Das kristallene Medaillon (Teil 21)

In diesem Augenblick zuckte Ululala zusammen und öffnete die Augen, als ob er gespürt hätte, was geschehen war. Seine Sinne waren von einem Moment auf den andren hellwach und geschärft, denn es galt die Körper seiner Schützlinge nun zu bewachen. Er schaute im Raum der Stille umher, als würde er die Seelen der Geschwister suchen. Ein freudiges Lächeln umspielte seinen Mund. „Viel Glück meine Lieben, viel Glück!“ sprach er...

„Das ist ja abgefahren!“ rief Benjamin aus, als er seinen Körper unter sich sah. „Man fühlt sich richtig frei und total schwerelos.“ „Ich finde es auch etwas unheimlich, wenn man auf solche Weise seinen Körper wahrnimmt. Jetzt sieht man mal, dass dieser eigentlich nur eine Hülle ist, der ohne Geist und Seele niemals existieren könnte. Eigentlich ist er nur ein Werkzeug um in der irdischen Welt zu bestehen. Meinst du Ululala schaut gut auf ihn?“ „Aber natürlich! Wenn wir uns auf jemanden verlassen können, dann auf Ululala. Wollen wir jetzt mal versuchen nach Hause zu kommen?“ „Ja. Doch wir müssen uns dasselbe vorstellen, damit wir am gleichen Ort landen.“ Wie wärs mit unserem Wohnzimmer?“ „In Ordnung.“ Die beiden bildeten vor ihrem innern Auge, das nun viel klarer zu sein schien als jemals zuvor, ein deutliches Abbild ihres heimatlichen Wohnzimmers. In diesem Moment zog ein unglaublicher Sog sie davon. Es war als würden sie durch einen Kanal gezogen, der gegen Endes immer schmaler wurde. Und dann... schwebten sie auf einmal an der Decke ihres Hauses. Unter ihnen sahen sie ihr Sofa aus safrangelbem Leder, den den Beistelltisch, mit seinen verschnörkelten Füssen und den runden Esstisch aus Holz. Sie liessen sich zu Boden gleiten und schauten sich um. Keine Menschenseele war zu sehen. Die Geschwister durchsuchten das ganze Haus nach ihren Eltern, wie selbstverständlich schwebten ihre Geister dabei durch alle Wände. Wirklich ein aussergewöhnliches Gefühl!

Der Blick von Benjamin fiel schliesslich zufällig auf den Kalender in der Küche. „Sieh mal!“ rief er seiner Schwester aufgeregt zu. „Es ist immer noch das gleiche Datum, wie damals als wir unsere Wanderung antraten: Ostersonntag! Mum wechselt doch sonst jeden Tag akribisch das Kalenderblatt.“ „Vielleicht kam sie nicht mehr dazu, weil sie fast krank vor Sorge um uns ist. Wer weiss, möglicherweise sind sie und Daddy gerade bei der Polizei, um uns als vermisst zu melden.“ Benjamin dachte nach, dann meinter er: „Irgendwie glaube ich da ist was anderes dahinter. Isobia sagte uns, es sei für alles gesorgt. Wir sollten mal versuchen Mum und Dad zu visualisieren, dann könnten wir uns vielleicht direkt zu ihnen begeben, wo immer sie auch sind.“ „Tja, versuchen könnten wir es ja mal.“ Das taten die Turner Kinder dann auch. Sie dachten ganz fest an ihre Eltern und sogleich wurden sie erneut von dem seltsamen Sog weggezogen.

Sie fanden sich in einem elegant, etwas moderner eingerichteten Haus wieder, dessen riesige Fensterfronten direkt hinaus aufs Meer blickten, das im hellen Sonnenlicht funkelte. Es besass einen grossen Balkon, umgeben von Grünpflanzen in Töpfen. Auf diesem Balkon sassen ihre Eltern, zusammen mit Paula und Peter Collins! Sie waren in ein angeregtes Gespräch vertieft. Es schien keineswegs als würden sich die Eltern der Geschwister Sorgen machen. Die Collins waren etwas jünger als ihre Eltern, so um die dreissig herum. Sie waren sehr nett, beide mit dunklem, fast schwarzem Haar und samtbraunen Augen. Paulas Haar war lang und ihre Gestalt zierlich. Peter glich ihr sehr. Die Turners hatten sie einst kennengelernt, als sie einen Kurzurlaub am Bristol Kanal verbracht hatten. Seither, waren sie oft um die Festtage herum bei den Collins, denn diese waren mittlerweile die besten Freunde der Turners geworden.

