Düstere Erkenntnisse

Bleich wartete Hermine im Raum der Wünsche auf Draco. In der letzten Apparier-Stunde hatte Susan Bones es geschafft, sich zu zersplintern. Ihr ganzes Bein war zurückgeblieben und obwohl die Lehrer den Schaden schnell repariert hatten, hatte sich der Anblick der einbeinigen, vor Schmerzen brüllenden Susan doch tief in Hermines Gedächtnis eingebrannt. Sie selbst hatte sich noch nicht zersplintert, aber sie hatte es auch noch nicht geschafft, von einem Reif in den anderen zu apparieren. Jetzt, nachdem ihr die Gefahren mangelnder Konzentration so deutlich vor Augen geführt worden waren, bezweifelte sie auch, dass sie jemals den Mut finden würde, es richtig zu probieren. Es war zum Verzweifeln.

Der Raum war kleiner heute, nicht mehr die riesige Bibliothek mit kleiner Teetafel, die sie sich sonst vorgestellt hatte, sondern ein kleiner, gemütlicher Raum, die Wände noch immer vollgestellt mit Bücheregalen, doch es war kaum mehr Platz vorhanden als nötig für zwei große Ohrensessel und ein Beistelltischchen. Hermine hatte sich beim Eintreten gefragt, ob der Raum ihr Unbehagen mit der fürs Apparieren umgewandelten Großen Halle gespürt hatte, und ihr deswegen einen kleineren, geschützten Raum zum Rückzug angeboten hatte.

Die Tür ging auf und Draco trat mit einer vollgepackten Schultasche über der Schulter ein. Sein überraschter Blick zeigte Hermine sofort, dass er sich über den kleinen Raum wunderte.

„Frag nicht“, unterbrach sie ihn, ehe er seinen Mund öffnen konnte: „Ich glaube, der Raum weiß einfach, dass mir heute nach klein und geschützt ist.“

Draco hob nur eine Augenbraue, doch zu Hermines Erleichterung fragte er nicht weiter nach. Er war genauso wie sie beim Apparierkurs anwesend gewesen, doch schon da hatte sie gesehen, dass er lange nicht so geschockt von Susans Unfall gewesen war wie sie. Sie fragte sich, ob er gedanklich überhaupt im Unterricht gewesen war. Auf schwachen Beinen erhob sie sich aus ihrem Sessel, um Draco einen kurzen Kuss aufzudrücken.

„Ich hab dir was mitgebracht“, erklärte der, nachdem er sich auf seinem Sessel niedergelassen und die Schultasche auf den Boden gestellt hatte. Gespannt schaute Hermine zu, wie er die Tasche öffnete und drei große, schwere Bücher herausholte und vor ihr auf den Beistelltisch legte: „Hier, das ist alles, was ich von Snape bekommen habe.“

Langsam nahm sie das erste Buch zur Hand: „Das ging schnell. Hat er irgendetwas gesagt?“

Dracos Gesicht blieb verschlossen, als er antwortete: „Nur das übliche. Er will mehr wissen. Er ist wirklich aufdringlich. Aber immerhin denkt er jetzt, dass ich irgendetwas mit schwarzmagischen Objekten anstelle. Vielleicht gibt er vorläufig Ruhe.“

Mitleidig blickte Hermine ihn an. Es war inzwischen Februar, die Flasche mit dem Alkohol war noch immer in Slughorns Büro und das Schuljahr schritt unerbittlich voran. Für Draco bedeutete jeder Tag Richtung Schuljahresende auch, dass die Zeit, die er hatte, um Voldemorts Auftrag zu erfüllen, knapper wurde. Sie hatte noch immer keine Vorstellung davon, was sein Ersatzplan war, doch sie spürte deutlich, dass Draco noch keinen Erfolg gehabt hatte. Angst um sein eigenes Leben zu haben und gleichzeitig Snape bei jedem Schritt im Nacken zu spüren, musste für ihn wirklich schwer sein.

