Dämonenzauberer

Dämonenzauberer

Kira

Während sich der Himmel allmählich verdunkelte und die letzten Sonnenstrahlen endlich hinter den Häusern verschwunden waren, machte ich mich fertig. Da ich nicht wusste, was mich erwarten würde, beschloss ich, festes Schuhwerk zu tragen, Jeans und ein T-Shirt, in dem ich mich schnell bewegen und verwandeln konnte. Ich griff mir einen dunkelgrünen Parker, der nicht völlig zerfetzt war, und verließ das Haus. Das von mir gerufene Taxi stand bereits vor der Tür und ein unruhiger Fahrer tippe mit dem Finger gegen das Lenkrad.
Ich öffnete die Tür, warf mich auf den Sitz und sagte: »Zu dieser Adresse.« Dann reichte ich dem Tabak kauenden Mann einen Zettel, auf dem ich die Anschrift der letzten Straße vor dem großen Nichts notiert hatte, und lehnte mich zurück.
Der Tag saß mir in den Knochen und der Gedanke, zum dritten Mal auf Varek zu treffen, machte mich nervös. Selbstverständlich wollte ich wissen, wieso er mich wiedersehen wollte. Aber mich erschreckte der Gedanken, dass er möglicherweise schon jetzt wusste, dass ich auf dem Weg zu ihm war. Was erwartete mich dort? Sein Nest?
Hatte er den Dämon wirklich getötet? Lockte er mich in einen Hinterhalt? Und falls ja, wie sollte ich mich wehren? Dann besann ich mich darauf, wie erpicht er darauf gewesen war, mich in Sicherheit zu wiegen und lehnte mich etwas entspannter zurück.
Ich dachte an Will und all seine Sorgen. Natürlich hatte er Recht und es war töricht von mir, davon auszugehen, dass alles gut gehen würde, aber ich konnte nicht anders.
Und dann regte sich Kadra. Urplötzlich erwachte sie, streckte alles von sich und erwärmte meine Seele mit einer Wärme, die mich stutzen ließ. Ihr Feuer loderte in mich hinein. Ich tastete nach ihr, spürte ihr nach, und als ich sie fand, fühlte sich jeder Zentimeter meines Körpers lebendiger an.
Ich spähte aus dem Fenster auf die Straßen hinunter, die an mir vorbei flogen. Die Lichter der entgegenkommenden Fahrzeuge fielen in den Wagen und stachen in meine Augen. Ich genoss den Fluss des Lebens, der an mir vorüberflog. Meine Aura vibrierte. Ich strahlte in mich hinein, was nicht zuletzt daran lag, dass ich Varek wieder sehen würde.
Und dann begriff ich, dass ich tief in mir eine heimliche Sehnsucht nach dem Mysterium verspürte, das er ausstrahlte, wenn er lief, wenn er sprach, wenn er in meine Augen sah. Ich mochte, wie seine Blicke mich einlullten und seine Aura heller strahlte, sobald er in Kadras Nähe war.
»Wo soll ich halten?«, fragte der Taxifahrer und blickte im Rückspiegel zu mir auf den Rücksitz. Er war verstimmt, weil es ihm lieber gewesen wäre, wenn ich auf dem Beifahrersitz Platz genommen hätte, aber ich hatte Zeit zum Nachdenken gebraucht und keine Nähe.
»Halten Sie hier«, gab ich zurück und kramte in meiner Hosentasche nach einem Zwanziger. »Behalten Sie den Rest.«
Der Mann bedankte sich mit einem Lächeln, das seine Augen heller strahlen ließ und kaum, dass ich ausgestiegen war, war der Wagen auch schon mit quietschenden Reifen auf die Straße zurückgerutscht.
Vor mir lag die Ödnis. Islands wilde Schönheit brannte unter einem dunklen Himmel. Die Sonne ging hier schneller unter, die Tage waren kurz und frisch. Ich schlang meinen Mantel enger um mich und begann einem Pfad zu folgen, den außer mir niemand kannte. Schritt für Schritt schleppte ich mich von den drängen Lichtern der Stadt fort, hinaus in die karge Landschaft. Im Sommer waren diese tristen Täler über und über mit blau blühenden Lupinen bewachsen. Im Winter boten sie ein erschreckend karges Bild, wie ein leergefischtes, totes Riff.
Der Wind nagte an mir. Er blies Schneeverwehungen in mein Gesicht und schon bald brannten meine Wangen vor Kälte. Ich lief immer weiter, bis ich den Hauch des Dämons mit einem Mal wieder spüren konnte.
Blinzelnd schaute ich auf und erkannte die Silhouetten von Zelten, von kleinen, kastenförmigen Wohnmobilen und einem unbeleuchteten, hölzernen Riesenrad, auf dem zu so später Stunde niemand mehr nach oben fuhr. Die Dunkelheit spielte mit den Konturen des Jahrmarktes und hüllte den Platz in beachtliches Schweigen. Dort, wo ich Varek zum ersten Mal begegnet war, gastierte nun ein mystisch anmutender Jahrmarkt, der gewiss nicht dazu hier war, um Gäste anzulocken. Meilenweit entfernt von Reykjavik, verirrte sich niemand hierher, der nicht wusste, wonach er zu suchen hatte. Und doch spürte ich, dass ich nicht alleine war.
Die Stille besaß ein Echo, das hundertfach zu mir zurückgeworfen wurde. Aber dieser Ort passte zu Varek. Hier, inmitten einer absurden, bizarren und unechten Welt, zwischen Schauspielern und Tieren, umringt von neugierig dreinblickenden Menschen, war seine eigene Anomalie nichts Besonderes. Er sah nicht aus, wie ein Dämon, besaß keine Hörner, keine Klauen oder Flügel. Wenn er sich am Riemen riss, würde niemandem auffallen, dass er kein Mensch war.
