Dary und Jiri

Ratlos blickte Shane nach links und rechts und wieder links. Irgendwo musste der Zaun einen Ausgang haben. Fraglich ob er ihn öffnen konnte, doch hier war kein Überwinden dieses möglicherweise unter Strom stehenden Hindernisses möglich. Er blies die Backen auf und ließ die Luft gestresst wieder entweichen. Schließlich zuckte er mit den Schulten, entschlossen nicht noch mehr Zeit zu verschwenden, in der Corey ihn einholen und wer weiß was tun würde.

Scheiß drauf.

Kurz entschlossen wand er sich nach rechts und marschierte los. Er wollte die Sonne lieber im Rücken, als in den Augen.

~   ~   ~

Corey duckte hinter eine bröckelnde Mauer und lugte vorsichtig um die Ecke. Sie hatte Shanes Spuren wieder gefunden. Doch nicht nur seine. Es sah ganz so aus, als würde er bereits von zwei weiteren Parteien verfolgt werden. Gespannt wer es war, schlich sie hinter ihnen her und bemühte sich nicht mehr ihre eigenen und Shanes Spuren zu verwischen.

Gerade hatte zwei leise Stimmen nicht fern von ihr gehört. Jemand stand im Schatten einer der Ruine eines alten Bauernhauses und eine zweite Gestalt hockte nachlässig auf einem umgestürzten Baumstamm. Sie hatten einander den Rücken zugekehrt, doch unterhielten sich leise. Corey war nicht nah genug um die Worte zu verstehen, doch sie erkannte, dass es ein Mann und eine Frau war. Sie verschwand wieder hinter ihrer Mauer und kroch an ihr entlang zu den Überresten einer Wand, die gerade noch hochgenug war, um sie zu verbergen. Efeuranken wucherten über den alten Stein und hatten den Putz gelöst. Vorsichtig erhob sie sich, doch hielt genug Abstand um die saftigen dunkelgrünen Blätter nicht zum Rascheln zu bringen. Fast hätte sie das Fenster übersehen. Efeu und Unkraut hatten die Lücke nahezu wieder ausgefüllt.

Sie sah gerade durch das schmale Loch, als sie ein leises Plätschern vernahm. Der junge Mann – Jiri? – stand in einer Ecke des Gebäudes, das Gesicht zur Wand.

Pisst der da gerade hin?!

Corey änderte ihre Position und suchte nach dem Mädchen. Sie saß noch immer auf dem Baumstamm und sah sich regelmäßig um.

Und Dary steht Schmiere. Das könnte interessant werden...

Jiri, groß und breitschultrig, war genauso alt wie Corey selbst, ungefähr achtzehn, und hatte noch immer einen irgendwie ost-europäischen Akzent. Corey kannte seine Muttersprache nicht und hatte im Allgemeinen kein Gefühl für Sprachen. Er wurde im selben Jahr zur EL wie auch Daryna und sie selbst. Dary wurde ebenfalls irgendwo in Osteuropa aufgelesen, vielleicht hatten die beiden deshalb irgendwie eine besondere Bindung. Sie hatten sich immer gut verstanden und hingen ständig zusammen. Natürlich lief nichts Sexuelles zwischen ihnen. Dafür haben Ares und die anderen schon gesorgt. Die EL konnte es sich nicht leisen ein bescheuertes Liebespaar unter ihren Rekruten zu haben, die sich irgendwann weigern würden, gegeneinander zu kämpfen, oder sich schonten und mit ihren Kräften hinterm Berg hielten.

Unwillkürlich musste Corey an Finlay denken. Er war wohl sowas ähnliches wie Darys Jiri gewesen. Finn und sie waren ungefähr in derselben Gegend von einem Evakuierungstrupp der EL gefunden und gerettet worden. Doch Finn wurde irgendwo anders untergebracht. Nicht in Coreys Lager. Und wenn er noch lebte und ihre Nachricht vor ein paar Jahren erhalten hat, würde auch er heute um die Vorherrschaft in seiner gruppe kämpfen. Und siegen. Und wieder mit ihr vereint werden.

