Bruder und Schwester

Mika stand neben Kruls Thron, die Vampirkönigin saß auf eben jenem. Der blonde Vampir hatte keine Ahnung, warum Krul ihn und seinen Bruder zu sich gerufen hatte. Er hatte kein Wort aus seiner Freundin herausbekommen und auch ihr Gesichtsausdruck sagte nichts über ihre Stimmung aus. Wenn Mika raten müsste, würde er sagen, dass sie angespannt und dennoch hoffnungsvoll war. Ernst und dennoch erfreut. Es ergab keinen Sinn und so hoffte er, dass sie bald ein paar Antworten liefern würde. "Du hast mich rufen lassen?", fragte Yuu und verbeugte sich leicht vor der Vampirkönigin. Mika sah seinen Bruder beeindruckt an. Er benahm sich um einiges besser, als beim letzten Mal. "In der Tat Yuu. Omnix hier hat eine wichtige Entdeckung gemacht. Nun ja, für mich persönlich sehr wichtig", sprach Krul und hörte sich dabei sehr formell an. "Hast du dein Schwert dabei?" Yuu nickte und löste die Klinge samt Scheide von seinem Gürtel. Das Mädchen sah das Schwert mit leuchtenden Augen an, wie ein Kind, das zu Weihnachten ein Geschenk bekam. "O-Omnix, warum erzählst du Mika und Yuu nicht, was du gefunden hast?", schlug sie vor und Mika sah sie überrascht an. Krul konnte plötzlich nicht mehr ohne zu stottern sprechen. Omnix hingegen, der bis jetzt nur über Kruls Thron geschwebt hatte, neigte den Kopf und fuhr an ihrer Stelle fort. "Yuu, für dich ist das sicherlich neu, aber Mika du weißt es schon. Krul ist schon seit Ewigkeiten auf der Suche nach ihrem verschollenen Bruder. Er wurde, wie sie, vom ersten Ahnen in einen Vampir verwandelt, doch kurz darauf verschwand er und niemand wusste, was mit ihm geschah." Mika nickte. Krul hatte ihm vor einigen Monaten davon erzählt und es auch neulich wieder erwähnt, als sie den Sternschnuppenschauer angesehen hatten. Sein Bruder nickte als Zeichen, dass er bis jetzt alles verstanden hatte. "Wie ihr vielleicht, oder vielleicht auch nicht wisst, wird ein Vampir zu einem Dämon, wenn er verdurstet. Er verliert seine physische Gestalt, verfällt der Mordlust und dem Wahnsinn und vergisst, wer er einst war. Dasselbe ist auch Kruls Bruder vor einem Jahrtausend und einigen Jahrhunderten zugestoßen." Yuu blickte den Reinkarnitor an und an seinem Blick konnte man sehen, dass er langsam verstand, was Omnix ihnen mitteilen wollte. "Du meinst…du meinst, dass Kruls Bruder in meiner Klinge ist?", fragte er überrascht. "Ich meine nicht nur, ich weiß es mit absoluter Sicherheit. Asuramaru, oder besser gesagt Ashera Tepes, verbrachte einige Jahrhunderte ohne physische Gestalt, bis er sich schließlich vor kurzem in deiner Klinge wieder manifestierte." Yuu blickte fassungslos auf sein Schwert, welches er immer noch in der Hand hielt. Mika, der genauso überrascht wie sein Bruder war, tat es ihm gleich. Krul schaltete sich nun wieder ein. "Yuu, ich bitte höflichst um deine Erlaubnis, dein Schwert nutzen zu dürfen, um wieder Kontakt zu meinem Bruder aufnehmen zu können", meinte sie und sah ihn erwartungsvoll an. Yuu löste seinen Blick von dem Schwert und sah zu der Vampirkönigin. "Machst du Witze?", fragte er und das Mädchen zuckte zusammen. Mika sah einen Bruder überrascht an. Würde er ihr wirklich seine Hilfe verweigern. "Ich habe gefragt, ob das ein Scherz sein soll", wiederholte Yuu seine Frage. Krul wusste offensichtlich nicht, was sie darauf antworten sollte. "Ich…naja…Yuu, bitte ich brauche deine Hilfe…ich…ich gebe dir alles was du willst", stotterte sie. Mika hatte seine Freundin nur selten so sprachlos und nach Worten suchend gesehen, wie jetzt gerade. Yuu schüttelte den Kopf. "Das meinte ich doch gar nicht", beruhigte er sie und die beiden Vampire sahen den schwarzhaarigen Jungen erstaunt an. "Was ich meinte war, warum du mich so formell fragen musstest. Natürlich helfe ich dir, das ist doch überhaupt keine Frage! Du gehörst zur Familie!" Krul sah ihn fassungslos an. "Meinst du das ernst?", fragte sie ihn und er lächelte sie an. "Todernst", antwortete er ihr. Mika atmete erleichtert auf. Im ersten Moment hatte er schon gedacht, dass Yuu sie abblitzen lassen würde. Und obwohl er erleichtert war wunderte es ihn etwas, dass sein Bruder Krul inzwischen schon so behandelte, als würde sie wirklich zu seiner Familie gehören.
