Sanft strich der abendliche Herbstwind durch die Kronen der Bäume, die am Straßenrand standen, und brachte die verfärbten Blätter leise zum Rascheln. Die wenigen Spaziergänger hielten kurz inne und lauschten dem Lied des Herbstes, aber der Wind zog weiter. Er wehte durch die Straßen der großen Stadt; vorbei an alten und neuen Gebäuden, vorbei an Wohnungen und Geschäften, vorbei an Autos und Straßenbahnen. Manchmal spielte er mit einer liegen gebliebenen Plastiktüte, mal nahm er spielerisch einen Hut vom Kopf oder fuhr in eine Wohnung, in der er für ein wenig Unordnung sorgte.

Sein Weg endete in einem gemütlich eingerichteten Esszimmer, in dem er die Flammen zweier Kerzen, die auf einem gedeckten Tisch standen, zum Flackern brachte. Der Mann in der Küche bemerkte den unerwarteten Gast nicht, sondern konzentrierte sich auf seine Arbeit. Sorgfältig richtete er das Essen an und trug es zum Tisch, auf dem er die Speisen zwischen die beiden gedeckten Plätze platzierte. Sein Blick glitt über den leeren Stuhl vor sich – ein Stich ging ihm durchs Herz. Heute ist ihr gemeinsamer Tag. Wenn alles normal wäre, wartete er mit dem vorbereiten Mahl bis sie von der Arbeit nach Hause käme. Er würde sie an der Tür empfangen, ihr die Augen verbinden, ehe er sie ins Esszimmer führte und die Überraschung offenbarte. Aber es war nichts mehr normal. Sie würde heute nicht kommen, ebenso wenig wie sie letztes Jahr gekommen war und das Jahr davor. Auch im nächsten würde sie nicht kommen. Obwohl er all das wusste, vollführte er an diesem Tag dasselbe Ritual. Er holte die Fernbedienung aus der Hosentasche und drückte einen Knopf. Klassische Musik erklang aus den Lautsprechern. Es lief ein Stück von Bach, ihr Lieblingslied. Mit einem schweren Seufzer füllte er sich etwas vom Essen auf seinen Teller. Ab und zu nahm er einen Bissen, aber die meiste Zeit stocherte er lustlos darin herum. Wie jedes Jahr, seitdem sie gegangen war.

Plötzlich stand er auf, blies die Kerzen aus, schaltete die Anlage ab und verließ die Wohnung. Er musste raus. Raus aus der Monotonie, der er schon so lange folgte, raus aus den Bildern der Vergangenheit, raus aus dem Kerker, den er sich mit seinen eigenen Gedanken geschaffen hatte! Vielleicht würde er sie ja draußen finden. Zu Fuß ging er durch die Stadt, die zur Ruhe kam. Seine einzigen Begleiter waren die Sterne und der Wind, der ihn ab und zu umwehte und zu necken schien. Sein Weg führte zuerst in einen kleinen Park, in dessen Mitte ein See lag. Am Ufer dieses Sees stand eine unscheinbare Bank, die schon lange der Witterung ausgesetzt war.

Der Wind wehte einen Schwarm Blätter an ihm vorbei, und vor seinen Augen veränderte sich das Bild: Arm in Arm saßen sie beide auf der Bank, blickten auf den See und genossen die Nähe des anderen. Langsam drehte er seinen Kopf und vergrub das Gesicht in ihrem Haar, dessen Duft ihm in die Nase stieg. Ehe der Schmerz der Erinnerung an die Oberfläche seines Bewusstseins treten konnte, verwehte ein erneuter Hauch des Windes das Bild, und er ging weiter.

Mit jedem Schritt versank er wieder tiefer in die Bilder der Vergangenheit.

Erst die kreischenden Bremsen einer vorbeifahrenden Straßenbahn holten ihn in die Realität zurück. Fast wäre er vom Zug erfasst worden. Verwirrt schüttelte er den Kopf, trat ein paar Schritte zurück, und blickte sich um. Er stand vor einer Straßenbahnhaltestelle, die er wiedererkannte. Für andere mochte es nur eine Haltestelle sein, aber für ihn war es ein besonderer Ort, denn hier hatte sich das Band, das nun zerschnitten war, langsam gebildet.

Er sah sich selbst auf dem Bordstein balancieren, während sie versuchte, ihn davon abzuhalten, irgendwelchen Blödsinn zu machen. Ob sie ihn fangen würde, wenn er fiele, fragte er sie. Sie erwiderte nichts, sondern zog ihn zu sich in ihre Arme. Ihre Lippen trafen sich für einen innigen Kuss. Für einen Augenblick verschmolzen beide miteinander. Er spürte noch ihre Lippen auf den seinen, doch wieder wurde er aus der Illusion gerissen, als die nächste Straßenbahn einfuhr. Sein Blick glitt über die Gesichter der Menschen, die die Bahn verließen, aber sie war nicht dabei. Einen kurzen Moment war der Schmerz so stark, dass er überlegte, den nächsten Zug abzuwarten und dem Kerker durch seinen Freitod zu entkommen. Aber ebenso wie das Bild, so verflog auch dieser Impuls. Tränen sammelten sich in seinen Augen. Rasch drehte er sich um und ging seines Weges, denn er wusste, dass er sie heute nicht mehr finden würde.

Müde kehrte er nach Hause zurück. Schlaf war seine einzige Fluchtmöglichkeit aus dieser grausamen Realität. Morgen käme ein neuer Tag. Er würde wieder durch die Straßen ziehen und die Orte der Vergangenheit wie ein Gespenst heimsuchen.

Der Wind zog endgültig weiter. Er hatte die herbstlichen Straßen sowie den Mann, der sie durchstreifte, hinter sich gelassen. Das kalte Licht des Mondes füllte nun die Wohnung des Mannes aus, der sich ins Bett verkroch und sein Kissen mit heißen Tränen füllte.

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Fairy Dust

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