Das Blut fließt im Beat

Wir standen eng beieinander. Noch immer fragte ich mich, was passiert war. Die lauten und unruhigen Stimmen betäubten meine Ohren. So bekam ich zuerst gar nicht mit, dass Linda mit mir redete. Sie musste mir schmerzhaft einen Mittelfinger in die Hüfte bohren, damit ich auf sie aufmerksam wurde. Ich sah sie gereizt an.
„Tut mir leid“, brüllte sie mir, so laut sie konnte, zu, „aber weißt du, was hier los ist?“
„Keine Ahnung. Wir warten erstmal, bis sich die Lage beruhigt hat. Ist mit deinem Knie alles in Ordnung?“ Das Blut floss weiter aus ihrer Wunde.
„Ja, mach dir keine Sorgen, es gibt Schlimmeres.“ Tapfer lächelte sie.
Die Lautstärke wurde allmählich erträglicher und ruhiger. Es war bloß eine geringe Anzahl an Clubgästen übrig geblieben.
Außer uns dreien hingen ein paar Leute auf den Barhockern. Sie schienen gar nichts von der Unruhe mitbekommen zu haben, dermaßen benebelt waren sie vom Alkohol.
Wo eben noch Chaos herrschte, entstand nun eine unheimliche Stille. Die Musik war ausgestellt, doch die Lichtpunkte der Scheinwerfer tanzten weiterhin fröhlich auf dem Boden und den Wänden. Ich konnte nichts Ungewöhnliches entdecken, aber warum waren die Anderen dann geflüchtet? Wir mussten irgendetwas verpasst haben.
„Ich will mich mal kurz umsehen.“ Ich hatte mich zu Linda und Vanessa umgedreht.
„Wir kommen mit.“ Linda erhob sich und humpelte auf mich zu. Ich wollte ihr sagen, dass das nicht nötig war, aber ihr Gesicht zeigte Entschlossenheit. Sie würde so oder so mitkommen. Mit oder ohne meine Erlaubnis.
Meine Sinne waren bis aufs Äußerste gespannt. Ich schaute mich um und tatsächlich entdeckte ich einen schwarzen Klumpen auf der Tanzfläche. Von unserem vorigen Winkel aus hatte man ihn nicht sehen können. Aus den Augenwinkeln fiel mir die verunsicherte Miene von Vanessa auf. Ich blieb stehen und zeigte auf meine Entdeckung.
„Seht ihr das?“ Linda nickte und schaute in dieselbe Richtung.
„Aber was ist das?“
„Vielleicht ist es ein Scheinwerfer, der von der Decke gefallen ist“, äußerte Vanessa. Möglich war ihre Überlegung schon. Ein Knall, als der Scheinwerfer von der Decke auf den harten Boden gekracht ist und die daraufhin ausbrechende Massenpanik.
Langsam näherten wir uns dem Klumpen. Durch die mangelnde Beleuchtung merkte ich erst spät, dass es sich unmöglich um einen Scheinwerfer handeln konnte. Die Umrisse waren nicht quadratisch, sondern unregelmäßig. Auch die Höhe und Länge stimmten nicht. Er war flach und ca. 1.90m lang, anstatt hoch und kurz, wie es für einen Scheinwerfer üblich war. Bei genauerer Betrachtung erkannte ich, dass der Klumpen mit Stoff bedeckt war.
Und auf einmal schlug mir ein gewaltiger Gestank nach Metall entgegen. Was war das? Die Luft war heiß und stickig. Ich konnte kaum atmen.
Plötzlich riss ich vor Entsetzen die Augen auf. Mit einem Mal wurde mir bewusst, was da vor mir lag. Es war ein Mensch, genauer gesagt ein Mann. Der Stoff war seine Kleidung. Er trug eine hellbraune Cordhose, Lederschuhe und ein weinrotes Hemd.  
