Das 8. Geschenk: Von Pralinen und Riesen-Lollis

Hermine betrachtete schmunzelnd das grüne Haarband in ihren Händen. Es war offensichtlich, dass Draco ihr nicht wie zu Anfang ein fieses Geschenk machen wollte, aber sie entnahm der Schlichtheit des Haarschmucks auch, dass er noch nicht bereit war, ihr wirklich jeden Tag eine Freude zu machen. Irgendwie war es süß zu sehen, wie er damit kämpfte, dass sie sich gegenseitig sympathisch wurden. Gleichzeitig konnte sie nicht anders als sich darüber freuen, dass die Haarspange vom Vortag kein Wichtel-Geschenk gewesen war, sondern eines von Draco für sie. Sie hatte nicht mit einem Geschenk heute Morgen gerechnet, umso größer war nun ihre Freude.

Lächelnd wandte sie den Kopf zum Slytherin-Tisch, wo Draco gerade sein Geschenk auspackte. Sie beobachtete schmunzelnd, wie er den kleinen Schlüssen hin und her drehte, das Geschenkpapier nach mehr untersuchte und sich schließlich fragend an Blaise wandte. Ehe sie jedoch dessen Antwort sehen konnte, fühlte sie eine kleine Hand auf ihrer Schulter.

"Hermine?", hörte sie Ginnys vorsichtige Stimme, "Hast du Zeit, dass wir nach dem Frühstück mal in Ruhe reden?"

Am liebsten hätte Hermine ihr ein kaltes Nein entgegen geschleudert, so frustriert war sie von dem Verhalten ihrer Freundin in den letzten Tagen gewesen, doch sie wusste, dass sie das nicht übers Herz bringen würde. Etwas lustlos nickte sie dementsprechend, doch Ginny schien ihre Stimmung zu lesen und drängte sich ihr nicht weiter auf. Ohne genau zu wissen, wieso, drehte Hermine sich erneut zum Slytherin-Tisch um - und fing Blaises Blick auf, der sie gerade ebenfalls beobachtete. Ein erfreutes Grinsen trat auf sein Gesicht, während er zuerst auf sie und dann auf sich zeigte. Mit etwas Anstrengung konnte Hermine das lautlos geformte Wort Hogsmeade von seinen Lippen lesen. Ebenfalls erfreut nickte sie, deutete jedoch sofort auf Ginny neben sich und ahmte mit der Hand eine Bewegung nach, die Blaise zu verstehen geben sollte, dass sie zuerst mit ihrer Freundin reden musste. Dieser schien zu verstehen, denn er nickte bestätigend.

"Kannst du mir mal verraten, was du da machst?", erkundigte sich Harry, der ihr gegenüber saß, misstrauisch. Genervt drehte sich Hermine zu ihm um: "Ich habe mich mit Blaise verabredet, später gemeinsam nach Hogsmeade zu gehen."

"Mit Blaise?", fragte Ron mit erhobener Augenbraue, "Seit wann verbringst du deine Zeit lieber mit Schlangen als mit deinen Freunden?"

"Seit meine Freunde Besseres zu tun haben als mit mir zu reden!", fauchte Hermine ihren rothaarigen Freund an. Ehe dieser etwas darauf sagen konnte, stand Hermine auf und verließ die Große Halle Richtung Gemeinschaftsraum. Sie hörte, dass Ginny ihr folgte, aber sie war nicht gewillt, auf sie zu warten. Erst vor dem Porträt der Fetten Dame wurde sie eingeholt.

"Mensch, Hermine. Meinst du wirklich, dass du Ron so anfahren musst?"

Ungläubig schaute diese Ginny an: "Bitte? Ist das jetzt etwa mein Fehler?"

"Du kannst ihm nicht verübeln, dass er sich über deine Freundschaft zu Zabini wundert."

"Achso, aber er darf sich wie ein Arsch verhalten?" schleuderte Hermine ihr entgegen, "Weißt du eigentlich, dass er mich letzte Woche zu Madam Puddifoot eingeladen hat, um mich etwas zu fragen, was keiner hören soll?"

Nun wurden Ginnys Augen groß: "Nein. Hat er etwa ...?"

"Ne, eben nicht. Er hat mir das Gefühl vermittelt, dass wir alleine auf ein Date gehen, in Wirklichkeit wollte er aber nur von mir wissen, wie er Lavender beeindrucken kann. Erwarte nicht von mir, dass ich im Moment sonderlich viel Geduld mit ihm habe. Und was Harry angeht ... tut mir leid, das so direkt zu sagen, aber der hat nur noch Augen für dich. Und umgekehrt. Ich bin für keinen von euch interessant, aber sobald ich mich mit anderen Menschen unterhalte, ist es auch nicht recht. Das ist extrem unfair und ich habe langsam keine Lust mehr."