Langsam machte ich die ersten Schritte auf den eingezäunten Jahrmarktsplatz zu. Das Tor war nicht geschlossen, und sobald ich durch die Pforte getreten war, schlug das Gefühl in meiner Brust in nackte Angst um. Hier war ich, in seinem Revier, fernab all derer, die mich beschützen könnten, wenn ich mich in ihm geirrt hatte. Am Ende des Weges bewegte sich ein Liebespaar, bestehend aus einem jungen Mann und einem blonden Mädchen, die durch den dunklen Park schlenderten und verträumt aneinander festhielten.
Ein kühler Windhauch streifte meine Haut. Ich schloss die Augen, sog frische Abendluft in meine Lungenflügel und versuchte mich darauf zu konzentrieren, den Dämon ausfindig zu machen. Seine Nähe vibrierte in der lauen Luft. Ich konnte ihn spüren, hier, an diesem Ort, als Teil des Ganzen. Langsam schlug ich die Lider hoch. Ich befand mich in seinem Revier. Hier, fernab all dessen, was ich kannte, war ich bereit in seine Welt einzutauchen, wie tief sie mich auch in den Abgrund reißen mochte.
Ich lief die ersten Schritte über den unbelebten Jahrmarkt und fühlte mich wie ein kleines Licht am Sternenhimmel. Diesem Ort wohnte etwas Magisches inne. Magie stieg aus der Erde auf und erfüllte jede Pore des Universums. An diesem Ort spielte mir die Zeit einen Streich nach dem anderen. Ich konnte fühlen, wie der Boden unter meinen Sohlen knisterte, obwohl ich ihn kaum berührte. Etwas, ganz tief in mir, etwas, das mit Kadra zu tun hatte, reagierte mit Trunkenheit auf die Vollkommenheit dieses Ortes.
Langsam entfaltete ich die Arme, spreizte sie auf und drehte mich mehrmals um mich selbst. Ich fühlte mich kindlich in meiner Haut. Meine Seele hüpfte und dort, wo bis vor wenigen Minuten noch Furcht und Sorge gewesen waren, ruhte nun eine endlose Zufriedenheit. Elektrisierende Reize pochten durch meine Venen. Ich fühlte mich lebendiger als je zuvor. In meinem Blut kochte eine Macht, der ich kaum Herr werden konnte.
Schließlich ließ ich die Arme sinken, zwang die Gedanken in meinen Kopf zurück und machte mich auf die Suche nach dem Dämon, wegen dem ich hergekommen war.
Seit ich das letzte Mal auf einem Jahrmarkt gewesen war, waren Jahre vergangen. Es zog mich nicht mehr in die Welt hinaus, seit ein Dämon in mir wohnte. Im Gegenteil: Meist genoss ich die Ruhe und schätzte, wenn Will und ich allein waren und natürlich auch die Zeit, in der er fort war. Mein Ruhebedürfnis war gewachsen. Aber hier fühlte ich mich gut, und voller Kraft.
Ich wusste nicht genau, woher diese Stärke rührte, aber ich genoss jeden Funken, der in mir knisterte.
Am Ende eines Trampelpfades hielt ich inne. Vareks Gegenwart überlagerte meine Instinkte. Er befand sich ganz in der Nähe und die winzigen Härchen auf meinen Armen standen plötzlich zu Berge.
Ich streckte meine unsichtbaren Fühler aus und suchte nach dem Dämon. Tief in mir wusste ich, dass ich ihm sehr nahe sein musste. Meine Instinkte vibrierten wie Rohre aus Stahl. Ich gab mich diesem Gefühl hin und ließ mich von der Jagd leiten. Meine Sinne zogen mich in einen Sumpf aus Magie.
Nach einem dreiminütigen Fußmarsch holte mich die Wirklichkeit ein.
Wie eine dämonische Fratze ragten die äußeren Konturen eines riesigen Manegezeltes empor. Unter dicken, grauen Wolkenbergen stieß das große, schwarze Zelt in die Dunkelheit empor. Rote Buchstaben und eine Skizze mit sieben roten Sternen auf der Plane verkündete Vorstellungen um sechs und um halb neun Uhr abends. Und in diesem Zelt würde ich auf Varek stoßen. Genau hier wartete die Konfrontation auf mich.
Ich holte tief Luft, konzentrierte mich auf all meine geschärften Sinne und schlug die Plane zur Seite und trat ein in die mystische Welt des Dämons.
Vareks Reich war finster. In der Manege konzentrierten sich Schwingungen, die ich von der anderen Seite, von der dämonischen Welt jenseits des Portals kannte und die hier fehl am Platz wirkten.
Ich war nicht alleine. Vor einem der drei großen Tierkäfige aus Stahl, in dem ein müder Löwe den Kopf gehoben hatte, standen zwei Sterbliche. Eine alte Frau in einem mausgrauen Mantel, weit über sechzig und ein kleiner Junge in einer gelben Windjacke und einem Pflaster über dem linken Auge. Es waren tatsächlich Menschen hier. Bedrohung ergriff Besitz von mir. Ich hatte vergessen, wie sehr ich mich dafür fürchten würde, ihm erneut zu begegnen, denn im Vergleich zu letzter Nacht erwartete mich heute keine verwundete, gebrechliche Gestalt, sondern ein Jäger, der sich erholt haben konnte.
