Das 3. Geschenk: Von Schneebällen und überraschenden Rettungen

Sie könnte sich selbst schlagen für ihre Dummheit. Da war sie gestern den ganzen Tag in Hogsmeade gewesen und hatte nicht daran gedacht, ein Geschenk zu kaufen. Sicher, für diesen Morgen hatte sie noch die silberne Feder passend zum Federhalter von gestern. Aber heute war Sonntag, der dritte Advent. Keines der Geschäfte würde offen haben, nirgends würde sie ein Geschenk kaufen können. Genervt drehte Hermine sich in ihrem Bett um. Sie war wie immer früh wach geworden, ihre innere Uhr weckte sie selbst zum Sonntag so pünktlich, als ob sie zum Unterricht müsste.

Was machte sie sich überhaupt für Gedanken? Sie wurde offensichtlich von einem übel meinenden Slytherin beschenkt, der sich nicht darum scherte, dass Dumbledore mit dem Wichtelspiel Frieden stiften wollte. Darüber hinaus war sie sich sicher, dass Dracos Freude über seine schönen Geschenke sich ins Gegenteil verkehren würden, sobald er herausfand, dass sie von ihr kamen. Es war vollkommen sinnlos, sich Mühe zu geben, er hatte es nicht verdient. Wie sehr hätte sie sich gefreut, wenn sie statt seiner Blaise Zabini beschenken müsste. Er war auch ein Slytherin, aber so viel offener und höflicher. So, wie er sich seit Beginn der Ferien verhielt, war Hermine fest davon überzeugt, dass sie Freunde werden konnten. Sie mochte seine ruhige, nachdenkliche Art und vor allem schätzte sie an ihm, dass er ihr das Gefühl gab, etwas wert zu sein. Sie hoffte sehr, dass sein Verhalten ihr gegenüber auch über die Ferien hinaus andauern würde, so dass sie endlich einen Freund in Slytherin haben konnte.

Mit einem Stöhnen setzte Hermine sich auf. Es hatte keinen Sinn, über Blaise nachzudenken - sie musste sich überlegen, was sie mit Draco anstellte. Die Tatsache, dass sie kein Geschenk für den Montag hatte, nagte an ihr. Die Stille im Raum wies darauf hin, dass ihre drei Zimmergefährtinnen noch schliefen. So leise wie möglich zog Hermine sich an, griff nach der silbernen Feder, die sie am Abend zuvor in schlichtes, grünes Papier gewickelt hatte, und machte sich auf den Weg zur Eulerei. Auch nach all den Jahren war sie immer wieder überrascht davon, wie intelligent jene Eulen waren, die für Zauberer Post überlieferten. Als sie am ersten Tag früh morgens einer Eule das Geschenk für Draco umgebunden hatte, war sie nicht sofort los geflogen, sondern tauchte pünktlich mit der üblichen Post zum Frühstück auf. Und auch jetzt war Hermine sich sicher, dass sich die Eule erst auf den Weg machen würde, wenn Draco am Frühstückstisch saß und sie empfangen konnte.

"Hoppla", war das letzte, was Hermine hörte, ehe sie unsanft auf dem Boden landete. Gedankenverloren war sie in einen anderen Schüler hinein gerannt und hatte vor lauter Schreck das Gleichgewicht verloren. Innerlich fluchend - auch dieser Tag begann mal wieder großartig - richtete sie sich wieder auf. Vor ihr stand Blaise.

"Guten Morgen", meinte er grinsend, "du musst dich nicht gleich vor meine Füße werfen, nur weil ich so umwerfend bin, Granger!"

Ein säuerliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht: "Und du musst mich nicht gewaltsam zu Boden stoßen, nur weil du über meinen attraktiven Körper herfallen willst, Zabini."

Kurz stutzte der dunkle Slytherin, dann brach er in schallendes Gelächter aus, das auch Hermine ansteckte.

"Mir war nie bewusst, wie schlagfertig du sein kannst."

"Oh, das bin ich eigentlich auch nicht", erwiderte Hermine grinsend, "aber wenn man jahrelang mit Beleidigungen von Malfoy zu tun hat, lernt man so einiges. Man könnte also sagen, ich hatte einen guten Lehrer."

