Das Haus am Goldsteintalbach (Aufklärung)

 

Stephen zündete ein Streichholz an:

"Sie existieren nicht." Die Kerzen wieder anzündend, führte er weiter: "Geister, Monster und Zauberer, sie existieren nur im Reich der Fantasie. Nichts weiter als Illusionen. Ein reales Verbrechen könnten sie nie begehen. Heißt, dass selbst wenn ein Roter Pferdeschwanz durch die Wälder streift, er nur ein Mensch aus Fleisch und Blut seien kann."

 

*

 

Ein Mensch war er gewesen...

Doch jedes Menschsein endete...

Nun suchte er nach dem Blut, nach dem Blut der Lebenden...

Welches diesen Wald beschmutzt hatte...

Ein Mensch war er gewesen...

 

*

 

"Willst du uns sagen, du weißt wer Sonja und Ben getötet und wer Sebastian angegriffen hat?", fragte Tobias ungläubig.

"Ich weiß nicht alles, aber genug.", erwiderte Stephen.

"Fangen wir doch mit unserem Mord an, das dürfte die meisten hier interessieren." Seine Augen blitzten auf und er legte eine kurze Pause ein, ehe er sich anschickte, seine Auflösung offen zu legen:

"Zunächst hat sich der Täter mit dem Opfer eine Stunde vor Sonnenaufgang in dessen Zimmer verabredet. Der Grund war wohl seine Panikattacke in Bezug auf Sonja. Jedenfalls trafen sie sich dort im Zimmer, um über genannte Person zu reden. Gezwungen mit vorgehalter Waffe oder ganz offen, kann uns nur der Täter sagen. Dafür spricht die noch an dem Filter feuchte, Zigarette. Es sollte die letzte unseres Opfers sein. Ein Entgegenkommen, damit das Opfer sprechen würde. Jedenfalls entschied sich unser Täter seinen Mordplan nun endgültig in die Tat umzusetzen. Er stach mit einem Blutschutz zu, wahrscheinlich einem langen Mantel. Er warf seinen Spritzschutz aus dem Fenster, welcher nun vom Neuschnee begraben ist. Anstatt uns weiszumachen, dass der Rote Pferdeschwanz nach seiner Tat aus dem Haus gestürmt war, stellte der Täter uns das Rätsel eines Mordes in einem verschlossen Raum. Einer seiner ersten Fehler. Natürlich konnte man annehmen, dass Ben vielleicht Selbstmord begangen hatte. Der auf seiner Brust liegende Schlüssel und seine weit von sich gestreckten Arme sprechen aber absolut dagegen. Doch wie schaffte es unser Täter, den Raum zu verschließen?", fragte Stephen in die Runde, niemand äußerte eine Vermutung.

Eine Kordel Bindfaden präsentierend, erläuterte er, dass der Spalt unter der Tür groß genug sei, um den Schlüssel ins Zimmer zu überführen.

Plötzlich zückte er ein Messer aus seiner Tasche und rammte es zwischen die Spalten der einzelnen Tischplattenbalken des Esstischs. Ähnlich einem Stich zwischen die Rippen eines Menschen. Schulz kommentierte das Vorgehen mit einen gemurmelten Sachbeschädigung.

"Dies ist unser Opfer. Das Messer war ein ähnliches Fabrikat, wie das, welches beim Mord Verwendung fand." Stephen fädelte den Bindfaden durch die kreisrunde Messeröffnung und ging mit dem Faden bis zur Tür. Vor dieser fädelte er den Schlüssel anhand dessen Öffnung auf. Dabei umwickelte er die Schlüsselöffnung mehrfach, um sicherzugehen, dass sie sich nicht so leicht entfernen ließ. Die Tür von außen verschließend, legte er den Schlüssel auf den Boden und ließ den Schlüssel ins Zimmer gleiten. Am Messer schlug der eiserne Schlüssel mehrfach an die Klinge, bis er sich von dem Bindfaden abgewickelt hatte. Er fiel auf die Tischplatte und der Faden verschwand hinter der Tür.

Schulz schloss den Raum wieder auf, sodass Stephen seine Ausführungen weiter erläutern konnte:
"Sie sehen, es war kinderleicht, das zu bewerkstelligen. Aber warum sollte der Rote Pferdeschwanz noch diesen, wenn auch kleinen, Aufwand betreiben? Er wäre einfach geflohen. Nur jemand, der noch in der Nähe des Tatortes geblieben war, bedurfte eines solchen Tricks. Ich habe es in wenigen Minuten geschafft - unser Täter war sicher ähnlich schnell. Morgens wenn noch alles schläft, war er in relativer Sicherheit. Weshalb ich glaube, dass er sich mit dem Zurückbringen des Schlüssels Zeit lassen wollte."