Ich ließ die Blicke schweifen und konzentrierte mich auf meine Gefühle - und da trat Varek zwischen den Wagen hindurch. In seinen Händen ruhte ein Kartenspiel. Er war majestätisch gekleidet, nicht so lässig, wie ich ihn kennen gelernt hatte. Seinen Leib verbarg ein nachtschwarzer Umhang aus Seide. Darunter sah ich Silber schimmern, an seinen Handgelenken und Fingern schimmerten übertriebene Ringe, die mit Totenköpfen und Kreuzen bedeckt waren.
Das Auffälligste an seiner Gestalt blieben auch jetzt seine Augen. Im Dämmerlicht fieberten sie hitzig, wie glänzende Edelsteine. Er trug Wolfsaugen wie die einer Bestie. Aber so tief und dunkel sie auch sein mochten, sein Blick galt mir allein.
»Du bist gekommen«, stellte er fest und klang beinahe erleichtert, als er sich zu dem Jungen herab neigte, um ihm das Kartenspiel zu reichen. »Wähle«, raunte er dem Kind zu und wartete, bis das Kind eine Karte gezogen hatte. Danach teilte er das Kartenspiel in zwei Teile und schob die Karte dazwischen. »Nun«, fuhr er fort, »sieh zu.«
Er warf die Karten in die Luft und diese blieben in der Luft stehen, als wäre die Zeit angehalten worden. Und selbst wenn ich schon viele Kartentricks gesehen hatte, wusste ich doch, dass diesem echte Zauberkraft innewohnte, denn jede Karte, die vor Varek in der Luft schwebte, zeigte nun das gleiche Bild: eine Kreuz Neun.
Auf dem Gesicht des Jungen zeichnete sich Freude ab. Der Kleine verstand den Unterschied nicht, zwischen Trickserei und Magie. Ich kannte ihn und bemerkte schnell, wie schändlich der Dämon seine Kräfte einsetzte, um Sterbliche hinters Licht zu führen.
»Beeindruckend«, murmelte ich. Ich war gezwungen, ihn hinzuhalten, solange wir nicht alleine waren. »Du wolltest mich sehen. Hier bin ich.«
Mit einem überheblichen Grinsen auf den Lippen hob Varek seine Hand und die Karten des Kartenspieles gingen in Flammen auf und verpufften als winzige Aschehäufchen auf dem Zeltboden.

»Die Vorstellung ist vorbei«, sagte er rasch zu der älteren Dame und berührte flüchtig das Haar des Jungen. »Bitte seien Sie vorsichtig und gehen nicht zu Fuß nach Hause. Man kann niemals sicher sein, in einer Welt wie dieser.«
Mit einem Lächeln resignierte die alte Dame, nahm den Jungen bei der Hand und zog ihn in Richtung Eingang. »Vielen Dank, junger Mann.«

Junger Mann. Ob sie wohl wusste, dass der junge Mann rund eintausend Jahre älter war als sie? Der Gedanke reichte aus, um meine Mundwinkel zucken zu lassen.
Mit ihrem Verschwinden waren wir allein und mein Unbehagen kehrte zurück. Sein Anblick verunsicherte mich. Zum ersten Mal kleidete er sich so, wie ich es von einem Höllenwesen seines Ranges erwartete. Wie ein König, ganz in Schwarz und voller Prunk und Stolz.
»Was tu ich nur hier?«, fragte ich mich plötzlich und mir war eigenartig zu Mute. So, als stünde die Welt in wabernden Flammen und ginge langsam verloren. Was nur hatte mich hierher gelockt? »Ich«, begann ich kopfschüttelnd und wandte mich ab, »ich muss fort hier.«
»Nicht!«, knurrte Varek und war mit zwei Schritten bei mir. Eisig legten sich seine Hände auf meine Schultern. Ich fuhr zusammen und erstarrte unter dem Druck seiner Hand. Langsam ließ er mich los, doch seine Augen blickten finster auf mich herab. »Ich bin an diesen Jahrmarkt, an diesen Ort gebunden. Wenn ich ihn nicht regelmäßig aufsuche, bereitet mir dieser Bann Schmerzen, die ich kaum ertrage. Dieser Ort ist mein Fürstentum. Nur hier kann ich dich beschützen, wenn ich muss. Nur hier kann ich jeden Kampf beschreiten, den ich schlagen muss. Meine Wunden heilen hier schneller und ich kontrolliere jeden Quadratmeter innerhalb dieses Zaunes. Deswegen habe ich dich an diesen Ort gebracht. Eine Hand wäscht die andere.«
Er bewegte sich einen Schritt nach hinten, um mehr Abstand zwischen sich und mich zu bringen und schenkte mir nun etwas, das einem Lächeln allmählich ähnlich sah. Aber seine Augen blieben eisig und dunkel. Für einen kurzen Moment empfand ich so tiefe Dankbarkeit für seine Offenheit, dass ich beinahe den Kern seiner Aussage überhört hätte. Und dann begriff ich langsam, was er mir damit sagen wollte. Behutsam streckte ich die Hand nach seiner aus und schloss fünf Finger um seine. Seine Haut war warm, unter ihr kochte das Blut, und während ich ihn berührte, wusste ich, dass er auch meine Wärme spürte.
»Tut mir leid«, sagte ich rasch. »Ich bin so verwirrt in letzter Zeit. Ich wollte dich nicht bloßstellen, nur-«
»Du hast Angst«, bemerkte der Dämon.