Schwer atmend schaute Hermine auf Ginny herab, die mit offenem Mund auf einem der Sessel vor dem Feuer saß. So ein Ausbruch war untypisch für Hermine, aber jeder wusste, wenn sie einmal so wütend wurde, dass sie ihre Gedanken offen aussprach, musste man genau aufpassen, was man sagte. Entsprechend vorsichtig erwiderte sie: "Naja, ich verstehe dich ja. Aber kannst du nicht auch uns verstehen? Ich bin so glücklich, dass Harry endlich mal was gesagt hat und wir endlich zusammen sind, da will ich eben einfach so viel Zeit mit ihm verbringen wie möglich."

"Ist doch okay, Ginny", antwortete Hermine ruhiger, "das verstehe ich vollkommen. Aber dann versucht gar nicht erst, mich mitzunehmen. Wenn ihr Zeit für zwei haben wollt, sagt das sofort. Alles andere ... verletzt mich einfach nur noch mehr."

Darauf wusste Ginny nichts mehr zu sagen, so dass sie nur stumm nickte. Ein nachsichtiges Lächeln trat auf Hermines Lippen: "Ich gönne euch euer Glück wirklich. Aber ich verlange im Gegenzug, dass ihr tolerant genug seid, meine Freundschaft zu Blaise zu akzeptieren."

"Von meiner Seite aus ist das gar kein Problem", erwiderte Ginny kichernd, "aber was die zwei Jungs angeht ... du weißt ja selbst, wie sie sind."

"Ja, nur zu gut. Früher oder später muss ich wohl ein ernstes Wörtchen mit beiden reden. Aber nicht jetzt. Ich will mit Blaise nach Hogsmeade, er wartet vermutlich schon. Bis später also."

oOoOoOo

"Na, lief das Gespräch gut?", begrüßte Blaise sie, als Hermine zu ihm eilte. Er schien die ganze Zeit fertig angezogen vor dem Ausgang des Schlosses auf sie gewartet zu haben. Sie nickte als Antwort nur und lenkte dann ihre Schritte ohne Umwege auf den Weg zum Dorf. Nach wenigen Metern stellten sie überrascht fest, dass Draco kurz vor dem Waldrand anscheinend auf beide gewartet hatte.

"Darf ich euch begleiten oder ist das eine geschlossene Gesellschaft?", fragte er neckisch, doch Blaise meinte, eine Spur von Anspannung in seinem Gesicht sehen zu können. Seufzend - eigentlich wäre er lieber alleine mit Hermine gewesen - lud er seinen besten Freund ein, sich ihnen anzuschließen. Schweigend, jeder in die eigenen Gedanken vertieft, liefen sie nebeneinander her. Hermine sinnierte darüber, was für ein merkwürdiges Gefühl es war, mit zwei Jungs ins Dorf zu gehen, die nicht Harry und Ron waren. Es fühlte sich vollkommen vertraut und doch ganz neu an. Sie waren etwa den halben Weg gegangen, da bemerkte Hermine plötzlich, dass Blaise nach ihrer rechten Hand gegriffen hatte. Überrascht wollte sie etwas sagen, doch der dunkle Slytherin legte sofort einen Finger auf seine Lippen und schaute bedeutungsvoll zu Draco hinüber. Überfordert mit der Situation und hochrot im Gesicht schaute Hermine stur zu Boden. Sie konnte die Wärme der großen Männerhand durch die Handschuhe hindurch spüren.

Kurz vor dem Dorf fing es plötzlich an zu schneien und innerhalb von Sekunden war das Schneegestöber so dicht geworden, dass man kaum mehr als fünf Meter sehen konnte. Während Hermine noch darüber nachdachte, wie froh sie war, dass Blaise sie festhielt, spürte sie, wie sich die langen Finger von Draco um ihre linke Hand schlossen. Als hätte sie sich verbrannt, zog sie ihre Hand zurück und blieb stehen. Überrascht hielten die beiden Jungs auch an. Dracos Blick fiel augenblicklich auf die verschränkten Hände von Hermine und Blaise und seine Miene verfinsterte sich. Blaise, der den Blick bemerkt, hatte, ließ Hermines Hand unwillkürlich los. Stumm starrten die beiden besten Freunde sich an, während Hermine vollkommen verwirrt und überfordert mit der Situation auf ihre eigenen Füße sah.

Schließlich hielt sie die Stille nicht mehr aus: "Habt ihr Lust, in den Honigtopf zu gehen? Mir ist nach was Süßem!"

