Das 4. Geschenk: Von lauten Reden und leisen Einsichten

Ein wenig erleichtert kicherte Hermine in sich hinein. Das Geschenk, welches ihr die Eule gerade überbracht hatte, sah sehr nach einem Gutschein aus. Offensichtlich war sie nicht die einzige gewesen, die nicht eingeplant hatte, dass man an einem Sonntag schlecht Geschenke einkaufen konnte. Als sie jedoch den Umschlag öffnete und das mit Herzen verzierte Kärtchen herausholte, verging ihr das Lachen: Ein Gutschein für einen Tee bei Madam Puddifoot. Dieses Café schien sie zu verfolgen. Ihr war bewusst, dass ihr Wichtel das Geschenk erneut nicht nett meinte, sondern es als Anspielung auf ihr nicht existentes Liebesleben gedacht hatte, ebenso wie den Manga zuvor.

Grimmig legte sie den Gutschein zur Seite. Heute war der erste offizielle Ferientag, entsprechend leer war die Große Halle zum Frühstück um diese Zeit. Die meisten Schüler würden erst in ein oder zwei Stunden eintrudeln, da sie ausgiebig ausschlafen wollten. Für Hermine funktionierte das nicht, selbst wenn sie gewollt hätte, konnte sie es nach dem Aufwachen keine fünf Minuten länger im Bett aushalten. Zu schnell wurde ihr Geist aktiv, suchte nach Nahrung, wollte bewegt werden. Und so saß sie alleine an der großen Gryffindor-Tafel, warf ab und an einen Blick auf ein paar fleißige Ravenclaw-Schüler aus dem Jahrgang über ihr, die offensichtlich auch während der Ferien und während des Essens lernten, amüsierte sich über den vollkommen verwaisten Tisch der Hufflepuffs – und blieb schließlich an den einzigen zwei Personen hängen, die am Tisch des Slytherins saßen: Theodore Nott und Blaise.

Kurz rang sie mit sich, dann beschloss Hermine, zu den beiden rüber zu gehen. Während der Ferien kam es oft genug vor, dass Schüler sich an den Tisch eines anderen Hauses setzten, und sie konnte ein einsames Frühstück nicht wirklich genießen. Mit ihrem Becher voll heißem Kaffee in der Hand stellte sie sich schüchtern vor die Bank.

„Darf ich mich zu euch setzen?“

Zu ihrer Erleichterung warf Blaise ihr ein strahlendes, einladendes Lächeln zu, so dass sie den misstrauischen Blick von Theodore ignorieren konnte. Dankbar stellte sie den Becher ab und setzte sich den zwei Jungs gegenüber.

„Was bewegt dich dazu, dich zu uns zu setzen?“, wollte Theodore wissen, offensichtlich noch immer skeptisch, ob sie nicht etwas im Schilde führte. Ehe Hermine jedoch antworten konnte, sprang Blaise ein: „Hermine, du kennst Theo vermutlich nicht, oder? Das ist Theodore. Theo, das ist Hermine – aber eigentlich muss man sie ja nicht vorstellen.“

Sie bemerkte den ärgerlichen Blick von Theodore, war aber nicht gewillt, sich davon aus der Fassung bringen zu lassen: „Doch, doch, ich kenne ihn. Wir haben zusammen Alte Runen, oder?“

Offensichtlich hatte dieser Slytherin nicht vor, sich mit ihr zu assoziieren, zumindest erntete sie nur eine hochgezogene Augenbraue und Schweigen. Innerlich verfluchte Hermine sich für ihre eigene Courage. Sicher, Blaise war freundlich zu ihr und ein Frühstück zu zweit wäre vermutlich sehr angenehm verlaufen. Aber Theodore Nott hinterließ in ihr das Gefühl, Abschaum zu sein. Verunsichert bemerkte sie, wie Blaise sich zu ihm hinüber beugte und längere Zeit etwas  in sein Ohr flüsterte. Unsicher, was sie daraus machen sollte – tuschelten die beiden etwa über sie? – nippte sie an ihrem Kaffee.