»Natürlich«, gab ich tonlos zurück. »Und wie könnte ich auch anders? Wer bist du? Was willst du von mir? Wieso bist du nicht gegangen? Was..«
Er hob die Hand und seine Geste war so autoritär, dass ich augenblicklich verstummte. »Ich werde dir alle Fragen beantworten, die in meiner Macht stehen.« Er fuhr herum und vollführte mit seiner Hand eine Geste, die Magie innewohnte. Die Plane, die den Eingang des Zeltes bildete, verselbständigte sich und rollte sich hinab, bis jeder Blick von außen auf uns versperrt war. »Ich bin bereit, deine Fragen zu beantworten, wenn du dich im Gegenzug meinen stellst.«
Mein Blick streifte über seine Gestalt. Zwischen dem Augenblick, in dem er in diesem heruntergekommenen Hotelzimmer meine Hand gehalten hatte und diesem lagen nur Stunden, aber der Dämon wirkte nun ausgezehrter. Etwas hatte ihn viel Kraft gekostet, und kostete ihn noch immer all seine Reserven. Selbst wenn er versuchte, seine Müdigkeit zu verbergen, seine Augen verrieten ihn.
»Einverstanden.«
Seine Hände zitterten und er griff nicht sofort zur Zigarette. »Frag.« Die Stimme des Dämons wurde leiser. Er sah mich an wie etwas, das einzigartig, das wertvoll und kostbar war. Nicht wie eine Rarität im Zoo, sondern wie einen Schatz, der von unvorstellbarem Wert für ihn war.
»Ist es wahr? Du hast ihn getötet? Diesen Dämon? Sag mir, wieso. Wieso beschützt du mich?«
»Ich beschütze sie schon ihr ganzes Leben lang«, entgegnete er dumpf. »Aus der Ferne habe ich immer alle Gefahren von ihr abgewehrt. Ich um die ganze Welt gereist, um sie zu finden. Und jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als dem letzten Rest von ihr ein wenig Geborgenheit zu schenken. Ich beschütze dich, weil den Grund meines Lebens in dir trägst.«
Instinktiv wanderte meine eigene Hand zu meinem Herzen hin. Ich spürte Kadras Nähe, fühlte ihr Erwachen. Vareks Worte weckten ihre Gedanken auf, doch sie rüttelten keine Schuldgefühle in ihr wach.
›Er liebt dich‹, raunte ich ihr zu, aber auch diesmal reagierte sie mit Schweigen auf meine Anschuldigungen.
»Danke.« Meine Stimme bebte.
»Ich bin dran«, feixte er. »Kann sie mich spüren? Weiß sie, dass ich hier bin?«
»Sie weiß und sieht und hört alles, was ich sehen und hören kann. Also weiß sie auch, dass du hier bist, und sie hört jedes Wort, das du zu mir sagst.«
»Schön«, wisperte er angesäuert. »Du bist dran.«
»War sie deine Gefährtin?«
»Ja.« Vareks Miene blieb unverändert. »Das war sie.«
Ich war so wirr und so erschrocken über seine Worte, dass ich alle Fragen, die ich mir sorgfältig zurechtgelegt hatte, längst nicht mehr wusste, aber während er vor mir saß, keimten immer neue in mir auf. »Was wollte dieser Dämon von Kadra und mir?«
Diesmal antwortete der Dämon nicht sofort. Er starrte mir einen endlosen Augenblick lang wie betäubt in die Augen. Seine Atmung ging schneller und durch seinen Brustkorb ging ein Ruck, der seine Gedanken wieder in Gang brachte.
»Noch bevor ich Kadra traf, war mein Schicksal bereits besiegelt. Ich gehörte zu den unglückseligen Kreaturen, für die von Geburt an ein fester Platz vorbestimmt ist.« Seine Mundwinkel zuckten, als wollte er lächeln, doch sein Blick hatte sich in nacktes Eis verwandelt. »Das ist keine sehr schöne Geschichte, also wenn du sie nicht hören willst..«
»Doch«, entgegnete ich schnell. »Ich will.«
»Mein Vater war ein sehr kluger Mann und König eines Reiches, das heute als verschollen gilt. Eine wilde, unzähmbare Welt voller Schönheit. Er war ein harter Mann und ein freudloser Vater. Mit ihm zu leben, war nicht einfach, aber wir erkannten die Gefahr, die von ihm ausging erst, als es bereits zu spät war. Wir lebten als Familie in einem Schloss, viel größer und festlicher als alles, was ihr euch heute unter einem Schloss vorstellen könnt. Mit bloßen Händen bauten mein Vater und sein Vater, und auch der Vater seines Vaters, dieses prächtige Anwesen. Und wir lebten gut dort. Es war nicht das beste Zuhause, aber es war ein Ort, an dem niemand uns erkennen, enttarnen, fürchten oder Jagd auf uns machen wollte. Bis zu jenem Tag, an dem die Visionen begannen. Mein Vater begann Dinge zu sehen, er sprach von Bildern, die ihm offenbarten, dass in seinem Schloss ein Tor in eine fremde Welt läge. In ein Reich, in dem sich alte, gottähnliche Wesen verbargen. Er glaubte, eine uralte und wunderschöne Göttin namens Layra wartete dort darauf, von ihm befreit und verehrt zu werden. Also baute er weiter und weiter wie ein Besessener. Er schuf ein Portal und es gelang ihm, ihr den Eintritt in unsere Welt zu ermöglichen. Aber nur für eine Weile. Eines Tages offenbarte sie ihm, dass sie, um zwischen den Welten wandeln zu können, einen Anker in dieser Welt sucht. Jemanden, der ihr helfen kann, ein Stück weit in allen Welten zu Hause zu sein. Das Blut meiner Familie ist alt und rein. Wir sind stark und stolz und es gibt kaum andere Wesen, die uns gefährlich werden können. Mein Vater glaubte, wenn ich alt genug wäre, würde es mein Schicksal sein, ihr als Anker zu dienen. In diesem Wissen ließ er mich heranwachsen, bis ich alt genug war, um begreifen zu können, dass er eine Entscheidung über mich gefällt hatte, die mir nicht gefiel. Ich beschloss, meine Heimat zu verlassen und als ich gehen wollte, stand er vor dem Tor und bat mich, zu bleiben. Als ich mich weigerte, zückte er einen Dolch, der in Layras Blut getränkt war, und stach ihn in mein Herz.