsam seine linke Hand. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich James so schnell aufgegeben und geglaubt hatte, dass er nicht mehr am Leben war.
„Ich hatte schon Angst, dass du nicht mehr hier bist“, presste er hervor. Es klang, als sei er mit seinen Gedanken ganz weit weg.
„Ich bin bei dir, James. Ich werde nicht weggehen.“
„Da bin ich aber froh“, meinte er und brachte ein zaghaftes Lächeln zu Stande. Ich erwiderte das Lächeln, obwohl ich verzweifelt und verängstigt war.
„Ich verarzte dich jetzt und hoffe, dass es dir dann besser geht“, flüsterte ich und strich ihm zärtlich über die Haare. Ich nahm die Streifen erneut zur Hand und begann seine Wunden, so gut es ging, mit den provisorischen Verbänden zu versorgen.
Jedes Mal, wenn ich einen Streifen auf seine Haut legte, zog er die Luft scharf durch die Zähne ein. Dann entschuldigte ich mich immer bei ihm und machte rasch weiter. Es stellte sich als sehr schwierig heraus, die Pulloverstücke zum Halten zu bringen. Es war nicht einfach einen Knoten zu machen oder sie stramm zu ziehen. Ich hatte die Befürchtung, dass die Verbände nicht allzu lange halten und das Blut stoppen würden.
Nach einer Dreiviertelstunde voller Anstrengung und Schweiß war meine Arbeit beendet. Über James` Körper erstreckten sich verschiedenfarbige Stoffstreifen, die bloß notdürftig seine unzähligen Wunden bedeckten. Ich war nicht zufrieden mit meiner Leistung. Ich war frustriert und mit meinen Nerven am Ende. James hatte die Prozedur mehr oder weniger gut überstanden.
Nun lehnte er erschöpft mit dem Rücken an einer naheliegenden Wand und versuchte bei Bewusstsein zu bleiben.
Ich saß nicht weit entfernt und hatte ihn unablässig im Blick. Als ich ihn verbunden hatte, waren Bilder von damals vor meinen Augen erschienen. Bilder von James, wie er blutend und mehr tot, als lebendig, im Motel gelegen hatte. Mir war in den Sinn gekommen auch einen Krankenwagen zu rufen.
Ich hatte sogar eine Pause gemacht und in meinen Taschen nach meinem Handy gesucht, doch ich hatte es nicht finden können. Vermutlich hatten die Killer es mir abgenommen, damit ich keine Hilfe rufen konnte.
Dies war ein weiterer Rückschlag für mich gewesen, den ich nur sehr schwer verkraften konnte. Das fehlende Handy war ein Zeichen für die hoffnungslose Situation in der James und ich uns befanden. Ich hatte keine Ahnung, wie wir hier herauskommen und unser Leben retten sollten. Wir waren in einer Art Kleiderschrank eingesperrt, der im Haus oder der Wohnung einer Psychopatin lag. Dazu kam, dass James schwer verletzt war und sich kaum rühren konnte, ohne ohnmächtig zu werden…

Unverändert saßen wir nebeneinander, als die Tür geöffnet wurde. Ein spitzer Schrei kam über meine Lippen und eine tonnenschwere Last legte sich auf meine Brust. Augenblicklich sprang ich auf und stellte mich schützend vor James. Diese Tat erinnerte mich an den Abend, an dem meine Eltern ermordet worden waren. Genauso hatte ich vor meiner Mom gestanden.
Heftig schüttelte ich den Kopf, um diesen Gedanken loszuwerden. Ich brauchte jetzt einen klaren Verstand.
Mutig schaute ich zur Tür. Im Türrahmen stand ein dürrer Mann mit roten Haaren. Es war derselbe Kerl, der damals mein Versteck entdeckt hatte. James hatte seinen Namen mal erwähnt, aber ich konnte mich nicht an ihn erinnern.
Der Typ machte ein finsteres, desinteressiertes Gesicht, als er mich ansah. Seine Kleidung war besprenkelt mit Blut. Wütend verengte ich meine Augen zu Schlitzen, doch er achtete gar nicht auf mich, sondern er schaute an mir vorbei. James` Anblick schien seine Laune erheblich zu steigern. Breit grinste er und entblößte kleine, weiße Zähne.
„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie gut es tut dich so zu sehen, Jimmy.“ Hämisch lachte er auf. „Du bist jetzt schon halbtot und dabei war das erst der Anfang“, fügte er höhnisch hinzu und fixierte James´ verbundene Wunden.
