Briefe

„Was soll das heißen, du willst zurück nach Astila?“, Tanis hatte beide Brauen so weit gehoben, das Lad dachte, sie müssten demnächst seinen Haaransatz passieren, „Du bist doch erst hier angekommen und wir haben kaum Zeit miteinander verbracht.“
Langsam legte der die Feder nieder, die in dem Augenblick, da Lad ihm seine Pläne offenbarte, in der Luft über dem Pergament schwebte. Nie hätte er gedacht, dass seine Nichte es so eilig haben würde, wieder zu verschwinden. Ihr Geburtsland zu verlassen, um dahin zu gehen, woher auch immer sie vorher gekommen war. Er schüttelte leicht den Kopf. Nicht, dass es ihn nicht interessieren würde, wo sie überall war, doch er hätte gehofft, dass sie länger als nur wenige Mondzyklen oder Monate, wie sie es nannte, verblieb. Tanis war erstaunt gewesen, als einer seiner Diener ihre Ankunft in Narth’Mahat an diesem Vormittag verkündete. Er hatte angenommen, sie werde sich zu ihrer Mutter begeben und hätte sich lediglich in der Tür geirrt. Stattdessen saß sie nun ihm gegenüber auf einem gepolsterten Stuhl mit kunstvoll geschnitzter Lehne und hatte gewartet, bis er den dringlichsten Teil seiner Arbeit erledigt hatte. Der Raum, in dem der König von Aurenien seine Geschäfte abwickelte, war schlicht gehalten und dennoch stilvoll. Große Fenster zu beiden Seiten des Raumes spendete ausreichend Licht für jegliche Tätigkeit auf dem Eichenholztisch, dessen Fußbeine geschnitzt waren wie die Pranken eines Wolfes. Passend zu Tanis’ Seelenbegleiter. Die polierte Oberfläche des Tisches verschwand unter einer Flut von Pergament, Schriftrollen und Büchern. Auf einem Stapel thronte ein Tintenfass, während der Eigentümer der dazugehörigen Feder seinerseits auf einem Stuhl saß, der Lads glich: stabil gebaut und ein bordeauxroter Bezug spannte sich über den Polster von Sitz und verzierte Lehne. Da Tanis nicht mit Besuch gerechnet hatte, trug er an diesem Tag eine einfache rote Robe mit goldenen Borten an Kragen und Ärmeln, die in der Mitte des Oberarms endeten. Darunter lugte ein eng anliegendes dunkelblaues Hemd hevor, das er an den Unterarmen aufgekrempelt hatte, damit es ihn bei der Arbeit weniger störte. Hinter ihm hing an der Wand ein Teppich, der das Wappen Aureniens und seiner Schutzgottheit der Aura trug. Neben diesem fanden sich zu beiden Seiten kleinere Wandbehänge, auf denen Lad einen mit goldenem Faden gestickten Adler und auf dem anderen einen Drachen sah. Die Augen und Krallen der Tiere waren aus Bernstein und Topas.
