Das kristallene Medaillon (Teil 28)

Er unterbrach sich plötzlich, als sie auf einmal einen weit entfernten Hilfeschrei vernahmen. „Was war das!?“ fragte Pia erschrocken und horchte angestrengt, um den Ursprung des Schreis auszumachen. Wieder erklang dieser und sie begannen in die Richtung zu laufen, von wo er kam. Es schien wirklich als wäre da jemand in grosser Not. Sie rannten ein Stück über das Feld, bis vor ihnen erneut ein Wald auftauchte, der jedoch einiges grösser war, als jener, wo sie die Lindefrau getroffen hatten. Die Hilfeschreie wurden immer lauter und auch immer verzweifelter. Schliesslich erblickten sie zwischen dem Gebüsch der Bäume und des Unterholzes, das Glitzern von Wasser. Nahe diesem Wasser entdeckten sie einen kleinen, grüngekleideten Jungen, Der offenbar im Uferschlamm hoffnungslos eingesunken war. Er sah Hungoloz ziemlich ähnlich, hatte jedoch braunes Haar und war höchstens sechs bis sieben Jahre alt. Verzweifelt suchte er Halt, doch der Schlamm, wollte sein Opfer nicht so einfach freigeben. Der Junge war bereits bis zu den Oberschenkeln eingesunken und je mehr er sich bewegte, desto tiefer sank er. Verzweifelt rief er nach Hilfe. „Halt still!" schrie Benjamin „wir holen dich da gleich raus!" „Was sollen wir tun?" fragte Pia. „Such einen langen Ast! Wir müssen den armen Kerl herausziehen. Allein schafft er das nicht mehr!“ Der Blick des Mädchens hastete umher, dann entdeckte es zum Glück einen dicken Ast, der in der Nähe herumlag. Pia ergriff ihn und reichte ihn ihrem Bruder. Dieser nahm ihn an sich. Vorsichtig machte er einen Schritt vorwärts. Hier war der Boden noch einigermassen sicher. Nach einigen Metern jedoch, spürte er, dass er unter seinen Füssen mit einem gurgelnden Geräusch nachgab. Sogleich sanken seine Füsse in der schmutzigen, dunkelbraunen Masse ein. Es war, als würden feuchte Totenhände nach ihm greifen. Er sprang sofort zurück. So klappte das nicht. Es war nicht der Sinn, dass auch er noch einsank. Doch stehend, konnte er den Jungen nicht erreichen. So warf er sich auf den Bauch um sein Gewicht regelmässiger zu verteilen. Langsam robbte er vorwärts, bis er sich nahe genug bei dem kleinen Jungen befand. Er streckte ihm den Ast entgegen. Dieser fasste weinend danach. Benjamin zog mit aller Kraft. Es war nicht einfach, denn der Schlamm war zäh. Pia kam ihrem Bruder zur Hilfe und zog an seinen Beinen. Und langsam…, gab der Schlamm sein Opfer frei! Schwer atmend und alle, mehr oder weniger, mit dem dunklen Schlamm beschmiert, lagen die drei dann einen Moment lang einfach nur da.