"Ja, mit Beleidigungen ist Draco wirklich gut", bestätigte Blaise. Überrascht bemerkte Hermine einen nachdenklichen Ausdruck in dem Gesicht von Blaise, doch ehe sie nachfragen konnte, fügte er an: "Weißt du, ich halte es für eine Unsitte, Freunde beim Nachnamen zu nennen ..."

Verwirrt hob sie die Augenbrauen: "Naja, Malfoy ist jetzt nicht gerade ein Freund von mir ..."

"Ich rede nicht von Draco", unterbrach Blaise sie, "sondern von mir. Und dir. Ich würde dich gerne mit Hermine anreden."

"Oh", war alles, was sie raus brachte. Die leisen, aber ernst gesprochenen Worte ließen ihr Herz höher schlagen - offensichtlich war sie nicht die einzige, die sich eine Freundschaft wünschte. Es freute sie, dass er den ersten Schritt machte, und so hatte sie kein Problem damit, ihm entgegen zu kommen: "Und ich würde dich gerne mit Blaise anreden."

"Na dann", sagte jener grinsend, während er ihr seine Hand hinhielt, "ich bin Blaise!"

"Freut mich, dich kennen zu lernen. Ich bin Hermine!", antwortete sie und drückte einmal kräftig seine Hand. Etwas unsicher, was sie noch sagen sollte, schaute Hermine zu dem Slytherin vor sich auf, doch dieser blickte sie wieder nur ernst und nachdenklich an, ohne jede Absicht, noch etwas zu sagen. Mit einem mulmigen Gefühl wandte Hermine den Blick von seinem ab - und hörte von weiter oben den Schrei einer Eule. Mit einem Mal fiel ihr wieder ein, weswegen sie eigentlich her gekommen war.

"Ich muss noch mein Geschenk einer Eule mitgeben, Blaise", fing sie an. Ein Nicken war die ganze Antwort, die sie bekam. Verwirrt über sein nachdenkliches Schweigen wandte Hermine sich ab, um einer der kleineren Eulen ihr Paket umzubinden. Sie flüsterte den Namen von Draco, woraufhin die Eule blinzelte und ihr Gefieder durchschüttelte - ein Zeichen dafür, dass sie verstanden hatte, dass das Paket innerhalb von Hogwarts ausgeliefert werden sollte und somit für sie als Schülerin kostenfrei war. Lächelnd kehrte Hermine zu Blaise zurück, um mit ihm zum Frühstück zu gehen, doch ihre Aufmerksamkeit wurde abgelenkt.

"Sieh nur!", rief sie entzückt aus, "Es hat angefangen zu schneien."

Nun wandte auch Blaise seine Aufmerksamkeit wieder seiner Umgebung zu und bemerkte seinerseits das dichter werdende Schneegestöber um ihn herum. Ein Lächeln erschien auf seinen Lippen, als er sah, wie Hermine aufgeregt an das Steingeländer der Treppe trat, um den Ausblick auf die langsam unter weißem Puder versinkende Landschaft von Hogwarts zu genießen. Vorsichtig trat er direkt hinter sie, darauf achtend, ihr so nah wie möglich zu sein, ohne sie zu berühren. So sehr er selbst auch den ersten Schnee liebte, es gelang ihm nicht, seinen Blick von den braunen Locken abzuwenden, die auf Brusthöhe vor ihm hin und her wippten. Es kostete ihn alle Mühe, nicht einfach seine Arme auszustrecken und das zierliche Mädchen vor sich in eine Umarmung zu ziehen. Sie standen noch am Anfang, hatten gerade erst vom Nachnamen zum Vornamen gewechselt, sie kannten sich eigentlich erst wenige Tage. Zumindest galt das für sie. Er hatte schon seit dem Ball im Vorjahr ein Auge auf sie geworfen, hatte sie immer wieder im Unterricht beobachtet, ihr Lachen ebenso bewundert wie ihre Geduld mit ihren Freunden. Es hatte nur wenige gemeinsame Gespräche gebraucht, um ihn davon zu überzeugen, dass sie tatsächlich ein Mädchen war, für das er ernsthaftes Interesse entwickeln konnte.