„Abgesehen von der am Schiff“, murmelte Lad und wich seinem Blick aus. Laut entgegnete sie: „Hattest du nie Heimweh auf all den Reisen, die du gemacht hast? Oder die Sorge, dass hier etwas Wichtiges geschehen könnte, während du fort bist? Du bist der König. Etwas mehr Fürsorge für dein Land hätte ich dir schon zugetraut.“ Unruhig wetzte sie auf dem Stuhl herum. Sie hatte nach dem Gespräch mit Nyal und Liadan ihre Mutter in die Königsstadt begleitet, da diese darauf bestand, alles mit Tanis zu bereden. Vermutlich hatte Nyal sich genau das erhofft, was Tanis nun tat: Versuchen sie umzustimmen und zum Bleiben zu bewegen. Lad seufzte leise und hob den Kopf, um ihrem Onkel fest in die Augen zu blicken: „Merenwen und Xantha sind mir eben wichtig. Sie sind meine Familie.“
„Deine Familie ist auch hier und wir haben dich eben erst wiedergefunden. Willst du deiner Mutter das Herz brechen, in dem du erneut auf diese gefährliche Reise gehst?“, seine Stimme klang besorgt und eindringlich. Es war ihm auch nicht recht, dass Lad fortgehen wollte. Seine sonst glatte Stirn legte sich in nachdenkliche Falten, die von dem breiten goldbestickten Band, das seinen Kopf umschlang, nur mäßig verdeckt wurden. Im Geiste überschlug er erneut, wie lange Lad eigentlich schon hier war. Mit einem tiefen Seufzen verschloss er das Tintenfass. Lad konnte Flecken an seinen Fingern ausmachen und ihr Gesicht verzog sich zu einem unwillkürlichen Grinsen. Im Spätsommer erst war sie angereist. Es waren seither vier Monde vergangen. Sein erster Eindruck von ihr bewahrheitete sich damit. Sie war ein wahrlich unstetes Wesen, stets auf der Suche, getrieben von einem inneren Drang. Doch was suchte sie? Er suchte ihre Züge nach einer Antwort ab, doch die grauen Augen verrieten ihm nichts.
Lad schluckte schwer und ihr Körper versteifte sich, als sie seinen musternden Blick auf sich ruhen fühlte. Sie verspürte das Bedürfnis, ihm erneut auszuweichen. Er durfte nicht in ihr Innerstes sehen. Seit der Schlacht, die kurz nach ihrem Eintreffen stattgefunden hatte, hatte sie Angst. Angst davor, dass alles ans Licht kam, was sie ihnen nicht sagen wollte. Nicht sagen konnte. Sie rang sich ein Lächeln ab: „Liebster Onkel, meine Mutter wird nicht an einem gebrochenen Herzen sterben. Ich kann verstehen, welche Sorgen sie sich macht, wenn Liadan als Soldatin dient und ich denke, sie hat sich vielleicht erhofft, ich wäre anders. Ruhiger und gewissenhafter, aber ich bin niemand, der lange an einem Ort verbleibt. Ich kehre lediglich immer wieder zurück. Wenn ihr mich wirklich so sehr liebt, wie ihr es sagt, dann solltet ihr mich ziehen lassen.“
Nun war es an Tanis schwer zu schlucken und mit einem Nicken zu sagen: „Du hast Recht. Wir sind die Letzten, die dir etwas vorschreiben sollten. Du warst wohl dein Leben lang auf Reisen, nicht wahr? Ich hoffte, so wie Nyal auch, dass Aurenien schnell dein Zuhause werden würde, aber du hast bereits eines in der Ferne. Vielleicht kannst du Nyal auch irgendwann dazu bewegen, dorthin zu kommen, damit sie sieht, dass es dir dort gut geht. Wo immer dort auch sein mag.“
„Der Ort nennt sich Telrúnya. Es ist ein Schloss mit einem See und einem dichten Wald in der Nähe. Sie sollte im Sommer kommen, wenn sie denn möchte. Dann ist das Wasser des Sees wärmer“, Lad sprach mit Erleichterung in der Stimme. Er verstand sie also doch.
„Ich hoffe diesen Ort eines Tages mit eigenen Augen sehen zu dürfen. Es klingt paradiesisch. In welchem Land befindet er sich?“, Tanis lehnte sich entspannter zurück und betrachtete sie. Noch immer wirkte sie nervös, jedoch auch erleichterter. Ihre Finger spielten entweder nervös miteinander oder klammerten sich Halt suchend an die Seiten des Stuhls. Ihr langes dunkles Haar, dem seines Schwagers und Jugendfreundes nicht unähnlich, fiel in einen langen Zopf gezwungen über ihre Schulter. Einzelne Strähnen lösten sich bereits wieder aus diesem und waren so unbändig wie sie selbst.