Schliesslich wandte Benjamin sich dem Kleinen zu. „Du hast dich da ja in eine prekäre Lage gebracht. Wie ist es dazu gekommen?“ Ich…wollte eigentlich die Nymphe sehen,“ sprach der Junge „aber… sie scheint immer böser zu werden. Sie wollte mich hinunter in ihr Reich ziehen.“ Benjamin meinte etwas unwirscher als er es beabsichtigt hatte: „Von was für einer Nymphe redest du da?“ „Die Nymphe von diesem Teich hier!“ Der Kleine deutete auf das glitzernde Wasser, jenseits des Schilfgürtels. Sie heisst Miowa“. „Lebst du hier in der Gegend?“ „Ja, unser Dorf liegt nicht weit von hier.“ „Dann solltest du aber eigentlich wissen, dass das Gelände um einen Teich herum, oft sumpfig und gefährlich sein kann!“ „Ja…bisher war dieser Weg hier auch noch sicher, aber nun… Miowa hat alles schlammig gemacht. Ich habe ihre Hände gespürt, welche mich hinunterziehen wollten.“ Benjamin lief auf einmal ein Schauder über den Rücken, ja…auch er hatte irgendwie diesen Eindruck gehabt, als er selbst eingesunken war. „Du hast das sicher auch gemerkt, nicht wahr?“ fragte der Kleine ihn mit wissendem Blick. „Ja…, wenn ich ehrlich bin… Es war schon etwas seltsam.“ „Das ist Miowas Magie. Sie ist in den letzen Jahren, wie ich sagte, immer böser geworden.“ „Dann sollten wir lieber von hier verschwinden, nicht wahr?“ „Ja“, stimmte der Junge zu. „Ich will zurück zu Mama und Papa.“ „Das kann ich nach diesem schrecklichen Erlebnis verstehen“, meinte Pia mitfühlend. „Sollen wir dich noch ein Stück begleiten?“ „Ja, ich lade euch ein. Immerhin habt ihr mich gerettet.“ „Wir kommen gerne. Wie heisst du eigentlich?“ „Mein Name ist Runkoloz und wie heisst ihr?“ „Pia und Benjamin.“ gaben die Geschwister zurück und folgten dem Jungen, welcher ihnen zielstrebig vorausging. Der dichte Wald, wurde nun immer lichter und lichter und schliesslich blieben sie erstaunt stehen. Vor ihnen tauchte Runkoloz’s Heimatdorf auf. Doch dieses war nicht wie ein normales Dorf. Es war ein Dorf, bestehend aus wundervollen Baumhäusern, welche alle in den kräftigen Ästen, mächtiger Laubbäume, gebaut waren. Sanfter Vorabendschein, fiel durch frisches Blattwerk und ein wundervolles Licht uns Schattenspiel entstand dabei, welches Pia irgendwie an ein grün-golden, wogendes Meer erinnerte.

Als die Geschwister mit ihrem neuen Freund näher traten, waren sie augenblicklich von grüngekleideten Leuten mit spitzen Ohren umringt. Alle schwatzten durcheinander und eine Frau, lief zu ihnen hin und musterte tief besorgt, den kleinen, schlammverschmierten Wicht. „Ach Runkoloz!" zeterte sie „was hast du bloss wieder angestellt? Und was sind das für Leute, die du da mitgebracht hast?" „Das sind meine Freunde Mama“, sprach das Kind. „Sie haben mich aus dem Schlamm gezogen.“ „Bei allen Waldgeistern! Was machst du deinen Eltern immer Sorgen! Ab ins Haus, aber dalli!" „Aber ich wollte doch nur die Nymphe sehen!" „Das haben wir dir sowieso verboten. Du hast am Teich nichts zu suchen. Geh!" Mit hängendem Kopf trollte sich Runkoloz. Seine Mutter wandten sich nun Pia und Benjamin zu „Was genau ist geschehen und wer seid ihr?"

„Sie sind Auserwählte!" rief eine Stimme hinter ihnen. Es war ein alter Mann, mit vielen Falten und weissem Haar. Auch er trug, wie die anderen Männer und Frauen, eine grüne Hose und ein eben solches Oberteil. Darüber jedoch hatte er einen weiten Mantel aus Blättern geworfen. Majestätisch schritt er einher und alle Anwesenden, traten ehrfurchtsvoll beiseite. Als er vor den Geschwistern stand, glitt ein Lächeln über sein Gesicht und er sprach: „Seid herzlich willkommen! Ich wusste, dass ihr herkommen würdet. Ich bin Markuloz, der Dorfälteste" „Tatsächlich?" fragte Pia. „Ja, ich kenne euren Auftrag." „Das wundert uns nicht“, erwiderte Benjamin etwas ironisch, „alle scheinen diesen Auftrag zu kennen."

„Der Alte lächelte erneut vielsagend. „Jedenfalls ist es eine grosse Freude euch bei uns begrüssen zu dürfen." „Die Freude ist ganz unsererseits“, antwortete Pia. „Runkoloz lud uns ein, nachdem wir ihn aus dem Schlamm gezogen hatten. Er hätte umkommen können!“ meinte sie dann etwas vorwurfsvoll, an die Mutter des Kleinen gewandt.

