Das kristallene Medaillon (Teil 14)

Die Geschwister folgten dem Magier wieder durch die Eingangshalle, zu einer weiteren Treppe. Sie erklommen eine, mit bunten Gemälden geschmückte, Galerie, nach der andren, bis sie die letzte Etage erreichten, wo sich nur noch eine schlichte Holztür befand. Diese war allerdings verschlossen. Ululala öffnete sie mit einem schmiedeeisernen Schlüssel. Vor ihnen lag eine weitere sehr schmale Wendeltreppe, die weiter hinauf auf den Turm führte. Der Magier erklomm sie ohne grosse Schwierigkeiten. Die Jugendlichen staunten immer mehr über diesen Mann, zumal sie selbst bereits nach einigen Tritten, schwerer zu atmen begannen.

Tatsächlich erreichten sie nach einem anstrengenden Aufstieg eine weitere Terrasse. Ein kühler Wind wehte hier. Als sie von hier hinunterschauten, taumelten die Geschwister erst mal erschrocken zurück. Sie waren nun annähernd 400 Meter hoch! Unter ihnen lag die netzartig angeordnete Schlossanlage. Einzelheiten konnte man kaum noch erkennen, nur die Umrisse der Bauwerke. Die Menschen dort unten, wirkten jetzt nur noch wie kleine Ameisen, die geschäftige hin und her krabbelten.

Die Geschwister gingen um die ganze Terrasse herum und immer wieder bot sich ihnen ein anderes Bild dar. Was für ein gewaltiges Bauwerk dieser buntschillernde Turm mit seiner Kuppel doch war!

„Gefällt es euch?" fragte Ululala. „Ja sehr," erwiderte Benjamin. „Etwas hoch," meinte Pia. „Wo ist nun eigentlich deine Zauberkammer?" wollte der Junge wissen. „Dort oben unter der Kuppel" Eine letzte Holztreppe führte von der Terrasse aus hinauf zum Fuss der Kuppel. Dort öffnete der Magier eine weitere Tür. Sie führte in einen mittelgrossen, runden Saal. Überall waren Gestelle angebracht, auf welchen Kräuter, Wurzeln, Edelsteine, Gefässe, Bücher und weitere Gegenstände lagen. Irgendwie ganz ähnlich wie bei der Kräuterfrau, oder vielmehr Isobia, wenn auch hier alles ein noch grösseres Ausmass besass. In der Mitte des Saales, gab es eine Feuerstelle mit einem Topf und einem grossen Kochlöffel. Ein Tisch mit einer Kristallkugel stand daneben. Ausserdem gab es eine Holzbank mit einem Pult davor.

„Hier ist der Ort an dem ihr von mir unterrichtet werdet," erklärte Ululala „ doch erst will ich euch noch etwas zeigen." Er ging zu einer Leiter, die auf einen Boden führte, der direkt unter der grossen Kuppel lag. Ein riesiges Teleskop stand dort. Rundherum, lagen Sternkarten, Notizen und alte Bücher. Ululala, drückte an einer bestimmten Stelle gegen die Wand und in diesem Moment öffnete sich die weisse Kuppel wie ein Blütenkelch und der blaue Himmel wurde sichtbar.

Zutiefst beeindruckt, blickten die Kinder nach oben. „Hier bin ich sehr nahe beim Himmel," sprach Ululala. „ Ich weiss, dass es dort oben viele schöne Welten gibt. Oft beobachte ich die Sterne und die Monde. Hier fühle ich mich mit dem Ewigen besonders tief verbunden. Es ist mein Lieblingsplatz, mit Ausnahme des Raumes der Stille." „Ist der Raum der Stille auch hier in der Nähe?" fragte Benjamin. „Ja, seht ihr jene Tür dort?" Die Geschwister nickten. „Sie führt zum Raum der Stille, Im Moment ist es jedoch noch zu früh ihn zu betreten. Erst muss ich euch ein paar Dinge beibringen. Lasst uns gleich beginnen!" Die drei stiegen wieder von dem Boden herunter und die Geschwister, setzten sich in die Bank. Unauffällig glitt ihr Blick hinüber zu besagter Tür. Was wohl, verbarg sich dahinter?...