„Es liegt an der Grenze von Astila in Richtung der Drachengebirge“, antwortete sie ihm und ließ den Blick, direkten Kontakt mit seinen Augen vermeidend, über die Buchrücken am Tisch wandern, „Der Hafen liegt nicht weit von dort, da das Land an dieser Seite nicht dieselbe Fläche aufweist wie anderswo. Grund dafür ist das Gebirge und auch der Fluss, der dort entspring und das Land von den Sumpflanden trennt. Wir, Merenwen, Xantha und ich, haben die Vermutung, dass auch der See des Schlosses von diesem Fluss gespeist wird. Vielleicht durch einen unterirdischen Zufluss.“
„Vielleicht ist es mir möglich bei meinem nächsten Aufenthalt in Florea einen Ausflug zu deinem Zuhause zu machen. Dann könnte ich mir selbst ein Bild davon machen und vielleicht finden wir gemeinsam den Zufluss“, schmunzelte Tanis und horchte auf, als ein Klopfen an der Tür hinter Lad erklang. Kurz darauf schob ein Diener des Palastes in seiner typischen grünen Uniform den Kopf durch den Spalt.
„Ich bitte um Verzeihung, mein König, aber der Erzmagier Nysander hat mich gebeten, Euch zu bitten, dass Ihr zu ihm kommen möget“, beeilte er sich zu sagen, den Blick mehr Richtung Boden gewandt als auf seinen König, der die frisch bearbeitete Pergamentrolle zusammendrehte und sich erhob.
„Dann sollte ich ihn wohl nicht warten lassen. Vielen Dank“, erklärte er an den Diener gewandt, der sich daraufhin wieder entfernte und wandte sich seiner Nichte zu, „Ich fürchte, wir müssen unser Gespräch ein andermal fortsetzen, meine Liebe. Mehr Zeit finden wir sicherlich beim alljährlichen Fest der Lichter. Du kommst doch, oder? Es ist ein großes Ereignis und womöglich wird halb Aurenien vor meinem Palast kampieren und die Stadt mit ihrem Gelächter erfüllen.“
„Das Fest der Lichter?“, Lad war aufgesprungen und folgte ihm. Amüsiert bemerkte Tanis, dass sie Hosen unter einem Leinenhemd trug, das ihr bis zu den Knien schlotterte und um die Taille mit einem breiten Gürtel zusammengehalten wurde. Er konnte sich nicht vorstellen, dass seine Schwester oder Liadan sie gern so hatten gehen lassen. Er legte sanft eine Hand an ihren Rücken und geleitete sie so durch den langen Gang des Palastes, während er fortfuhr: „Der Höhepunkt des Winters und zeitgleich ein Fest in der Hoffnung auf sein baldiges Ende. Es werden überall Girlanden hängen und Lichter brennen. Hier im Palast wird ein Ball veranstaltet werden mit erlesenen Speisen, Tanz und Gesang. Es wird dir gefallen, da bin ich mir sicher.“ Bei den letzten Worten zwinkerte er ihr aufmunternd zu, denn er hätte schwöre können, dass sie beim Wort „Ball“ noch eine Spur blasser um die Nase geworden war.
„Ich... denke, ich werde keine andere Wahl haben, als zu erscheinen“, brachte sie mit einem tapferen Lächeln hervor. Sie waren am Tor angekommen, an dem sich ihre Wege trennten. „Grüß Nysander von mir, bitte. Ich habe ihn seit dem Angriff nicht mehr gesehen und hoffe, er ist wohlauf“, Lad strich sich nachdenklich über den Zopf und hob den Kopf kurz, um ihrem Onkel in die Augen zu sehen und zu Nicken, bevor sie den Weg über den Hof in einen anderen Teil des Palastes einschlug und er in die entgegengesetzte Richtung wanderte.