Dankbar für die Ablenkung stimmten beide zu, so dass die Dreiergemeinschaft fröhlich plaudernd ihren Weg durch das Dorf fortsetzte. Doch Hermine spürte, dass die Fröhlichkeit nur aufgesetzt war und in Wirklichkeit etwas zwischen den beiden Männern brodelte. Sie fragte sich, ob sie etwas falsch gemacht hatte, ob möglicherweise Blaise tatsächlich mehr als Freundschaft für sie empfand und Draco das nicht zulassen wollte, so wie Harry und Ron ihre Freundschaft zu Blaise nicht zulassen wollten. Aber warum hatte Draco dann nach ihrer Hand gegriffen? Warum hatte er ihr die wunderschöne Spange gekauft, die nicht einmal ein Wichtelgeschenk war? Und warum empfand sie die warme Hand von Blaise als angenehm, während Dracos Berührung sich wie ein Blitzschlag anfühlte?

Ungeduldig schüttelte Hermine den Kopf - sie würde jetzt sowieso keine Antwort auf diese Fragen finden, es war sinnvoller, so natürlich wie möglich zu erscheinen und sich auf den Laden vor ihnen zu konzentrieren. Entschlossen betrat Hermine das Geschäft als erstes. Sofort umfing sie der schwere Duft von heißer Schokolade, in den sich viele Dutzend Variationen von Süße mischten. Sie liebte es, dass man hier im Winter immer eine heiße Schokolade kaufen konnte, um sich aufzuwärmen. Langsam schlenderte sie durch die Regalreihen, trennte sich von ihren Begleitern, um im hinteren Teil des Ladens die Lakritz-Sammlung zu untersuchen. Blaise war vorne an der Theke geblieben, um sich eine Schokolade zu kaufen, Draco hingegen war nicht mehr sichtbar.

"Ich hoffe, du weißt, was du tust, Granger."

Erschrocken wirbelte Hermine herum. Irgendwie hatte Draco es geschafft, hinter sie zu gelangen, ohne dass sie es bemerkt hatte. Verwirrt erwiderte sie: "Was meinst du?"

Ein kurzer, prüfender Blick wanderte von Draco Richtung Blaise, der noch immer vorne im Laden stand, dann flüsterte er mit gesenkter Stimme: "Ich hoffe, du bist dir bewusst, was Blaise für dich empfindet."

Entsetzt schaute Hermine ihn an: "Für mich empfindet? Wir sind nur Freunde!"

"Glaubst du das wirklich?", schnaubte der blonde Slytherin, "Glaubst du wirklich, dass Blaise Händchen haltend mit dir ins Dorf geht, weil ihr befreundet seid?"

Verunsichert blickte Hermine zu Blaise hinüber. Sie hatte selbst schon vermutet, dass er vielleicht mehr für sie empfindet, aber nachdem der erste Verdacht aufgekommen war, hatte er nichts mehr getan, um das zu bestätigen.

"Du denkst wirklich, dass er nur Freundschaft sucht?", hörte sie die ungläubige Stimme von Draco. Als sie nicht antwortete, sondern ihn nur mit großen Augen ansah, schüttelte Draco genervt den Kopf: "Wirklich, Granger. Wie kann man nur so blind sein? Blaise ist in dich verliebt."

Ehe Hermine darauf antworten konnte, kam eben jener auf die beiden zu. Mit hochrotem Kopf und gesenktem Blick drängte Hermine sich an ihm vorbei nach vorne, unfähig, Blaise in die Augen zu schauen. Den überraschten Blick von ihm bemerkte sie entsprechend nicht.

"Gibt es da etwas, was ich wissen muss?", fragte er misstrauisch an seinen Freund gewandt, doch Draco schüttelte nur den Kopf, während er der nervösen Hermine hinterher sah. Er hätte erwartet, dass sie positiv oder erfreut auf seine Worte reagieren würde, aber ihr Verhalten rief in ihm eher den Verdacht hervor, dass sie kein Interesse an Blaise hatte. Aus der Ferne beobachtete er, wie sie vor dem Regal mit Pralinen neben der Theke stehen blieb und sich unschlüssig umschaute. Als Blaise von hinten an sie heran trat, konnte er ein deutlichen Zucken wahrnehmen, doch wie es sich für eine Gryffindor gehörte, scheute sie nicht zurück, sondern verwickelte seinen Freund in ein Gespräch. Schließlich nahm sie eine rote Packung Pralinen und kaufte sie. Rasch griff nun auch Draco nach dem erst besten Gegenstand - ein überdimensioniert großer Lolli, schritt an die Theke, bezahlte und folgte dem Pärchen nach draußen. So richtig schlau wurde er aus Hermines Verhalten nicht und wieder spürte er das seltsame Ziehen in seinem Magen, als er seinen besten Freund und das Mädchen vor sich wieder zum Schloss zurück spazieren sah.

oOoOoOo

"Draco!", schallte die Stimme von Pansy Parkinson durch die Eingangshalle, "Da bist du ja endlich!"