Ululala räusperte sich: „Bestimmt seid ihr im Augenblick ziemlich durcheinander von all den neuen Eindrücken und Erfahrungen die ihr die letzten Stunden gemacht habt. Ihr wollt mir sicher viele Fragen stellen, dazu werdet ihr die kommenden Tage Gelegenheit bekommen. Wie ihr bereits vernommen habt, muss ich euch in dieser eigentlich sehr kurzen Zeit alles beibringen was ihr wissen müsst.“ „Aber was sind das für Dinge, die du uns lehren musst?“ fragte Benjamin, der seine Neugier nicht mehr länger bändigen konnte. „...Und warum sollten gerade wir dafür geeignet sein? Wir sind und waren nie etwas Besonderes.“ Ululala lächelte sein warmes, verständnisvolles Lächeln. „Oh doch mein Junge, ihr seid etwas Besonderes, sonst wärt ihr sicher nicht hier.“ „Ich verstehe das einfach nicht!“ erwiderte Benjamin. „Wir führten ein ganz normales Leben, wie tausend Jugendliche in unserem Alter. Weshalb wurde ausgerechnet uns Einblick in diese Welt hier gewährt? Es hätte doch sicher Bessere als uns gegeben.“ „Jeder ist immer der Beste an seinem Platz,“ antwortete der Magier ernst. „Ihr seid genau die Richtigen für diese Aufgabe. Eines Tages, werdet ihr selbst darauf kommen, warum gerade ihr auserwählt seid und ihr werdet lernen eure Berufung anzunehmen.“ „Was aber ist denn unsere Berufung!?“ „Auch das müsst ihr am Ende selbst herausfinden. Ich kann euch nur etwas Wegweiser sein...“ antwortete Ululala, dann erhob er sich nachdenklich und ging in der Zauberkammer auf und ab. Schliesslich wandte er sich wieder den Geschwistern zu: „Was wisst ihr denn schon alles über eure Aufgabe, die ihr hier erfüllen müsst? Was haben euch Isobia, Lumniuz und die andren, die euch auf eurer Reise begegneten, offenbart?“

Die Geschwister dachten nach, dann gaben sie das was sie gehört hatten wieder. „Alles klang immer sehr mysteriös,“ meinte Benjamin. „Besonders im Hinblick auf unsere wahre Aufgabe, wusste niemand so richtig Bescheid. Nicht mal die Sternenfeen, die wir gestern trafen, konnten oder wollten uns genau Auskunft geben...“ „Die Sternenfeen!?“ rief der Zauberer aus. „Ihr habt sie gesehen? Wann?“ Seine Augen leuchteten auf einmal. „Na gestern Nacht,“ erzählte Pia. „Sie waren wunderschön anzusehn und sie schenkten uns einen besonderen Stab. Zeig mal her Benjamin!“ forderte sie ihren Bruder auf. Dieser zog den Holzstab hervor. Ululala nahm ihn ehrfürchtig in die Hand. „Man merkt deutlich seine Kraft. Was hat es damit auf sich?“ „Er birgt das Licht der Sterne in sich,“ gab Pia Auskunft. „Wenn wir in Gefahr sind, schiessen tausend Sterne aus der Spitze des Stabes und bilden einen Schutzwall um uns.“ „Das ist ja grossartig!“ rief der Magier aus. „Ich habe die Sternenfeen noch nie in meinem Leben gesehen, obwohl ich mich so sehr danach sehne und euch… offenbaren sie sich gleich in der ersten Nacht. Ihr müsst mir dann alles ganz genau erklären!... Doch jetzt wird es Zeit das ich euch etwas von meinem Wissen weitergebe!“ wies er sich selbst zurecht. „Ihr wisst also bereits, was es mit Malek und den Verbannten auf sich hat? Nofrete, die ihr ja zum Glück zu mir gebracht habt, ist eine von den Verbannten.

