Das 7. Geschenk: Von geblümten Sesseln und Schmetterlingen

Lächelnd stand Hermine vor dem Spiegel in ihrem Schlafzimmer und betrachtete die Kette um ihren Hals. Die kleine Schlange glitzerte im hereinfallenden Licht der Wintersonne, so dass es beinahe so schien, als würde sie ihr mit den roten Augen zublinzeln. Die filigrane silberne Kette, die sie am Morgen als Geschenk erhalten hatte, passte zu dem Anhänger als wäre sie dafür gemacht. Hermine ahnte, dass ihre Freunde nicht verstehen würden, dass sie so eine Kette trug, entsprechend hatte sie einen Moment des Alleinseins gewählt, um sie anzulegen und sich zu betrachten. Den Rest des Tages würde sie den Anhänger verborgen unter ihrem Pullover tragen.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihre Gedanken: „Hermine, bist du fertig?“

Ginny kam, um sie zu ihrem gemeinsamen Spaziergang ins Dorf abzuholen. Offensichtlich hatte die jüngere Freundin ein schlechtes Gewissen bekommen, nachdem sie Hermine zuvor so sträflich missachtet hatte. Entsprechend hatte sie beim Frühstück vorgeschlagen, mit ihr gemeinsam und ohne die Jungs ins Dorf zu gehen, um in Ruhe ein wenig plaudern zu können. Hermine machte sich keine Illusion darüber, dass Harry früher oder später dazu stoßen würde, aber der Gedanke zählte und sie war Ginny dankbar.

Warm eingepackt, einen Schal vor den Mund gebunden, machten sich die zwei Freundinnen im dichten Schneegestöber auf den Weg hinunter nach Hogsmeade. Immer wieder mussten sie sich aneinander festklammern, da unter der dicken Schneeschicht so manche gefrorene Pfütze versteckt war.

„Himmel, wenn wir lebend unten ankommen, können wir echt dankbar sein!“, kicherte Ginny, nachdem sie in dem verzweifelten Bemühen, nicht den Halt zu verlieren, Hermine mit zu Boden gerissen hatte. Diese stimmte in das Lachen ein, während sie sich mühsam aufrichtete und den Schnee von ihrer Hose klopfte.

„Ich freue mich schon auf einen heißen Tee im Drei Besen!“

Dank der beschränkten Sicht bemerkte keine der beiden, dass ihnen in einigem Abstand ein Schatten folgte. Gut gelaunt kamen sie im Dorf an und lenkten ihre Schritte sogleich zum Gasthaus, um sich dort aufzuwärmen. An der Tür jedoch wartete bereits jemand auf sie.

„Hey ihr zwei. Das hat ja lange gedauert“, wurden sie von Harry begrüßt. Innerlich stöhnte Hermine – Harry war eher früher als später aufgetaucht, wirklich viel Zeit mit Ginny hatte sie nun nicht verbringen können. Gequält lächelte sie den Jungen an, doch der hatte schon nur noch Augen für Ginny.

„Ich weiß, wir wollten heute eigentlich einen Mädels-Tag machen“, fing Ginny da an, und Hermine sah ihren Verdacht, dass das niemals der Plan gewesen war, bestätigt, „aber … wäre es OK, wenn ich einen Augenblick mit Harry alleine sein kann?“

„Aber sicher“, erwiderte Hermine resigniert, „ich wollte sowieso noch zum Buchladen. Geht ihr zwei schon mal rein, ich komme später nach.“

Frustriert sah sie zu, wie Harry und Ginny das Drei Besen betraten und sie draußen im Schnee stehen ließen. Sie war Ginny dankbar, dass sie sich zumindest bemühte, den Kontakt zu ihr zu halten, aber es war offensichtlich, dass die Prioritäten ihrer Freunde im Moment ganz anders lagen. Gerade wollte sie sich umdrehen, da legte sich eine schwere Hand auf ihre Schulter.