Später an diesem Tag wanderte Lad durch den verschneiten Garten des Palastes. Die kühle Luft tat ihr gut und half ihr, die Gedanken zu sortieren. Ihr Magen knurrte und sie wusste, es war nicht nur der Hunger, der sie trieb. Es war noch etwas Anderes. Unwillkürlich strich sie über ihren Bauch und wurde jäh aus den Gedanken gerissen, als Nyals Stimme erklang: „Ist alles in Ordnung, mein Schatz?“ Sie blickte auf und sah die blonde Fai auf sie zueilen. Sie trug den dicken Mantel, den sie auch auf dem Ritt hierher um die Schultern gelegt hatte und darunter das feine Kleid. Ihre Eleganz erinnerte Lad manches Mal an Merenwens Art, doch dachte sie, war es wohl kaum der Fall, dass eine Frau wie Nyal sich die Hände an Gartenarbeit schmutzig machen würde. Sie schien viel zu zerbrechlich, als das sie dafür geeignet war. Merenwen dagegen legte sich stets ins Zeug und gab alles, wenn es darum ging, den Blumengarten, insbesondere die Rosen, die sie über alles liebte, in Ordnung zu halten. Nicht selten waren alle drei Freundinnen am Ende des Tages mit Jubelrufen in den See gesprungen, um die Erde abzuwaschen.
Sie schenkte ihrer Mutter ein sanftes Lächeln: „Mir geht es gut. Ich bin nur ein wenig in Gedanken versunken.“
„Du freust dich auf deine Freunde, nehme ich an“, Nyal kam knapp vor ihr zum Stehen. Ihre Augen suchten im Gesicht ihrer Tochter nach einer Antwort, die ihr Herz seit ihrem Wiedersehen in Spannung hielt. Nein, eigentlich seit dem Tag, an dem sie Lad hergeben musste. Konnte dieses Mädchen, das Lad für sie noch war, sie, ihre Mutter, so lieben wie ein Kind es tat, obwohl das Schicksal sie für eine so lange Zeit auseinander gerissen hatte? Ihre Stirn legte sich in nachdenkliche Falten und sie streckte die Hand aus, um Lad über die Wange zu streichen. Diese ließ es geschehen, zeigte aber kaum eine andere Regung. Sie schien bereits jetzt wieder so weit entfernt zu sein, wie sie es die letzten Jahrzehnte über war.
„Ich habe ein wenig Heimweh, glaube ich. Ich bin mir nicht sicher“, erwiderte Lad und schloss die Augen halb, als sie Nyals warme Hand an der Wange spürte, „Ich war meistens unterwegs und nachdem ich Aurenien verlassen habe, war ich nirgendwo richtig Zuhause. Nun definiere ich es mehr damit, dass Zuhause dort ist, wo Menschen sind, die mir viel bedeuten. Merenwen, Xantha und Edwin sind meine Familie geworden. Ebenso mein Meister.“
„Dein Meister?“, Nyal ließ ihre Hand über Lads Haar wandern. Es fühlte sich an wie das von Khirani, der ihr so sehr fehlte. Sie wünschte, er wäre hier, um seine Tochter in den Arm schließen zu können.
„Mein... Lehrmeister. Ich lebte eine Weile bei ihm und lernte allerlei Dinge. Er ist ein weiser Mann“, Lad wich dem forschenden Blick der Mutter aus. Sie wusste, dass sie sich eben verplappert hatte und noch war sie nicht bereit mehr davon zu erzählen. Dafür schien ihr ihre Bindung zu jung, zu frisch und zu verletzlich. Wie ein filigranes Band, das beim bloßen Antippen Risse bekommen könnte.
