Das Haus der Bücher

Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seine Böden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken.

Hermann Hesse


Endlich hatte sich Emmas Herzenswunsch erfüllt. Sie war in der berühmten Stadt der Bücher angelangt. In Bibliomantika.

Mit ihrem Koffer stand sie vor dem alten Antiquariat, welches von nun an ihr neues zu Hause sein würde und atmete tief ein. Der Duft von Büchern, Druckerschwärze und Papierleim hing in der Luft.

Das Lächeln auf ihrem Gesicht hatte sie schon seit Tagen begleitet und wurde jetzt nur noch größer. So viele Jahre hatte sie auf diese Gelegenheit gewartet und nun endlich war sie am Ziel angekommen.

Bibliomantika war für alle Bücherliebhaber ein wahres Paradies. Hier lebten die bedeutendsten Autoren, Buchbinder und Sammler. Und nun durfte sie hier unter ihnen leben und arbeiten. Für viele nur ein Traum, war für sie nun endlich Realität geworden.  

Jemand hatte mal versucht, alle Bücher zu zählen, die dieser Ort beherbergte, doch da täglich neue dazu kamen und andere sich auf den Weg in die Welt hinaus machten, war dies ein unmögliches Unterfangen gewesen. Experten schätzen die Zahl jedoch auf ein Millionenfaches. Wer hier keine Buchsammlung hegte, gehörte nicht dazu.

In ihrem Gepäck befand sich nur das Nötigste. Ihre karge Kleidung und natürlich ihre Bücher. Alle hatte sie nicht mitnehmen können, doch von ihren Allerliebsten könnte sie sich niemals trennen. Zwar waren sie allesamt zerlesen und sahen ziemlich mitgenommen aus, doch sie hatten sie schon durch ihr ganzes Leben begleitet.

Vorsichtig öffnete sie die Tür des Ladens. Eine Glocke über der Tür kündigte ihren Besuch an. Hatte sie vorher schon das Gefühl gehabt, sich in einem Traum zu befinden, war sie nun definitiv in ihrem ganz privaten Bücherhimmel angekommen.

Massive Holzregale säumten die Wände des Raumes, gefüllt mit tausenden von Büchern. Eine Wendeltreppe schraubte sich in die Höhe, wo noch weitere Regale auf den oberen offenen Etagen Platz fanden. Von ihrem Standpunkt aus konnte sie bis zur Decke vier Stockwerke über sich schauen, wo Sonnenlicht durch verschiedenfarbige Glasscheiben ins Innere drang und die Bücher bunt beleuchtete.

Weiter hinten im Laden befand sich ein Tresen, ebenfalls aus Holz gearbeitet, mit wunderschönen Schnitzereien. Dahinter saß jemand, der komplett von einer Zeitung verborgen wurde. „Sichtung einer unbekannten Insektenart – eine Bedrohung für die Stadt? Lesen Sie weiter auf Seite 3.“ Verkündete die Titelseite. Darunter befand sich eine hässliche Karikatur, die mehr einem Monster ähnelte als einem Insekt.

Langsam senkte sich die Zeitung und ein Mann kam dahinter zum Vorschein, der sie ausgiebig musterte. „Du musst Emma sein. Willkommen im Haus der Bücher.“, lächelte dieser sie nun an. „Ich bin Baltasar, der Besitzer des Hauses.“

„Freut mich, Sie kennen zu lernen, Monsieur Baltasar. Und vielen Dank, dass Sie mir diese wunderbare Chance ermöglichen.“ erwiderte Emma freundlich.

„Ach, bei diesem Brief hätte doch keiner widerstehen können.“, tat er mit einer Handbeweg ab. „Aber jetzt zum wichtigen Teil. Welche Bücher durften mit dir hier her reisen?“ Neugierig lunzte er auf den Koffer in ihrer Hand.

