Das 10. Geschenk: Von Geständnissen und Eifersucht.

Malfoy,
ich kam gestern nicht dazu, es richtig zu sagen, deswegen bekommst du es jetzt nochmal schriftlich: Danke.
Ich vermute, du hast es nicht absichtlich getan, aber unser Gespräch gestern hat mich aufgemuntert. Nach dem Streit mit Harry und Ron war ich wirklich wütend und wirklich traurig. Ich komme mir in letzter Zeit immer so dumm und überflüssig vor, wenn ich bei den beiden bin, als hätten sie sich gegen mich verbündet, um mich zu ärgern. Dass ausgerechnet du dann daher kommen und nett zu mir sein würdest, hätte ich nicht erwartet, aber es hat mich wirklich gefreut.
Die Seite, die ich in den letzten Tagen an dir entdecken konnte, gefällt mir sehr. Vielleicht schaffen wir es ja, über die Ferien hinaus höfliche Konversation beizubehalten …
Hermine Granger.
PS: Ja, das hier ist das ganze Geschenk für heute. Die Überwindung, die es mich gekostet hat, diese Zeilen zu schreiben, ist definitiv mehr wert als alles Gold, das ich vorher je gezahlt habe. Also beschwere dich nicht!

Fassungslos starrte Draco auf den Brief in seinen Händen. Er konnte nicht glauben, was er da gelesen hatte. Oder dass er überhaupt etwas gelesen hatte. Hatte Hermine Granger ihm tatsächlich gerade einen Liebesbrief geschrieben? Vorsichtig schaute er zur Seite, um zu überprüfen, ob Blaise neben ihm einen Blick auf das Geschriebene erhascht hatte, doch dieser starrte nur abwesend zum Gryffindor-Tisch hinüber.

Wenn er ehrlich zu sich war, konnte man das nicht als Liebesbrief bezeichnen. Es waren freundliche Worte und sie drückten die Hoffnung auf eine fortgesetzte Beziehung aus, aber von Liebe war an keiner Stelle die Rede. Warum nur schlug dann sein Herz so schnell, als habe er gerade ein Geständnis gehört?

oOoOoOo

Gedankenverloren spielte Hermine mit der Kette. Es war wirklich ein schönes Geschenk, eine stilvolle Uhr, die gleichzeitig eine kleine Eule darstellte. Sie konnte sich schon denken, dass das eine Anspielung auf ihren Lerneifer sein sollte – immerhin standen Eulen für Weisheit – doch Hermine ließ sich davon nicht stören. Es war ein schönes, durchdachtes Geschenk, sie freute sich darüber.

Mit einem Seufzen ließ sie die Kette los, um ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Buch vor sich zu richten. Sie hatte vorgehabt, in den Ferien einige Bücher über Muggelkunde zu lesen, jetzt, wo sie das Fach nicht mehr belegte. Sie wollte wissen, was dort unterrichtet wurde und wie Zauberer auf Muggel blickten. Doch heute war der erste Tag, an dem sie sich tatsächlich ernsthaft mit dem Thema beschäftigte – und die Ferien waren schon fast zur Hälfte rum.

Ein leises Räuspern ließ Hermine schließlich aufschauen. Blaise stand vor ihr, die Wangen leicht gerötet, die Hände linkisch ineinander verkrampft, der Blick überall nur nicht auf ihr. Ein ungutes Gefühl beschlich sie, doch da sie nicht sicher war, was er vorhatte, beschloss sie, zunächst einmal höflich zu sein.

„Hey Blaise, was führt dich her?“

Eine kurze Pause folgte, ehe er leise antwortete: „Du.“

Hermines Mund klappte auf. Das ungute Gefühl verstärkte sich, aber noch immer war sie bemüht, sich nichts anmerken zu lassen: „Ich?“

„Hermine, tu nicht so“, brach es schließlich aus dem dunklen Slytherin heraus, „wir haben in der letzten Woche beinahe jeden Tag zusammen verbracht … ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass du so blind warst und nichts bemerkt hast.“

Sie schluckte hart, doch kein einziges Wort ließ sich auf ihrer Zunge bilden. Ihr Verstand war vollkommen leer, sie hoffte nur inständig, dass er nicht sagen würde, was sie befürchtete, dass er sagen wollte. Wie erstarrt schaute sie zu, wie Blaise sich auf den Stuhl gegenüber setzt und vorsichtig ihre beiden Hände ergriff, die sich verzweifelt an das Buch geklammert hatten. Seine Hände fühlten sich warm an und die Daumen, die über ihren Handrücken strichen, ließen ihr einen Schauer über den Rücken fahren.

„Ich habe mich in dich verliebt, Hermine“, gestand Blaise schließlich mit kaum hörbarer Stimme. Ergeben schloss Hermine die Augen – als sie ihn an sich herantreten gesehen hatte, hatte sie genau das schon befürchtet. Was sollte sie tun? Sie hatte ihn wirklich gerne und das letzte, was sie wollte, war, ihn zu verletzen. Doch sie musste ihn ablehnen, alles andere wäre unaufrichtig gewesen. Zaghaft erwiderte sie den Händedruck und zwang sich zu einem Lächeln. Mit einer bedachten, langsamen Bewegung führte sie eine seiner Hände an ihre Lippen und hauchte einen zarten Kuss auf seine Fingerspitzen. So gefangen in dem Augenblick bemerkte keiner der beiden den Schatten, der sich hinter einem der Regale löste und lautlos aus der Bibliothek verschwand.