 „Umkommen?!" keifte die Mutter des Kindes entsetzt und lief dann hastig zu dem Baum, auf dem sich ihr Haus befand, um sich zu vergewissern, ob noch alles an ihrem Sohn heil war.

Der alte Mann sah Pia amüsiert an. „Sie ist etwas eigenartig, aber eine gute Seele. Bestimmt wird sie sich später bei euch bedanken, nachdem sie Runkoloz genauestens auf möglichen und unmöglichen Verletzungen, untersucht hat. Euer Besuch ist wahrlich eine Ehre. Erlaubt mir, euch in mein Heim einzuladen."

Die Kinder, folgten dem Mann. Sie erklommen die Leiter zu seinem Haus. Überrascht, beobachteten sie, wie ihr Gastgeber noch, trotz des hohen Alters, ohne Probleme eine Sprosse um die andere nahm. Das Haus, war sehr schön in den Baum eingefügt, als ob es ein Teil desselbigen wäre. Nichts wirkte unnatürlich. Es hatte drei Stockwerke, die wiederum mit Leitern verbunden waren. Zuerst kamen sie auf den ersten Boden. Hier befand sich das Wohnzimmer. Alle Wände, waren aus dicken Holzstämmen. Mehrere Fensterlücken, sorgten für ein heimeliges Aussehen. Die Möbel, waren allesamt aus edlem, weissen Birkenholz gefertigt, die Sitzflächen der Stühle aus Weidenruten. Auf dem zweiten Boden befand sich ein Schlafgemach, auf dem obersten ebenfalls. Auch hier war natürlich alles aus massivem Holz, auch die Betten. „Hier oben ist das Gästegemach“, sprach der Älteste. „Oh, das ist aber hübsch!" schwärmte Pia. Der Raum, war sehr natürlich eingerichtet. Es hatte einen kleinen Tisch und Stühle, aus Baumstümpfen. Man sah sogar den Stamm des Baumes, welcher sich aus der einen Wand herauswölbte und einige Äste, die vom Boden zur Decke ragten. Eine Tür führte hinaus auf den hölzernen Balkon, welcher sich rund um den Baum zog. Er besass ein Geländer aus dünnen Tannenstämmen und eine weitere Leiter, verband auch ihn mit den beiden unteren Plattformen. Der Blick von hier war wunderschön. Sie konnten über die grünen Baumkronen bis zu Ululalas Schloss und den bläulich, schimmernden Kristallbergen, sehen. Natürlich sahen die Jugendlichen auch hinunter, auf die Häuser der Nachbarbäume. Der Baum von Markuloz, war eindeutig der Mächtigste. Der Alte hatte hier wohl nicht nur die Stellung des Dorfältesten, sondern auch eines Art Häuptlings.

Als sie wieder hinunter auf das unterste Stockwerk geklettert waren, setzten sie sich auf die bequemen Sessel, des Wohnzimmers. Markuloz ergriff das Wort: „Ihr seid also auf der Suche nach dem Feuer der ewig, göttlichen Liebe, um damit Malek zu besiegen?" „Ja“, erwiderten die Kinder. „Keine einfache Aufgabe.“„ Das stimmt, aber Ululala hat uns eine Menge beigebracht, unter anderem auch die Sphärenwanderung." „Ululala ist ein sehr kluger, weiser und gütiger Lehrer. Wir alle bewundern ihn, deshalb schicken wir unsere Kinder oft zu ihm. Leider jedoch nimmt er nicht alle in die Lehre. Ich habe meinen Enkel Hungoloz ebenfalls zu ihm gesandt. Ululala hat ihn angenommen, darüber bin ich sehr stolz. „Hungoloz ist also dein Enkel!" freuten sich die Geschwister. „Wir haben ihn angetroffen! Das hier hat er uns zum Abschied geschenkt." Benjamin zog den goldenen Tannenzapfen hervor und reichte ihn Markuloz. Dieser drehte ihn nachdenklich in seiner Hand herum. Dann meinte er: „Dass er euch diesen besonderen Zapfen geschenkt hat, ist eine außergewöhnliche Geste. Aber erzählt mir erst etwas mehr von meinem Enkel! Wie geht es ihm? Wie macht er sich?“ „So wie es aussieht, geht es ihm sehr gut,“ erwiderte Benjamin. „Er hat schon viel gelernt und Ululala behandelt ihn, wie einen eigenen Sohn.“ „Ja…so ist Ululala, wenn er erstmal jemanden bei sich aufnimmt, dann ist er stets sehr gut zu ihm und ein wundervoller Mentor. Ich selbst war einst einer seiner Lehrlinge.“ „Tatsächlich?“ staunte Pia „aber…“