Zu ihrer Überraschung schien sich Theodores Einstellung nach dem leisen Zwiegespräch geändert zu haben. Mehr neugierig denn skeptisch wandte er sich ihr zu: „Ja, Alte Runen. Wir sind nicht mehr so viele da. Ich wundere mich, dass du das noch belegst.“

„Wieso?“

„Weil ich das Gefühl habe, dass du alle Fächer belegst. Blaise hat mir letztens erzählt, dass du auch mit in Arithmantik sitzt. Gibt es irgendetwas, was du nicht machst?“

Hermine lachte auf: „Ja, Wahrsagen! Und Muggelkunde, wobei ich letzteres eigentlich sehr spannend fand. Aber Wahrsagen … das ist wirklich gar nicht mein Fall.“

Ein beinahe unscheinbares Lächeln erschien auf Theodores Lippen als er erwiderte: „Das kann ich verstehen, aber vermutlich bist du eines der wenigen Mädchen, das so denkt. Wenn ich an Pansy denke …“

„Du kannst aber Hermine doch nicht mit Pansy vergleichen!“, schimpfte Blaise scherzhaft, „Die zwei trennen Welten. Ich glaube, es gibt keine zwei Menschen, die verschiedener sind.“

„Stimmt. Pansy ist hübsch, aber faul. Und ich bin fleißig, aber hässlich“, kam es trocken von Hermine. Wieder zupfte ein Grinsen an Theos Lippen, doch Blaise wurde sofort ernst: „Lass dir von Idioten wie Weasley nichts einreden! Du bist nicht hässlich!“

„Mit der Meinung stehst du aber ziemlich alleine da. Hier“, sagte Hermine, während sie in ihrer Hosentasche kramte und den inzwischen recht verknitterten Gutschein herausholte, „das hat mein Wichtel mir heute geschenkt. Ich verstehe die Anspielung nur zu genau.“

Misstrauisch bemerkte Hermine einen kurzen Blickwechsel zwischen den beiden Jungs und dann betretenes Schweigen. Offensichtlich wussten beide, wer sich das ausgedacht hatte – und damit war ihr Verdacht, dass sie von einem Slytherin beschenkt wurde, bestätigt.

„Wisst ihr, ich muss auch einen Slytherin beschenken“, begann sie aufgebracht, „und noch dazu jemanden, den ich nicht besonders gut leiden kann. Und naturgemäß erwartet man, dass Gryffindor und Slytherin sich gegenseitig in die Pfanne hauen und nur blöde Sachen schenken würden. Aber genau darum geht es Dumbledore bei dieser Idee – dass das endlich aufhört und man endlich beginnt, über den anderen nachzudenken. Dass man anfängt zu überlegen, was eine fremde Person, vielleicht sogar aus einem verhassten Haus, wohl so mag. Und wenn man schon dabei ist, warum sie es mag. Er will, dass wir uns in das Denken und Fühlen unserer Mitschüler hineinversetzen und so Verständnis entwickeln. Und ich versuche das! Ich schenke jeden Tag etwas, was einem Slytherin-Schüler sicherlich gefallen würde. Und mir gefällt es selbst! Warum tut mein Wichtel das nicht auch? Warum kann er nicht wenigstens versuche, mich zu verstehen? Warum muss er sogar diese Gelegenheit nutzen, um mich zu beleidigen?“

Schniefend bemerkte Hermine, dass sie sich in Rage geredet hatte. Sie fand Dumbledores Idee gut, und sie verfluchte ihr Glück, Malfoy gezogen zu haben. Aber sie wollte sich darauf einlassen und sehen, ob es nicht vielleicht auch Slytherin-verwandte Dinge gab, die ihr gefielen. Und es gab sie – alles in Salazars Liebstes gefiel ihr. Entgegen ihrer anfänglichen Abneigung gegen ihren Wichtelpartner hatte sie angefangen, ihn gerne zu beschenken, einfach weil sie einen Grund hatte, schöne Slytherin-Gegenstände zu kaufen.

