Das Land des dunklen Mondes (10)

Ihr Blick schweifte ungewollt zu Nannios herüber. Ihre Augen trafen sich und auf einmal wurden beide seltsam verlegen, sodass sie die Augen sogleich wieder abwandten. Aellia schalt sich selbst. Was war nur mit ihr los? Wie nur konnte sie sich in Gegenwart eines Masculinas so unsicher fühlen? Sie war doch eine treue Dienerin ihrer Göttin Lilithia und diese hätte sich bestimmt keine solche Schwäche erlaubt. Kein Masculina sollte sie jemals auf diese Weise aus der Fassung bringen!
Doch irgendwie konnte sie sich der Atmosphäre dieses Fruchbarkeitsfestes hier, nicht ganz entziehen. Die vielen glücklichen Paare die an ihr vorbeischwebten und ganz vertieft in ihren Paarungstanz waren, lösten in ihr etwas aus. In ihrem Unterleib begann sich etwas zu regen, ihre Brustwarzen wurden auf einmal fest, sich danach sehnend, berührt zu werden. Aber das war hier nicht möglich. Sie würde sich bestimmt nicht in der ersten Nacht mit einem noch beinahe fremden Masculina paaren. Aber warum eigentlich nicht? ertönte eine andere Stimme in ihr. Sie hatte doch das Recht sich mit jedem Mann zu paaren, der ihr gefiel. Sie war ja gerade nicht fruchtbar, also was stand einem kurzen Abenteuer im Weg? Vielleicht hatte es auch einige positiven Nebeneffekte, wenn sie diesen, scheinbar recht einflussreichen Nannios, für sich gewann. Sexualität war die grösste Waffe der Frau. Sie konnte damit, wenn sie wollte alle Männer um den Verstand bringen und sie zu ihren Werkzeugen machen. Doch wollte sie das wirklich? Irgendwie hatte sie auf einmal Skrupel. Nannios… er war irgendwie besonders, sie achtete ihn, wie sie bisher noch keinen Masculina geachtet hatte. Und…würde er sich überhaupt so einfach zum Spielzeug machen lassen? Vielleicht wies er sie sogar ab, weil er ja eigentlich ihre Einstellung zu den Männern schon etwas mitbekommen hatte. Doch wenn er sie abwies, dann war das die schlimmste Beleidigung für sie als Harpya und sie verlor ihr Gesicht. Das durfte keinesfalls passieren!

So schlug sie sich die Gedanken über eine mögliche Paarung mit diesem Lunarier, aus dem Kopf und meinte stattdessen in möglichst unverbindlichem Tonfall: „Wann findet eigentlich die Paarung des Königs und der Priesterin statt?“
Nannios schaute in den Himmel, als wolle er die Sterne studieren, dann erwiderte er: „Das ist schon sehr bald. Ich muss am Festzug teilnehmen, denn ich bin der Sohn der Hohepriesterin und einer der obersten Heiler. Komm mit, ich zeige dir einen Platz wo du alles gut überblicken kannst! Du bist mein persönlicher Gast und wirst einen Ehrenplatz bekommen.“
Er flog ihr voran, hinauf zu dem kristallenen Rundtempel, dessen Fassade im silbernen Licht der grossen Lunaria glitzerte und funkelte. Eine Terrasse umgab den Bau, direkt unterhalb des Daches. Schon einige Lunarier hatten sich hier versammelt. Darunter auch eine eindrucksvolle, hochgewachsene Frau mit demselben silbernen, langen Haar wie Nannios, denselben ebenmässigen Zügen und derselben, edel geschwungenen Nase. Sie besass ein schneeweisses Gefieder, mit nur kleinen silbergrauen Federspitzen. Ihren Oberkörper umwallte ein weisses, durchschimmerndes Gewand, worunter ihre etwas dunkleren Brustwarzen noch zu sehen waren. Sie wirkte irgendwie wunderschön und verführerisch. Wie auch die andern Priesterinnen, welche ebenfalls solche Gewänder trugen. Unter ihnen befanden sich einige Masculinas mit nackten, teilweise muskulösen, teilweise eher schmalen, sehnigen Oberkörpern. Einige von ihnen trugen Stirnbänder, geschmückt mit türkisen oder azurblauen Steinen. Die Frauen trugen schweren Schmuck aus ziseliertem Silber, mit denselben Steinen besetzt. „Das dort ist meine Mutter“, sprach Nannios stolz. „Sie ist, wie du bereits weisst, die Hohepriesterin. Bei ihr sind einige der andern Priesterinnen und Heiler. Ich werde dich kurz vorstellen.“ Aellia nickte und spürte irgendwie eine Unsicherheit. Sie mit ihrem schwarzroten Gefieder und der purpurnen Haut, war so vollkommen anders als diese Lunarier, welche alle helle Gefieder und Haut besassen.