"Ich warne euch. Diese Prozedur ist gefährlich und waghalsig. Ich kann nicht garantieren, dass ihr das Ganze unbeschadet übersteht", warnte Omnix seine drei Freunde die vor ihm standen. "Seid ihr euch also sicher, dass ihr das tun wollt?" Krul und Mika bejahten und nahmen sich bei den Händen. Auch Yuu nickte zustimmend. "Dann werde ich jetzt damit beginnen, uns in Yuus Schwert zu bringen", kündigte der Reinkarnitor an und begann, das Ritual auszuführen. Bald schon konnte er erkennen, dass seinen Freunden schwindlig wurde. Er selbst fühlte sich nicht besonders gut, doch seine psychische Abwehr, die er sich im Laufe der Jahrtausende aufgebaut hatte, hielt es weitestgehend unter Kontrolle. Langsam aber sicher wurde die Luft kälter und es wurde dunkel, bis sie nichts weiter sahen, als Finsternis.
Als sie ihre Augen wieder öffneten standen sie auf einem weiten Kornfeld. Vor ihnen steckte Yuus Schwert im Boden und Asuramaru balancierte darauf. "Es ist genauso wie all die Male, die ich schon hier gewesen bin", murmelte Yuu. Mika sah sich interessiert um. Er hatte gewusst, dass sein Bruder einen Deal mit einem Dämon gemacht hatte, aber dass sie sich immer so trafen überraschte ihn etwas. Krul war die einzige, die sich nicht umschaute. Ihr Blick haftete auf dem Dämon, der vor ihnen war. Sie blickte ihn fassungslos an und ihre Augen wurden wässrig. "Er ist es", flüsterte sie. "Er ist es wirklich." Bevor sie jedoch zu ihm laufen konnte griff Omnix ihren Arm und hielt sie zurück. "Das wäre nicht sehr klug", meinte er. Asuramaru sprang von dem Schwertgriff herab und musterte sie abschätzend. "Omnix, ist es nicht schon genug, ungefragt hier einzudringen? Musstest du wirklich zwei Vampire mitbringen?", fragte er mit einem leicht säuerlichen Unterton. Die Freude, die gerade noch in Kruls Augen zu sehen gewesen war, verschwand, als er diese Worte aussprach. "Du erinnerst dich nicht", hauchte sie entsetzt. Asuramaru sah sie an, als hätte sie gerade das seltsamste gesagt, was er je gehört hatte. "Woran genau soll ich mich denn erinnern Vampirmädchen?", fragte er sie. Omnix erkannte, dass Krul gleich in sich zusammenbrach, also schob er sich zwischen die Geschwister. "Ist das eine Art, seine Gäste zu begrüßen?", fragte er den Dämon, welcher die Augen rollte. "Ich entschuldige mich, dass ich mit meinen Freunden hergekommen bin, aber du musst wissen, dass es einen guten Grund dafür gibt." "Mich interessieren deine Gründe nicht!", rief der Junge sauer. "Sie ändern nichts daran, dass du es getan hast!" "Asuramaru!", rief Yuu plötzlich und alle Blicke richteten sich auf ihn. "Mein Versprechen! Erinnerst du dich daran?", fragte er den Dämon und die anderen drei sahen ihn verwirrt an. "Ich habe dir versprochen, dass ich dir dabei helfe, deine Erinnerungen wiederzubekommen. Und dieses Versprechen halte ich", sprach der Junge und Asuramarus Augen wurden groß, als er verstand, was der Junge ihm sagen wollte. "Du meinst…", begann er und blickte auf Krul. "Du meinst, dass ich sie kannte?", fragte er und trat näher an die Vampirkönigin heran. "Du…du wirkst tatsächlich, so, als würde ich dich kennen. Aber genau erinnere ich mich nicht", murmelte er. "Verzeiht, dass ich so forsch war. Ich wusste nicht, dass Yuu euch hergebracht hat, um mir zu helfen", entschuldigte er sich schließlich und neigte leicht den Kopf. Omnix nickte. "Schon gut. Das hier Asuramaru, ist deine Schwester", erklärte er ihm der Dämon blickte den Reinkarnitor überrascht an. "Meine Schwester?", fragte er fassungslos. Krul lächelte ihn unsicher an. "Hallo", begrüßte sie ihn leise. "Ich bin Krul. Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, da hießt du noch Ashera Tepes und warst ein Vampir, wie ich. Ich habe keinen Tag verbracht, an dem ich nicht an dich gedacht habe. Ich habe immer versucht, dich wiederzufinden, ich weigerte mich zu glauben, dass du tot bist. Und ich hatte recht." Asuramaru erwiderte ihren Blick und die beiden nahmen sich bei den Händen. "Ich…ich erinnere mich nicht mehr. Es tut mir so leid Krul", flüsterte er. "Das ist okay", wisperte das Vampirmädchen zurück und Tränen stiegen in ihren Augen auf. "Ich bin jetzt da und ich werde dir helfen." Und so umarmten sich Bruder und Schwester zum ersten Mal seit Jahrhunderten wieder.

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