Genervt rollte Hermine mit den Augen, als sie sah, wie die schwarzhaarige Slytherin sich in Dracos Arme warf. Sie wusste, dass man beiden eine Beziehung nachsagte und es war ihr immer vollkommen egal gewesen, aber der Anblick, wie sich ein Arm des Jungen um die Hüfte schloss, versetzte ihr doch einen Stich. Verunsichert blickte sie zu Blaise neben sich hoch - störte sie hier?

"Keine Sorge", flüsterte dieser leise, "Pansy wird gleich anfangen, wie ein Wasserfall zu erzählen, da wird sie keine Zeit haben, deine Anwesenheit zu bemerken."

Er sollte recht behalten. Kaum hatte sie sich der Aufmerksamkeit von Draco vergewissert, fing sie an: "Am schwarzen Brett ist ein Aushang. Eine neue Idee von Dumbledore, diesmal sogar eine ziemlich coole. Es gibt einen Ball. Am 24.! Er will, dass da alle ihr letztes Geschenk persönlich überreichen. Oh, ich freue mich schon so darauf. Endlich kann ich mich mal wieder richtig hübsch machen. Und ich kann mir ein neues Kleid kaufen. Hilfst du mir bei der Auswahl, Draco? Oder nein, lieber nicht, ich überrasche dich lieber mit meiner Schönheit. Du gehst doch sicher mit mir hin, ja? Und dann tanzen wir den ganzen Abend zusammen!"

Während sie die letzten Worte aussprach, wanderte ihr Blick zu Hermine und wurde mit einem Mal sehr kalt. Sie konnte den Hass regelrecht spüren, der aus den Augen von Pansy schoss, aber ehe sie reagieren konnte, trat wieder der verträumt-naive Ausdruck in Pansys Gesicht. Doch die Worte, die dann folgten, hätten besser zu den hasserfüllten Augen gepasst: "Oh, Draco, warum bist du denn mit dem Schlammblut unterwegs?"

"Pansy!", zischte Draco wütend, "Ich habe dir doch gesagt, dass du das Wort nicht sagen sollst. Entschuldige dich sofort!"

Die dunklen Rehaugen von Pansy wurden groß: "Ich soll mich entschuldigen? Wieso? Bei wem?"

"Ist schon gut", meinte Hermine abwinkend, "ich gebe nicht viel auf die Beleidigungen von Leuten, die meinen, mich nach meinem Blutstatus beurteilen zu müssen."

"Siehst du, Draco", sagte Pansy in naivem Triumph, "das Schlammblut gibt selbst zu, dreckiges Blut zu haben."

"Es reicht jetzt, Pansy", fuhr Blaise da zornig dazwischen, "du bist zwar meine Freundin, aber ich werde nicht zulassen, dass du Hermine weiter beleidigst!"

"Oooh, Hermine also?", flötete die Schwarzhaarige fröhlich, "Hast du das gehört, Draco? Er nennt sie Hermine. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet dein bester Freund zum Blutsverräter wird?"

Mit einem weiteren munteren Lachen ließ Pansy von Draco ab und spazierte mit beschwingtem Schritt davon. Denn weiteren, hasserfüllten Blick, den sie Hermine über die Schulter noch zuwarf, schien keiner der beiden Jungs zu bemerken, da diese besorgt Hermine anschauten.

"Tut mir leid, Hermine", fing Blaise leise an, "Pansy ist nicht grad die klügste und manchmal sagt sie unbedachte Sachen. Sie meint es nicht böse, aber sie versteh einfach nicht, was sie da sagt."

Hermine bezweifelte, dass Pansy so dumm war, wie Blaise sie darstellte, doch sie hatte keine Lust darüber ein Disput anzufangen. Sie nickte nur mit einem Lächeln, verabschiedete sich mit dem Hinweis auf das Mittagessen in der Großen Halle, und ließ die beiden Männer alleine stehen.

"Worüber habt ihr im Honigtopf geredet?", fragte Blaise fest, kaum dass Hermine außer Hörreichweite war.

"Gar nichts, Blaise, wie oft denn noch."

"Muss ich mir Sorgen machen?"

Der traurige Tonfall in der Stimme seines besten Freundes ließ Draco schlucken, doch er konnte ihm keine ehrliche Antwort darauf geben. Was empfand er für Hermine Granger?

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