Als ich meinen erschrockenen Blick zu seinem Gesicht wandern ließ, stockte mir mein kaum vorhandener Atem. Sein Mund war halb geöffnet und ich konnte eine Reihe weißer Zähne sehen. Seine verbliebenen Haare klebten an seinem Kopf. Das Grausamste war jedoch das mehrere Zentimeter große schwarze Loch, das in seiner Stirn klaffte.
Das tiefrote, frische Blut war ihm aus der Wunde über das Gesicht und auf seine Klamotten gelaufen. Eine große Menge Blutspritzer befleckten den Boden um ihn herum. Hier, direkt über dem toten Körper, war der penetrante Blutgeruch überwältigend.
Übelkeit stieg in mir hoch. Ich schlug die rechte Hand vor den Mund, damit ich mich nicht auf der Stelle übergab. Ich musste hier raus und zwar sofort. Panisch wirbelte ich herum und lief ungebremst in Vanessa hinein, die hinter mir stand.
Ihr Gesicht war bleich und auch sie sah so aus, als ob sie sich gleich übergeben müsste.
Ich kam ins Straucheln, doch zum Glück fing ich mich wieder und rannte los. Mit voller Geschwindigkeit eilte ich die Treppe hinauf. Ich preschte gegen die Eingangstür und lief auf die Straße. Ich hörte keine Schritte hinter mir. Linda und Vanessa folgten mir nicht, doch das war mir im Moment egal.
Mit wackligen Beinen verschwand ich um die nächste Ecke. Ich konnte meine Übelkeit nicht länger zurückhalten und übergab mich auf eine alte, vom Regen durchnässte, Zeitung.
Als alles draußen war, was raus musste, lehnte ich mich an eine verblichene Hauswand und ließ mich vorsichtig auf den harten Asphalt nieder. Es war eiskalt und finster. Ich saugte gierig die frische Luft ein.
Ich war froh, dass es hier nicht nach Blut stank. Hier roch es nach gar nichts und es war eine Wohltat, frei atmen zu können. Mein knapp bekleideter Körper bebte vor Kälte. Ich schlang die Arme um mich. Meine Jacke hatte ich im Club vergessen. Immer wieder drängten die Bilder der Leiche in mein Bewusstsein. Eine Leiche, die ich mit eigenen Augen gesehen hatte.
Ich stand unter Schock. Stumme Tränen liefen über mein Gesicht und befeuchteten meine kühle Haut. Erneut hatte sich ein vermeidlich schöner Abend in einen Albtraum verwandelt, doch das verpatzte Date war nicht einmal annähernd so schrecklich, wie der Anblick dieser Leiche. Wieso war ich dorthin gegangen? Wieso hatte ich meiner Neugierde nachgegeben? Wir hätten den Club mit den anderen Leuten verlassen und nach Hause fahren sollen.
Ich dachte an Linda und Vanessa und ich fragte mich, ob es ihnen so schlecht ging, wie mir und wo sie waren. Ich wollte sie suchen gehen, doch ich schaffte es nicht meinen Körper zu bewegen. In meinem ganzen Leben hatte ich mich nie so miserabel gefühlt, wie in diesem Augenblick. Immer und immer wieder blitzten die vergangenen Geschehnisse in meinem Kopf auf.
Tanzen. Hitze. James. Leiche. Blut. Hitze. Übelkeit. Tanzen. Hitze. James. Leiche. Blut. Hitze. Übelkeit. Tanzen. Hitze. James. Leiche. Blut. Hitze. Übelkeit.
Ich presste beide Hände gegen meinen Kopf, da ich das Gefühl hatte, dass er in der nächsten Sekunde platzen würde. Und dann schrie ich einfach. Ich schrie aus vollem Hals, bis mir die Luft ausging. Mein Schrei hallte gegen die umliegenden Hauswände und klingelte mir in den Ohren.