Wie euch Lumniuz bereits sagte, ist der Fluch, den Malek über diese armen Seelen aus dem Juwelenreich verhängte, ein besonders schlimmer, denn es gibt keine Wiederkehr für solch verbannten Seelen, da sie ja nicht von Welt zu Welt reisen können. Das mit Nofrete war ein Glücksfall und zugleich ein wichtiger Test um herauszufinden, ob ihr die seid, für die wir euch hielten...“ „Was meinst du damit?“ „Isobia machte mich auf euch aufmerksam. Sie steht in Verbindung mit den vier Elementarfürsten, von denen ihr auch schon hörtet. Ihre Idee war es euch auf die Lichtung zu locken, die übrigens in eurer Welt auch nicht vorhanden ist. Sie war, ähnlich wie das Gasthaus zum goldenen Gral, ein Art Zwischenort, von der Wanderfee für kurze Zeit erschaffen.“ „Dann...hat nicht Nofrete nach uns gerufen, sondern Isobia hatte ihre Hände im Spiel?“ „Das ist etwas schwierig zu sagen. Ich glaube, dass die Kommunikation zwischen euch und Nofrete, auf einer vollkommen anderen, unbewussten Ebene ablief. Doch Isobia hat sicher dabei geholfen sie in die richtige Richtung zu lenken.“ „Hat sie so viel Macht?“ „Sie ist eine wichtige Helferin, die wie alle Geschöpfe, ihre Aufgabe so gut als möglich erfüllt. Sie hat euch wohl schon länger im Stillen beobachtet. Schliesslich war es wohl Zeit euch einem ersten Test zu unterziehen. 1. wurde dadurch euer Vertrauen geprüft, 2. eure Bereitschaft diesen Weg überhaupt einzuschlagen und 3. eure Zuverlässigkeit. Letztere musstet ihr unter Beweis stellen, indem ihr die Verantwortung für Nofrete übernommen habt. Die Prinzessin wird euch für euer beherztes, gewissenhaftes Handeln stets dankbar sein, denn hier ist sie in Sicherheit und kann fast wieder so leben wie früher. Natürlich ist dies aber nicht das was wir uns für die Verbannten wünschen. Eigentlich hat das was Malek tat das Gleichgewicht des Omniverums... ihr wisst was damit gemeint ist?“ „Ja,“ gab Pia zurück „alle Welten die Sichtbaren und die Unsichtbaren.“ „Sehr gut,“ sprach Ululala zufrieden. 

„Nun also, Malek...“ er hielt auf einmal inne, als habe er Mühe weiterzusprechen. Etwas schmerzte ihn, das sah man in seinen Augen. „Malek... hat das Gleichgewicht mit seinem Fluch empfindlich gestört. Er... hat eine sehr schlimme Sünde begangen. Er griff gewaltsam in das Schicksal vieler Wesen ein, was niemals sein Recht gewesen wäre. Die Verbannten müssen in ihre Heimatwelt zurückgebracht werden, damit sie ihr altes Leben wieder aufnehmen können. Können sie das nicht, wird das über Generationen Auswirkungen haben. Es ist wie bei einem Teich, in den man einen Stein wirft. Es bilden sich immer grössere und grössere Ringe durch seinen Aufprall. So ist es mit den Verbannten: Sollten sie für immer in den fremden Welten gefangen bleiben, kann es sein, dass gewisse Kinder nicht geboren werden, die es hätte geben müssen, Partnerschaften, Freundschaften die nicht mehr entstehen können. Ja sogar die Welten in die das Juwelenvolk verbannt wurde, könnten aus dem Gleichgewicht geraten etc. etc.“

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