"Wollen wir zurück?", riss ihn ihre Stimme plötzlich aus seinen Gedanken. Hermine hatte sich umgedreht und schaute mit glänzenden Augen zu ihm hinauf. Das Rot, das sich ob der Kälte über ihre Wangen gelegt hatte, ließ ihr Gesicht noch mehr als sonst strahlen. Nervös trat Blaise einen Schritt zurück und nickte. In Gedanken ganz woanders beobachtete er, wie Hermine ausgelassen die Stufen hinunter sprang, auf jedem Absatz stehen blieb, sich zu ihm umdrehte, wartete, nur um dann wieder voraus zu eilen. Ihre kindliche Freude über den ersten Schnee ließ Blaise erneut still vor sich hin lächeln.

oOoOoOo

"Dein Wichtel hat sich ja heute mal wieder selbst übertroffen"

Schnaubend boxte Hermine Harry in die Seite. Selbst übertroffen, das stimmte nur zu sehr. Eine pinke Haarschleife mit Federn daran? Das interessanteste an dem Geschenk war noch, dass Hermine keine Vorstellung hatte, wo man so etwas in Hogsmeade finden konnte.

"Möchtest du dir die Schleife mal ausleihen?", gab sie neckend zurück. Harry hob abwehrend die Hände, doch Ginny stimmte in den Scherz von Hermine ein: "Oh, dir würde pink bestimmt prima stehen, Harry! So ein schöner Kontrast zu deinen schwarzen Haaren!"

Mit diesen Worten riss sie ihm die Mütze vom Kopf und stürmte im Schneegestöber davon, während Harry ihr hinterher jagte. Ein trauriges Lächeln auf den Lippen schaute Hermine ihnen nach. Sie freute sich für Harry, dass Ginny endlich zu ihren Gefühlen stand und dass sie beide sich langsam einander annäherten. Aber nachdem Ron nun ebenfalls ein anderes Mädchen für sich entdeckt hatte, fühlte sie sich alleine. Sie vermisste die alte Zeit, als es nur sie drei gegeben hatte und Gefühle keine Rolle spielten. Sie fragte sich, ob sie glücklicher wäre, wenn Ron sich in sie verliebt hätte, ob sie seine Gefühle wirklich ernsthaft erwidert hätte, oder ob sie sich ihre Verliebtheit nur eingebildet hatte. Sicher, seine Abfuhr am Vortag hatte sie verletzt. Aber lag das wirklich an echten Gefühlen oder war nicht einfach nur ihr Stolz verletzt? Es hatte in ihrem Leben immer nur Ron und Harry gegeben - und weil letzterer ihr so nah stand wie ein Bruder, war sie immer davon ausgegangen, eines Tages mit Ron zusammen zu kommen, da es auch für ihn immer nur sie gegeben hatte. Doch offensichtlich war das ein Irrtum. Beide Jungs hatten unabhängig von ihr andere Mädchen auserkoren.

Vielleicht sollte ich mich auch anderweitig umschauen, überlegte Hermine. Ehe sie diesen Gedanken jedoch genauer nachverfolgen konnte, war sie im Dorf angekommen und hatte das Paar vor sich eingeholt. Sie sah sofort, dass das Rot auf deren Wangen nicht nur von Kälte und Anstrengung herrührte. Irgendwas hatten sie offenbar besprochen, während Hermine hinterher getrödelt war. Erwartungsvoll schaute sie ihre Freunde an.

"Wir wollten ja eigentlich zusammen ins Drei Besen", begann Ginny schließlich, "aber ... Harry hat gerade gefragt ... wäre es schlimm, wenn wir dich hier alleine lassen? Wir ... würden gerne zu Madam Puddifoot."

Innerlich spürte Hermine, wie sehr sie diese Worte verletzten, doch sie konnte ihren beiden Freunden die Bitte nicht abschlagen. Sie hatten ihre Liebe füreinander gerade erst entdeckt und sie konnte verstehen, dass sie das nun auskosten und vertiefen wollten.