Nach meinem Gefühlsausbruch überrumpelte mich die Stille von Neuem. Meine Kehle brannte, doch meine Gedanken waren wieder etwas klarer. Zwar war das beklemmende und bedrückende Gefühl noch nicht komplett verschwunden, aber mein Herz fühlte sich nicht mehr an, wie in einem Schraubstock eingezwängt. Tief atmete ich ein und aus. Jeder Atemzug war in der kalten Luft sichtbar. Langsam ging es mir besser. Ich beschloss zum Ford zu gehen. Vielleicht kamen meine Freundinnen auf dieselbe Idee und wir würden uns dort treffen.
Ich stütze mich mit einer Hand an der Wand ab, während ich mich langsam aufrichtete. Meine Beine zitterten und ich hielt einen Moment inne. Als ich einen halbwegs festen Stand hatte und ich mir sicher war, dass ich nicht umkippte, wenn ich die Wand losließ, ging ich vorsichtig ein, zwei Schritte. Ich ging in die entgegengesetzte Richtung und nicht in die, aus der ich gekommen war. Es war zwar ein Umweg, doch ich wollte das 38º nicht mehr sehen. Nie wieder.
Von Weitem hörte ich die Sirenen von Polizei- und Krankenwagen. Sie kamen reichlich spät. Dem Mann konnte man nicht mehr helfen. Er war tot.
Ich ging weiter und bog dann in die angrenzende Einkaufsstraße ein. Sie war menschenleer. Das Einzige, was man hören konnte, war das Summen einer defekten Straßenlaterne, die flackernd ihr Licht auf die Straße warf. Ich hoffte, dass Linda und Vanessa bereits am Auto warteten und wir schnellstmöglich nach Hause konnten, aber urplötzlich durchriss ein mir inzwischen bekanntes Geräusch die Stille.
Knall.
Eben, im Club, hatte ich es nicht identifizieren können, doch nun wusste ich, was diesen Knall verursachte: eine Pistole. Es folgte ein weiterer Schuss. Er hallte in meinen Ohren und in meinem Kopf wieder. Mir stockte der Atem und ich blieb wie gelähmt stehen. War das der Mörder des Mannes im 38°? Wie nah war er? War ich in Gefahr? Wird er mich töten, wenn er auf mich trifft? Ich wollte losrennen und mein Leben retten, aber meine Beine gehorchten mir nicht.
Innerlich verfluchte ich meine Angst. Dann endlich setzten sich meine Beine in Bewegung  und ich rannte und rannte, ohne mich umzusehen.
Da tauchten, wie aus dem Nichts, urplötzlich zwei Männer vor mir auf. Sie standen weit auseinander. Es sah aus, als wollten sie mich abfangen. In meinem Kopf schrillten die Alarmglocken.
Das sind die Mörder. Sie wollen mich töten. Ich drehte um und lief hastig zurück, als mich eine kräftige Stimme erreichte.
„Halt. Stehen bleiben. Polizei.“ Sofort blieb ich stehen. Erleichtert atmete ich aus.
Eine Welle der Freude überwältigte mich. Hinter mir hörte ich schwere Schritte. Ein Polizist trat neben mich und hielt mir seine Taschenlampe mitten ins Gesicht. Zum Schutz vor dem grellen Licht kniff ich die Augen zusammen.
„Ihr Name?“, fragte er barsch.
„Holly Dugan“, antwortete ich schnell, da ich ihn nicht verärgern wollte.
„Warum laufen Sie um diese Uhrzeit wie verrückt durch die Straßen?“ Meine Augen waren noch immer geschlossen.
„Ich…ich war in der Diskothek 38°. Dort ist ein Mann erschossen worden. Deshalb bin ich nach draußen gerannt und…und…“, meine Stimme brach ab. All der Erleichterung war wieder Angst gewichen und meine Augen wurden feucht.
„Und?“ Ich schluckte den großen Kloß in meinem Hals herunter.
„Und dann habe ich zwei Schüsse gehört.“
„Wo genau?“, fragte der Polizist. Ich zeigte in die Richtung, aus der ich gekommen war.