"Er ließ sich Zeit?", fragte Tea mit großen Augen. Gebannt hatte auch sie der Schlussfolgerung Stephens Folge geleistet. Es war als sei sie in einem Kriminalroman und Stephen der geniale Ermittler. Immer und immer wieder würde Stephen eine neue Ausführung des mörderischen Plans aufdecken. Bis auf den Täter zeigend, diesen überführen würde. Stephen wirkte in seinen Deduktionen noch genialer und mysteriöser, das machte ihn noch anziehender. Sich rückbesinnend auf das eigentliche Thema Stephens Deduktion, führte sie aus: "Warum sollte er?"

Das Messer nehmend und sich in den Finger schneidend, erwiderte Stephen: "Blut -er präsentierte, die Flüssigkeit, welche aus seiner Fingerbeere floss- In dem das Blut trocknete, konnte es keine Spuren mehr ziehen wenn der Faden durch es gezogen würde. Sein schöner Trick konnte also nicht bemerkt werden. Blut gerinnt unter Laborbedingungen in einem Zeitraum von drei bis sieben Minuten. Die Blutungsintensität, die Wundtiefe und die Wundränder der Stichwunde sind vom verwendeten Gegenstand und von der betroffenen Körperregion abhängig. Bei einem Messer ist der Stichkanal eher schmal. Heißt, es gelangt relativ wenig Blut nach außen. Dennoch würde es eine gewisse Zeit kosten, bis das Blut geronnen war. Dabei hatte unser Täter nur ein Problem." Stephen wies, mit erhobenem Finger, auf Tea. Die, in der Folge, irritiert auf sich selbst zeigte. Niemand verstand, bis zu seiner Ausführung, was er meinte: "Tea wollte Ben wecken und bitten aus seinem Zimmer heraus zu kommen, ehe das Blut getrocknet war und kein Risiko für eine mögliche Beobachtung bot. Er musste es riskieren und vollzog seine Praktik, als Tina und Tea im Gespräch verwickelt waren. Sich sicher, dass sie bald wieder an Bens Tür stehen würden. Den Faden versteckte er bei sich."

"Aber wir haben keinen gef..." Wollte Schulz Einwenden "Die Angelschnurr oder die Zahnseide", sagte er, sich mit der flachen Hand an den Kopf schlagend.

"Ganz genau. Zwar ist es möglich, das ganze Konstrukt diagonal aufzubauen und die Konstruktion mit einer Angelroute schnell einzuziehen. Aber unser sauberer Täter hatte es leichter. Nicht war Sebastian?"

Alle Blicke richteten sich auf den stummen Verdächtigen. "Wir werden sicher an einer Ihrer aufgewickelten Zahnseiden Blut von unserem Opfer finden."

Sebastian schwieg und schnaubte nur verächtlich, als Tobias ihn fragte, ob Stephens Deduktion der Wahrheit entspräche.

"Sebastian." Stephen wendete sich direkt an ihn. "Sie taten es wegen Ihrer Freundin, nicht wahr? Jeder von Ihnen hatte ein gerahmtes Foto auf seinen Nachtisch stehen. Tina und Tobias besitzen Gruppenfotos von verschiedenen Unternehmungen, damals hatte Sonja braunes Haar. Sie besitzen eine Aufnahme in inniger Umarmung mit ihrer Freundin sie hatte sich ihre Haare damals noch nicht gefärbt: Es war blond. Ben hatte seinem Bilderrahmen nur einer Person geschenkt: Sonja. Eine Strandaufnahme mit schwarz gefärbtem Haar. Seltsamerweise lag der Bildrahmen auf der Bildseite und die vereinzelten Blutstropfen auf ihm wurden abgewischt. Jemand konnte es nicht ertragen, dass Sonja das Blutbad mit ansehen musste. Wer, wenn nicht ihr Freund, der sie über alles liebt?"

"Dieser Dreckskerl hat mir meine Sonja genommen!", fauchte Sebastian voller Hass. "Sie hatte die Idee uns den Roten Pferdeschwanz zu mimen, als eine Überraschung. Als Spaß! Ein Abenteuer eben. Sie brauchte dafür einen Lockvogel. So stand es in ihrem Tagebuch, welches mir nach ihrem Tod in die Hände fiel. Den Rest hat mir der Kobold heute Morgen, im Nervenzusammenbruch, gestanden: "Als beide allein im Wald waren, wollte Ben ihr aber nicht helfen. Er küsste sie und versuchte sie zu missbrauchen. Als ihr die Flucht gelang, verfolgte er sie aus Angst, sie würde ihn anzeigen. Bis Sonja auf den zugefrorenen Tümpel getrieben war. Meine Freundin brach ein und starb. Hätte er seinen Fehler eingestanden, er wäre noch am Leben, sie wäre noch am Leben! Er hatte nur um sein Leben gewinselte - Er wollte mir alles sagen, wenn ich ihren Geist besänftigen würde.", lachte Sebastian hämisch. "Ich hatte wirklich überlegt, ob ich ihm verzeihe. Aber als er mir ihren Todeskampf im Eiswasser beschrieb, den er mit ansah, bis sie endlich mit Sicherheit ertrunken war, sah ich rot.", brüllte der junge Mann. Wütend atmete er aus und ein. Es gab keinen Zweifel, wäre Ben am Leben und im Raum anwesend, er hätte ihn erneut nieder gestochen oder mit seinen Pranken den Hals umgedreht.