„Na, mal wieder im Stich gelassen worden?“

„Blaise!“, rief Hermine überrascht und erfreut aus, „Wo kommst du denn plötzlich her?“

„Gar nicht plötzlich“, lachte dieser, „ich bin euch zweien schon seit dem Schloss gefolgt, aber ihr wart so miteinander beschäftigt, dass ich mich nicht einmischen wollte. Wenn ich gewusst hätte, dass die kleine Weasley dich hier direkt stehen lassen würde, hätte ich schon früher was gesagt.“

„Das ist unfair. Sie ist verliebt, ich gönne ihr, dass sie jeden Moment mit Harry verbringen kann!“, erwiderte Hermine streng, doch Blaise schüttelte nur mit dem Kopf: „Verliebt oder nicht, das ist kein Grund, seine Freunde zu vernachlässigen.“

Gerade wollte Hermine erwidern, dass sie sich nicht vernachlässigt fühlte, da nahm er ihre Hand und fuhr fort: „Gib dir keine Mühe, ich glaube dir eh nicht, wenn du sagst, dass das für dich OK ist. Lassen wir es also einfach sein und vergessen die zwei. Hast du Lust, heute mit mir was zu machen?

Mit einem dankbaren Lächeln schaute Hermine den dunklen Mann vor sich an: „Aber gerne. Woran hast du gedacht?“

„Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass du einen Gutschein für Madam Puddifoot bekommen hast. Willst du ihn einlösen?“

Überrascht sog Hermine die Luft ein – obwohl die Frage leichthin formuliert war, konnte sie sich doch nicht des Gefühls erwehren, dass der schwarzhaarige Slytherin vor ihr sie gerade zu einem Date eingeladen hatte. Sie wollte nicht ablehnen, doch gleichzeitig hatte sie Angst, dass sie ihm vielleicht falsche Hoffnungen machen würde.

„Man muss kein Liebespaar sein, um in das Café zu gehen“, sagte er ernst, als er Hermines Zögern bemerkte. Kurz noch dachte sie nach, dann jedoch gab sie sich einen Ruck und willigte ein. Immerhin würde sie damit auch einen Strich durch Malfoys Rechnung machen, der vermutlich dachte, sie würde den Gutschein niemals einlösen können. Mit roten Wangen folgte sie Blaise zu dem kleinen Café, in dem sie in der letzten Woche noch mit Ron und einem gebrochenen Herz gesessen hatte.

Es war erstaunlich, wie voll es bereits am frühen Vormittag hier war, doch nach einigem Suchen fanden die zwei noch einen freien Tisch in der hinteren Ecke. Etwas nervös schälte Hermine sich aus ihrer Jacke, leckte Schal, Handschuhe und Mütze bei Seite, um sich dann befreit in einen der geblümten Sessel sinken zu lassen. Einer Eingebung folgend angelte sie die Kette unter ihrem Pullover hervor, so dass die kleine silberne Schlange im Kerzenlicht funkelte.

Blaise, der sich ebenfalls seiner warmen Wintersachen entledigt hatte, bemerkte den Anhänger sofort: „Du trägst eine Schlange?“

„Ja“, erwiderte Hermine grinsend, „ungewöhnlich, was? Ich gebe zu, der Anhänger gefällt mir sehr gut, ich finde, Silber und Grün passen gut zusammen. Und wann, wenn nicht in Anwesenheit eines Slytherin kann ich diese Kette offen tragen?“

„Das stimmt allerdings“, kommentierte Blaise, doch er wirkte nicht gerade glücklich, „dennoch hätte ich nicht gedacht, dass du diesen speziellen Anhänger trägst.“

„Wieso? Nur, weil es ein Geschenk von Malfoy ist?“

„Ich hätte eben einfach nicht gedacht, dass du ihn tragen würdest!“, antwortete Blaise heftiger als beabsichtigt. Hermine biss sich auf die Lippen und setzte dagegen: „Er hat mir heute eine Kette zum Anhänger geschenkt. Es ist ein gutes Geschenk, das nicht als Beleidigung gedacht ist. Ich habe mich darüber gefreut, ich finde es schön, also trage ich. Was ist so schlimm daran?“

„Nichts, gar nichts“, sagte Blaise beschwichtigend, „tut mir leid, ich wollte dich nicht anfahren. Ich war einfach nur überrascht.“

Da in diesem Moment eine junge Bedienung kam, um ihre Bestellung aufzunehmen, ließ Hermine das Thema fallen. Sie gab der Frau ihren Gutschein, um einen Darjeeling zu bestellen, während Blaise nur einen Espresso nahm. Kaum war die Bedienung verschwunden, breitete sich Stille zwischen beiden aus. Hermine saß mit beiden Armen auf den Tisch gestützt da und beobachtete die glücklichen Pärchen um sich herum. Sie fühlte sich unter Druck gesetzt und ahnte, dass es keine gute Idee gewesen war, mit Blaise hier her zu kommen. Sie waren kein Paar.