Er brüllte etwas nach hinten, das ich nicht verstehen konnte. Vermutlich redete er mit seinem Kollegen. Anschließend hörte ich ein Klicken und Rauschen. Ich öffnete die Augen, da der Polizist den Strahl der Taschenlampe nun auf den Boden richtete. Die elektronischen Geräusche wurden durch ein Walkie-Talkie verursacht.
Nach dem Gesicht des Polizisten zu urteilen, gab er aufgeregt, aber konzentriert, Anweisungen durch. Er war schon älter, ich schätzte ihn auf 45 oder 50 Jahre. Seine Mundwinkel und Augen waren gespickt mit tiefen Falten. Man konnte die vergangenen harten Jahre in seinem Beruf erkennen. Der Vollbart gab ihm ein rustikales und ungepflegtes Aussehen, doch er ließ ihn auch väterlich wirken.
„Meine Kollegen sind in der Diskothek und sehen sich den Tatbestand an. Ich werde mich dann gemeinsam mit ihnen hier in der Gegend umsehen, womöglich finden wir Spuren des Täters. Ich möchte Sie bitten meinen Kollegen, Officer Owen, aufs Revier zu begleiten, damit wir Ihre Aussage aufnehmen können. Sie sind momentan die einzige Zeugin.“
Dass hieß, dass sie Linda und Vanessa nicht begegnet waren. Er schaute mich mit seinen warmen braunen Augen an.
Ich konnte mich nicht wirklich mit dem Gedanken anfreunden, aufs Polizeirevier gefahren zu werden, doch in meiner Verfassung war es wohl besser nicht allein zu sein.
Stumm nickte ich, da der Polizist auf eine Antwort wartete. Ich folgte ihm zum Wagen. Die typische blau-weiße Lackierung und das blaue Licht der Sirene leuchteten in der Dunkelheit. Er war das Symbol meiner Rettung aus diesem Albtraum.
Ein anderer Polizist, der deutlich jünger war, als sein Kollege, öffnete mir die Beifahrertür. Das musste Officer Owen sein. Ich glitt auf das weiche Polster und schnallte mich an. Die beiden Polizisten wechselten noch ein paar Worte, dann stieg der Jüngere ein, startete den Motor und fuhr los.
Still schaute ich aus dem Fenster, während wir an endlos vielen Häusern und Bäumen vorbeifuhren.
Ich hatte nicht das Bedürfnis mit dem Polizisten zu sprechen, ehrlich gesagt traute ich mich auch nicht. Meine Befürchtung war, dass er mir Fragen stellen würde und mir reichte schon der Gedanke an meine bevorstehende Aussage, damit ich unruhig und nervös wurde.
Was, wenn ich etwas falsch mache? Wie lange wird die Befragung dauern? Ich versuchte an etwas anderes zu denken, doch die Tatsache, dass ich in einem Streifenwagen saß, machte das unmöglich.
Ich schaute auf die Fahrerseite. Der junge Polizist sah konzentriert auf die Straße. Das, von den Straßenlaternen abgesonderte, Licht wurde von der Frontscheibe auf sein Gesicht reflektiert. Es schimmerte bläulich und gab ihm eine ungesunde Hautfarbe.
Die nächsten zehn Minuten schlichen dahin. Dann kam der Wagen sanft vor einem rötlichen Gebäude zum Stehen, das aus mehreren Rechtecken bestand. Durch die Aufschrift wusste ich, dass es sich um die örtliche Polizeistation handelte. Ich hörte einen Knall auf der Fahrerseite.
Erschrocken fuhr ich zusammen, aber es war kein Schuss gewesen, sondern bloß die Tür, die der Polizist zugeschlagen hatte. Er hielt mir die Tür auf und schaute mich ernst an, während ich mit wackeligen Beinen ausstieg. Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend betrat ich mit meinem Begleiter das Gebäude. Der Polizist schaute mich aus den Augenwinkeln besorgt an.
„Alles in Ordnung?“, fragte er mit einer, für einen Mann, ungewöhnlich hohen Stimme. Ich nickte abwesend und zusammen traten wir an den Empfangstresen im Eingangsbereich.