"Geht nur, ihr zwei Turteltäubchen. Ich hätte es eh nicht länger mich euch ausgehalten!"

Dankbar umarmten beide sie, ehe sie Händchen haltend davon spazierten. Wieder einmal alleine ging Hermine langsamen Schrittes durch das unbelebte Dorf. Die Läden hatten tatsächlich alle geschlossen, nur aus dem Kamin vom Drei Besen und weiter entfernt von Madam Puddifoots stieg Rauch auf. Einer Eingebung folgend betrat Hermine zum wiederholten Male in dieser Woche die warme Gaststube.

"Verkaufen Sie auch Gutscheine?", fragte Hermine, nachdem sie sich an der Bar niedergelassen hatte. Madam Rosmerta schaute kurz verwirrt, dann stahl sich ein Grinsen auf ihr Gesicht: "Da hat wohl jemand vergessen, dass sonntags die Geschäfte zu haben, was?"

"Sie haben mich ertappt", gab Hermine zu, "bitte, Sie sind meine letzte Hoffnung!"

Lachend griff Rosmerta unter die Theke und zog mehrere farbige Umschläge hervor: "Natürlich habe ich auch Gutscheine. Was möchtest du? Ein Butterbier, ein Stück Kuchen mit Getränk nach Wahl, ein hochpronzentiger Schnaps?"

"Um Gottes Willen, kein Alkohol!", entfuhr es Hermine, "Ich nahme den Kuchen mit Getränk. Wie viel kostet das?"

"Neun Sickel. Möchtest du noch eine Schleife um den Umschlag?"

"Nein, danke."

Erleichtert zahlte Hermine die neun Sickel, steckte den goldfarbenen Umschlag ein und verabschiedete sich. Zumindest in dieser Hinsicht war der Tag erfolgreich gewesen. Ihre gute Laune nach dem Gespräch mit Blaise am Morgen hatte sich auf dem Weg ins Dorf verabschiedet, doch nun kehrte sie langsam zurück. Was machte es schon, dass Harry und Ginny weg waren? So konnte sie alleine in Ruhe das Schneegstöber genießen und so lange auf dem Heimweg trödeln wie sie wollte.

oOoOoOo

"Was mach ich nur?", jammerte Pansy, "Alle Geschäfte haben zu und ich habe noch kein Geschenk für Theo für morgen!"

"Ich habe keine Ahnung", gab Draco genervt zurück. Er hatte selbst vergessen, dass er am Sonntag schlecht ein Geschenk kaufen konnte und stand nun ebenfalls mit leeren Händen da. Eigentlich hatte er keine Lust, jetzt angestrengt nach einem Geschenk zu suchen, doch wenn Granger morgen früh nichts erhielt, würde sie gewiss zu Dumbledore gehen und dann konnte er sich eine von seinen langen Standpauken anhören. Darauf hatte er wahrlich keine Lust. Unentschlossen lenkte er seine Schritte Richtung Drei Besen. Er hatte das Gefühl, er wurde langsam Stammgast dort, aber da sie derzeit jeden Tag ins Dorf durften, wollte er ungerne eine Gelegenheit auslassen, das gemütliche Lokal zu besuchen.

Zu Dracos Überraschung war der Gastraum nicht ganz leer: Blaise und Theodore saßen in der Nähe vom Kamin an einem Tisch und tranken warmes Butterbier.

"Hey, ihr zwei treulosen Freunde", beschwerte er sich, kaum dass er an den Tisch herangetreten war, "ihr hättet ruhig mal sagen können, dass ihr heute auch ins Dorf geht!"

"Sorry", gab Blaise zurück, doch ein Blick auf Pansy ließ ihn verstummen. Diese verschwand Richtung Toilette, während Draco sich auf einen der freien Stühle sinken ließ.

"Pansy hat uns verboten, heute mit dir was zu unternehmen!", flüsterte Blaise im schnell zu, "Sie wollte dich heute ganz für sich alleine."

"Und das macht ihr mit? Habt ihr kein Mitleid mit mir?"