Eine warme Hand legte sich plötzlich über die ihre und fing an, sie zärtlich zu streicheln. Errötend schaute Hermine in die dunklen Augen von Blaise.

„Ich bin nicht hergekommen, um mit dir zu streiten, Hermine“, sagte er ernst, „ich dachte, du würdest dich freuen, wenn dir jemand Gesellschaft leistet, nachdem deine Freunde dich stehen lassen haben.“

Hermine errötete noch mehr – das war also der einzige Grund gewesen, weshalb er sie gefragt hatte. In ihrer Eitelkeit hatte sie ein anderes Motiv vermutet und hatte verschüchtert Abstand zu ihm aufgebaut. Befreit lächelte sie ihn an und erwiderte den Händedruck. Er war ihr innerhalb von wenigen Tagen ein guter, aufmerksamer Freund geworden, sie wäre dumm, das nicht zu akzeptieren.

„Ist schon in Ordnung, es tut mir auch leid, ich stand wohl etwas neben mir“, erwiderte sie warm, „ich kann wirklich dankbar sein, einen so aufmerksamen Freund wie dich zu haben.“

Nickend zog Blaise seine Hand zurück. Kurz schien es Hermine, als wäre er traurig, doch sofort kehrte sein übliches Lächeln zurück und er begann eine muntere Unterhaltung über ihr gemeinsames Lieblingsfach Arithmantik.

oOoOoOo

Langsam schritt Hermine die Regalreihen im Salazars Liebstes ab. Sie war unschlüssig, welche dieser vielen Kostbarkeiten sie am nächsten Tag Malfoy schenken wollte. Wie immer, wenn sie sich in diesem Laden aufhielt, hatte sie das Bedürfnis, einfach alles zu kaufen. Dass Mr. Higgs ein freundlicher älterer Herr war, half nicht gerade, dieses Verlangen in Schach zu halten.

„Miss Granger?“, sprach er sie vorsichtig an, während sie angestrengt eine silberne Haarspange betrachtete, „Ich habe gestern in meinem Lager aufgeräumt und bin dabei auf eine Kleinigkeit gestoßen, die Sie vielleicht interessieren könnte. Darf ich es Ihnen zeigen?

Erleichtert, für einen Moment nicht mehr über eine Entscheidung nachdenken zu müssen, folgte Hermine dem Ladenbesitzer zur Theke. Dort hatte er eine kleine Holzbox hingestellt, die auf den ersten Blick sehr schlicht aussah: Dunkles Holz, der Deckel mit feinen Linien verziert, ein kleines, silbernes Schloss zum Verschließen. Innen war die Box mit dunkelrotem Samt verkleidet, so dass, was auch immer man darin aufbewahren würde, keinen Kratzer erhalten konnte. Sonderlich viel mehr als eine Geldbörse oder ein kleines Notizbüchlein würde jedoch nicht hinein passen. Verwundert blickte Hermine den Mann an.

„Die Holzbox sieht vielleicht unscheinbar aus, aber es handelt sich dabei um einen nimmervollen Beutel. Du weißt, was das ist?“

„Ja“, hauchte Hermine fasziniert, „das ist ein magisches Objekt, das Gegenstände aufnehmen kann, die wesentlich größer sind als die eigene Größe. Dazu ist doch ein sehr komplizierter Zauber nötig.“

„Richtig. Diese kleine Kiste habe ich auch nicht selbst hergestellt, da ich zu so einem Zauber nicht in der Lage bin. Eine alte Dame hat sie mir hinterlassen. Für drei Galleonen gehört sie dir. Samt diesen kleinen Schlüssel.“

Begeistert betrachtete Hermine die Holzbox. Für so etwas hätte sie selbst gut Verwendung, wie vermutlich jeder Mensch. Andererseits waren drei Galleonen ziemlich viel Geld. Vielleicht konnte sie das Geschenk wieder in zwei Teilen verschenken, zuerst den Schlüssel, später die Box? Der Gedanke gefiel ihr, und so zählte sie drei goldene Münzen ab. Gerade, als sie Holzbox und Schlüssel sicher in ihrer Tasche verstaut hatte, erklang das meckernde Lachen der Schrumpfköpfe.

„Ah, Mr. Malfoy. Schön, Sie so bald wieder zu sehen“, begrüße Mr. Higgs den jungen Mann mit einem zwinkernden Lächeln. Draco blieb erstarrt stehen, als sein Blick auf Hermine fiel.