Hinter dem Tresen saß eine Frau mit rotbraunem Haar, das kraus in alle Richtungen abstand. Sie legte gerade den Telefonhörer auf die Gabel, schaute zu ihrem Kollegen und wandte sich dann mit einem amüsierten Schmunzeln zu mir. Ihre grünen Augen leuchteten.
„Hey, Steve, ist die Kleine hier dein Date?“, flötete sie und zeigte mit ihrem linken Daumen auf mich. Sie kicherte. Ein unangenehm schrilles Geräusch. Mein Begleiter verdrehte entnervt die Augen, anscheinend war er Witze dieser Art von seiner Kollegin gewohnt.
„Sehr witzig, Lucy, aber Spaß beiseite. Sie ist hier um eine Aussage zum Mord im 38° zu machen.“ Das Gesicht der Empfangsdame wurde schlagartig ernst. Sie nickte.
„Ich weiß über den Vorfall Bescheid. Am Besten bringst du sie in Raum 109, der ist momentan frei.“
„Gut, folgen Sie mir bitte, Miss Dugan.“ Da ich mit meinen Gedanken immer noch bei der rothaarigen Frau war, bekam ich nur mit, wie mein Name genannt wurde und erschrak.
„Wie bitte?“, fragte ich leise.
„Sie sollen mir bitte folgen“, wiederholte er und berührte mich kurz an der Schulter. Diese kleine Berührung genügte, damit ich mich sicherer fühlte. Ich folgte dem Polizisten still durch einen engen Flur.
Die meisten Wände, an denen wir vorbeikamen, waren kahl, doch vereinzelt hingen auch Bilder mit unsymmetrischen Figuren und bunten Farben an ihnen. In einer dunklen Ecke stand eine einzelne Pflanze mit braunen vertrockneten Blättern. Sie hatte wohl sehr lange Zeit kein Wasser bekommen. Aus einem Raum strömte Kaffeegeruch, was diesem Gebäude eine heimische Atmosphäre gab.
Doch das verstärkte auch meinen Drang umzudrehen und nach Hause zu meinen Eltern zu rennen. Bevor ich das Haus verlassen hatte, war mir meine sorgenvolle Mom auf die Nerven gegangen. Jetzt hätte ich alles dafür getan sie bei mir zu haben und von ihr in die Arme genommen zu werden.
Officer Owen öffnete die Tür des Raumes mit der Nummer 109 und ließ mich zuerst eintreten. Mein Magen verkrampfte sich. Der Raum war extrem klein, regelrecht winzig. Es fanden nur ein abgenutzter Tisch und zwei Plastikstühle darin Platz. Ein elektronisches Summen aus der linken hinteren Ecke verriet mir die Anwesenheit einer Kamera.
Ich nahm auf dem hinteren Stuhl Platz, von dem ich direkt auf die Tür sehen konnte. Der Stuhl war unbequem, sodass ich eine Weile hin und her rutschte, um eine halbwegs angenehme Sitzposition zu finden.
Als ich bemerkte, dass der Polizist mir gegenüber Platz nahm, hörte ich sofort auf. Er räusperte sich, was ihm ein unsicheres und nervöses Auftreten gab.
„Möchten Sie vielleicht etwas trinken oder eine Decke?“
Die Aussicht auf etwas Wärme war zu verlockend, also bat ich um die Decke. Sofort verschwand er aus dem Raum, um nur wenige Minuten später mit einer hellbraunen Decke in der Hand zurückzukommen. Er reichte sie mir und ich wickelte sie um meinen Oberkörper.
Sie war dünn und wärmte mich kaum, aber das war besser, als nur mit einem Top bekleidet hier zu sitzen. Wer weiß, wie lange ich hier bleiben musste.
Während ich mit der Decke hantierte, holte der Officer einen kleinen, schmalen Gegenstand aus seiner Hosentasche. Bei genauerer Betrachtung erkannte ich, dass es ein Diktiergerät war. Mit einem Knopfdruck schaltete er es ein.