„Das war ja eine ganz schön beeindruckende Rede, Granger.“

Entsetzt erstarrte Hermine. Sie kannte diese Stimme. Hatte Draco Malfoy ihr etwa zugehört? Wieso hatten Blaise und Theodore sie nicht unterbrochen, als er hinter ihr an den Tisch getreten war?

„Ist das der Grund, warum du hier sitzt?“, fragte Draco weiter, während er sich auf der Bank neben sie sinken ließ und sich unangenehm nahe zu ihr rüber beugte, „Hast du plötzlich Verständnis für die Wege der Schlangen entwickelt?“

„Es gibt tatsächlich Schlangen, die mir sympathisch sind“, entgegnete sie mit fester Stimme, unwillig, auch nur einen Zentimeter zurückzuweichen, obwohl ihr seine Nähe nicht behagte. Sein ausdrucksloses Gesicht, kaum eine Handlänge von ihrem entfernt, wirkte vom Nahen noch stärker als sonst. Hermine konnte nicht leugnen, dass er mit seinen ebenmäßigen Gesichtszügen, dem blonden Haar und den blauen Augen sehr attraktiv war – doch der verächtliche Gesichtsausdruck, den er immer aufsetzte, wenn er sie sah, machte ihn hässlich.

„Draco, lass sie in Ruhe!“, fuhr Blaise dazwischen, „Wir hatten eigentlich gerade ein angenehmes Frühstück zu dritt!“

Errötend wurde Hermine bewusst, dass sie Zuschauer bei diesem kleinen Starrwettbewerb hatten, doch sie weigerte sich dennoch, als erste nachzugeben. Einer plötzlichen Idee folgend legte Hermine ihre Hand auf die Hand von Draco, die noch auf dem Tisch lag. Seinen Ton und seine Worte imitierend sagte sie leise zu ihm: „Um ehrlich zu sein, Draco …“

Doch weiter kam sie nicht. Mit einer heftigen Bewegung entzog Draco ihr seine Hand, rückte gleichzeitig von ihr ab und richtete sich gerade auf. Mit Mühe konnte Hermine ein Grinsen unterdrücken, als sie bemerkte, wie er hochrot anlief. Der verwirrte Blick seiner beiden Freunde machte die ganze Situation nur noch komischer.

„Es heißt, man soll gehen, wenn es am besten ist“, sagte sich lächelnd, während sie sich erhob, „ich hatte ein angenehmes Frühstück, danke euch beiden. Man läuft sich sicher noch das ein oder andere Mal über den Weg heute.“

Zufrieden mit ihrem Triumph über Draco schritt sie davon.

oOoOoOo

„Ah, Miss Granger, schön, dass Sie mich wieder beehren!“

Lächelnd trat Hermine an die Theke vom Salazars Liebstes. Der alte Mann, Mr. Higgs, schien sich aufrichtig zu freuen, dass sie wieder hier war, und das gab ihr ein gutes Gefühl. Wie am Freitag war sie die einzige Kundin im Laden.

„Ist es immer so leer hier?“, fragte sie neugierig, lief aber schlagartig rot an, als ihr bewusst wurde, wie unhöflich so eine Frage wirken musste. Mr. Higgs lächelte jedoch nur verständnisvoll und erwiderte: „In der Tat, ich habe kaum mehr als eine Handvoll Kunden am Tag. Aber das ist nicht schlimm, der Laden ist mein Hobby, leben tu ich von meinem angesparten Gold.“