„Blaise“, sagte Hermine schließlich, „ich danke dir für deine Worte. Es schmeichelt mir, das zu hören, aber … es macht mich auch sehr unglücklich.“

Sie musste nicht mehr sagen, der Junge vor ihr verstand sofort. Rasch zog er seine Hände zurück, verbarg sein Gesicht in ihnen und atmete tief aus.

„Ich habe diese Antwort geahnt“, gestand er schließlich, „irgendwas in mir hat mir schon gesagt, dass du nicht dasselbe empfindest. Deswegen habe ich auch so lange nichts gesagt, ich hatte Angst, dass … dass wir dann nicht mehr Freunde sein können. Aber ich wollte sicher gehen. Bist du mir böse?“

„Böse?“, fragte Hermine mit einem überraschten Lachen, „Nein, gar nicht. Ich verstehe vollkommen, wie du fühlst und denkst. Ich schätze dich sehr. Ich bin da für dich, wenn du eine Freundin brauchst, aber ich verstehe auch, wenn du vielleicht erstmal nicht mehr mit mir reden willst.“

„Hermine“, flüsterte Blaise, und sie konnte sehen, dass er gegen Tränen ankämpfte, „du bist viel zu gut … so gut, dass es schon gar nicht mehr wahr ist.“

„Wenn du nicht willst, dass ich jetzt sofort weglaufe, solltest du aufhören mit diesen Komplimenten. Ich kann damit ganz schlecht umgehen.“

Obwohl ihm nicht danach zumute war, musste Blaise unwillkürlich lachen ob der strengen Worte. Ein erleichtertes Grinsen breitete sich auf Hermines Lippen aus, als sie sah, dass ihr Freund trotz allem noch lachen konnte. Sie war sich sicher, auch wenn es vorübergehend schwierig zwischen ihnen sein würde, sie würden auch in Zukunft gute Freunde sein können.

oOoOoOo

„Was ist mit dir denn los, Theo? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen!“

Überrascht drehte Theodore sich um. Er hatte Pansy, die lässig auf dem Sofa im Gemeinschaftsraum lag, gar nicht wahrgenommen, als er eingetreten war. Seufzend ließ er sich auf einen Sessel neben ihr sinken. Eigentlich hatte er während der letzten Tage beschlossen, etwas Abstand von Pansy zu halten – zu merkwürdig hatte sie sich benommen, zu oft hatte er den Eindruck gewonnen, dass sie weit gerissener war, als sie vorgab. Trotzdem hatte er das Bedürfnis, sich mitzuteilen – und weder Draco noch Blaise waren dafür geeignet.

„Ich habe gerade Blaise und Granger in der Bibliothek gesehen“, begann er, „soweit ich beurteilen kann, hat Blaise sich endlich aufgerafft und Granger seine Gefühle gestanden. Und sie hat akzeptiert.“

„Was?!“, entfuhr es Pansy aufgebracht, „Blaise hat sich ernsthaft mit einem Schlammblut eingelassen?“

„Pansy!“, zischte Theodore ungehalten, „Du weißt ganz genau, dass niemand von uns hier dem alten Glauben über Blutreinheit anhängt. Hör also endlich auf damit. Und ja, Blaise ist jetzt offensichtlich mit ihr zusammen.“

„Ihr seid allesamt Hohlköpfe!“, erwiderte Pansy ungerührt, während sie wie ein eingesperrter Tiger auf dem Teppich vor ihrem Sofa auf und ab lief, „Eines Tages werdet ihr es bereuen. Und Blaise besonders. Blutsverräter.“

Ehe Theodore noch etwas sagen konnte, war Pansy bereits aus dem Gemeinschaftsraum gestürmt und die Treppe zu den Schlafgemächern der Jungen hinabgestiegen. Ohne anzuklopfen marschierte sie in das Schlafzimmer von Draco, in dem dieser gerade auf seinem Bett lag und ein Buch las. Seine Zimmergenossen waren nicht anwesend.

„Draco!“, rief sie ihm zu, sprang mit einem weiten Satz neben ihn auf das Bett und setzte sich direkt neben ihn, „Große Neuigkeiten!“

„Was ist denn?“, fragte dieser genervt. Er hasste es, wenn man ihn während der Lektüre eines Buches störte – und die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens, die er von Hermine geschenkt bekommen hatte, fesselte ihn ganz besonders.