„Nun, Miss Dugan, beginnen wir mit Ihrer Aussage. Erst einmal möchte ich von Ihnen wissen, in welchem Zeitraum Sie sich in der Diskothek mit dem Namen 38° aufgehalten haben.“
Durchdringend sah er mich an. Na Klasse, die erste Frage konnte ich schon nicht genau beantworten. Mein Gedächtnis versagte mal wieder.
„Ich weiß es nicht mehr ganz genau, aber ich schätze zwischen 21 und 22 Uhr.“
„Gut, und warum waren Sie an dem besagten Ort?“ Ich kaute auf meiner Unterlippe herum. Das tat ich immer, wenn ich nervös war.
„Ich war mit zwei Freundinnen dort. Einen bestimmten Grund, warum wir da waren, gibt es nicht.“ Ich hatte Angst, dass ich keine verwertbaren Informationen geben konnte.
Ich bin nutzlos, also lassen Sie mich doch bitte gehen.
„Aha, und wie sind die Namen Ihrer Freundinnen?“
Zuerst war ich verwirrt und wusste nicht, warum er die Namen der beiden wissen wollte, doch dann fiel mir ein, dass sie ja auch mögliche Zeugen sein konnten und ihre Aussagen benötigt wurden.
„Linda Johnson und Vanessa Greenwood, aber ich bin allein auf die Straße gerannt. Sie sind im Club geblieben. Ich weiß nicht, wo sie sind. Ich bin die Einzige, die die Schüsse gehört hat. Ich…“
Er hob eine Hand, um mich zum Schweigen zu bringen. Vor Aufregung raste mein Herz und mein Gesicht glühte.
„Ganz ruhig, Miss Dugan. Sie müssen mir nicht alles auf einmal erklären. Lassen Sie sich Zeit. Berichten Sie mir nacheinander von den Ereignisse dieser Nacht und versuchen Sie sich auch an die kleinsten Details zu erinnern. Die sind besonders wichtig.“
Bevor ich anfing, musste ich eins wissen: „Wird es lange dauern den Mörder zu fassen?“
„Dass kann ich Ihnen leider nicht sagen, aber Ihre Aussage ist sehr wichtig und wer weiß, vielleicht haben wir den Täter schon bald.“ Er lachte mir aufmunternd entgegen.
Dann schilderte ich alles, woran ich mich erinnern konnte und durchlebte dabei diese furchtbare Nacht erneut. An manchen Stellen wurde meine Stimme so leise, dass mich der Polizist bitten musste für das Diktiergerät lauter zu sprechen.
Immer wieder geriet ich ins Stocken, vor allem bei der Schilderung der Leiche und den Schüssen in meiner Nähe. Der Kloß in meinem Hals war zurückgekehrt und machte mir Probleme beim Schlucken. Als ich zu Zittern begann, wackelte der Plastikstuhl gleich mit.
„Ist alles in Ordnung mit Ihnen, Miss Dugan? Soll ich Ihnen eine weitere Decke oder einen Kaffee holen?“
Apathisch schüttelte ich den Kopf. Es flimmerten Bilder der Leiche vor meinen Augen. Immer und immer wieder, wie ein Lied auf einer kaputten Schallplatte. Ich hatte den metallenen Gestank des Blutes in der Nase. Das Atmen fiel mir schwerer. Mein Puls erhöhte sich.
Ich war mir sicher jeden Moment ersticken zu müssen. Den Polizisten mir gegenüber nahm ich nicht mehr wahr, denn ich befand mich in einem pechschwarzen leeren Raum, ohne Wände, ohne Geräusche, ohne Menschen. Mein Schädel dröhnte schmerzhaft und Tränen stiegen in meine Augen. Ich schluchzte und die heißen Tränen flossen, flossen, flossen.
Eigentlich wollte ich doch stark sein und nicht mehr weinen, aber der Tränenfluss wollte einfach nicht aufhören.