"Pansy kann manchmal ganz schön bestimmend sein", erklärte Theo, "ich frage mich, ob sie eine zweite Persönlichkeit hat. Es gibt wirklich Momente, da wirkt sie gar nicht naiv, sondern gerissen und gefährlich."

"Ach, stell dich nicht so an, du Angsthase", kommentierte Blaise lachend, "jede verliebte Frau wirkt bedrohlich, wenn sie ihren Willen durchsetzen will!"

Skeptisch hob Theodore eine Augenbraue, doch da er Pansy von der Toilette zurückkehren sah, schwieg er. Draco nutzte die kurze Zeit, ehe Pansy zurück war, und sagte leise: "Ich will noch schnell wohin. Könnt ihr bitte dafür sorgen, dass sie mir nicht folgt?"

"Hast du gehört, was wir gerade gesagt haben?", zischte Theodore zurück, "Sie hat uns extra angewiesen, dass wir euch in Ruhe lassen!"

"Dann macht euch 'nen Kopf!", fuhr Draco ihn an, dann erhob er sich ohne ein weiteres Wort, warf Pansy ein Lächeln zu und verschwand.

"Wo will er denn hin?", fragte diese verwirrt. Nach einem kurzen Blickwechsel antwortete Blaise schließlich: "Keine Ahnung, aber er kommt bestimmt gleich zurück. Warte doch hier mit uns solange, draußen ist es viel zu ungemütlich."

"Ihr zwei seid echt keine große Hilfe!", fuhr Pansy die beiden Slytherin wütend an, "Wenn man euch einmal um was bittet ... Holzköpfe."

Mit aufgerissenen Augen starrten Blaise und Theodore sie an, doch Pansy lachte nur: "Ich mach doch nur Spaß! Ich hatte mich eben darauf gefreut, endlich mal wieder alleine mit meinem Draco zu sein, und nun geht es doch nicht!"

Das typische, schwärmerische Grinsen erschien auf ihrem Gesicht und Blaise wandte sich Schultern zuckend ab. Pansy war und blieb ein naives, vollkommen in Draco vernarrtes Mädchen. Den misstrauischen Blick von Theodore bemerkte er nicht.

oOoOoOo

Genervt stapfte Draco durch den Schnee. Kurz nachdem er das Drei Besen verlassen hatte, war ihm die Idee gekommen, Hermine einen Gutschein für Madam Puddifoot zu schenken. Sie würde den Gutschein sicherlich niemals einlösen können, denn welcher Junge würde schon mit ihr dorthin gehen wollen? Entsprechend froh war er über seine Idee gewesen, doch als er das kleine Café betreten hatte, bereute er seine Entscheidung. Alle Augen hatten sich auf ihn gerichtet, so unpassend hatte er dort gewirkt - und um alles noch schlimmer zu machen, waren auch Potter und seine kleine Wiesel-Freundin anwesend gewesen. So hatte er nur in aller Eile seinen Wunsch geäußert und war dann wieder in die Kälte geflohen. Er hatte keine Lust gehabt, zu Theo und Blaise zurückzukehren - oder, um genauer zu sein, zu Pansy zurück zu kehren. Ihre Naivität war zwar belustigend, aber manchmal nervte sie ihn doch mit ihrer übertrieben anhänglichen Art. Er hatte kein Interesse an ihr, das hatte er oft genug zum Ausdruck gebracht, doch sie ließ einfach nicht locker.

Unwillig schritt er weiter durch den Schnee. Er ahnte schon, dass Pansy ihn zu einer Schneeballschlacht überreden wollen würde, sobald es mit Schneien aufgehört hatte. Er konnte nicht verstehen, was daran so lustig sein sollte, sich in der Kälte mit nassem Zeug zu bewerfen, aber Pansy liebte das. Und offensichtlich viele anderen auch - direkt vor ihm drangen Schreie und Gelächter an sein Ohr. Offensichtlich vergnügte sich bereits eine kleine Schülerschar im Schnee.