„Blaise ist jetzt mit der Granger zusammen!“, verkündete sie halb triumphierend, halb alarmiert. Sofort setzt Draco sich auf: „Bitte?“

„Jaaah, gerade eben in der Bibliothek. Blaise hat ihr seine Liebe gestanden und sie hat angenommen! Der Wahnsinn, oder?“

Unfähig, etwas dazu zu sagen, rollte Draco sich vom Bett und stand auf. Ein grimmiger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht, während er mit beiden Händen tief in der Hosentasche vergraben zum Schreibtisch hinüber ging. Mit zitternden Händen hob er den Brief, den er am Morgen von Hermine erhalten hatte, hoch. Warum hatte sie ihm diese Zeilen geschrieben, wenn sie sich am nächsten Tag seinem besten Freund an den Hals warf? Sicher, Blaise war schon Ewigkeiten in sie verliebt, aber er hatte immer gedacht, sie würde das nicht erwidern. War das ein Spiel für sie?

„Was ist denn los, Draco?“, fragte Pansy unschuldig, doch den wahren Grund für seine Wut konnte sie nicht erahnen. Der blonde Schüler ignorierte sie einfach, zog sich nur seinen Pullover über und machte sich auf den Weg Richtung Bibliothek. Eine erstaunte Pansy und einen besorgten Theodore hinter sich zurücklassend, schritt er entschlossen die Stufen des Kerkers hoch.

Doch weit kam er nicht. Schon im Treppenhaus zum ersten Stock stieß er auf Harry und Ron, die offensichtlich alles andere als erfreut waren, ihn zu sehen.

„Malfoy!“, schrie ihm Ron entgegen, „Bleib sofort stehen!“

„Warum sollte ich?“

„Tu nicht so unschuldig! Wir wissen genau, dass du etwas planst! Was hast du mit Hermine vor?“, bellte Harry ihm entgegen, die Hand um seinen Zauberstab in der Tasche geschlossen, jederzeit bereit, ihn zu ziehen.

„Wovon faselst du?“, fragte Draco genervt.

„Wir haben dich gestern gesehen“, erklärte Ron aufgeregt, „im Drei Besen. Mit Hermine. Ihr wart nur zu zweit und du warst auffällig freundlich zu ihr. Du planst etwas, gib es zu!“

Ungläubig brach Draco in ein freudloses Lachen aus: „Ich? Oh, bitte, Wiesel. Statt mich hier anzumeckern, solltet ihr lieber mal Blaise finden. Wieso pinkelt ihr mir ans Bein, wenn er derjenige ist, der euch eure geliebte Granger wegnimmt?“

„Was hast du gesagt?“, kam es gefährlich leise von Harry, „Blaise Zabini? Was hat er mit der Sache zu tun?“

„Alles! Viel mehr als ich!“, fauchte Draco, inzwischen ziemlich wütend und müde, „Wenn ihr irgendwen anmachen wollt, dann ihn. Oder fragt doch Granger selbst, was Sache ist!“

Ohne weiter auf die beiden Gryffindor-Schüler zu achten, kehrte Draco um. Ihm war die Lust vergangen, mit Blaise zu reden. Sollten das Potter und Weasley für ihn tun, sie würden ihn schon entsprechend zusammen falten. Während er mit langsamen Schritten wieder in den Kerker hinab stieg, begann ein schlechtes Gewissen an ihm zu nagen. Warum hatte er das getan? Warum hatte er die beiden wahnsinnigen, selbstgerechten Idioten auf seinen besten Freund gehetzt?

oOoOoOo

„Was ist nur in euch gefahren?“

Wütend tigerte Hermine durch den Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Nur mit Mühe hatte sie ihre beiden besten Freunde davon abhalten können, Blaise ohne jede Erklärung einen Fluch auf den Hals zu hetzen. Bemüht, die Lage möglichst schnell unter Kontrolle zu bringen, hatte sie die beiden aus der Bibliothek gezerrt und sie dazu überredet, im Gemeinschaftsraum in Ruhe zu reden.

„Wir wollen dir nur helfen, Hermine!“, ereiferte sich Harry.

„Helfen? Womit? Wogegen? Ich sehe nicht, dass ich eure Hilfe brauche!“

„Die Slytherins planen etwas. Sogar Malfoy hat zugegeben, dass Zabini etwas vorhat. Siehst du denn nicht, wie die zwei in den letzten Tagen ständig um dich herum schwirren?“, erklärte Ron aufgebracht. Genervt ließ sich Hermine schließlich in einen Sessel sinken: „Keiner von beiden plant etwas. Ich verstehe mich gut mit ihnen und sie sind aufrichtig freundlich zu mir.“

„Das glaube ich nicht!“, erwiderte Harry, „Warum sollte Malfoy sagen, dass sein bester Freund etwas Böses plant, wenn das nicht stimmt?“

„Draco hat was?“

„Draco? Erst Zabini, jetzt auch Malfoy? Hermine, was ist denn los mit dir?“, fuhr Ron wütend auf. Mit zornig funkelnden Augen sahen sich die drei Freunde an, doch keiner brachte ein weiteres Wort heraus. Hermine fühlte sich plötzlich schrecklich müde. Sie war enttäuscht, dass ihre beiden besten Freunde so wenig Verständnis für sie zeigten, und sie war überrascht, dass Draco plötzlich schlecht über Blaise sprach. Irgendwas war da im Busch, das spürte sie genau.

Morgen würde sie Draco aufsuchen und ihn fragen, was genau er zu Harry und Ron gesagt hatte.

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