Das kristallene Medaillon (Teil 40)

In diesem Augenblick begannen die Schlossmauern zu erzittern und auf einmal erschien ein dreiköpfiger Drache. Sein gewaltiger Schwanz, peitschte den Boden, Feuer schoss aus den Rachen seiner Köpfe. Von welchen der eine dem einer Schlange ähnelte, der zweite dem eines Tigers und der dritte einem schrecklich entstellten Menschenhaupt. Es war Gob, der Drache der die Pforten zur Unterwelt bewacht.

Irgendwie wusste ich, das mein Fluch dieses Monster herbeigerufen hatte. Erneut überkam mich ein Gefühl, uneingeschränkter Macht. Ohne jegliche Angst, sprang ich auf Gob’s Rücken. Während dieser das stolze Schloss von Nofrete und ihrer Familie verwüstete, liess ich meinem Zorn und meinem Hass, freien Lauf. Ich verwandelte den ganzen Hofstaat und die Königsleute in verschiedenste Tiere und verbannte sie alle in andere Welten. Ich verletze durch mein Tun jedoch eine wichtige Grundregel, welche jeder Zauberer zu befolgen hat: Nämlich, dass er niemals von diesem Zauber Gebrauch machen darf. Denn niemand kann verbannte Wesen je wieder zurückholen, ausser er beherrscht die Sphärenwanderung und besitzt alle Hälften des Medaillons der vier Naturgewalten. Es wird jedoch immer schwieriger, eine Verbindung zwischen den Welten herzustellen, oder aufrecht zu erhalten, deshalb gelten Verbannte als verlorene Wesen, die ruhelos umherwandern müssen, bis sie vom Tode hinweggerafft werden. Vor vielen hundert Jahren, haben die grossen Magier Geschlechter auf diese Weise Schwerverbrecher bestraft. Doch dann wurde diese Art von Strafe abgeschafft, weil solche Verbannte auch oft nach ihrem Tod keinen wirklichen Frieden finden, da sie immer auf der Suche nach einer Heimat sein werden. Diese sind oft ohne Orientierung und haben es dadurch sehr schwer, sich weiter zu entwickeln. Ich habe Furchtbares angerichtet, als ich von jenem alten Zauber Gebrauch machte. Oh Kinder! Ihr seid meine einzige Hoffnung all das wieder gut zu machen. Bitte helft mir! Helft diesen armen Seelen!“ Erneut traten Tränen in Maleks Augen. Pia und Benjamin legten tröstend die Arme um ihn und das Mädchen sprach:

„Bitte weine doch nicht! Wir werden alles tun, was in unsrer Macht steht. Du kannst uns ja dabei helfen.“ „Ja, das werde ich tun und zwar sofort. Kommt mit mir!“ Der Magier sprang auf und wischte sich die Tränen ab. So langsam, gewann er seine Fassung zurück.

Zusammen betraten die drei wieder das Schloss. Ihr Weg führte sie durch zahlreiche Gänge und Säle. Schliesslich kamen sie in eine riesige Bibliothek, mit verschiedensten Büchern. Die Geschwister hatten jedoch keine Zeit, sich alles genauer anzusehen, denn Malek führte sie zu einer Wand, die dem Eingang gegenüber lag. Natürlich waren auch hier eine Menge Werke aufbewahrt. Der Zauberer zog eins der Bücher heraus. In diesem Augenblick glitt die Wand beiseite und vor ihnen öffnete sich eine stockfinster Gruft. Es war sehr unheimlich hier. Überall hingen Spinnwegen in dicken Fetzen an der Decke und den Wänden. Es gab hier Ratten und allerlei Ungeziefer. Ab und zu flog eine Fledermaus über ihre Köpfe hinweg. Pia schauderte und auch Benjamin. war es nicht ganz wohl in seiner Haut. „Etwas ungemütlich ist es hier schon,“ entschuldigte sich Malek. „Ich werde diesen Ort, bei Gelegenheit, auch etwas gemütlicher gestalten. Wie nur konnte ich mich hier jemals wohlfühlen?“ „Das ist eine gute Frage,“ erwiderte Benjamin sarkastisch. „Ist ja ein furchtbares Loch.“ Der Zauberer lächelte etwas zerknirscht und sprach: „ Du hast ja recht, doch da unten ist meine Zauberkammer. Ich habe dort ein Buch mit allerlei Aufzeichnungen über Nofrete und deren Gefolge. Nur deshalb führe ich euch hier runter. Ansonsten würde ich euch das niemals zumuten, denn das was ihr sehen werdet ist ziemlich abstossend.

