Das Kind

Vorsichtig strich die alte Frau über die feuchten Locken des Babys. Die Kleine schlief. Ihre Lider zuckten, blaue Äderchen durchzogen die dünne Haut. In den langen schwarzen Wimpern glitzerten Tränen wie Diamanten. „Sie ist so jung, so wunderschön, so zart und zerbrechlich und schon vom Tod gezeichnet. Gibt es denn gar nichts, was sie retten kann?"
„Es gibt eine Möglichkeit. Ihr müsst in euer altes Haus am Wald. Die Geburtsstätte eures Vaters. Ihr erinnert euch? Am Abend öffnet das Fenster und entfernt alles, was das verborgene Volk hindert, das Gebäude zu betreten. Wenn Ihr Glück habt, findet Ihr sie am nächsten Morgen gesund in ihrer Wiege."
„Haltet mich nicht zum Narren!", schimpfte die Alte die Heilerin. „Ihr wisst genau, dass das gesunde Kind in der Wiege zwar das Aussehen meiner Enkelin haben wird, in Wirklichkeit aber ein Wechselbalg ist!"
„Ich weiß es Mylady. Ihr wisst es auch. Aber eure Tochter wird es nicht wissen und sie wird gesund werden und ihr Gatte wird sie nicht verstoßen, weil alle ihre Kinder sterben, bevor sie das erste Jahr vollendet haben. Sagt mir nicht, dass Ihr ihm ein christliches Begräbnis mehr wünscht, als ein Leben am Hof der Elfen. Ein drittes Kind, gestorben vor dem ersten Jahr, das kann sich eure Tochter nicht leisten. Und wer weiß, vielleicht habt Ihr Glück und sie heilen es gegen einen anderen Gefallen."
Die alte Dame nickte unglücklich. Es gab keine andere Chance. Sie konnten nur hoffen, dass das verborgene Volk das Kind tauschte oder heilte. Es war wunderschön und von hohem Stand. Dass es dem Tode geweiht war, würde die Verborgenen nicht stören. Solange die Kleine lebte, hatten sie ihre Möglichkeiten. Sie mussten sich also eilen, bevor der Zustand des Kindes sich weiter verschlechterte.
Noch am Abend brachen sie auf. Sie brauchten zwei Tage um das Gehöft zu erreichen. Offiziell, wegen der guten Luft, die der Genesung von Mutter und Kind dienen sollte.
Die Dienstboten waren treu und doch ängstlich. Sie wagten es nicht, die junge Mutter zu warnen, doch sie streuten Salz auf den Boden und banden Eisenkraut an die Fenster. Die Alte wachte selbst darüber, während die Heilerin im ganzen Haus Amulette verteilte.
Erst als der Mond hoch am Himmel stand und das ganze Haus schlief, entfernten die beiden Frauen das alles wieder.
Das Baby schlief fest, als die Großmutter am nächsten Morgen in die Wiege schaute. Die Haut der Kleinen war rosig, sie atmete ruhig, die kleine Faust war geschlossen. Neben dem Kopf des Kindes lag ein Eichenblatt.
Die Heilerin trat zu dem Bettchen, stellte sich neben die andere und betrachtete das Mädchen, das jetzt seine Lider öffnete. Der Blick aus den blauen Augen war klar. Ihr süßer Mund verzog sich zu einem Lächeln.
„Ist sie es? Ist sie gesund geworden oder...?", flüsterte die Großmutter.
Die Heilerin nahm das Kind aus der Wiege. „Bringen wir es jetzt seiner Mutter."


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Fairy Dust

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