„Granger, du bist ja schon wieder hier.“

„Ja, wie ich letztes Mal schon sagte, die Sachen hier gefallen mir. Und du weißt das ja offensichtlich nur zu gut“, erwiderte sie, während sie die Kette mit dem Anhänger unter ihrer Jacke hervorholte. Draco schaute sie überrascht an: „Du trägst das tatsächlich?“

„Natürlich, dafür hast du es mir doch geschenkt, oder?“

Der Blick des jungen Slytherin fiel auf den Ladenbesitzer, der von hinter Hermines Rücken merkwürdige Zeichen gab. Verwirrt folgte Draco dem ausgestreckten Finger und dem Blick des Mannes hinüber zum Regal. Nach kurzem Suchen bemerkte er eine silberne Haarspange, die die Form eines Schmetterlings hatte. Unsicher, was Mr. Higgs von ihm wollte, schaute er zu ihm zurück und erntete dafür ein Augenrollen und einen bedeutsamen Blick in Richtung Hermine. Für einen Moment wanderten seine Augen zwischen der Spange und Hermines Haaren hin und her, dann entschloss Draco sich, das Ganze einfach mal zu probieren.

„Darf ich mal?“, hörte Hermine den Slytherin fragen. Überrascht und neugierig, was er vorhatte, nickte sie. Als sie sah, dass er nach der Haarspange, die sie zuvor angestarrt hatte, griff, beschleunigte sich ihr Herzschlag. Unfähig, sich zu bewegen, beobachtete sie, wie er eine ihrer Haarsträhnen ergriff, sie mehrmals um seinen Finger wickelte, um sie dann mit der Spange über ihrem Ohr zu befestigen. Als sein Daumen beinahe unmerklich ihre Wange streifte, lief Hermine leuchtend rot an. Vorsichtig tastete sie nach der Spange in ihrem Haar und lächelte.

„Das steht dir sehr gut“, sagte Draco leise, während seine Wangen ebenfalls eine leichte Röte zierte. Hermine war noch immer nicht in der Lage, irgendetwas zu sagen. Sie hatte Waffenstillstand zwischen sich und Draco erwartet, hatte sogar das Date-Gespräch am Vortag als witzig und angenehm empfunden, aber das hier … das hier war etwas ganz anderes. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie in die blauen Augen des jungen Mannes vor ihr starrte.

„Schau dich nur an, wie rot du bist!“, durchbrach Draco schließlich die Stille zwischen ihnen mit einem Lachen. Doch Hermine ließ sich nicht provozieren, sondern erwiderte nur: „Du bist doch selbst rot wie eine Tomate.“

„Ach, halt doch die Klappe“, schleuderte er ihr peinlich berührt entgegen, beruhigte sich jedoch sogleich wieder und fragte langsam: „Willst du die haben?“

Mit großen Augen schaute Hermine ihn an. Würde er ihr etwa wirklich erneut so ein schönes Geschenk aus diesem Laden machen? Ehe sie genauer darüber nachdenken konnte, nickte sie begierig. Zu ihrem Erstaunen trat Draco tatsächlich an die Theke und bezahlte bei Mr. Higgs. Gerade wollte Hermine den Schmetterling aus dem Haar nehmen, da drehte sich Draco um: „Was machst du denn da? Ich dachte, du willst die Spange?“

„Ja, aber … willst du es nicht als Geschenk einpacken lassen?“

„Blödsinn“, wehrte Draco ab, „du trägst die Spange doch schon, wozu noch einpacken? Lass sie, wo sie ist.“

Wieder lief Hermine rot an, doch sie folgte dem Befehl und nahm ihre Hände wieder runter. Zufrieden blickte Draco das Mädchen an. Er konnte sich nicht erklären, warum er ihr dieses Geschenk gemacht hatte, doch die zarte Röte auf ihrem Gesicht und das offene, dankbare Lächeln brachten sein Herz zum Klopfen. Es war für ihn schwer zu glauben, dass diese Hermine Granger dieselbe war, die immer mit Potter und Weasley rumhing und ihm das Leben schwer machte. Diese Hermine Granger war umgänglich, scharfsinnig und mit ihrem roten Gesicht und den glitzernden Augen ziemlich attraktiv. Kein Wunder, dass Blaise sich in sie verliebt hat, dachte er bei sich.

Und plötzlich spürte er ein schmerzhaftes Ziehen in seiner Brust.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media