„Sie arbeiten, obwohl Sie nicht müssen?“

Ein heiseres Lachen erklang, ehe der alte Mann antwortete: „Für mich ist dieser Laden keine Arbeit. Ich kann hier in aller Ruhe lesen und die wenigen Kunden, die hier auftauchen, sind immer gerne zu einem kleinen Gespräch bereit – so wie Sie. Für mich ist das hier Hobby und Lebensmittelpunkt. Hier halte ich Kontakt zu Menschen, bekomme mit, was die Welt bewegt, und kann doch für mich alleine sein.“

Nun war es an Hermine zu lächeln: „Das klingt allerdings nach einer wundervollen Möglichkeit, seinen Lebensabend zu verbringen. Hoffentlich habe ich eines Tages auch so viel Glück wie Sie!“

Ein weiteres Lächeln war die einzige Antwort, die sie erhielt, und so beschloss Hermine, zum Geschäftlichen zu kommen: „Ich suche heute mal wieder nach einem Geschenk. Vielleicht etwas Praktisches, für den Schulalltag …“

„Ich denke, ich habe etwas, was so hervorragend ist, dass Sie es sich selbst kaufen werden wollen, Miss Granger!“, kam die spitzbübische Antwort. Kurz verschwand Mr. Higgs in einem Nebenraum hinter der Theke, dann kam er mit einem großen Karton wieder.

„Hier“, sagte er, während er den Karton öffnete, „die wurden vor Jahren mal massenhaft für mein Geschäft damals in der Winkelgasse produziert. Haben sich gut verkauft, aber irgendwann war es wohl außer Mode … hübsch sind sie trotzdem, und vor allem praktisch.“

Mit leuchtenden Augen betrachtete Hermine das ausgepackte Objekt. Vor ihr lag eine schwarze Ledertasche mit langen Trageriemen und versilberten Schnallen. Vorne war eine smaragdgrüne Schlange eingestickt, umrahmt von einer weinroten Ellipse. Im Innern konnte Hermine drei Fächer entdecken und auf der Rückseite waren nochmal zwei schmale Fächer für Federn und anderes Schreibzeug. Die Tasche glich der Schultasche, die sie selbst immer nutze, nur war sie verzierter und aus schwarzem Leder. Hermine verstand, was der Ladenbesitzer meinte – auf eine für sie nicht zu greifende Art wirkte die Tasche nicht mehr zeitgemäß. In ihren Augen machte sie das jedoch nur noch attraktiver.

„Das Besondere an dieser Tasche ist der verzauberte Riemen“, erklärte Mr. Higgs, „er sorgt dafür, dass die Tasche immer genau das Gewicht hat, das dem Träger am angenehmsten ist. So wird sie niemals zu schwer, aber auch nie zu leicht sein.“

Mit diesen Worten war es um Hermine geschehen. Sie wollte diese Tasche haben und gleichzeitig spürte sie, dass es ein gutes Geschenk für Malfoy sein würde. Sie hatte schon häufiger bemerkt, dass er auf traditionelle Sachen stand, da würde er eine etwas älter wirkende Tasche sicher zu schätzen wissen. Zaghaft fragte sie nach dem Preis.

„Zwei Galleonen, weil ich so viel davon habe und es eh nicht mehr loswerde“, sagte der Verkäufer, „und wenn Sie zwei Taschen nehmen, kosten sie zusammen nur drei!“