„Hast du's bald? Er entwischt uns noch.", unterbrach Darys ungeduldige Stimme Corey in ihren Erinnerungen.

„Stress mich nicht. Es fällt mir schon schwer genug zu pissen, wenn eine Frau mir zuhört."

Dary kicherte. Sie erhob sich anmutig und zog sich ihr Haarband von dem dicken dunkelbraunen Pferdeschwanz. Dann schüttelte sie den Kopf, fuhr sich mit langen zarten Fingern durch das Haar und strich es sich hinters Ohr. Etwas neidisch beobachtete Corey wie Dary sich mit den Fingern ihr glänzendes Haar kämmte und schließlich wieder zu einem Zopf hoch am Hinterkopf zusammen band. Wenn an diesem Mädchen irgendetwas schön war, dann ihr volles dunkles Haar.

Jiri war inzwischen endlich fertig und beobachtete seine Freundin. Er lächelte sie mit mehr Zuneigung an, als er sollte, doch sie sah es nicht. Endlich machten die zwei sich wieder auf den Weg. Dary ging voran und wurde bald durch ihren großen, muskulösen Begleiter verborgen.

Corey folgte ihnen leicht versetzt und in sicherem Abstand, bis die beiden die unvermittelt wieder stehen blieben und sich suchend umsahen.

Oh Mann. Haben die die Spur etwa schon wieder verloren?

Corey stahl sich lautlos noch etwas näher durch dichtstehende junge Bäume, bis auch sie sah, wieso die zwei angehalten hatten.

Der Zaun. Sie hatten die Grenze erreicht.

Ein krachendes metallisches Klappern durchbrach die Stille. Sofort fuhren alle drei Köpfe in die Richtung aus die der Lärm kam. Dary und Jiri überlegten nicht lange und rannten los.

Shit, du Idiot.

Angesichts fehlender Alternativen huschte Corey hinterher. Da sie sich jedoch nach wie vor nicht verraten wollte, kam sie nur langsam vor und hörte gerade so wie Jiri seine tiefe Stimme erhob.

„Shane Ó Shea!"

~    ~    ~

Erschrocken drehte Shane sich um. Da stand ein Bär von einem Mann zwischen den Bäumen und grinste ihn schief an. Er deutet auf den Stock in Shanes Händen.

„Lass das mal lieber fallen!"

Unfähig einen Gedanken zu fassen starrte Shane den Kerl einfach nur an. Dunkle Haare standen in einem kurzen Bürstenschnitt von seinem Kopf ab und ein beachtlicher Bart für sein Alter ließen ihn älter wirken als er vermutlich war. Seine Augen wirkten nicht unfreundlich, doch von Corey gewarnt, wich Shane ein Stück zurück. Da trat eine junge Frau hinter aus dem Schatten des Mannes. Sie war fast so groß wie ihr Begleiter, doch wesentlich schlanker. Sie hatten beide die gleiche Uniform, die Corey vorhin dem toten Jungen gestohlen hatte.

Scheiße.

Ein verschlagender Ausdruck verdarb ein Gesicht, das vielleicht hübsch hätte sein können. Ihre weit auseinander stehenden braunen Augen musterten Shane abfällig von oben bis unten. Sie grinste selbstgefällig und warf lässig ein kleines Messer mit der rechten Hand und fing es geschickt wieder auf.


Woher kennen die meinen Namen?

„Und, Shane, bist du ein Kämpfer?" Es war das Mädchen, das fragte und nun langsam auf ihn zuging, das mit ruhiger Stimme und nicht im Mindesten von seiner Anwesenheit irritiert schien.


Shane gefror das Blut ob dieser offensichtlichen Drohung.

„Corey...?", hauchte er kaum hörbar, doch sie das fremde Mädchen hatte ihn verstanden. Ihr Blick war plötzlich alles andere gelassen.

„Was?", zischte sie und starrte ihn aufgebracht an. „Corey? Hast du sie gesehen? Ist sie tot?", fuhr sie nun aufgeregt fort, so etwas wie freudige Hoffnung in der Stimme.

Die wollen ihren Tod? Vielleicht hat sie sich doch nur ... gewehrt?

