Kapitel 3                   Elisabeth

 

Die nächsten Tage verlaufen so gut wie ereignislos. Andrew sieht immer noch jeden Tag sehr ängstlich aus, doch angesprochen hat er mich nicht… Ich kriege das Bild von ihm, wie er zusammengekauert im Flur saß, nicht mehr aus meinem Kopf. Irgendetwas fehlt ihm, und ich mache mir Sorgen. Zwar weiß ich, dass er praktisch ein Fremder ist, doch ich habe das Gefühl, dass er Hilfe benötigt, die ihm sonst anscheinend niemand geben möchte. Auch… Auch… Wenn er es wohlmöglich selbst nicht einsieht.

Müde betrete ich den Schulbus. Ich habe viele schlaflose Nächte hinter mir. Ich lasse meinen Kopf gegen die Fensterscheibe sinken und schließe die Augen. Wenn ich doch bloß nicht mehr über ihn nachdenken müsste… Er hat ja meine Hilfe abgelehnt, und ich möchte nicht aufdringlich sein. Doch ich fasse einen Entschluss. Heute möchte ich mit ihm sprechen. Ich muss ihn fragen, wieso er meine Hilfe so vehement ablehnt.

Ein paar Stationen, nachdem ich eingestiegen bin, betritt auch Andrew den Bus, der sich im Laufe der Zeit langsam gefüllt hat. Wie immer sieht er panisch auf und ab und wieder zittert er. Heute habe ich mit meinem Rucksack den Platz neben mir belegt. Ich hatte schon eine Vorahnung, dass ich Andrew hier begegnen würde. Ich biete ihm an, sich neben mich zu setzen. Er wirkt wieder so verloren…

„Andrew! Möchtest du dich setzen?“

Als er den Kopf zu mir hebt, sehe ich, dass er sein Pony von der Stirn gestrichen hat. Panisch sieht er mich an, schüttelt energisch den Kopf und wendet sich abrupt von mir ab. Irgendwie sieht es jetzt so aus, als hätte er Angst vor mir. Aber wieso? Habe ich ihm irgendetwas getan?

Die Bustür geht auf und alle strömen nach draußen, in Richtung Schule. Aber Andrew hingegen… Er wartet, bis alle ausgestiegen sind und geht langsam zitternd aus dem Bus. Soll ich ihn jetzt noch einmal versuchen anzusprechen? Nein, eher nicht. Zum einen, weil er gerade eben so aussah, als hätte er Angst. Vor mir. Zum anderen bemerke ich mit einem Blick auf die Uhr, dass es gerade geschellt hat. Wir hätten als gar keine Zeit uns zu unterhalten. Außerdem… Möchte er es offensichtlich nicht. Und diese Freiheit muss ich ihm lassen.

Ich laufe zum Klassenraum. Aber nicht ohne mich ein paarmal nach Andrew umzusehen. Er hält den Kopf gesenkt und ignoriert die Blicke der anderen, die auf ihm lauern. Wieso müssen sie ihn nur die ganze Zeit anstarren?

Comments

  • Author Portrait

    Spannend dargestellt, diese Innen- und Aussensicht von Andrew!

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