« Varek hielt den Atem an. Nur einen Augenblick lang, aber ich spürte, wie er einen der furchtbarsten Tage seines Lebens erneut durchlebte. »Ich starb an diesem Tag und mein Vater begrub mich im schwarzen Sand unterhalb der Klippen.«
»Dem schwarzen Sand, den man sieht, wenn man durch die Tür von Gardrawath blickt?«
Ein verschmitztes Funkeln trat in Vareks Blick. »Du bist klug. Jedes Portal, dem ich mich zu dieser Zeit nähere, führt ans Ufer des schwarzen Meeres. Es ist ein stummer Weckruf für mich, damit ich nie ganz vergessen kann, wohin ich gehöre und wem ich verpflichtet bin.«
»Also bist du für die Schwankungen verantwortlich, die Nick an seinem Portal beobachtet hat?«
»Dein Vampirfreund besitzt ein Portal?«
Ich zuckte die Achseln. »Ja. Normalerweise führt es in viele andere Welten. Aber neuerdings..«
»Die Tür von Gardrawath?« Varek schüttelte amüsiert den Kopf.
»Ja. Sagt dir das irgendwas?«
»Es ist der Name meines Vaters. Als ich damals vor meiner Familie floh, brachte mich das allererste Portal an die wilde isländische Küste. Ich hätte nie gedacht, dass es heute noch existiert und sich in einer versteckten Spielunke befindet, in der sich halbstarke Formwandler zum Skatspielen verabreden.«
»Du hältst wohl nicht allzu viel von der neuen Generation Schattenwesen«, vermutete ich. Und irgendwie konnte ich ihn fast verstehen. »Erzähl weiter. Was geschah, nachdem dein Vater dich begraben hat?«
»Dreihundert Jahre lang lag ich dort in meinem Todesschlaf. Dreihundert Jahre, in denen der Zauber langsam reifen und wachsen konnte. Als ich wieder zu mir kam, war das Leben, das ich kannte, vorüber. Ich bin seither in einem Blutsbann gefangen, und an diese verrückte Dämonin gebunden. Bis heute gibt es kein Entkommen für mich. Meine Gefährtin«, er lächelte bitter bei diesen Worten, »ist halb in dieser, halb in ihrer Welt gefangen. In dieser Welt ist sie schwach und sterblich. Nur wenn der Schleier reißt, alle einhundert Jahre, kann ihr ein ritueller Übergang an der Seite eines Wesens, das an diese Welt gebunden ist, vollkommene Freiheit schenken. Die Macht, Portale in alle Welten zu nutzen, die sie mit ihrer Anwesenheit verpesten will. Ich habe es geschafft, fast neunhundert Jahre lang vor ihr zu fliehen.«
»Du hast sie verschmäht«, vermutete ich. »Sie hat dich mit dem Speer an den Baum genagelt.«
»Nageln lassen«, korrigierte er mich. »Sie hat mich noch nicht gefunden. Aber ich kann ihre Nähe fühlen. Diesmal ist alles anders. Als ich mich damals aus dem feuchten Sandgrab befreien konnte, in das mich mein Vater geworfen hatte, sah ich am Strand dieses Mädchen stehen. Wild und frei und wunderschön. Ich dachte, ihr Schmerz, ihr leises Schluchzen und die glasklare Trauer in ihrem Blick hätten mich geweckt. Ich zog sie aus dem Wasser und rettete sie vor dem Ertrinken und fortan, war Layra nie eine Option für mich. Es gab immer nur sie.«
»Immer nur Kadra«, wisperte ich in Gedanken verloren. »Wieso konnte ich den Speer ziehen?«
»Weil er aus den Knochen einer Kreatur bestand, der ich mein Wort gab, sie zu schützen. Da ich offenkundig versagt habe, brennt mein Schwur dennoch in den Eingeweiden meines Schützlings nach.«
»Du kannst also durch Knochen von Kreaturen gebunden werden, die du nicht beschützen konntest?«
»Ja. Gebunden«, betonte er nochmals. »Nicht vernichtet, falls dir das durch den Kopf geistert.«
›Das sollten wir auf die Liste der Dinge setzen, die du dir unbedingt behalten solltest‹, entschied Kadra.
›Wenn du mich besser unterrichten würdest‹, gab ich barsch zurück, ›wäre diese Liste überhaupt nicht nötig.‹
Sie zog sich beleidigt zurück. Aber diesmal hatte ich Recht. Ihre vielen kleinen Geheimnisse waren es, die uns in Gefahr brachten. Nicht sein Erscheinen. Die Tatsache, dass sie mir Varek und den Rest ihrer Vergangenheit verschwiegen hatte.
»Geht es hier um Rache?« Mein Kopf fühlte sich taub an. Vareks Worte hatten etwas so tief in mir berührte, dass Gänsehaut meinen gesamten Körper überzogen hatte. Meine Eltern waren liebevolle, aber konservative Menschen gewesen. Allein der Gedanke, mein Vater hätte mir jemals etwas antun können, war abwegig. Ich entstammte einer Familie, die mich geliebt hatte, so wie ich war. Und ich hatte sie geliebt, genauso, wie sie waren.