„Ich möchte dir etwas zeigen“, Nyal fasste sie bei der Hand und lotste sie durch den verschneiten Garten. Ihr Weg führte sie in zum Palast zurück, bog jedoch in eines der Nebengebäude ab und führte sie dort durch die langen Hallen, die mit Portraits der Ahnen geschmückt waren. Vor einer großen Tür hielten sie schließlich und Nyal warf einen unsicheren Blick auf ihre Tochter, ehe sie die Tür ein wenig zögerlich öffnete. Die Räume, die hinter dieser Tür lagen, hatte sie nach dem schrecklichen Zwischenfall nach Lads Geburt lange nicht mehr betreten. Teils aus dem Grund, dass sie eine Weile in Carrakas lebten, bis sich die Lage entspannt hatte, teils, weil zu viel Schmerz für sie an diesem Ort verwurzelt war. Es waren die Räume, in denen Nysander sie über das Schicksal ihrer Tochter Liadan und vielleicht auch Lads, aufgeklärt hatte. Die Räume, in die Tanis polternd durch die Tür kam und sie vor einem Anschlag warnte. Nyal schluckte schwer und Lad fühlte, wie sie ihre Hand ein wenig fester drückte. Es waren so viele Jahre, so viele Menschenleben, vergangen, seit Lad das letzte Mal in diesen Gemächern stand. Hier, wo die gemütlichen Stühle ihrer Eltern waren, ihr erstes Bett und ihre ersten Spielsachen.
„Du wurdest hier geboren“, flüsterte Nyal und blickte sie mit feuchten Augen an, „Das hier war unser Zuhause und es hätte auch deines sein sollen. Ich habe immer gehofft, dass ich dich eines Tages wiederbekomme. Dass du all die Dinge siehst, die wir für dich vorbereitet haben, seit dem Tag, an dem wir wussten, dass du kommen würdest.“
Sie zog Lad sanft in den Raum und diese blickte sich neugierig um. Direkt ehrfürchtig waren ihre Schritte und sie streckte ihre freie Hand aus, um den Tisch zu berühren, an dem Nyal und Khirani einst saßen und der seit Khiranis Verschwinden nur mehr von Nyal genutzt wurde.
Die Vorstellung, dass sie in diesem Raum hier aufwachsen hätte können, erfreut und schmerzte sie zugleich. Schmerzte, weil es nicht der Fall gewesen war. Lad hatte bei Astra gewohnt in Sideral. Es schmerzte sie auch, weil sie wusste, wenn es anders gewesen wäre, wäre sie nicht die, die sie ist und sie hätte auch niemals Xantha oder Merenwen, geschweige denn ihre anderen Freunde, die der Fluss der Zeit längst von ihr gerissen hatte, kennengelernt. Stattdessen hätte sie Eltern gehabt und eine Schwester. Vielleicht wäre sie Gesandte des Hofes geworden oder Soldatin wie Liadan. Nyal betrachtete ihre jüngste Tochter nachdenklich.
„Möchtest du dein Zimmer sehen?“, fragte sie leise und zog sie mit sich, als Lad ein leichtes Nicken zustande brachte. Sie öffnete eine Tür, die in den Nebenraum führte. Es war ein Raum, in dem die Zeit still stand. Nyal hatte es nie übers Herz gebracht diesen zu verändern. Liadan war, als sie aus Carrakas zurückkehrten nach Narth'Mahat schon viel zu groß gewesen für all die Dinge hier und hatte ein anderes Zimmer bezogen. So waren die Kinderbetten stehen geblieben und die große Wiege, in der die kleine Lad einst Ruhe gefunden hatte, für eine viel zu kurze Zeit.
Nyal ließ die Hand ihrer Tochter los, um zu den großen Fenster zu gehen und die staubigen Vorhänge beiseite zu ziehen. Zum ersten Mal nach all der Zeit erfüllte Licht den Raum und offenbarte allerlei Dinge, begraben unter einer dicken Staubschicht.
Lads Augen füllten sich mit heißen Tränen, als sie sah, wie liebevoll das Zimmer hergerichtet war. Ihre Wiege mit dem großen Kissen und der bestickten Decke. Sie trug ihre Initialen und das Wappen Aureniens. Sie spürte die Vorfreude, die ihre Familie gehabt hatte, als sie den Raum einrichteten. Die Hoffnungen, das Lachen. Ein Willkommensschild hing an der Wand über der Wiege. Khirani hatte es wohl geschrieben und Liadan hatte ihre Handabdrücke und Gekritzel darauf hinterlassen. Lad schmunzelte über die kleinen, ungeschickten Hände, die am Banner klebten.