Überrascht riss Hermine die Augen auf – das war deutlich günstiger als erwartet. Kurzentschlossen nickte sie und kramte drei große, goldene Münzen hervor. Während Mr. Higgs im Nebenraum verschwand, um eine weitere Tasche zu holen, schlenderte Hermine durch den Laden. Vielleicht fand sie ja etwas, was sie am nächsten Tag schenken konnte. Kurz vor der Ladentür blieb ihr Blick an einem zierlichen Gegenstand hängen: Ein Anhänger für eine Kette war dort ausgestellt, kaum länger als zwei Zentimeter, eine sich um sich selbst windende Schlange. Der Körper war aus grünem Glas, umgeben von einem silbernen Rahmen, und wenn man ganz genau hinschaute, konnte man eine winzige, rote Zunge aus dem aufgerissenen Maul kommen sehen, die ebenfalls aus Glas zu sein schien. Der Anhänger wirkte so filigran und zerbrechlich, dass Hermine sich nicht traute, ihn anzufassen. Doch gleichzeitig konnte sie ihre Augen nicht davon lösen. Sie verstand selbst nicht, wieso ihr das Motiv der Schlange plötzlich so gut gefiel, aber irgendetwas hatte es an sich, das ihr Herz berührte. Wenn sie an den Löwen, das Symbol ihres Hauses, dachte, spürte sie Stolz und Wärme. Diese Schlange hier in Grün und Silber wirkte elegant, erwachsen und irgendwie … zerbrechlich.

Das meckernde Lachen der Schrumpfköpfe riss Hermine schließlich aus ihrer Versunkenheit. Neugierig, welche Personen außer ihr wohl von der Existenz dieses Ladens wussten, richtete sie sich auf – und schaute direkt in die blauen Augen von Draco Malfoy.

„Granger!“, entfuhr es diesem überrascht.

„Das muss ein Fluch sein“, stöhnte Hermine genervt, „kann ich denn keinen Tag nach Hogsmeade gehen, ohne in dich zu rennen?“

„Dasselbe könnte ich dich fragen!“, schoss Draco zurück, „Und überhaupt, was machst DU hier?“

Sein Blick fiel auf den Schlangenanhänger, den Hermine kurz zuvor angestarrt hatte, und wurde skeptisch: „Sag bloß, dir gefallen die Sachen hier.“

„Ja, Malfoy, das tun sie. Mir gefällt das Zusammenspiel von Silber und Grün, es ist elegant und geschmackvoll. Und im Übrigen mag ich Mr. Higgs.“

„Achja, der gute Mr. Higgs war schon immer bekannt für seine Offenheit allen Menschen gegenüber. Hat ihn schon so manches Mal in Schwierigkeiten gebracht.“

„Schwierigkeiten?“, hakte Hermien überrascht nach, „Welcher Art?“

„Das musst ausgerechnet du fragen? Während der ersten Herrschaft von … du-weißt-schon-wem … hatte er es schwer. Er war zwar ein Slytherin durch und durch, aber er weigerte sich, seine Freundschaft zu … all jenen, die als Blutsverräter und Schande für die Zaubererschaft angesehen wurden, aufzugeben. Er war vermutlich einer der wenigen ehemaligen Slytherin-Schüler, der sich ebenfalls verstecken musste.“

Hermine war baff. Sie hatte vermutet, dass Mr. Higgs ein gutherziger Mensch war, doch dass seine Offenheit so weit ging, dass er sein eigenes Leben riskiert hatte, das hätte Hermine nicht vermutet. Etwas anderes erregte jedoch ihre Aufmerksamkeit: „Und obwohl du das weißt, gehst du in seinen Laden?“

„Was soll das heißen?“, fragte Draco scharf. Verwirrt von seiner Reaktion schwieg Hermine kurz, doch der unerbittliche Blick ihres Gegenübers zwang sie, die Frage auszuformulieren: „Naja … aus deiner Sicht ist er doch ein Blutsverräter. Und du … bist … dein Vater ist Todesser.“

Kaum hatte sie das Wort ausgesprochen, erbleichte Draco und packte sie mit beiden Händen bei den Schultern: „Ich bin nicht mein Vater. Ich bin ein eigenständig denkender Mensch, der in der Lage ist, Indoktrination zu erkennen!“

„Oh“, war alles, was Hermine dazu sagen konnte. Sie war zu überrascht davon, dass ausgerechnet Draco Malfoy offensichtlich das Gedankengut des Dunklen Lords nicht teilte, als dass sie zu irgendeiner vernünftigen Antwort in der Lage gewesen wäre. Sie konnte die Wut spüren, die in Draco herrschte ob ihrer Anspielung, und es tat ihr leid. Im Gegensatz zu Harry hielt sie ihn nicht für durch und durch böse, auch wenn ihr sein Verhalten nicht gefiel. Die Emotionen, die sich auf seinem Gesicht und in seinen Worten gezeigt hatten, waren zu echt, als dass sie an ihrer Wahrheit hätte zweifeln können.