»Nein. Und ja. Wenn eine unglückliche Frau im Spiel ist, geht es dann nicht immer auch ein wenig um Rache?«
»Vermutlich, ja.« Und auch wenn mich seine Antwort diesmal nicht zufriedenstellte, wusste ich, ich würde keine bessere bekommen. »Wie konnte dein Vater dich so schändlich verkaufen?«, murmelte ich und wandte mich ab.
»Damals«, fuhr der Dämon fort, »tickten die Uhren ein wenig anders. Er war ein armer, verrückter Mann in einem viel zu großen Schloss. Er besaß ein ganzes Dämonengefolge und war dennoch einsam.« Vareks Blick verfinsterte sich. Dieses Thema stieß ihm sauer auf. »Das waren viele Fragen. Ich bin dran. Wann hast du Kadra gefunden?«
»Das habe ich nicht. Ich hatte vor dreißig Jahren einen schweren Unfall. Ich lag im Sterben. Als ich danach zu mir kam, war sie da und bot mir mein Leben, wenn ich ihres rettete. Ich war jung und wollte nicht sterben. Also ließ sie hinein, ohne nachzufragen.« Die Erinnerungen erzeugten Bilder auf meiner Netzhaut. Das Autowrack. Blut überall. Metallsplitter und Glas. Ich blinzelte die fort und riss meine Gedanken in die Gegenwart zurück. »Jetzt ich. Wieso du? Wieso hat dein Vater seinen eigenen Sohn geopfert?«
»Nicht nur mich. Uns alle. Ich war nicht seine erste Wahl. Damals besaß ich drei Brüder. Mein Vater hat sie nacheinander auf dieselbe Weise getötet, wie mich. Aber sie sind nicht zurückgekommen. Meine Brüder haben Glück im Unglück gehabt. Für sie war der Spuk schneller vorüber. Als ich erwachte, waren sie bereits tot.«
»Und deine Mutter?«
»Tot«, log er weiter. Seine Stimme war dunkler geworden. Er entzog mir den Blick. »Sie sind alle tot und vergessen.«
»Wusste Kadra davon?«
›Natürlich wusste ich davon‹, zischte sie mürrisch in meine Gedanken und zog sich sofort wieder zurück.
»Ja. Wir waren jung und naiv, und sie weckte in mir die Hoffnung, eines Tages frei von diesem Bannspruch zu sein. Wir verschlossen die Augen vor der Wirklichkeit und glaubten an Wunder. An die Liebe.« Vareks Stimme wurde schwächer. »Wir liefen fort und umgingen ein einziges Mal gemeinsam die schlimmsten sieben Tage meines Lebens. In dieser Zeit verwandelte ich sie. Falls man uns fand, sollte sie in der Lage sein, wegzulaufen. Man fand uns und wir wurden getrennt. An jenem Tage habe ich sie zum letzten Mal gesehen. Ich habe sehr sehr lange gehofft, dass sie fortlaufen konnte und sich nicht traute, zu mir zurückzukehren. Aber jetzt glaube ich, dass Layra sie getötet hat. Gewissheit kannst nur du mir geben. Wie ist sie gestorben?«
»Das weiß ich nicht.«
»Ich weiß, dass du ihre Gedanken hören kannst. Fast so klar, wie ich deine hören kann. Du weißt, wie sie gestorben ist.«
»Nein. So funktioniert das nicht.«
»Hör zu. Wenn Layra sie getötet hat, dann bist du in allerhöchster Gefahr. In wenigen Tagen öffnet sich das Portal. Zu dieser Zeit bin ich schwächer, langsamer, meine Sinne bescheiden und meine Instinkte sind trübe. Wenn Layra diese Welt betritt und in dir Kadras Licht erkennt, wird sie dich töten, um zu verhindern, dass sich erneut jemand zwischen uns stellt. Ich habe dir versprochen, dich zu beschützen, aber wenn Layra Kadra getötet hat, kann niemand, nicht einmal ich, dich vor ihr bewahren. Sie wird zu Ende bringen, was sie angefangen hat, und ich bin durch meinen Bann nicht fähig, mich ihr in den Weg zu stellen. Das ist Teil des Blutpaktes.«
»Aber deine Macht..«
»Ist vollkommen wirkungslos, wenn ich ihr gegenüberstehe«, fuhr er mir kopfschüttelnd ins Wort. »Alle Macht der Welt ist nichtig, wenn man durch Blut an ein anderes Wesen gebunden ist. Deshalb musst du die Stadt verlassen.«
»Und du?«
»Ich werde das tun, was ich am allerbesten kann: weglaufen, solange und so weit ich kann. Einhundert Jahre sind schnell vorüber. Sie versteckt sich in ihrem Reich, sammelt ihre Kräfte, und wenn sich das Jahrhundert dem Ende neigt, macht sie Jagd auf mich. Sie ist bereits ganz in der Nähe und lässt mich beobachten. Jedenfalls hat das der Dämon behauptet, den ich getötet habe. Ich werde sie aus der Stadt locken und dir ein wenig Zeit verschaffen. Aber du musst gehen. Du musst von hier verschwinden. Deine Fährte ist frisch, und wenn sie dich findet, kann nicht einmal ich dich vor ihr retten.«
Weglaufen? Vor einer rachsüchtigen Dämonengöttin, mit der er durch ihr Blut magisch verbunden war? In meinem Kopf klang der Gedanke so irrsinnig, dass ich anzweifeln wollte, dass es möglich war. Und doch musste Varek recht haben, wenn es ihm bislang so oft gelungen war, unauffindbar zu sein.