Spielzeug aus Holz und Stoff lag auf den Betten und am Boden. In einem Schrank lag Gewand in Kindergrößen. Kleidchen und Hosen und Schuhe.
Während sie noch alles betrachtete, spürte sie, wie ihre Knie weich wurden und sie langsam dem Drang nachgab, sich niederzulassen. Alles hätte anders werden können. Tränen liefen über ihre Wangen und sie schluckte immer wieder schwer. Presste schließlich die Faust an ihre zitternden Lippen.
Sie spürte Nyals Umarmung, als die so elegante Frau sich hinter sie kniete und ihr Kind in die Arme zog. Auch ihr Körper wurde vom Weinen geschüttelt. „Ich habe mir immer gewünscht, dass ich aufwache und du dann hier bist. Dass alles nur ein furchtbarer Alptraum war. Ich wollte dich so gerne holen, aber Khirani und Tanis waren der Meinung, es sei zu gefährlich. Zu riskant, dass du wieder bei uns bist. Sie vermuteten Spione im Palast, die auch den Skalanern von deiner Geburt verrieten und zogen es vor, dass du fern von uns aufwächst“, flüsterte Nyal stockend an ihr Ohr, „Wir haben oft über dich gesprochen. Ich machte mir solche Sorgen. Ich habe Astra vertraut und wusste, sie würde dir all ihre Liebe schenken, aber es brach mir das Herz, dich herzugeben, meine kleine Lad.“
Instinktiv drehte Lad sich in den Armen, die sie hielten, um und vergrub ihr Gesicht in den blonden Haaren der Mutter, wo sie ihren Tränen nun freien Lauf ließ. „Es tut mir leid!“, ihre Stimme war ein Schluchzen, „Es tut mir so leid, Mama. Ich habe immer gedacht, ihr habt mich nicht gewollt. Vielleicht hätten sie es mir bald gesagt, wenn ich älter gewesen wäre oder die Lage anders. Ich war wütend auf dich, weil ich dachte, du hättest mich nicht geliebt.“
Nyal löste die Umarmung und umfasste Lads Schultern, um sie mit einem festen Blick zu bedenken: „Ich liebe dich seit deiner Geburt, mein Liebes. Nein, seit vor deiner Geburt. Seit dem Tag, an dem sich mein Bauch wölbte und ich wusste, dass du da bist. Jede Stunde meines Lebens habe ich dich behütet, habe dich deinem Vater und deiner Schwester vorgestellt und wir freuten uns so sehr auf dich. Du warst das letzte Stück, das unser großes Glück vollkommen machte. Ich habe mir nie verziehen, dass ich dich hergeben musste. Auch jetzt nicht, da ich dich wieder habe.“ Sie fasste liebevoll Lads Gesicht und streichelte mit den Fingern über die tränennassen Wangen. „Du bist so schön und groß geworden, mein Schatz“, flüsterte sie, „Komm. Ich will dir etwas zeigen, damit du meinen Worten glauben schenkst. Es ist mein Geheimnis, unseres, in wenigen Minuten.“ Nyal fasste die Hände ihrer Tochter und zog sie mit sich auf die Beine.
Lad folgte ihr, schwer schluckend und sich die Tränen fortwischend. Die Worte Nyals bohrten sich so sehr in ihr Herz und erfüllten es mit einer noch nicht gekannten Wärme.
Nyal führte sie zu dem kleinen Tisch des Zimmers. Es war der einzige Platz, der nicht mit einer Staubschicht bedeckt war, sondern aussah, als würde immer wieder jemand daran sitzen. Sie holte einen Schlüssel hervor, der an einer Kette um ihren Hals gehangen hatte und bückte sich, um eine verborgene Schublade zu öffnen, eine jadegrüne Kasette zu entnehmen und diese aufzusperren.