Doch sie wusste, Draco wollte nicht darüber reden und vor allem wollte er kein Mitleid. Ohne auf seine Aussage einzugehen, öffnete sie das Buch auf ihrem Schoß: „Was dagegen, wenn ich die alle einmal durchblättere, um zu schauen, ob ich finde, was ich suche?“

„Wenn du mir sagen würdest, was du suchst, könnte ich dir helfen.“

Hermine schluckte. Sie konnte es Draco nicht verraten, sie durfte es einfach nicht. Langsam schüttelte sie den Kopf: „Das geht nicht. Du … du musst mir hier einfach vertrauen, okay?“

Schulternzuckend winkte er ab: „Kein Problem. Wir haben alle unsere Geheimnisse, Granger, das ist nicht das Ende der Welt, ich verstehe das schon. Kann mir zwar nicht vorstellen, dass jemand wie du sich ernsthaft für irgendetwas Schwarzmagisches interessiert, was in diesen Büchern stehen könnte, aber … du hast mir schon oft genug bewiesen, überraschende Seiten an dir zu haben.“

Augenblicklich spürte Hermine, wie eine inzwischen wohlbekannte Hitze ihr in die Wangen stieg, doch sie zwang sich, das für den Moment zu ignorieren. Sie hatte eine wichtige Aufgabe zu erledigen, die doppelte Konzentration erforderte. Nicht nur musste sie alle drei Bücher rasch durcharbeiten, sie durfte sich zudem nicht anmerken lassen, wenn sie etwas über Horkruxe fand, dass sie gefunden hatte, was sie gesucht hatte. Sie leckte sich über die Lippen und begann zu lesen.

Stille breitete sich aus, während sie hochkonzentriert durch die Seiten blätterte. Draco neben ihn blieb die ganze Zeit stumm, trank in aller Ruhe seinen Tee und schien ganz in der Stille des Raumes aufzugehen. Immer wieder warf Hermine ihm einen Seitenblick zu, und immer wieder musste sie lächeln, wenn sie sah, wie entspannt er neben ihr wirkte. Es war ein unheimlich schönes Gefühl, dass sie nicht einfach nur Sex miteinander hatten, sondern auch ruhige, schweigende Momente miteinander teilen konnten, ohne dass es merkwürdig war.

Zwei Stunden später schlug sie enttäuscht das letzte Buch zu. Im zweiten hatte etwas über Horkruxe gestanden, aber nicht viel. Es war als eines von vielen schwarzmagischen Objekten, die ein Zauberer willentlich erschaffen muss, aufgelistet worden, doch während die übrigen Objekte jeweils auf einer Seite genauer beschrieben worden waren, hatte zu Horkruxen nichts mehr gestanden. Was war das nur für ein Ding, dass selbst Bücher wie diese hier nichts darüber verraten wollten?

„Nichts?“, fragte Draco vorsichtig nach, als sie das Buch auf den Stapel zu den anderen legte.

Sie nickte: „Nichts. Ich verstehe das einfach nicht. Wenn es das gibt, dann muss es doch auch ein Buch darüber geben! Es muss einfach!“

Mit bedächtigen Bewegungen packte Draco die Bücher wieder ein. Er schwieg für eine Weile, ehe er sich direkt zu ihr umdrehte, die Arme auf dem Tisch abgestützt, sein Gesicht ernst: „Nimm mir das nicht übel, ja? Aber ich glaube, in dieser Hinsicht weiß ich einfach mehr als du, weil ich … weil ich aus einer Zaubererfamilie komme.“

Augenblicklich schossen Hermines Augenbrauen in die Höhe und sie verschränkte ihre Arme vor der Brust, doch sie blieb stumm, um sich anzuhören, was er zu sagen hatte.

