Das kristallene Medaillon (Teil 27)

„Tja, manchmal liegen Liebe und Hass sehr nahe beinander!“ sprach auf einmal eine wohlklingende Stimme, über ihnen. Die Geschwister zuckten zusammen und sprangen wir von der Tarantel gestochen hoch. Ihr Blick fiel entgeistert auf den Lindenbaum, an den sie sich gelehnt hatten.

Aus deren Stamm, löste sich plötzlich ein freundlich dreinblickendes Gesicht. Schliesslich kamen Hände, Körper und Beine zum Vorschein. Vor ihnen stand eine alte Frau mit faltigem Gesicht, einem weiten, lindengrünen Gewand und einer, aus Lindenblüten gefertigten, Kopfbedeckung. Pia und Benjamin glaubten ihren Augen nicht zu trauen und schauten an der seltsamen Erscheinung empor. Diese verkleinerte sich nun so weit, bis sie die Grösse einer normalen Menschenfrau hatte. Die Greisin lächelte gütig und etwas Schalk lag in ihren Augen. Sie schien ihren Auftritt zu geniessen.

„W…wer bist du?“ fragte Pia, welche als erste wieder ihre Stimme zurückgewann.  

„Ich bin der Geist der Linde," sprach die Frau „Es freut mich euch kennen zu lernen und ich habe euer Gespräch schon länger belauscht.“ „Ich hätte nicht gedacht, das Bäume reden können, „meinte Benjamin fasziniert „und dass der Geist eines Baumes, sich sogar auf solche Weise, materialisieren kann, schon gar nicht.“ „Es kommt auch selten vor“, meinte die Lindenfrau erneut schalkhaft lächelnd. „Aber bei euch ist das etwas anderes. Euer Ruf eilt euch voraus.“ „Welcher Ruf?“ „Ihr seid die Auserwählten, welche Ululala persönlich ausgebildet hat.“ „Woher weisst du das denn?“ fragte Pia. Die Lindefrau erwiderte versonnen: „Der Wind trägt mir so manche Nachricht zu und auch die Erde spricht zu mir. Alles ist Eins. Es gibt nicht wirklich eine Trennung, zwischen den Lebewesen. Die Lebewesen selbst sind es, welche oft eine Trennung herbeiführen. Hier in dieser Welt, ist noch vieles anders, als bei euch. Obwohl ich dazu sagen muss, dass diese Dinge auch auf eurer Erde existieren, nur nicht ganz so offensichtlich, wie hier. Zum Glück haben die Menschen die Liebe zu uns Bäumen aber auch bei euch, noch nicht ganz verloren. Vielleicht ist das so, weil wir ihnen immer noch ein Gefühl der Geborgenheit und Ruhe vermitteln.“

„Ihr besitzt eine grosse Liebe zu allen Wesen, nicht wahr?" „Ja das stimmt. Wir lieben alle, die unter unserem Blätterdach Schutz und Frieden suchen, denn dies ist eine der Aufgaben, die uns der Schöpfer erteilt hat." „Ich habe Bäume schon immer geliebt“, schwärmte Pia und auch Benjamin nickte zustimmend. „Ich weiss,“meinte die Lindenfrau „ sonst hättet ihr nicht gerade hier Rast gemacht. Ich heisse euch herzlich willkommen." „Danke!“ erwiderten die Geschwister ehrfürchtig. Der Lindengeist nickte wohlwollend. „Was hast du eigentlich damit gemeint, als du vorhin sagtest, dass Liebe und Hass oft sehr nahe beieinander liegen?“ wollte Pia nun noch wissen. Das zerfurchte Gesicht der Lindenfrau blickte ernst und in sich gekehrt, als würden sich vor ihrem inneren Auge Szenen abspielen, welche sie zu ihrer Aussage bewogen hatten. „Ich bin schon sehr alt, meine lieben Kinder,“ sprach sie dann seufzend „und ich habe schon vieles erlebt und gehört. Eine besonders tragische Geschichte, ist jene der Prinzessin Nofrete, aus dem Reich der hundert Juwelen und jene von Malek dem Magier, der einst vom guten Pfade abkam. Die beiden hatten sich sehr geliebt, ja wahrlich. So sehr hat Malek Nofrete geliebt, dass er sie unbedingt heiraten wollte.

Doch…wie das so ist. Nofrete entstammte einem Königsgeschlecht, Malek war bürgerlich. Eine solche Verbindung, war also nicht möglich. Jedenfalls nach den Gesetzen des Adels nicht. So also wurde Nofrete einem anderen Manne bereits in den Jugendjahren versprochen. Nofrete wollte natürlich eine gute Tochter sein. Sie war auch noch zu jung, um sich gegen den Willen ihrer Eltern, oder die, seit hunderten von Jahren geltenden Gesetze, zu stellen und…so willigte sie ein diesen Adligen zu heiraten, welchem sie versprochen war. Maleks Schmerz darüber war grenzenlos. Er fühlte sich von seiner Liebsten betrogen, konnte nicht fassen, dass sie nicht zu ihm stand und sich für ihn entschied, trotz aller Konventionen. Er hätte ihr die Sterne vom Himmel geholt, doch sie war wie erwähnt, einfach noch zu jung. Sie konnte sich damals auch noch nicht für ein bürgerliches Leben entscheiden. Noch hing sie zu sehr an ihrer Familie und auch an ihrem Lebensstandart. Dazu kam noch, dass ihre Verbindung mit diesem Adligen auch für ihr Reich von grossem Nutzen war. Als sie ihren Fehler schliesslich einsah, war es…bereits zu spät…“