Als Draco um die Biegung auf die Lichtung im Wald trat, blieb er entsetzt stehen. Was sich dort vor ihm abspielte, war keine Schneeballschlacht, sondern ein Überfall. Auf dem Boden lag zusammengekauert ein Mädchen, ihr Zauberstab einige Meter entfernt im Schnee, und die Angreifer schossen versteckt hinter Bäumen hervor mit verzauberten Schneebällen auf sie. Wut stieg in Draco hoch. Er war ja selbst für jeden Streich zu haben, aber wer etwas ausheckte, sollte wenigstens auch den Mut haben, sein Gesicht zu zeigen. Und es war verantwortungslos, etwas zu tun, was andere Schüler verletzen konnte - allein schon, weil es sehr hohen Punktabzug für das eigene Haus bedeuten konnte. Kurz entschlossen packte er seinen eigenen Stab und schickte mit einem gezielten "Stupor" einen der Jungen, der gerade hinter einem Baum hervor schaute, zu Boden.

Bereit, sich zur Not auch mit den anderen vieren zu duellieren, trat Draco einen weiteren Schritt nach vorne, doch die Jungs schauten ihn nur entsetzt an. Sofort erkannte er, dass er fünf Drittklässler aus seinem eigenen Haus vor sich hatte und sein Zorn verstärkte sich.

"Idioten!", fuhr er sie an, "Wenn ihr schon jemanden einen Streich spielen wollt, dann steht wenigstens dazu und zeigt eure Gesichter! Feiglinge!"

Entsetzt packten die vier Kinder ihren Freund und rannten vor ihm davon. Kopfschüttelnd ließ Draco seinen Zauberstab sinken. Was hatten solche Feiglinge in Slytherin zu suchen? Warum hatte der Hut sie nicht nach Hufflepuff gesteckt? Mit jeder neuen Generation von Schülern schienen mehr Dummköpfe in seinem Haus zu landen. Das leise Stöhnen hinter ihm riss Draco aus seinen Gedanken - das Opfer des Überfalls hätte er beinah vergessen. Als er sich umdrehte und das Mädchen genauer musterte, schrak er zurück.

"Granger!"

"Malfoy."

Hermine schaute ihren Retter ebenso ungläubig an wie dieser sie. Es war schon eine merkwürdige Fügung des Schicksals, dass ausgerechnet er sie in dieser peinlichen Situation sehen sollte. Sie war eh schon wütend auf sich, dass sie so leicht ihren Zauberstab verloren hatte, aber dass nun gerade Draco Malfoy des Weges kommen musste und sie nicht nur sah, sondern auch noch rettete, empfand sie als mehr als ungerecht.

Kaum hatte sie sich aufgerichtet, fühlte sie sich hart am Arm gepackt: "Bild dir bloß nichts ein! Wenn ich gewusst hätte, dass du hier am Boden liegst, hätte ich nicht eingegriffen!"

"Keine Sorge, Malfoy", spie sie ihm entgegen, "ich hätte auch nichts anderes von dir erwartet!"

Kurz schauten sie sich noch hasserfüllt in die Augen, dann ließ er von ihr ab und wandte sich zum Gehen. Genervt griff Hermine nach ihrem am Boden liegenden Zauberstab. In ihr kämpften Abneigung und ihr Gryffindor-Herz miteinander, doch schließlich gewann letzteres. Mit einigen langen Schritten hatte sie Draco eingeholt und ihrerseits nach seinem Arm gegriffen.

"Ich weiß, du hast es nicht für mich getan. Trotzdem: Danke!"

Und noch ehe er irgendwie darauf reagieren konnte, lief sie mit hastigen Schritten vor ihm davon.

oOoOoOo

"Sie hat sich bedankt?"

Ungläubig schaute Theodore seinen Freund an. Draco hatte gerade während des Abendessens von dem Vorfall im Wald erzählt. Während Theodore und Pansy mit Unglaube reagierten, seufzte Blaise nur schwer: "Ich habe dir doch gesagt, sie ist kein schlechter Mensch."