„Vergiss es einfach“, kam es da von ihm, während er seine Hände von ihr nahm, „dir und deinen Freunden kann man eh erzählen, was man will. Ihr malt euch die Welt genauso, wie ihr sie haben wollt … ihr seid nicht besser als … als mein Vater.“

Bestürzt über diese verletzt klingenden Worte griff Hermine ihrerseits nach Draco: „Ich glaube dir. Es tut mir leid, was ich sagt habe.“

Unfähig, sich diesem Gespräch weiter zu stellen, kehrte Hermine zur Theke zurück, wo Mr. Higgs schmunzelnd das Geschehen verfolgt hatte.

„Ich lasse meine Eule beide Pakete in Ihren Gemeinschaftsraum liefern, Miss Granger, dann müssen sie bei all dem Schnee da draußen nicht so viel schleppen!“, sagte er freundlich. Hermine bedankte sich mit einem nicken und floh dann eiligen Schrittes aus dem Laden, ohne noch einmal zu Draco zu schauen.

Dieser stand immer noch wie erstarrt da, bis ihn schließlich Mr. Higgs ansprach: „Ich glaube, Sie unterschätzen Miss Granger.“

„Wie bitte?“

„Die junge Dame ist offener, als Sie denken. Für eine Gryffindor hat sie erstaunlich viel für Schlangen übrig. Sehen Sie, dieser Anhänger“, führte der Verkäufer aus, „bevor Sie kamen, hat sie die Schlange minutenlang angestarrt. Ich glaube, sie hätte die am liebsten gekauft.“

„Granger mag Schlangen?“, fragte Draco überrascht.

„Ich weiß nicht, ob es die Schlange ist, oder nicht viel mehr das Zusammenspiel von Grün und Silber. Auf jeden Fall würde sie sich sicher freuen, wenn ihr Wichtel ihr zur Abwechslung mal sowas schenkt.“

„Ihr Wichtel, was?“, murmelte Draco gedankenverloren. Was er heute von Hermine gesehen hatte, hatte ihn überrascht. Ihre Rede am Frühstückstisch hatte nicht so arrogant und verstrahlt geklungen wie ihr übliches Gerechtigkeits-Gewäsch. Es hatte vielmehr so gewirkt, als ob sie selbst wirklich ein Interesse daran hatte, sich in andere Slytherin-Schüler hineinzuversetzen. Bisher hatte er immer gedacht, Potter, Weasley und Granger würden nur von anderen Offenheit verlangen und hielten sich selbst schon für die Toleranz in Person. Aber zumindest Granger schien dazu stehen zu können, wie schwer es ihr fiel, sich auf Slytherin einzulassen. Und dann ihre Worte eben … er hätte nicht erwartet, dass sie ihm glauben würde, wenn er sagte, dass er kein Todesser war und auch keiner werden wollte. Er war sich sicher, egal, wie viele Argumente und Erklärungen er bringen würde, sie und ihre Freunde würden ihn immer verurteilen. Stattdessen hatte nun ein kleiner Satz ausgereicht, um sie zu überzeugen.

Vielleicht hatte Blaise Recht. Vielleicht war Hermine Granger doch ein besserer Mensch als er dachte. Und vielleicht sollte er zumindest einmal versuchen, ihr eine Freude zu machen. Und sei es nur, um sich für ihr gezeigtes Vertrauen zu bedanken.

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beta
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