»Aber wie..?«
»Geh einfach fort von hier«, raunte Varek mir zu. »Layras Zeit ist begrenzt. Sie wird dir höchstens ein paar Stunden folgen und sich dann auf mich konzentrieren. Geh zu deinem Gefährten. Ruf ihn an. Sag ihm, du bist in großer Gefahr und dein Leben steht auf dem Spiel. Sag ihm, ich habe dich belogen und bedroht und er muss dich von mir wegbringen, bevor ich dich töte. Erzähl ihm, was immer nötig ist, damit er dich von hier fortschafft. Er wird dir glauben.«
»Er wird Jagd auf dich machen, wenn ich ihm sage, dass du gefährlich bist.«
»Er wird dich beschützen wollen und keine Zeit dazu haben, mir nachzulaufen. Gib mir deine Hand.« Beunruhigt streckte ich meine Linke vor und Varek nahm sie, bettete seine Handfläche auf meine und flüsterte Worte in einer Sprache, die ich nicht kannte und die mir fremd waren. Als er fertig war, zog Wärme durch meine Finger und er wich zurück. »Drei Tage«, erinnerte er mich. »Denk daran. Bei Sonnenaufgang in drei Tagen musst du fort sein, wenn dir dein Leben lieb ist.«
Eine Welle, kalt und machtvoll, spülte alle Gefühle und Gedanken aus mir fort. Dort, wo eben noch eine seltsame Vertrautheit gewesen war, schien nun Eis über meine Haut zu wachsen. Meine Seele zog sich zusammen. Der Verlust von etwas, dessen ich mir nie bewusst gewesen war, ließ mich Eis atmen und innerlich gefrieren.
Mein Blick wanderte hinab auf meiner Handfläche, in der sich nun ein schwarzes Symbol abzeichnete, das dem an seinem Unterarm ähnelte. »Was hast du mit mir gemacht?«
Vareks Miene verfinsterte sich, obwohl sich ein bedauerndes Lächeln auf seinen Lippen eingestellt hatte. »Ich habe Kadra blockiert und versteckt. Mein Blut wird in deinen Adern gefrieren und dein Körper wird es vergessen. Du bist frei von mir. Es war egoistisch von mir, das Gefühl von Kadras Nähe für mich aufrechterhalten zu wollen. Dich freizugeben wird meine letzte, edelmütige Geste sein.«
»Aber..« Ich sah ihn an, berührte mit meinem Blick seine Wolfsaugen und glaubte in ihnen einen schwachen Schein von Trauer ausmachen zu können. Ich war eben Zeuge dessen geworden, wie er sich für alle Zeiten von Kadra befreite. Wie er alle Hoffnung auf ein Wiedersehen zerstörte und seinen Wunsch, in alle Ewigkeit mit ihr vereint zu sein, mit dazu.
Meine Seele fror. Plötzlich waren all die leisen Gedanken verstummt, jeder Hauch von Vertrautheit verebbte, wie ein blasses Echo an eine schöne Erinnerung. Obwohl ich bis vor wenigen Tagen nichts von dieser Bindung gewusst hatte, fühlte es sich nun dennoch an, als sei ein Teil von mir verloren gegangen. »Wieso hast du das getan?«
»Es ist besser, wenn nichts zwischen uns ist.«
»Diese Entscheidung hättest du nicht treffen dürfen«, murmelte ich und tastete in meinem Inneren nach irgendetwas, das mir Halt geben konnte, doch meine Seele schien sich tiefer und stärker vor mir verschlossen zu haben, als je zuvor. »Ich habe das nicht gewollt.«
»Denkst du, ich wollte es?«
»Was wolltest du dann?«
»Dir ihre Seele entreißen und mit ihr fliehen, bis uns die Ewigkeit für immer zusammenführt. Und solange ich diesen Wunsch habe, und du noch ein Leben hast, ist es gefährlich für dich, bei mir zu sein.«
Ich fuhr unter seinen Worten zusammen, als hätte er mich geschlagen. Am liebsten hätte ich mich umgedreht und wäre davongelaufen. Aber ich wusste, lief ich vor ihm weg, weckte ich nur seine Jagdinstinkte.
»Das würdest du nicht tun..«
»Ich kann dich nicht mehr spüren«, hörte ich Varek sagen. Langsam streckte er die Hand aus und berührte mit den Fingerspitzen meine Hand. »Du bist vorübergehend sicherer, wenn ich nicht weiß, wo du steckst, und wie ich dich aufspüren kann. Glaube mir. Es ist besser so. Ich werde in den kommenden Tagen wieder und wieder an die Grenzen meiner Macht stoßen. Ich werde gefährlich und leicht manipulierbar sein. Nur so kann ich dich nicht kontrollieren und dich nicht in Gefahr bringen. Aber Layra wird dich erkennen, wenn sie dich findet. Du musst fortlaufen, hörst du?«
Er drehte sich um, als wollte er gehen, doch diesmal nicht. Diesmal würde ich ihn nicht einfach so gehen und entkommen lassen.
Ich machte einen Schritt auf ihn zu, ergriff seinen Arm und hielt ihn so heftig zurück, dass er sich umdrehte und mich mit zusammengekniffenen Augen anstarrte.