„Deine Freundin war dir wohl eine große Hilfe“, stellte er unzufrieden fest. Er hatte anscheinend nicht damit gerechnet, dass ich einen Weg finden würde, um James zu helfen. Derweil kam der Typ näher. Ich blieb stehen und dachte nicht daran zurückzuweichen. Ich war der einzige Mensch, der James schützen konnte und dass würde ich auch tun.
„Ophelia wird aber nicht gerade begeistert sein, wenn sie erfährt, dass du ihre kostbare Kleidung beschmutzt und zerstört hast, um deinen Freund zu verbinden“, feixte er. Er wusste genau, zu was seine Kollegin fähig war und was mir blühte, wenn sie Wind davon bekam.
„Aber vielleicht sagst du es ihr auch selbst“, raunte er und umfasste mein rechtes Handgelenk. Er übte eine solche Kraft aus, dass ich glaubte, dass alle umliegenden Knochen brachen. Ich biss die Zähne zusammen und versuchte den aufkommenden Schmerz zu ignorieren. Der Typ zerrte mich von James weg. Egal, wie sehr ich mich auch bemühte, er schaffte es mich aus dem Raum zu bringen und die Tür zu schließen.
„NEIN“, kreischte ich und schlug wie eine Furie um mich. Ich musste zu James zurück. Ich musste doch auf ihn aufpassen.
Ununterbrochen trat und schlug ich nach dem rothaarigen Mann und versuchte ihn zu verletzen.
Meine Haare wirbelten wild durch die Luft und mein Puls raste.
„Hör auf!“, brüllte mein Gegner und wehrte dabei gekonnt meine Schläge ab. Für ihn war es ein Leichtes meine Arme zu packen, damit ich mich nicht mehr bewegen konnte. Ich wand mich in seinem Griff und schrie, bis mir die Luft ausging.
Aber all meine Gegenwehr half nichts. Der Typ schleppte mich weiter durch den Flur. Die Tür, hinter der sich James verbarg, verschwand aus meinem Blickfeld. Ich seufzte und ließ kraftlos meinen Kopf hängen. Ich hatte gekämpft und kläglich verloren. Vielleicht war es eben das letzte Mal gewesen, dass ich James gesehen hatte. Bittere Tränen stiegen in meine Augen und liefen meine Wangen hinab.
Der Rothaarige trug mich eine prächtige Treppe hinauf und brachte mich in ein großzügiges Zimmer. Dort ließ er mich los, sodass ich auf den edlen Parkettboden plumpste. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und verließ das Zimmer. Ich machte mir nicht die Mühe aufzustehen und zu versuchen die Tür zu öffnen. Diese war sowieso abgeschlossen, also blieb ich sitzen und schaute mich um.
Mir gegenüber lag ein überdimensionales Fenster, das beinahe die gesamte Wand einnahm. Links von mir stand ein Himmelbett aus weißem Holz. Ein hellblauer, feiner Stoff diente als Baldachin. Die restlichen Möbel waren ebenfalls hell gehalten. Ein überdimensionaler, prunkvoller Kronleuchter hing über meinem Kopf.
Alles in allem war die Einrichtung elegant und geschmackvoll, aber irgendwie war sie auch furchteinflößend. Ich konnte mir nicht erklären, woran das lag. Langsam stand ich auf und ging zum Fenster herüber. Draußen war es immer noch finster. Die Luft war schwer und stickig und ließ mich kaum atmen. Es roch nach Parfum und Nikotin.
Ich wandte mich ab und entdeckte neben dem Bett eine aufschiebbare Tür.
Ich schlich dorthin, öffnete sie und staunte nicht schlecht, als ich deckenhohe Regale entdeckte, die mit Kleidung angefüllt waren.
Ich sah Jacken in den verschiedensten Formen, mehrere Pelzmäntel, Jeanshosen und jede Menge Pullover und andere Oberteile. Im hinteren Teil des begehbaren Kleiderschrankes sah ich unzählige Handtaschen und High Heels in allen erdenklichen Farben. Eines hatten sie jedoch gemeinsam: eine knallrote Sohle.
Neugierig ging ich weiter und blieb vor einer Reihe von Kleidern stehen. Mit meinem rechten Zeigefinger fuhr ich vorsichtig über die verschiedenen Materialien. Jedes Kleid sah aufwendig und teuer aus. Ich traute mich eines von ihnen von der Kleiderstange zu nehmen. Ich hob es in die Höhe und betrachtete es eingehend. Es war ein kurzes, dunkelgrünes Kleid mit einem einzigen breiten Träger. Es war wunderschön.
„Dir scheinen meine Kleider zu gefallen“, flötete Ophelia triumphal. Blitzschnell wirbelte ich herum. Meine Miene fror ein, als ich sie lässig an den Türrahmen gelehnt sah.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media