"Bring mich nach Hause"(M)

Grace‘ Sicht:



Ich stand an der Türschwelle und wartete. Wartete, dass mir jemand sagte, dass es nur ein fürchterlich tiefer Witz war. Das ich nicht weg musste. Hier bleiben konnte. Bei Thomas. Bei Tante Susanne. Dass ich Einzelkind bleibe. Ich wollte noch nie Geschwister haben. Noch nie. Und jetzt… was sollte das werden? Meine Mutter ist fast 41, verdammt! Sie will mit 41 noch ein Kind?! Ich konnte nicht anders als auf die Knie zu fallen und zu weinen. Ich weinte, weil ich Tom verlassen musste, weinte weil ich kein Einzelkind mehr bin, weinte weil ich einen Mord miterlebte, weinte weil ich weinen wollte. Thomas stand auf und half mir aufs Bett. Ich wischte mir die Tränen weg, damit ich den neuen Platz schaffte. So war es. „Grace. “ Er wog mich in seinen Armen, doch das machte es nur schlimmer. Ich zitterte heftig und stieß ihn von mir weg. „Bring mich nach Hause.“ Er nickte und ließ mich los. Ein Vorabschied. Mit all meiner noch vorhandenen Kraft, bürstete ich meine dunklen, augenscheinlich blass gewordenen Haare und strich meine Kleider glatt. Ob Tante Susanne schon davon weiß? Ich schüttelte unmerklich den Kopf. Natürlich wusste sie das und war wahrscheinlich gerade dabei, meine Sachen zu packen und den Flug zu buchen. Ich seufzte laut. „Bereit?“ Thomas war schon an der Haustür, in der rechten die Türklinke und in der linken die Schlüssel. Ich nickte. Das ist wahrscheinlich das letzte Mal, dass ich hier bin. „Vale, mi amor“, flüsterte ich. Der Satz war an Thomas.



In der Auffahrt blieb Thomas‘ Auto stehen. „Du kommst mit rein.“, sagte ich und machte die Beifahrertür auf. „Grace?“ Ich lehnte mich zurück und atmete tief ein. Die Spätsommer- Luft füllte den Raum und Frische verbreitete sich. „Ich liebe dich.“ Thomas sah tief in meine Augen und griff nach meiner Hand. Ich hob sie zu meinen Lippen und küsste seinen Handrücken. „Ich weiß“ Ich stieg aus und wartet bis Tom bei mir war. Zusammen stiegen wir die Paar Treppen hinauf und ich zog meinen Haustürschlüssel hervor. Ich sperrte auf. „Tante Susanne?“, rief ich. „Ich bin hier.“ Susanne saß an einem der Hocker in der Küche und trank aus einem Becher. „Hallo.“, sagte ich mit piepsiger Stimme und zog meine Sandalen aus. Sie hat geweint, war mein erster Gedanken und hätte auch sofort anfangen können, tat es aber nicht. Thomas folgte mir zu Susanne. Gedankenverloren starrte sie in ihren Becher. „Marcus meinte, ich sollte es dir erzählen.“ Immer noch, wie hypnotisiert richtete sie den Blick auf mich. Ihre Augen sprachen nicht zu mir. „Er hat mir schon von… Stephanie richtig?... erzählt.“ Ich zog einen der Hocker zu mir und setzte mich. Tom blieb wo er war. „Grace. Da gibt es noch etwas.“ Ich runzelte die Stirn. „Noch etwas?“ Sie nickte stumm und es herrschte Stille. Nervös kaute ich an meiner Lippe. „Mum… ist tot.“ Schlagartig riss ich die Augen auf. „Nein. Nein… das… das kann nicht… NEIN!“ Ich stieß mich aus dem Hocker und hielt mich an beiden Kanten des Tisches fest. Ich hörte wie Thomas nach Luft schnappte. Hysterisch schrie ich: „Nein! Das darf nicht sein! DU LÜGST!“ Verleugnung. Mit einem Mal wird mir klar, dass es die Realität ist. Egal wie surreal es auch scheinen mochte. „Grace…“ Thomas Stimme bebte. „Nein!“ Ich kniff die Augen zu und heiße Brocken von Tränen stürzten auf die Tischplatte. Ich knallte meinen Kopf dagegen und schrie. Thomas- oder Susanne- versuchte mich daran zu hindern, noch ein zweites Mal mit der Stirn dagegen zu stoßen aber ich ließ es nicht zu. Meine Nägel grubben sich in den Arm von Tom- oder Susanne- und ein Stöhnen wurde hörbar. Der Arm wurde weggezogen. „Haut ab! Geht weg, verdammt!“, kreischte ich und blickte auf. Meine Augen konnten alles verschwommen erkennen. Thomas hielt sich an seinem Arm fest und meine Tante starrte mich schockiert an. Mit einer schnellen Bewegung brachte ich den Hocker zum Fall. Er fiel laut um. Tot, dachte ich. „Geht.“ Meine Stimme klang nun beherrschter und ich wies mit der Hand zum Ausgang. „Wir wollen dir doch nur…“, Thomas kam auf mich zu. Sein Arm blutete. „GEHT!“ Ich wich ihm aus und krallte mich an den Tisch. „Ich bitte dich!“ „GEHT! JETZT!“, ich hatte ihn noch nie SO heftig angeschrien. Im selben Moment tat es mir leid. „Bitte.“ Brachte ich noch heraus. Tante Susanne nahm Thomas am unverletzten Arm und zerrte ihn weg. Tom sah mich mit flehendem Blicke an, doch ich war die Ruhe selbst und schaffte es sogar, ihm die ganze Zeit in die Augen zu blicken.

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