»Ich habe seit einer Ewigkeit nach einer Antwort auf die Frage gesucht, weshalb Kadra mein Leben gerettet hat. Ich werde jetzt nicht zulassen, dass du sie mir wegnimmst und einfach fortgehst. Hast du mich verstanden? Ich werde nicht einfach in irgendeinem Loch verschwinden und beten, dass du überlebst und mir erzählen kannst, was ich so dringend wissen muss. Ich erlaube dir nicht, mit mir zu spielen, als wäre ich eine Schachfigur in deinem Heer!«
»Du hast keine Wahl. Solange ich durch diesen Bann gebunden bin, hast du keine andere Wahl.«
»Dann zeig mir diesen verdammten Bann, damit ich dir ein einziges Mal glauben kann!« Mein Innerstes rumorte. »Ich will ihn sehen«, setzte ich nach und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass der Dämon, der vor mir saß, mich nicht für verrückt hielt und seine Ruhe so lange anhielt, bis er meine merkwürdige Frage verarbeiten konnte.
Varek jedoch maß mich abschätzend wie eine Verrückte, die er unmöglich einschätzen konnte. Von einem auf den anderen Moment hatte ich mich in seinen Augen in eine tickende Zeitbombe verwandelt.
»Du willst was sehen?«
»Den Bann.« Ich spürte, wie Kälte meine Stimme lähmte. »Ich möchte ihn sehen.«
Für einen Augenblick fragte ich mich, wie ein Bann wohl aussehen mochte, bis der Dämon es mir offenbarte.
Ich sah ein Szenario vor mir entstehen, das ich bereits kannte. Wie leuchtende Spinnenweben, schlängelten sich flirrende, feine Fäden um seine Hände und dort, wo seine Arme mit Bannsymbolen übersät waren, flackerten die Konturen der Schriftzeichen auf. Ein Licht, das seinen Körper strahlen ließ, wie Himmelsschein.
Meine Augen weiteten sich, und als meine Pupillen schmaler wurden, fühlte ich mich wie das Tier, das in mir schlummerte. Diesem Bann entstiegen Kräfte, die ich nicht kontrollieren konnte. Und sie wirkten auf mich genauso, wie sie sollten: Sie faszinierten mich. Und ich genoss den Zauber, der dieser Macht entstieg, wie ein Stück Kuchen, das ich kosten durfte.
Bis er endete und Varek in sich zusammenfiel, frei von sichtbaren Zwängen und Flüchen. Nur die schwarzen Stahlmanschetten, die seine Handgelenke umfassten, glühten noch eine Weile nach.
»Und, hat dir gefallen, was du gesehen hast?« Seine Stimme war mit Spott gefüllt. Er streckte sich nach seiner Hosentasche und zog seine Zigaretten hervor und im nächsten Augenblick rauchte er bereits. Der beißende Qualm zerstörte die wackelige Brücke, die er mit dieser Offenbarung geschlagen hatte, und sperrte mich wieder, und diesmal endgültig, aus seiner Nähe aus. »Ein wunderschönes Schauspiel, nicht wahr? Eintausend Jahre Hass und Zorn, Wut, und Leere, ergeben ein wunderschönes Bild, wenn man nicht selbst darin eingeschnürt ist.«
Unsere Blicke begegneten sich ein letztes Mal und diesmal lag keine Freundlichkeit mehr in ihnen. Diesmal war er ein Raubtier. Ein tobendes, wütendes Ungeheuer, bereit dazu, mich anzufallen, wenn er musste. Die Bindung, die ihm ein Gefühl von Verständnis und Sicherheit in Kadras Nähe vorgegaukelt hatte, war gelöst, und ich war nur noch irgendein Mädchen für ihn, dessen Leben keine Rolle mehr spielte.
So schnell, wie meine Angst vor ihm in Faszination und Mitleid umgeschlagen war, so schnell wurde daraus nun wieder nackte Furcht.
Ich trat einen Schritt zurück. Seine Augen folgten mir misstrauisch.
»Geh«, raunte er mir zu. »Bete, dass wir uns niemals wieder sehen.«
Seine unverhohlene Drohung ließ mich innerlich zusammenfahren. Seine Sanftmut, seine Ehre, seine Wahrheiten - alles verzog sich hinter den grauen Rauch, den er ausatmete.
Ich drehte mich um und wollte gehen. Ich wollte, ich musste, aber ich konnte nicht. Auf meinen Lippen lag eine allerletzte Frage, die ich stellen musste, wenn ich jemals wieder Frieden finden wollte. Eine letzte Antwort, die ich brauchte, um mich abwenden und gehen zu können. »Was wird aus mir, wenn du deine Meinung änderst?«
»Eines Tages, wenn du alt bist und dein Leben gelebt hast, wenn der Tod an deine Tür klopft und du bereit bist, ihn einzulassen, werde ich dich aufsuchen, sofern mich das Schicksal so lange leben lässt, und Kadras Seele aus deinem Herzen reißen. Ich werde sie mit mir nehmen und uns im nächsten Leben erneut und für immer vereinen.« Ich wandte den Kopf und spähte zu Varek zurück. Sein unberechenbares Wesen brannte in seinen feurigen Augen. »Aber ich werde meine Meinung diesbezüglich niemals ändern. Dein sterbliches Leben mag lange dauern, aber es endet. Und wenn deine Zeit zu ende geht, und ich dann immer noch unter dem Nordlicht wandle, bleibt mir noch immer eine Ewigkeit, um bei ihr zu sein.«
Seine Worte berührten einen Punkt in mir, der sehr tief in mir verborgen lag. Eine Gefühlsebene, an die ich nur selten erinnert wurde. Ich nickte, wandte mich ab und lief langsam durch das Zelt davon. »Lebwohl«, hauchte ich ihm zu, ehe ich die Plane zur Seite stieß, und ging.


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