Das Ende eines dunklen Tages

„Du willst mir erzählen, du und Rúna habt letzte Nacht gegen zwei Wölfe gekämpft?“, forschte Thorstein wenig später ungläubig nach. „Und niemand von den anderen Männern soll etwas davon gehört haben, ich eingeschlossen?“
Es war für den Steuermann in diesem Augenblick völlig unglaubhaft, was Teitr ihm da erzählte. Denn wenn dessen Bericht stimmte – und eigentlich gab es keinen Grund, warum der alte Hofvorsteher ihn anlügen sollte – dann hatte er heute etwas getan, was selbst aus Sicht des gnadenlosen Kriegers eine wahre Schande bedeutete: Er hatte Rúna als Dank für ihr mutiges Handeln mit Schlägen belohnt.
Wortlos hielt Teitr ihm die offene Hand hin und Thorstein sah darauf zwei große Wolfseckzähne im Sonnenlicht elfenbeinfarben schimmern.
„Ich wollte sie Rúna schenken“, erklärte Teitr nun auch noch zu allem Überfluss. „Sie hat sie sich wirklich verdient! Und auch sie hat die Wölfe nur gehört, weil sie nicht geschlafen hat.“ Minutenlang starrte Thorstein auf diesen unzweifelhaften Beweis seines Versagens.
„Dann solltest du das wohl tun, wenn sie zurückgekommen ist“, brummte er wortkarg. „Ich schaue mir inzwischen den Hengst an. So schlimm wird das alles ja nicht gewesen sein.“

Während sich der alte Teitr noch verwunderte, warum der Steuermann das nächtliche Geschehen herunterspielen wollte, lief dieser schon mit großen Schritten in Richtung des Stalls. Hierher war er heute schon einmal gegangen und erneut bekam er etwas zu sehen, was er eigentlich nicht hatte sehen wollen: Lange streifenförmige Wunden prangten auf der Kruppe seines Pferdes, an denen er unzweifelhaft erkennen musste, dass es sich doch alles genauso zugetragen hatte, wie der alte Teitr es erzählte.
Bei Thor, Baldr und allen Göttern, nach einem solchen nächtlichen Erlebnis war es gar kein Wunder, wenn sich Rúna schlafen gelegt hatte. Offenbar hatte sie mit Teitr auch noch das Pferd eingefangen und dessen Verletzungen versorgt, denn die unterarmlangen Risse waren sorgfältig mit Lehm und zerriebenen Kräutern bestrichen. Hier und da bröselte die trockene Masse bereits und Thorstein wurde klar, dass er die Frau eigentlich bitten musste, die Heilerde zu erneuern.
Doch wenn er das tat, würde er ihr gegenüber auch eingestehen müssen, dass er einen Fehler gemacht hatte. Dazu aber sah sich Thorstein in diesem Augenblick noch nicht in der Lage. Nachdenklich schlich sich der Steuermann davon. Er würde zum Fluss hinab gehen, sich waschen und dabei darüber nachdenken, was zu tun sei.
Während er sich in den nun folgenden frühen Abendstunden seinen Gedanken und Grübeleien hingab, freute sich Teitr, als er Rúna vom Moorsee zurückkommen sah. Müde kam sie ihm vor und ein wenig angeschlagen, doch nach einem solchen Erlebnis durfte eine zarte Frau wie sie schon einmal erschöpft aussehen. Fast schon mit väterlichem Stolz überreichte er ihr sein Mitbringsel und sah zu, wie sie sich still über das Geschenk freute.
Als sie erklärte, dass sie noch das Nachtmahl zubereiten müsse, dachte sich der Alte nicht viel dabei, sondern ließ sich von ihr ein Trinkhorn mit Bier füllen, um bis zum Essen unter dem Vordach der Grubenhütte zu sitzen, seine Pfeife zu rauchen und der Essen kochenden Rúna von Wölfen, Pferden und anderen Abenteuern seines langen Lebens zu erzählen.
Rúna aber, die es nicht über sich brachte, dem freundlichen Alten von ihrer Schmach zu berichten, hörte ihm einfach schweigend zu. Sie wusste, dass er über kurz oder lang von Thorstein hören würde, was sie sich zu Schulden kommen lassen hatte, doch sie konnte einfach noch nicht darüber sprechen. Nach dem kurzen Bad im See hatte das Brennen der Wunden zeitweise etwas nachgelassen und sie hoffte, dass sich die Risse in der Haut morgen soweit geschlossen hatten, dass sie keine Flüssigkeit mehr absonderten. Doch inzwischen brannte ihr Rücken wieder unnachgiebig.
Sie ließ nicht zu, dass Teitr ihr half, den schweren Kessel mit Eintopf ins Haupthaus zu schleppen, gab ihm zu bedenken, dass er sein verletztes Bein doch schonen müsse. Dann, als sie fünf Schalen und fünf Holzlöffel auf den Tisch gelegt hatte, kam Thorstein herein, mit sich im Gefolge seine drei Knechte. Nun entging selbst Teitr nicht mehr, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Die tröstende, freundliche Art, mit der die drei Schnitter Rúna begrüßten, stand im krassen Gegensatz zu der furchtsamen, demütigen Haltung, die diese an den Tag legte, während sie das Essen auftrug. Niemand sprach, als klar wurde, dass sie für sich selbst heute nicht mit gedeckt hatte. Bisher hatten sie immer zusammen gegessen, um über den Tag zu plaudern. Doch nun starrten die Augen der drei Knechte auf  Thorstein, als ob sie von diesem irgendeine Reaktion erwarteten. Und diese kam viel leiser und zurückhaltender, als Teitr es von dem Krieger kannte.
„Setz dich, Rúna!“, wies er die Köchin an. Und als diese sich an der vordersten Kante der gemeinsamen Bank niederließ, war er es, der eine weitere Schale vom Bord holte und ihr ebenfalls Suppe auffüllte.
„Iss!“, forderte er sie dann auf. „An den Regeln hier hat sich nichts geändert.“
Sie riefen Odin an und gossen wie immer symbolisch ein paar Tropfen Bier für den Gottvater auf den Boden. Dann griffen sich die Männer ihre Löffel und aßen, was die Sklavin zubereitet hatte. Doch die lockere, fröhliche Stimmung wollte sich nicht einstellen. Alle aßen still und kaum dass sie ihr Mahl beendet hatten, räumte Rúna die Schalen und Löffel ab und trug weiteres frisches Bier auf. Dann hob sie den schweren Kessel vom Tisch und mit einem leisen Gruß verschwand sie in die Dunkelheit. Die Knechte schienen sich ebenfalls in ihrer Haut nicht wohl zu fühlen, denn nachdem sie das erste Horn geleert hatten, verabschiedeten sie sich mit dem Hinweis, am kommenden Morgen zeitig zu einem entfernt gelegenen Feld aufbrechen zu wollen.