„Wir sehen beinahe gleich alt aus, ich weiss. Aber Ululala ist schon viel länger auf der Welt, als ich und vielleicht wird er noch auf dem heiligen Boden des Kristallreiches wandeln, wenn ich schon nicht mehr bin.“ „So uralt ist Ululala? „Ja. Er ist sehr alt, mehr als zwei Jahrhunderte. Er stammt von einem besonderen Magier- Geschlecht ab, von welchem einst auch der grosse Zauberer Merlin abstammte.“ „Den Zauberer Merlin hat es tatsächlich gegeben!?“ fragte Benjamin ungläubig. „Ja, so ist es. „Dann stimmen also all die Geschichten, die man sich von Merlin, Artus und seiner Tafelrunde erzählte?“ „Das meiste sicher. Aber wie ihr wisst, werden manchmal auch Geschichten erzählt, die etwas ausgeschmückt wurden, oder von den damaligen Weltanschauungen, geprägt waren. So kann ich nicht genau sagen, ob nicht da oder dort, etwas geflunkert wurde.“ „Ululala weiss das alles sicher. Man müsste ihn mal fragen.“ „Er weiss sicher viel, aber alles hat er ja auch nicht erlebt. Die Zeiten von Merlin, waren lange vor seinen Zeiten.“ „Trotzdem hat er aber sicher schon sehr viel erlebt, bei seinem Alter. „In der Tat hat er schon viel erlebt, darum ist er auch so ein weiser Lehrer.

Sein grösster Wunsch ist übrigens, einst als Mensch wiedergeboren zu werden, wusstet ihr das?“ Benjamin lachte leicht auf. „Er will ein Mensch werden? Das ist aber ein seltsamer Wunsch. Mensch sein, ist nicht immer so schön.“ „Wohl gerade darum. Er will alles mal erlebt haben, um zur Perfektion zu gelangen.“ „Ich denke, er ist schon viel näher an der Perfektion, als die Menschen,“ meinte Pia nachdenklich. „Das Menschsein ist nicht unbedingt förderlich, für spirituelle Perfektion.“ „Vielleicht irrt ihr euch gerade in diesem Punkt. In den Menschen schlummern ganz besondere Fähigkeiten. Sie können unglaublich stark sein und gewaltige Dinge bewirken, wenn sie sich ihrem inneren Licht gewahr werden und diesem folgen. Genauso, wie sie auch zu sehr viel Bosheit imstande sind, wenn sie den dunklen Pfad einschlagen. Doch ihre Seelen sind sehr vielschichtig und das ist auch der Grund, warum gerade ihr auserwählt wurdet. Und seht nur, was ihr schon alles geschafft habt! Ihr beherrscht bereits die Sphärenwanderung und könnt damit enorm viel an Gutem bewirken! Ich denke, Hungoloz glaubt ganz fest an euch, sonst hätte er euch diesen heiligen Zapfen, der goldenen Tanne, nicht gegeben. Dieser von uns sehr verehrte Baum, hat ihn ihm einst gegeben, als wir seine Mutter- meine Schwiegertochter, vor drei Jahren dort in der Nähe begruben.“ „Hungoloz’s Mutter ist gestorben?“ „Ja, leider. Es war sehr schwer für ihn. Die Tanne hat damals allein zu ihm gesprochen und ihm den Zapfen geschenkt. Ich weiss noch heute nicht, was sie ihm genau gesagt hat, jedenfalls hat es ihm sehr geholfen. Er kam dadurch etwas besser über den Verlust seiner Mutter hinweg. Bis heute weiss niemand, was ihm die Tanne damals sagte.“

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