Ich war enttäuscht von mir und meiner Schwäche.
Auf einmal wurde ich wütend. Ich wollte diese Bilder in meinem Kopf nicht; wollte sie loswerden, aber wie? Würde ich sie jemals in einem Leben vergessen können? Nein. Sie würden mich bis an mein Lebensende verfolgen. Mein unbeschwertes Leben, das ich bis dahin geführt hatte, zerbrach in tausend Stücke, sodass ich es nie wieder zusammensetzen konnte. Niemals.
Bei dieser Erkenntnis schlug ich verzweifelt die Arme um meinen Körper und krallte mich mit meinen Fingernägeln kräftig in den Oberarmen fest. Ich spürte eine warme Flüssigkeit über meine Finger laufen und auf den Boden tropfen, aber diesmal waren es keine Tränen, sondern Blut. Mein Blut.
Mir wurde schwindlig und ich schwankte heftig hin und her. Ich wollte aus diesem Raum ausbrechen; wollte keine Tränen und Schmerzen mehr spüren. Ich wollte bloß raus in die wirkliche Welt, in der meine Eltern und Freunde lebten.
Weit öffnete ich meinen Mund, um zu schreien, doch ich bekam keinen Ton heraus. Egal, wie oft ich es versuchte, ich blieb stumm. Der Geruch meines eigenen Blutes wurde langsam, aber sicher, unerträglich. Erneut hätte ich mich übergeben können. Vielleicht ging es mir dann wieder besser.
Ich öffnete meine Augen so weit wie möglich, in der Hoffnung, Helligkeit, anstatt ständiger Dunkelheit zu sehen. Und tatsächlich blitzte für eine kurze Zeit ein weißer Fleck auf, so hell, dass er mich blendete. Trotzdem hielt ich die Augen geöffnet, aus Angst, dass der Fleck verschwinden würde, sobald ich sie bloß einen Millimeter schloss. Der helle Fleck blieb und breitete sich aus, bis die Helligkeit mein gesamtes Blickfeld einnahm. Meine Netzhäute brannten.
Der Kloß in meinem Hals wurde stetig kleiner. Ich konnte wieder atmen und sog die Luft gierig ein. In meinen Nasenhöhlen kribbelte es. Die Helligkeit weitete sich über meine Schulter, bis zu den Füßen aus. Ich war gerettet. Endlich.
Vorsichtig wagte ich es zu blinzeln. Vor mir tauchten Umrisse auf, die bei jedem weiteren Lidschlag deutlicher wurden. Ich erkannte zwei Ovale, die sich in menschliche Gesichter verwandelten. Rechts von mir beugte sich der junge Polizist, der mich verhört hatte, über mich. Sein Gesicht zeigte Besorgnis und Angst. Krampfhaft versuchte ich mich an seinen Namen zu erinnern. Wie hieß er bloß? Ich glaube es war Dawson oder so ähnlich.
Neben ihm hockte Lucy, die rothaarige Frau vom Empfang. Sie hielt mein linkes Handgelenk. Auch sie schien nervös, doch nicht so sehr wie ihr Kollege. Sie bemerkte als Erste, dass ich die Augen geöffnet hatte.
Sie strahlte über das ganze Gesicht und stupste ihren Kollegen an, dessen Gesichtsmuskeln sich daraufhin entspannten
„Wir sollten sie am Besten aufsetzten“, schlug er mit zittriger Stimme vor.
Die Frau nickte und dann spürte ich an meiner rechten Schulter eine kräftige und an meiner Linken eine sanfte und schlanke Hand. Beide zogen mich langsam und vorsichtig nach oben. Und noch bevor ich mit meinen Füßen Bodenkontakt hatte, setzten sie mich auf den Plastikstuhl zurück. Ich musste wohl auf den Boden gefallen sein. Bemerkt hatte ich es nicht.