Stirnrunzelnd sah Teitr den Männern nach. Dann, als sein Freund das Trinkhorn neu gefüllt hatte, nahm er einen kräftigen Schluck. Nun waren sie unter sich und es gab keinen Grund, warum er Thorstein nicht um einen Erklärung bitten sollte. Auch wenn er ihn nicht vor anderen Ohren gefragt hätte, sie beide waren gleichgestellt und er hatte verdient zu erfahren, was hier los war.
Thorstein aber brummte nur unwillig beim Anblick von Teitrs fragenden Gesichtsausdruck. „Sie hat es dir doch schon längst erzählt“, mutmaßte er. „Da brauchst du nicht auch noch Rechenschaft von mir zu fordern.“ Als der alte Mann ihm dann versicherte, völlig ahnungslos zu sein, konnte der Steuermann das kaum glauben. Erst dessen ungläubiger Blick, als er ihn  anknurrte, dass Rúna ihm ja wohl sofort von der Auspeitschung heute Morgen erzählt haben müsse, ließ ihn zweifeln. Sollte sie nun zu allem Überfluss auch noch so loyal ihm gegenüber gewesen sein, dass sie seine Verfehlung vor Teitr nicht preisgegeben hatte?
Mit einem Mal wusste er, dass er heute noch etwas Dringendes zu tun hatte. „Ich muss mit Rúna reden“ ließ er den verdutzten Alten wissen, dann eilte er auf den Hof.
Schon nach wenigen Schritten sah er das flackernde Licht einer Öllampe, die den Stall erhellte. Durch die offene Tür konnte er erkennen, dass Rúna bei Skinfaxi stand, den er bereits am frühen Abend dort hineingebracht hatte. Er trat näher und sah zu, wie sie vorsichtig den bröselnden alten Lehm durch eine neue Schicht Heilerde ersetzte. Sie sah müde aus, eingefallen und vom Geschehen des Tages gezeichnet. Thorstein seufzte leise. Was er jetzt tun wollte, fiel ihm schwer. Er war nicht geübt darin, Entschuldigungen vorzubringen. Für ihn  als Krieger gab es kaum einen Grund, sein Handeln infrage zu stellen. Er trug die Waffe – er war im Recht! Dass es heute nicht so war, empfand er als ungewohnt und lästig.