Die hellgrünen Augen der Lindenfrau blickten nun tief betrübt „Der Herr der Finsternis, nutzte die damalige Schwäche von Malek aus, versprach ihm, dass sein Leben besser werden würde, wenn er ihm diente. Er gab Malek besondere Fähigkeiten, versteinerte dessen Herz, so das dort nur noch Hass und Rachsucht Platz fanden. Er hasste nun alle und jeden, besonders jene, die ihm dieses Leid zugefügt hatten. Das waren Nofrete und deren Familie…“ Die Geschwister lauschten bestürzt der Geschichte, die sie da vernahmen und Pia griff instinktiv nach dem Collier, das ihr Nofrete vermacht hatte. „Aber, das ist ja eine schrecklich traurige Geschichte!“ meinte sie. „Malek kann einem richtig leidtun. Er hat viel gelitten.“ „Ja, so ist es. Doch sein Problem ist, dass er sich zu sehr auf das Böse einliess, als er diesen Pakt, mit dem Herrn der Finsternis, einging. Aus so einem Pakt kann man nur schwer wieder ausbrechen. Es ist ein Teufelskreis, im wahrsten Sinne des Wortes.“

„Meinst du denn, es besteht überhaupt noch Hoffnung, dass Malek aus den Fängen des Bösen befreit werden kann?“ fragte Benjamin. Die Lindenfrau senkte nachdenklich den Blick. Die Blätter auf ihrem Kopfschmuck raschelten dabei leise. „Ich kann es nicht sagen. Das liegt auch für mich im Verborgenen. Doch man sollte es zumindest versuchen. Malek war einst ein sehr feiner Mensch. Vielleicht hat etwas von dieser Güte, noch tief in seinem Inneren überlebt.“ Pia schaute auf den Smaragdschmuck herab und drehte ihn, mit gemischten Gefühlen, zwischen ihren Fingern. Dabei glitzerte er im dämmrig-grünen Licht dieses Waldes, immer wieder auf. „Ich verstehe jetzt noch besser, warum Nofrete mir diese Kette gab. Ich glaube, sie denkt tatsächlich, dass Malek noch zu retten ist. Ich hoffe sie hat recht damit. Immerhin, sie kennt ihn sicher am besten von uns allen. Doch…es kann natürlich auch sein, dass der Schmuck gerade eine gegenteilige Wirkung hat, wenn Malek Nofrete nun so hasst.“ „Alles kann sein. Eine 100%- ige Sicherheit, gibt es nie. Ihr hört am besten auf euer Herz, wie ihr es bisher getan habt! “ gab die Frau aus der Linde zur Antwort. Die Geschwister nickten. „Ich wünsche euch jedenfalls alles nur erdenklich Gute. Ich weiss, der Schöpfer und seine Diener sind an eurer Seite und auch viele andere Wesen, welche von eurem Auftrag gehört haben. Ihr seid niemals ganz allein. Das vergesst nicht! Alles ist belebt, beseelt, alles ist Eins. So lebte denn wohl! und viel Mut und Glück auf eurer Reise." Mit diesen Worten verschmolz die Gestalt der Frau wieder mit der Linde und nur das Rauschen de Blätter und das sanfte Wiegen der Äste, zeugte noch davon, dass der Baum lebte.

Die Geschwister, waren sehr beeindruckt, von dem was sie da erlebt hatten. Pia umfasste den Stamm der Linde und drückte ihr Gesicht an die raue Rinde. Es war ihr, als ob der Baum atmen würde und eine Wärme ging von ihm aus, welche das Mädchen bisher noch nie gespürt hatte. Ein Glücksgefühl durchströmte sie dabei. Was für ein wunderbares Wesen so ein Baum doch war, wurde ihr erst jetzt, in aller Deutlichkeit, bewusst. Sie erinnerte sich an einen Spruch, den sie mal gehört hatte: Habt Ehrfurcht vor dem Baum, er ist ein einziges grosses Wunder, und unseren Vorfahren war er heilig. Die Feindschaft gegen den Baum ist ein Zeichen der Minderwertigkeit eines Volkes und von niederer Gesinnung des Einzelnen. Nun glaubte sie diese Worte endlich richtig zu verstehen.

Sie und Benjamin schauten sich einen Moment lang an, dann sprach Benjamin: „Das ist schon eine tragische Geschichte, mit Nofrete und Malek. Meinst du, die Liebe könnte eventuell wieder siegen bei den beiden?“ „Ich hoffe es natürlich sehr. Doch ich kenne Malek einfach zu wenig.“ „Muss schon hart für ihn gewesen sein, dass ihn seine Liebste damals so im Stich liess.“ „Ja, das finde ich auch. Ich sehe ihn jetzt auch mit etwas andern Augen.“ „Trotzdem wir dürfen ihn nicht unterschätzen und uns nicht zu sehr von Emotionen leiten lassen, wenn wir ihm entgegentreten. Das könnte unser Ende bedeuten, so lange er noch nicht wieder der Alte ist.“ „Ja und darum müssen wir das Feuer der ewig göttlichen Liebe schnellstmöglich finden.“ „Da hast du recht, “ stimmte Benjamin zu. „Ich habe nur ehrlich gesagt, nicht im Geringsten eine Ahnung, wie wir das zur Zeit bewerkstelligen sollen…“

 

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