„Es ist schon schade das Pia und Benjamin nicht mitkommen wollten.“ sprach Paula gerade. „Nun wie gesagt“, gab Daniel zurück „die zwei hatten andere Pläne. Sie wollten unbedingt diese Wanderung machen. Sie sind jetzt in einem Alter wo sie gerne ihre eigenen Wege gehen. Wir respektieren das, denn wir haben ja sonst wirklich kaum Sorgen mit den beiden. Es ist ja auch schön, wenn sie sich so gut verstehen und zusammen was machen. Das ist in ihrem Alter, auch nicht selbstverständlich.“ „Ihr habt wirklich Glück mit euren Kindern“, mischte sich Peter ins Gespräch. „Paula und ich wünschen uns auch Kinder. Leider hat es bis jetzt nicht geklappt. Doch wir dürfen die Hoffnung wohl noch nicht aufgeben.“ „Es wird bestimmt bald klappen,“ meinte July Turner tröstend...“

„Nicht zu glauben!“ rief Benjamin aus. „Die Zeit scheint hier irgendwie stehen geblieben zu sein. Jedenfalls machen sich unsere Eltern keine Sorgen um uns, weil sie immer noch bei den Collins sind. Isobia hatte recht, als sie uns sagte, alles sei in Ordnung. Es ist wie ein einziges Wunder! Wer hätte gedacht, dass wir sowas jemals erleben würden. Durch die Befreiung von unserem Körper sind wir nun befähigt überall hin zu reisen, wo unser Herz nur begehrt: Auf die höchsten, unzugänglichen Berge, hinauf in den Himmel wie ein Vogel. Wir könnten an die schönsten Orte auf der Welt reisen, vielleicht in die Karibik, auf die Bahamas und... nicht zu vergessen in alle Welten des Omniversums! Soviel gäbe es doch noch zu entdecken, so viele Geheimnisse zu lüften. Ich würde all das so gerne sehen, dass es mir richtig schwer fällt wieder zurück in meinen Körper zu gehen. Wollen wir unsere neuen Fähigkeiten nicht noch etwas mehr auskosten?“ „Ich weiss nicht,“ gab Pia zu bedenken. „Vielleicht sollten wir erst mal zurück, man weiss ja nie, wer oder was sich noch für unseren Körper interessiert. Ausserdem braucht Ululala sicher auch eine Pause. Es ist besser wenn wir erst unsere Ausbildung ganz abschliessen, dann wissen wir auch besser mit unseren Fähigkeiten umzugehen. Ausserdem, auch wenn es reizvoll ist überall hin zu reisen, könnten wir es ohne unseren Körper, doch nur halb auskosten. Was zum Beispiel bringt es, wenn wir zwar auf die Bahamas reisen, aber nicht im kristallklaren Meer baden, uns nicht im warmen Sand räkeln können? Was bringt es uns auf einen hohen Berg zu reisen, ohne die reine, kühle Luft in uns aufzusaugen?“ „Du hast natürlich recht Schwesterlein“, lächelte Benjamin „obwohl diese pragmatischen Aussagen eigentlich zu meinem Part gehören würden. Du bist doch sonst eher die grössere Träumerin von uns.“ „Ja, das stimmt, aber irgendwie habe ich auch ziemlichen Respekt, vor dem was wir hier tun. Wir kennen einfach noch zu wenig die Auswirkungen, die solche Geistreisen haben können. Darum sollten wir es nicht zu sehr übertreiben. Ululala muss uns da noch einiges lehren. Gehen wir also zurück?“ „Ja, es wird vermutlich wirklich das Beste sein,“ stimmte Benjamin seiner Schwester zu. 

So visualisierten die beiden den Raum der Stille und sogleich kehrten ihre Seelen in den Körper zurück und sie erwachten aus ihrer tiefen Meditation. Einen Augenblick lang erschraken sie darüber, wie schwer sich ihr Körper anfühlte. Ihre Glieder waren steif, ihr Magen schien ein einziges Loch zu sein und ihre Kehlen waren trocken. 

Ululala fühlte sofort, als sie zurückkehrten und öffnete nun ebenfalls seine geschlossenen Augen. Diese leuchteten in unbändiger Freude. „Ihr habt es tatsächlich geschafft. Eine wirklich bemerkenswerte Leistung! Ich hatte da viel länger. Wie fühlt ihr euch so?“ Die Turner Kinder erklärten ihre jetzigen Gefühle und wie es ihnen auf ihrer Geistreise ergangen war. „Es ist gut, dass ihr zurückgekommen seid, auch wenn ich verstehe, dass ihr gerne noch mehr Orte besucht hättet. Es ist für den Anfang besser, wenn man nicht zu viel will. Ausserdem sind schon wieder zwei volle Stunden verstrichen. Es ist jetzt dann schon der Morgen des dritten Tages. Die dritte Phase bedarf noch einiger Zeit. Jetzt aber dürft ihr euch erst mal etwas ausruhen. Auch ich brauche eine Mütze Schlaf. Die Unterweisung solch wichtiger Schüler, zerrt auch an meiner Kraft. So essen wir was Kleines und legen uns noch etwas hin. Danach widmen wir uns der nächsten Etappe.“

 

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    Das Reisen der Zukunft! Wunderschön beschrieben!

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