Ich habe einst meine Magie in den Dienst des Bösen gestellt und dabei Dinge benutzt, die euch vermutlich schockieren werden. Doch glaubt mir, ich werde alles vernichten, wenn wir unten sind. Ich will all die bösen Tricks vergessen, die ich damals angewandt habe und alles was ich kann in den Dienst des Lichtes stellen.“ „Ja, das glauben wir dir,“ antwortete Benjamin. „Machen wir uns aber trotzdem auf einige böse Überraschungen gefasst.“ Pia nahm ängstlich seine Hand und sie machten sich bereit. Das war auch nötig, denn als sie in der Zauberkammer ankamen, erwartete sie wirklich ein sehr unangenehmes Szenario. Überall befanden sich, wie damals bei Xantie in der Höhle, furchterregende Medaillons. Ausserdem lag auf dem Tisch ein totes Tier. In einigen Käfigen und Terrarien hatte es noch anderes Getier wie Hühner, grosse Spinnen, Schlangen und Fledermäuse etc. Auf den Gestellen standen Glasbehälter mit Innereien und eingemachten Lebewesen. Karten mit eigenartigen Bildern, Bücher und kleine Strohpuppen, lagen herum. Es gab auch ein paar Werkzeuge: Messer und Nadeln. Ausserdem standen überall Behälter mit verschiedenen Pulvern und Flüssigkeiten. Die Kinder schauten sich angewidert um. Ihr Blick suchte Malek. 

Dieser stand zitternd da. Bilder schossen ihm durch den Kopf, welche in ihm blankes Entsetzen wachriefen. Wie konnte er all seine Schulden je wieder begleichen? Zorn ergriff ihn, Zorn über sich selbst und Zorn über das, was er hier sah. Er musste es vernichten, es war eine entsetzliche Erinnerung an seine Sünden. Konnte das Universum, ihm überhaupt jemals vergeben? Es war schwer zu glauben. Ein Sturm aus Emotionen überkam den Zauberer. Er hob die Arme. Feuer schoss aus seinen Fingern und zerstörte alle Dinge, die herumlagen. Die Medaillons zersprangen in tausend Stücke. Alles wurde hinweggefegt, oder verschwand. Die Käfige und Terrarien, mit den noch lebenden Tieren, öffneten sich und diese stoben nach allen Seiten davon. Pia und Benjamin jubelten, als all die schrecklichen Gegenstände zerbarsten und verschwanden. Alles Getier in der Gruft, floh hinaus in die Freiheit. Die Wände nahmen eine helle Farbe an, die Spinngewebe wurden von mächtigen Windstössen hinweggeweht. Ein mächtiger Kronleuchter mit Ornamenten, erschien an der Decke und erhellte alles mit einem warmen Schein.

Erschöpft liess sich Malek auf einen Sessel nieder. Wieder wurde sein Körper von Weinkrämpfen geschüttelt. Die Geschwister traten zu ihm hin. Es war so schwer, die richtigen Worte zu finden, denn das was Malek im Augenblick durchmachte musste schrecklich sein. Es war furchtbar, um solche Sünden zu wissen, wenn man das Ziel hatte, wieder dem Guten zu dienen. Es war ein schlimmer, inneren Kampf, welcher einem den Eindruck vermittelte, innerlich zerfressen und zerstört zu werden. Hatten sie nicht auch einen Moment an Malek gezweifelt? Waren sie zwei nicht auch zutiefst entsetzt darüber gewesen, was dieser Mann einst getan hatte? Und hatten sie nicht auch Mühe gehabt, ihm das zu vergeben? Wie also konnte er sich selbst jemals vergeben? Als sie nun den Zauberer ansahen, der wie ein Häufchen Elend vor ihnen sass und weinte, fühlten sie schreckliches Mitleid mit ihm. Vor ihnen sass nicht mehr der Verderbnis bringende Malek, sondern ein Geschöpf, das einen schlimmen Kampf mit sich selbst ausfocht und keinen Ausweg, aus dem Wirbel, seiner vergangenen Sünden, fand. Ein Geschöpf, das sich einst verirrt hatte und seinen Weg noch immer nicht richtig finden konnte. Sie mussten ihm irgendwie wieder Mut machen. Pia sprach: „ Du darfst dich nicht auf so schreckliche Weise selbst bestrafen Malek. Denn du hast schon wundervolle Schritte, ins Licht zurück gemacht. Wir wissen das das Göttliche, gerecht und voller Liebe ist. Es vergibt uns, wenn wir nur ehrlich bereuen. Ja, es verurteilt uns nicht mal, weil es reine Liebe ist!  Nun musst du noch lernen, dir selbst zu vergeben. Das ist viel schwieriger als alles andere.“ „Genau,“ fügte Benjamin hinzu „ du magst sehr viele schreckliche Dinge getan haben, doch eigentlich ist das nur geschehen, weil du in deiner tiefsten Verletzung, an den falschen Herrn geraten bist. Der Herr der Finsternis, hat dein Herz zu Stein gemacht und dadurch konntest du zu seiner Marionette gemacht werden. Es ist sehr schön, dass du wieder bei uns bist. Und wir sind sicher, dass du deinen Weg finden wirst! Du bist jetzt auch nicht mehr allein. Wir sind für dich da!“

Comments

  • Author Portrait

    Eindrücklich, wie du Maleks Hölle beschreibst - seine ganz eigene Hölle ...

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