„Magie ist … keine Wissenschaft, wie Muggel sie haben. Und es hat lange gebraucht, bis man anfing, Sprüche aufzuschreiben und Zauberei zu lehren. Wusstest du, dass man früher in Amerika nicht mal Zauberstäbe kannte? Man hat einfach ohne gezaubert. Diese ganzen Regeln, die Anweisungen aus Büchern und so. Das ist alles noch gar nicht so alt. Und ich weiß, dass es auch heute noch viele Zauber gibt, die nirgends aufgeschrieben sind. Sie werden einfach mündlich weitergegeben. Gerade bei … naja, bei den Dunklen Künsten ist das oft der Fall“, erklärte Draco. Hermine konnte sehen, dass ihm unwohl war, mit ihr als muggelgeborener Hexe darüber zu sprechen, also blieb sie ruhig, um ihn nicht zu unterbrechen. Vorsichtig fuhr er fort, den Blick auf seine Hände gerichtet: „Die alten Zaubererfamilien … die Unantastbaren Achtundzwanzig oder Heiligen Achtundzwanzig, wie immer du sie nennen willst … wir wissen alle, dass es Sprüche und Flüche gibt, die nirgends geschrieben stehen. Ich will nicht, dass du das falsch verstehst, Hermine. Ich sage einfach nur, wie es ist. Wir … also, die Zauberer, die diesen uralten Familien angehören … wir wissen einfach, dass manche Zaubersprüche den Eindruck erwecken könnten, dass sie nur existieren, um sie gegen Muggel zu verwenden. Bei manchen stimmt das bestimmt auch. Also schreibt man sie lieber nicht auf und hält sie geheim im Kreise von denen, die … die das verstehen.“

Hermine zitterte. Sie verstand nur zu gut, was Draco ihr mitteilen wollte. Die Rassenideologie über den Blutstatus war heutzutage politisch nicht mehr korrekt, deswegen bemühten sich die meisten, nach außen hin tolerant zu wirken. Aber was Draco ihr da gerade eröffnet hatte, zeigte, dass sich in Wirklichkeit gar nichts geändert hatte. Zaubersprüche, die nur den ältesten, reinblütigsten Familien bekannt waren? Flüche, die so schwarzmagisch waren, dass man sie lieber nicht aufschrieb? Und alle Mitglieder dieser Familien wussten davon, der Rest der magischen Gemeinschaft hingegen nicht?

„Ich sage nur, wie es ist“, kam es unsicher von Draco. Seine leise Stimme riss Hermine aus ihrer ernüchterten Betrachtung. Lächelnd schüttelte sie den Kopf: „Ich bin dir nicht böse, falls es das ist, was du denkst. Ich … es ist einfach schwer für mich, verstehst du? Vom ersten Tag an hier in Hogwarts musste ich darum kämpfen, mich zu beweisen. Ich dachte, ich würde hier endlich Freunde finden, die mich akzeptieren … das war früher nämlich nicht so, da war ich nur die doofe Streberin. Und hier war das genauso. Ich kannte niemanden, ich kannte die Welt nicht, während alle anderen mit Magie aufgewachsen waren … und ich war so alleine. Wenn da nicht der Troll gewesen wäre, der mich beinahe getötet hätte, hätte ich niemals Freunde gefunden.“

„Bitte was?“, unterbrach Draco sie verwirrt, doch Hermine achtete gar nicht auf ihn.

„Ron kommt aus einer dieser alten Familien, weißt du? Durch ihn habe ich so viel über Magie gelernt. Darüber, wie es ist, in einer Familie zu leben, in der jeder zaubern kann. Wo der Alltag von Magie bestimmt ist. Das war aufregend, spannend … anders. Ich habe immer gemerkt, dass ich anders bin, weil ich so nicht aufgewachsen bin, aber je öfter ich bei Rons Familie war, desto heimischer fühlte ich mich. Ich dachte … ich dachte, ich könnte da einfach … reinwachsen. Ich dachte, dass wir doch gar nicht so verschieden sind. Ich meine, klar, da warst immer du und dein Vater … ihr wart immer da als Erinnerung daran, dass es Zauberer gibt, die echt viel auf den Blutstatus geben, aber ich dachte, ihr wärt … eine Minderheit. Konservative, ungebildete Idioten, die on der Zeit stecken geblieben sind.“

„Mh, ja, vielen Dank“, kommentierte Draco trocken, was ihm einen bösen Blick von Hermine einbrachte, doch sie ging nicht weiter darauf ein.