„Nicht einmal meine Liadan weiß, was ich getan habe. Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht und Astra war meine beste Freundin und Vertraute, auch wenn wir nicht vom gleichen Stand waren. Ihre Familie hat seit Generationen im Palast gedient und meine... Nun, du weißt es ja selbst. Du bist die Nichte des Königs“, erklärte Nyal rasch und öffnete die Kasette. Sie war aus Holz mit kunstvollen goldenen Beschlägen. Darin kamen Briefe zum Vorschein. Fein säuberlich beschrieben. Nyal hielt sie Lad hin, die zögerlich das oberste Blatt herausnahm. Ihre grauen Augen überflogen die Zeilen. Es waren Briefe von Astra, als diese noch lebte. Briefe, die erzählten, wie Lad heranwuchs, was sie tat, wie ihr Lachen war, ihr Wesen. Sie hatte ihr darin den Namen Lys gegeben und die Briefe an Yashel addressiert. Geschrieben wie eine stolze Mutter, die ihrer besten Freundin vom Heranwachsen ihres Kindes erzählte. Astra hatte jede Kleinigkeit beschrieben und Lads Augen tränten. Sie schniefte und ergriff einen weiteren Brief. Auch hier ging es nur um sie und dass sie sich bemühte, eine gute Mutter zu sein, aber hoffte, dass Nyal eines Tages ihre kleine Tochter wiedersehen konnte.
„Khirani durfte nicht wissen, dass ich mit Astra Kontakt hielt. Ich weiß, es war ein sehr hohes Risiko damit verbunden, doch ich war bereit, dieses einzugehen. Astra und ich hatten früher einen gemeinsamen geheimen Ort und auf kleinen Ausflügen sah ich bei unserem Versteck vorbei und fand diese Briefe. Ich wusste sofort, von wem sie waren. Ich erkenne doch die Handschrift meiner liebsten Freundin“, Nyals Stimme klang belegt, von Gefühlen beschwert, „Ich wollte doch wissen, wie es meinem Mädchen geht. Dass du glücklich bist und so frei aufwachsen konntest, wie nur möglich.“
Lad riss sich vom Brief los und suchte Halt in den Augen ihrer Mutter, die ihren eigenen und denen Liadans gleichten. „Ich schäme mich direkt, dass ich glaubte, ihr hättet... ihr wolltet mich...“, stammelte sie und ein Damm, der in den letzten Augenblicken immer mehr Risse bekommen hatte, brach in ihr. Eine Flut von Gefühlen übermannte sie und spülte den Schmerz und all ihre letzten Zweifel fort, die sie gehegt hatte. Es waren nicht nur leere Worte gewesen. Es waren Tatsachen. Nyal war ihre Mutter. Sie hatte sie immer geliebt.
Nyal drückte ihre von Schluchzern geschüttelte Tochter eng an sich. „Du brauchst dich nicht zu schämen. Du wusstest es nicht und Astra konnte dir die Wahrheit nicht sagen. Alles, was wir taten, geschah, um dich zu schützen“, flüsterte sie und streichelte über das dunkle Haar Lads. Ein Schmunzeln erhellte ihre Züge. Die Umarmung fühlte sich wahrhaftiger an, als alle zuvor und sie merkte, dass Lad nun endlich wirklich Zuhause angekommen war.
Auch Lad merkte das. Natürlich tat sie es. Sie weinte so sehr wie seit Jahren nicht mehr. Auch am Tag, an dem sie Nyal zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie nicht so geweint. Sie war ihr so fremd, so distanziert, vorgekommen und nun merkte sie, wie viel Schmerz ihre Mutter gehabt hatte und ahnte, wie weh es ihr getan haben musste, als sie erfuhr, dass Astra tot war.

Comments

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    Ich kann mich Felix nur anschliessen ein wunderbares Kapitel, das einem wirklich zu Tränen rührt!!

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    Du hast mich zu Tränen gerührt. Ein herausrgendes Kapitel und so tiefgründig wie rührend. Danke Kathy.

beta
Fairy Dust

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