"Warte es nur ab, Blaise. Es wird nicht lange dauern, bis wir an den Punktegläsern sehen, dass uns Hauspunkte abgezogen wurden. Sie wird den lächerlichen Vorfall sicherlich petzen ... und mich vermutlich gleich mit in die Pfanne hauen!" entgegnete Draco gereizt.

"Das bezweifle ich!", erwiderte dieser, "Warte du nur ab, ich wette, du wirst überrascht sein von ihr!"

"Das war aber doch so eine noble Tat von dir!", hauchte Pansy in sein Ohr, während sie sich gleichzeitig an ihn klammerte, "Nur zu blöd, dass es ausgerechnet das Schlammblut war, das du gerettet hast!"

"Pansy!", fuhr Draco sie wütend an und versuchte, sich aus ihren Armen zu befreien, "Hör auf, dieses Wort zu benutzen!"

"Aber wieso denn? Ein Schlammblut ist ein Schlammblut."

Angespannt ballte Blaise seine Fäuste, doch ehe er etwas sagen konnte, zischte Draco: "Willst du wirklich die Konsequenzen von diesem ganzen Blutstatus-Gerede kennen lernen?"

"Tja, wer weiß, vielleicht will ich das tatsächlich", flüsterte Pansy so leise, dass nur Draco sie hören konnte, und ließ ein fieses Lächeln über ihre Lippen huschen. Ehe dieser sich jedoch bewusst wurde, was er gerade gesehen und gehört hatte, erschien wieder ihr naives Grinsen auf dem Gesicht und sie flötete entschuldigend: "Wenn du das Wort nicht magst, Draco, dann will ich es auch nicht mehr benutzen!"

Und so beendeten drei schlecht gelaunte Männer und eine fröhliche Pansy schweigend ihr Abendessen.

oOoOoOo

"Granger!"

Überrascht blieb Hermine stehen - rief da gerade tatsächlich Draco Malfoy nach ihr? Gespannt drehte sie sich zu dem blonden Slytherin um.

"Warum?"

"Was warum?", gab Hermine verwirrt zurück.

"Du hattest heute Abend genug Zeit. Warum gab es noch keinen Punktabzug für uns? Du hast doch sicher schon mit einem Lehrer über den Überfall im Wald geredet!"

"Achso, das", erwiderte sie trocken, "ich habe es keinem Leher erzählt. Warum sollte ich auch? Fünf Schüler aus Slytherin haben sich einen Scherz erlaubt, einer hat mich gerettet. Die Punkte, die dafür abgezogen werden, hättest du für deine Tat sofort wieder geholt. Das ganze Theater kann man sich auch sparen."

Triumphierend bemerkte sie den überraschten Ausdruck auf seinem Gesicht.

"Du hättest ... mich erwähnt? Positiv?"

"Ja, Malfoy, das hätte ich. Ich habe dir im Wald gedankt und das meinte ich ernst. Ich bin dir dankbar für deine Hilfe, egal, aus welchen Motiven sie kam."

Und zum zweiten Mal an diesem Tag genoss Hermine das Gefühl, einen sprachlosen Draco Malfoy zurück zu lassen. So bemerkte sie auch nicht, wie Blaise an seinen Freund herantrat und ihm freundschaftlich auf die Schulter klopfte.

"Siehst du, ich hatte Recht. Hermine versteht was von Ehre."

"Hermine?", sagte Draco mit erhobener Augenbraue, "Du nennst sie beim Vornamen?"

"Ja, das tue ich. Wie jeden meiner Freunde."

"Seit wann seid ihr Freunde?"

"Ich weiß nicht. Seit heute? Ernsthaft, Draco", meinte Blaise genervt, "du bist mein bester Freund. Aber das bedeutet nicht, dass ich deine Abneigung gegen Gryffindors teilen muss. Insbesondere nicht diese spezielle. Du könntest stattdessen zumindest versuchen, ihr eine Chance zu geben."

"So, wie du redest, klingt es, als hättest du dich in sie verliebt!", kam es misstrauisch von Draco, während die beiden Freunde gemeinsam Richtung Kerker schlenderten. Ein leichtes Lächeln erschien auf den Lippen von Blaise: "Vielleicht habe ich das auch."

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beta
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