Unfähig zu antworten, überlegte Shane fieberhaft wie er aus dieser Situation wieder heraus kaum und ob er einen Fehler gemacht hat, als er vor Corey weg gerannt ist. Corey wusste nicht wer er war, im krassen Gegensatz zu diesen beiden hier. Doch sie hatte gewusst wo sie war und mit wem. Sie hatte den Namen des Jungen gekannt und ihn verfolgt, als sie ihren Vorteil gesehen hatte. Waren sie beide, Corey und er selbst die Beute in einer kranken Jagd?

Ein Kämpfer? Scheiße, darauf kannst du einen lassen!

Wild sah zwischen den beiden hin und her und brachte sich unbewusste in eine standfestere Position. Er hatte keine Waffen und der Bär war ganz sicher stärker. Aber Shane war schnell und er wusste sich zu verteidigen wenn es darauf ankam.

„Antworte mir gefälligst", schrie ihn das Mädchen an. Shane wusste sie nicht richtig einzuschätzen. Würde sie den Bär die Arbeit machen lassen? Doch Corey sah auch nicht so aus, als könnte sie einen Mann, der größer als sie war, allein überwältigen und hatte es ohne sich selbst eine Verletzung zufügen zulassen geschafft. Fast schon mühelos. Sie war nicht einmal außer Atem gewesen.

Shane überlegte die Frage einfach zu bejahen – so viel er wusste, konnte sie ja inzwischen wirklich tot sein.

„Sprich endlich Ó Shea. Oder ich schneide dir deinen Kopf ganz langsam vom Hals", flüsterte sie und hielt das Messer nun drohend vor sich.

„Woher kennst du meinen Namen?", sprudelte unüberlegt die Frage aus Shane, bevor er sich zurück halten konnte.

Der Bär hatte sich in der Zwischenzeit nicht vom Fleck gerührt und lachte nun leise.

„Was zur Hölle wollt ihr Irren von uns?", presste er zornig zwischen den Zähnen hervor und ignorierte das Mädchen.

„Uns?", fragt nun der Bär. „Also hast du sie tatsächlich getroffen. Und lebst noch. Nicht schlecht. Hast sie wohl erwischt?"

Lebe noch? Sie erwischt?

Shane verstand die Welt nicht mehr. Was ging hier vor?

„Oh uns hast du gar nichts getan," säuselte nun das Mädchen und schien sich über seine Wut und offensichtliche Verwirrung zu amüsieren. Sie begann wieder mit ihrem Messer zu spielen und kam einen Schritt näher. Shane wollte gerade genauso weit zurück weichen, als er sich an den Zaun im Rücken erinnerte und zähneknirschend stehen blieb.

„Aber unserem Anführer", sprach der Bär anstelle des Mädchens weiter. Auch er näherte sich Shane nun mit überraschend leichten Schritten für seine Masse. „Etwas Unverzeihliches. Und dafür wirst du jetzt sterben.



Hey, danke erstmal fürs Lesen :D

Mich würde sehr interessieren, ob ihr irgendeine Ahnung habt wohin die Geschichte wohl führt und wie ihr die Protagonisten an diesem Zeitpunkt so einschätzt. Ich selbst finde es furchtbar, wenn Geschichten schon ab so einem frühen Punkt allzu vorhersehbar und die Charaktere klischeehaft sind und versuche das natürlich zu vermeiden :D

Lasst mir doch mal eure Meinungen und Gedanken dazu da.


Comments

  • Author Portrait

    Mhh, das ist eine sehr gute Frage... bisher verrätst du uns ja nicht viel :-) Ich würde vermuten, dass Corey das Gespräch mit angehört hat und vielleicht eingreift, um Shane zu helfen. Zusammen hätten sie bestimmt eine Chance gegen Dary und Jiri und vielleicht auch gegen das, was sie in Zukunft noch erwartet. Vielleicht hauen sie zusammen aus diesem eingezäunten Gebiet ab, weil Corey feststellen muss, dass sie dabei definitiv getötet werden soll. Schließlich scheinen alle anderen mehr zu wissen, als sie...

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