„Teitr hat mir alles erzählt“, begann er schließlich zögernd und griff in Skinfaxis Halfter, um den tänzelnden Hengst für Rúnas Behandlung an Ort und Stelle zu halten. „Es war sehr mutig von dir, ihm zu helfen.“
Thorstein beobachtete das Mädchen genau. Er hoffte darauf, dass sie ihn ansah und er abschätzen konnte, ob er mit seinen Worten Erfolg hatte. Doch die Sklavin hatte ihren Blick fest auf ihre Hände gerichtet, die die heilende Paste auf Skinfaxis Kruppe verteilten und in das hellbraune Fell einmassierten. So wurde das nichts, dachte sich Thorstein missmutig. Er musste schon deutlicher werden. Entschlossen trat er noch ein wenig dichter an den Pferdekörper, hinter dem Rúna stand.
„Ich hätte dich nicht schlagen dürfen“, gab er nun mit deutlichen Worten zu. Mehr konnte sie doch nun wirklich nicht von ihm erwarten! Doch Rúnas Reaktion auf seine Ehrlichkeit fiel ganz anders aus, als er es sich erhofft hatte.
Schon seitdem Thorstein am Morgen auf sie eingeprügelt hatte, waren die Worte eines anderen Herrn wieder und wieder durch ihre Erinnerung gezogen. Àri hatte sie diese Lehre  nach seiner Auspeitschung so lange aufsagen lassen, bis sie sich in ihren Verstand gemeißelt hatte.
Nun sah sie auf und wiederholte pflichtschuldig vor ihrem Herrn, wie die Regeln lauteten: „Jeder Herr hat das Recht, seine Sklaven so oft und solange zu schlagen, wie es ihm beliebt“, murmelte sie emotionslos. „Ein Sklave ist nichts. Nur der Schmerz kann ihn lehren, mehr als nichts zu sein. Egal, aus welchem Grund der Herr zuschlägt, der Sklave hat es mit Dankbarkeit hinzunehmen, dass der Herr sich um dessen Belehrung bemüht.“
Rúna senkte den Blick wieder auf den Pferderücken und strich dem kleinen Hengst beruhigend über das Fell. Wieder hatte Thorstein, der ihren Worten ungläubig und mit wachsendem Entsetzen gefolgt war, keinerlei Empfindungen in ihrem leeren Blick gesehen. Nur die leichte Röte ihrer Wangen und winzige Schweißtropfen auf ihrer Stirn hatten ihn wachsam werden lassen. Sie sollte nun wirklich schnell zur Ruhe finden.  Wenn er doch wenigstens bis zu ihr durchdringen könnte. Thorstein war es plötzlich wichtig, dass Rúna seine Entschuldigung akzeptierte.
„Es tut mir wirklich leid, Rúna“, nahm er den Faden  noch einmal auf. „Ich habe dir zu Unrecht weh getan.“
Das Mädchen sah noch nicht einmal auf, als es antwortete: „Ihr könnt gar keinen Fehler machen, Thorstein. Ihr seid hier der Herr.“ Leise schloss sie dann nach einer Weile: „Ich danke Euch für die Belehrung.“
Die junge Frau wandte sich von ihm ab, um die Schale mit der frisch angerührten Heilerde ins Hintere des Stalles zu tragen. Dabei wandte sei ihm ihren Rücken zu und Thorsteins Blick blieb erschrocken auf den dunklen Streifen haften, die die Rückseite ihrer Tunika überzogen. Dort also lag der Grund für ihre geröteten Wangen und die Schweißperlen auf ihrer Stirn. Fluchend ließ er das Halfter des Hengstes los und folgte ihr.
„Du musst mich nach deinen Wunden sehen lassen“, wollte er gerade anweisen, als die Holzschale scheppernd zu Boden fiel und Rúna still zu Boden sank. Die Strapazen des Tages und die Entzündung ihrer Wunden forderten nun endgültig ihren Tribut. Rúna hatte das Bewusstsein verloren.

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    Dieses Kapitel versöhnt mich - Thorstein hat einen grossen Schritt getan! Mögen Runas Wunden bald heilen - vor allem die inneren...!

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Fairy Dust

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