"Rot. Rot die Farbe der Liebe, des vergossenen Blutes und eines Mörders. Auch wenn er Unrecht begangen hat und ich Ihren Zorn verstehen kann, Sie hätten anders reagieren müssen. Sie stellten sich damit auf seine Stufe, was würde Sonja dazu gesagt haben?" Murmelte Stephen ernst.

"Sonja hat es scheinbar wirklich so gewollt, sonst hätten sie mich wohl nicht verdächtigt.", seufzte Sebastian.

"Ich hatte ehrlich gesagt schon von Anfang an, dass Gefühl, dass Sie verdächtig sind."

"Warum?"

"Alle anderen waren unschlüssig, wer von uns beiden - dabei wies er auf mich und sich- der konsultierte Detektiv sei. Nur Sie nicht. Ich denke Sie waren im Wald als Roter Pferdeschwanz und belauschten uns."

"Ganz genau. Ich habe mit den roten Laternen, Steinen und dem Graffiti versucht dem mir noch unbekannten Komplizen Angst zu machen. Aber Ben ließ sich durch die Anspielungen nicht verunsichern. Erst als ich den Roten Pferdeschwanz darstellte gestand er es, für alle hörbar! Nur der Komplize konnte den Roten Pferdeschwanz mit Sonja verbinden. Nur er wusste es. Ich habe das Basecap und die Perücke..."

Stephen unterbrach ihn: "Im Wald zurückgelassen, ich weiß." Er legte die Pferdeschwanzperücke und das Basecap auf den Tisch. "Ihr Mantel, wird auch bald gefunden sein. Es werden sich bestimmt noch Spuren ihres Benutzers und des Opfers finden lassen."

Tobias, der angenommen hatte Stephen würde ihn nicht für voll nehmen, konnte es kaum fassen. Das anhand des Gespräches, Stephen den Fall um den Roten Pferdeschwanz gelöst hatte. Er hatte den jungen Detektiv nicht für voll genommen, nie umgekehrt.

"Eine Frage bliebe noch.", brachte sich Oberkommissar Schulz erneut in die Deduktion ein, "Wer hat Herrn Birkenhain angegriffen? Wir hatten festgestellt, dass er selbst sich diese Verletzung kaum angeeignet hat."

"Ich denke es war Tobias oder Tina, nachdem sie herausgefunden haben, was ich getan habe.", äußerte Sebastian niedergeschlagen.

Tina und Tobias dementierten diese Aussage. Was Stephen bestätigte.

"Wer dann?", fragte Tea entgeistert stammelnd. Sie hatte ein ganz mieses Gefühl. Ebenso so düster, wie am Morgen, des Tages, als sie Ben zum Tür öffnen bewegen wollte. Es schien ihr schon seit Minuten, dass jemand die Szenerie mit hasserfüllten Augen beobachtete. Es schauderte ihr bei dem Gedanken.

Stephen blieb gelassen: "Es gibt eine Person, die um den Fall des Roten Pferdeschwanzes noch eine ungeklärte Position bestreitet..."

 

Plötzlich sprangen die Selbstauslöser der solarbetriebenen Laternen an, ein Schatten huschte Richtung Fenster. Es klirrte eine Scheibe. Eisiger Wind löschte die Kerzenflammen, schlug uns ins Gesicht. Eine Gestalt mit langem Haar, stand mit finsterem Lächeln im Esszimmer.

"Hab ich dich endlich."

Ein Messer wurde gezückt und sie versuchte es Sebastian in den Rücken zu rammen. Stephen packte den Arm der Person und warf sie zu Boden. "Dies ist nicht der Rote Pferdeschwanz, er ist schon lange Tod. Sie sind nur ein weiteres Opfer seiner brutalen Vorgehensweise, Thorsten Keimer."

Der Mann wehrte sich nicht mehr, als sein Name fiel. Das hasserfüllte Wesen schien ihn verlassen zu haben und zu Stephens Füßen lag ein gebrochener Mann. Sein langes Haar und seine vom Wind gegerbte Haut zeugten von seinem mehrjährigen Lebensstile in der Wildnis.

"Sie brachen zur Winterzeit in leer stehende Ferienhäuser ein. Damit sie nicht draußen erfrieren mussten. Immer auf der Suche nach dem Roten Pferdeschwanz, der Ihnen ihre Geliebte nahm. Der Schock und auch die Wut trieben Sie all die Jahre an, aber sie rieb Sie schließlich auf.", endete Stephen kopfschüttelnd.

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