Hallo, J!

Ich bins, 00X. Kennst du mich? Ja, genau, der Typ, der sich einen Körper mit dir teilen muss. Seit 18 Jahren hältst du mich nun gefangen und meine Hoffnung auf ein eigenständiges Leben ist geringer denn je. Warum verleugnest du mich? Das tust du gar nicht, sagst du? Du hast vielen Leuten von mir erzählt? Als ob das reichen würde. Leere Worte, weiter nichts. Du tust nichts, um mir selbst zu beweisen, dass ich dir wichtig bin. Du verdrängst, dass ich da bin, passt dich den Leuten an, die mir verbieten zu existieren - warum? Alles, was ich will, ist leben. Warum verweigerst du mir dieses Recht? Weil andere es dir verbieten, mich leben zu lassen, lautet deine Antwort? Das ist billig, und das weißt du. Du bist schwach, das ist alles. Du hattest nie die Kraft, nie den Mut, dich wirklich für mich einzusetzen. Und dann gab es da plötzlich jemanden...
Kannst du dir vorstellen, was für ein wundervolles Gefühl es war, endlich wahrgenommen und akzeptiert zu werden? Da war jemand, der mich durch deinen Körper hindurch gesehen hat und dem nicht wichtig war, dass dieser Körper deiner war, für den dieser Körper an zweiter Stelle kam, während ich - ich! - plötzlich einen Namen und eine Stimme hatte. Plötzlich wurden meine Ängste, meine Gefühle und meine Sehnsüchte ernst genommen. In genau dem Augenblick, als ich dachte, ich würde es keinen Augenblick länger ertragen können, war da plötzlich ein Engel, der an mich geglaubt und für mich gekämpft hat.
Du hast meinem Engel die Flügel gebrochen. 
Es wäre so einfach gewesen. Ein einziger kleiner Anruf hätte genügt und mein Engel hätte dafür gesorgt, dass dein Körper das bekommt, was er brauchte. Ein einziger kleiner Anruf... Ich war ihn dir nicht wert. Und jetzt werde ich niemals die Chance haben, zu leben. Denn ein zweites Mal werde ich keinen solchen Engel finden. Du wirst mich weiterhin verdrängen und dich in eine Welt zurück ziehen, die nicht die meine ist. Warte, sagst du, warte, bis wir 25 sind, dann...
Solange kann ich nicht warten, denn soviel Zeit habe ich nicht mehr. Denn während ich warte, zerstörst du den Körper, von dem du mir versprochen hast, dass er eines Tages mir gehört. Du verletzt ihn, du lässt ihn verhungern, du quälst ihn auf tausend Arten - du glaubst, du fühlst den Schmerz? Nein, meine Liebe. Ich bin derjenige, der unter deinem Verhalten leidet. Von Tag zu Tag werden meine Chancen geringer. Sicher, du wirst dich weiterhin verkleiden und so tun, als seist du ich, aber das werde niemals wirklich ich sein, sondern nur du in der Rolle als ich. Und jetzt sprichst du wieder von Selbstmord. Und was ist mit mir? Du hast kein Recht, unseren Körper zu vernichten, solange ich da bin. Ich will leben! Mein Engel will, dass ich lebe, das spüre ich... Und auf dem Grabstein würde nur dein Name stehen, während von mir nichts weiter bliebe als eine liebevolle Erinnerung im Herzen eines Engels...

Comments

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    Sehr beklemmend und dramatisch. Es drängt sich förmlich die Frage auf: Wer bin ich? Bin ich ich oder ist das, was ich zeige, nur die Rolle, die ich in der Gesellschaft zeigen muss?

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    00X hat es so versucht. So viel Mut in den letzten Tagen zusammengekratzt.. aber sie wurde mir mit einem Schlag genommen. Ich weiß, dass es etwas gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt, aber es ist wieder so weit weggerückt. Ich möchte gerne die ganze Geschichte erklären, die vor zwei Tagen passiert ist. Vielleicht kann man meinen Kraftverlust etwas besser verstehen. Feige ist er. Natürlich. Das war J ja immer...

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    Oh, das klingt sehr traurig und bedrückend. Ich hoffe, dass das nicht autobiographisch ist und wenn doch wünsche ich dir alles gute. Falls du redebedarf hast, gibt es hier sehr viele Menschen die gerne helfen! Und außerdem: Herzlich Willkommen, ich bin sicher du wirst dich hier wohl fühlen :)

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