Zu meinem Bedauern stellte ich fest, dass der Boden bequemer gewesen war, als der Stuhl. Am Liebsten hätte ich mich wieder hingelegt, aber es wurden mehrere dünne Decken eng um mich geschlungen. Vor mir stand ein Becher mit klarem Wasser.
„Du solltest etwas trinken“, sagte Lucy liebevoll und drückte mir den Becher in die Hand. Eigentlich hatte ich keinen Durst, doch ich wollte nicht, dass sie sich noch mehr Sorgen machte, also nahm ich ein paar Schlucke. Zufrieden nickte sie.
„Was ist passiert?“, krächzte ich.
„Sie sind ohnmächtig geworden und vom Stuhl gerutscht. Wir haben Sie, so weit es uns möglich war, verarztet. Ihr Puls war sehr schwach. Natürlich haben wir einen Krankenwagen gerufen und Ihre Eltern informiert. Sie sind auf dem Weg hierher“, klärte mich der Polizist auf.
Ich war nicht begeistert von der Aussicht in einem sterilen Krankenhaus zu liegen, doch ich war froh, dass meine Eltern bald hier sein würden.
„Ich glaube nicht, dass ein Krankenwagen nötig ist. Mir geht es schon viel besser.“ Zur Unterstützung meiner Aussage lächelte ich.
„Du bist noch immer sehr blass. Du solltest dich von einem Arzt untersuchen lassen“, meinte Lucy und betrachtete eingehend meine Haut. Währenddessen verließ der Polizist, dessen Name mir nicht einfallen wollte, den Raum, vermutlich, um den Arzt und meine Eltern in Empfang zu nehmen. Im Raum wurde es still, denn Lucy schaute aus dem kleinen Fenster und wartete auf die Rückkehr ihres Kollegen. Durch die Decken wurde mir mit der Zeit wärmer, dennoch zitterte ich leicht. Starr schaute ich auf den Tisch und wartete.
Mein Herz schlug so laut gegen meine Brust, dass ich glaubte, Lucy könne es hören, doch sie stand unverändert am Fenster. Ich wollte, dass meine Eltern kamen und mich nach Hause fuhren, wo ich mich ausruhen konnte.
Ich fühlte mich schwach und müde und hatte Schwierigkeiten meinen Kopf hochzuhalten, aber ich riss mich zusammen und versuchte mit aller Kraft normal und nicht ermüdet zu wirken.
Laute Schritte auf dem Korridor kündigten die Ankunft des Polizisten an. Sekunden später öffnete sich die Tür und der Polizist trat ein, gefolgt von zwei Sanitätern. Mit schnellen Schritten kamen sie auf mich zu. Sogleich begannen sie mir Fragen über mein Befinden zu stellen und mich zu untersuchen. Sie fühlten meinen Puls, maßen meinen Blutdruck und überprüften mit einer kleinen Lampe die Reaktionsfähigkeit meiner Augen. Ich fühlte mich unwohl, da sie um mich herumschwirrten und mich überall anfassten. Dabei machten sie hektische Bewegungen und sahen ernst und konzentriert auf mich herab.
Nach einer schier unendlichen Untersuchung erklärten sie mir, dass ich einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Sie empfahlen mir, viel zu trinken und zu schlafen. Zum Glück war es nicht nötig, dass sie mich ins Krankenhaus mitnahmen.
Während der Untersuchung hatten die Polizisten vor der Tür gewartet, doch nun betraten sie den Raum, meine Eltern im Schlepptau. Sofort stürmte meine Mom mit einer sorgenvollen Miene auf mich zu und umarmte mich. Aus den Augenwinkeln sah ich meinen Dad, wie er sich flüsternd mit einem der Sanitäter unterhielt. Das herzliche Gesicht meiner Mom tauchte in meinem Blickfeld auf. Sie lächelte zwar, doch ich konnte ihre Angst um mich in ihren Augen erkennen.
„Wir bringen dich jetzt nach Hause, Schatz“, versicherte sie mir und eine einzelne Träne rollte ihre linke Wange hinab.

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beta
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