„Es ist einfach … wenn Voldemort gewinnt“ – sie sah, wie Draco zusammenzuckte, doch sie ignorierte es – „Ich dachte, wenn er gewinnt, dann wird sich trotzdem ein breiter Widerstand formen. Dass er gar nicht richtig gewinnen kann, weil es nur seine kleine Truppe von Todessern ist, die ihm folgen. Aber ich beginne langsam zu verstehen, dass das Wunschdenken ist. Es gibt so viel, was ich nicht weiß und niemals aus Büchern lernen kann … Wer weiß, wie die ganzen Hexen und Zauberer wirklich denken, die jetzt sagen, dass sie gegen Voldemort sind? Ich meine, schau dir doch nur mal den Tagespropheten und die Geschichten über Harry und Dumbledore an. Oh Gott … dass mir das nicht früher aufgefallen ist …“

Sie fror plötzlich, als eine Welle von Verzweiflung über sie rollte. Warum hatte sie nie zuvor alle Tatsachen zusammengefügt und realisiert, wie schlecht es eigentlich wirklich um die englische Gemeinschaft stand?

Eine warme Hand legte sich auf ihre Wange: „Hermine, schau mich an“, verlangte Draco mit unnachgiebiger, aber sanfter Stimme: „Die Welt ist nicht so schwarz und weiß. Glaub mir, ich weiß das. Schau doch mich an … ich bin doch das Beispiel für jemanden aus der alten Familie und trotzdem bin ich … naja, nicht hundert Prozent an Bord. Wer weiß, wie viele andere auch einfach nur folgen, weil sie denken, sie müssen?“

Mit einer schnellen Bewegung verließ Hermine ihren Sessel, um sich auf Dracos Schoß niederzulassen. Sie schlang ihre Arme um ihn, vergrub ihr Gesicht an seiner Brust, und klammerte sich einfach in stummer Verzweiflung an ihn. Seine armen Hände schlossen sich um sie, hielten sie fest und streichelten vorsichtig ihren Rücken, ohne dass es auch nur im geringsten etwas anderes ausdrückte als Anteilnahme und ehrliche Zuneigung. Dass ausgerechnet Draco Malfoy sie verstehen würde, war beinahe schon lächerlich unrealistisch, und doch war es der Fall. Sie beide wussten, dass die Welt um sie herum wesentlich dunkler und gefährlicher war, als ihre Schulkameraden dachten. Selbst Harry, der geheime Unterredungen mit Dumbledore hatte und Draco als Mörder verdächtigte, ahnte nichts von der eigentlichen Grausamkeit. Für Harry war die Welt tatsächlich schwarz und weiß: Hier Dumbledore und er selbst, dort Voldemort und Draco. Hier die Guten, dort die Bösen. Doch die eigentliche Tragik der ganzen Geschichte lag darin, dass jemand wie Draco nie eine Wahl gehabt hatte und Böses tun musste, ohne es zu wollen.

Hermine wusste, dass Harry sich manchmal so fühlte, als wäre er auf der ganzen Welt alleine, als könne nur er alle retten und als müsse er das auch noch gegen deren Willen tun. Sie hatte diese Sicht nie geteilt, da für sie nie außer Frage gestanden hatte, dass alle Hexen und Zauberer ein Interesse daran haben mussten, Voldemort tot zu sehen. Heute war ihr aufgegangen, dass das nicht der Fall war. Und genauso war ihr aufgegangen, dass sie nicht nur nicht wissen konnte, wer wirklich auf ihrer Seite stand, sondern auch nicht ahnen konnte, wer wirklich auf Voldemorts Seite stand. Diese Erkenntnis machte den ganzen bevorstehenden Krieg so viel unberechenbarer.

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