„Oh, keine Besonderen, nur meine Lieblingsromane.“, betreten sah sie zu ihrem Koffer hinab. Irgendwie war ihr ihre Auswahl nun peinlich vor ihrem neuen Arbeitgeber. Baltasar hatte bestimmt wertvolle Exemplare erwartet wie sie in dieser Stadt üblich waren, doch diese konnte sie sich nicht leisten.

„Nana, wir wollen hier keine Bücher in ihrem Wert mindern. Jedes Buch ist etwas Besonderes. Besonders dann, wenn sie geliebt werden!“, der alte Mann zwinkerte ihr zu. „Jetzt möchte ich dir erst einmal dein Zimmer zeigen. Du willst bestimmt erst mal in Ruhe auspacken und dich von der Reise erholen.“, er kam hinter dem Tresen hervor und führte sie in den rückwertigen Teil des Hauses.

„Eigentlich bin ich viel zu aufgeregt. Am liebsten würde ich sofort mit der Arbeit beginnen.“, gestand Emma, während sie hinter ihm hereilte und versuchte, so viel wie möglich vom Laden zu sehen. Sie kam aus dem Staunen einfach nicht mehr heraus. Das war wirklich ein Paradies! Noch nie hatte sie so viele Bücher auf einmal gesehen. Nirgends schien mehr Platz zu sein für auch nur ein weiteres Exemplar. Manche stapelten sich sogar schon auf Tischen, die hier und da im Raum verteilt waren. Baltasar führte sie eine versteckte Treppe hinter einem Regal hinauf, die anscheinend nicht für die Kunden gedacht war. Dieser Teil des Hauses war nicht in solch einem guten Zustand wie der Verkaufsraum. Im zweiten Stock blieb Baltasar vor einer Tür stehen, stieß diese auf und bedeutete ihr mit einer Geste, einzutreten.

Ihr neues Zimmer war nicht sonderlich groß. Eine Wand wurde komplett von einem Regal eingenommen, welches jedoch noch leer war.

„Ich dachte mir schon, dass du deine eigenen Bücher mitbringst und wenn du noch Platz hast, bekommen wir den bestimmt ziemlich schnell gefüllt.“, lächelte ihr Chef.

Ansonsten befanden sich noch ein Bett mit Nachtisch, ein Schrank und ein Schreibtisch direkt am Fenster im Zimmer. Das Fenster jedoch zeigte nicht den Außenbereich, sondern ließ sie direkt in den Laden schauen. „Wow, das ist ja toll.“, sagte Emma begeistert und ging darauf zu. Der Anblick war einfach fantastisch von hier oben. Man schien zwischen den Regalen zu schweben und konnte direkt auf die Mitte des Buchladens schauen. Dort war in den dunklen Holzboden eine Sonne eingelassen, welches sie vorher noch nicht bemerkt hatte.

„Es freut mich, dass es dir gefällt. Das ist mein altes Kinderzimmer und morgens habe ich als erstes aus dem Fenster nach den Büchern geschaut.“ Baltasar war hinter sie getreten und sah mit einem sehnsüchtigen Blick in seinen Laden, als würde er sich an etwas erinnern.

Emma musterte ihn verstohlen. Diesem Mann sah man die Leidenschaft zum geschriebenen Wort an. Er schien dabei fast von innen heraus zu leuchten, während er seine Schätze begutachtete und den Blick schweifen ließ.

Er blinzelte. „Komm, unten gibt es Frühstück. Und die Bücher werden langsam unruhig.“ Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

Comments

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    Bitte zeig mir den Weg in dieses Paradies! *schaut dich mit dem Welpenblick an* Ich mag deine Geschichte jetzt schon sehr und freue mich mega auf das Weiterlesen. LG, Wolfslady

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    Wow, das ist ja ein toller Einstieg in deine Geschichte! Ich freue mich auf die Fortsetzung! :-)

  • Author Portrait

    Ich finde den Einstieg so gelungen! Ich hoffe, du verrätst uns noch, welche Schätze es mit Emma nach Bibliomantika geschafft haben :P

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