So wurde sie auch eingehend und mit eher kritischen Mienen gemustert, als sie mit Nannios auf die Terrasse flog. Einige schienen beinahe angewidert oder ängstlich. Als sie das feststellte, setzte sie ihre stolzeste, unberührteste Miene auf und liess sich dann auf die Terrasse nieder. Wie sie es von ihrer Heimat gewohnt war, senkte sie nur leicht ihr Haupt, um ihre Ehrerbietung kundzutun. Es schien auch nicht, dass mehr von ihr erwartet wurde. Die Hohepriesterin hiess sie mit einem freundlichen Lächeln willkommen und sprach: „Du bist also die Harpya, welche vom Himmel fiel? Willkommen im Land des Silber- Mondes!“ „Ich danke euch“, erwiderte Aellia. „Ohne die Heilkünste eures Volkes, wäre ich wohl nicht mehr in der Lage zu fliegen. Ausserdem wurde ich sehr freundlich empfangen, “ dabei nickte sie in Nannios Richtung. „Ja, mein Sohn hat sich von Anbeginn rührend um dich gekümmert, er hat dir sogar von seinen Federn gespendet.“ „ Ja, das habe ich festgestellt“, erwiderte Aellia mit etwas gequälter Stimme und schaute über ihre Schultern. „Nun, jedenfalls bin ich sehr dankbar, dass ich dadurch wieder uneingeschränkt fliegen kann.“ „Mein Sohn ist einer der besten Heiler unseres Volkes“, meinte die Hohepriesterin und man hörte den Stolz, der dabei in ihrer Stimme mitschwang. „Ich habe gehört, dass erst in etwa zwei Monaten wieder ein Drachenschiff in deine Heimat fährt. Ich hoffe du wirst dich bei uns wohlfühlen.“ „Ja, das werde ich bestimmt“, gab Aellia zurück und meinte es sogar ziemlich ernst. Bisher hatte sie sich nie für andere Völker interessiert. Aber nun erkannte sie, dass sie diese andere Art zu leben, irgendwie faszinierte. Auch wenn sie niemals ihrer Auftrag vergessen würde. Sie war hier um die Lunarier zu erforschen und alles über sie herauszufinden. Dieses fremde Volk, würde den Harpyas helfen, zu überleben. Es hatte hier ja mehr als genug Masculinas. Leise Gewissensbisse liess sie erst gar nicht zu. Es ging um ihr Volk, um ihr geliebtes Volk und das erlaubte jegliche nötigen Massnahmen. Doch sie würde sich die nächste Zeit, so gut es ging in die Gemeinschaft der Lunarier einfügen. Das würde so oder so nicht leicht werden, wenn sie so die misstrauischen Blicke, die man ihr zuwarf betrachtete. Artemia, Nannios Mutter allerdings, begegnete ihr offen und freundlich, wie ihr Sohn…Wieder kreuzten sich Aellias und Nannios Blicke und erneut wandten sie sich beide etwas scheu ab. Die Hohepriesterin schien das nicht zu engehen und sie lächelte still in sich hinein.

„So nun müssen wir uns aber bereit machen!“ sprach Artemia schliesslich mit entschlossener Stimme „Die heilige Zeremonie geht gleich los! Nannios!“ der junge Lunarier nickte Aellia noch kurz zu und entfernte sich. Artemia wandte sich an die Harpya „Du wirst hier alles gut überblicken können. Die Zeremonie findet dort unten im Innenhof des Tempels statt. Ich muss jetzt auch runter, denn ich muss dem König und der auserwählten Priesterin meinen Segen geben. Bis später.“ Die Hohepriesterin und ihr Sohn erhoben sich in die Lüfte und die junge Harpya, blieb allein zurück. Alle Blicke ruhten auf ihr. Keiner schien so recht zu wissen, wie man mit ihr umgehen sollte. Schliesslich meinte eine blondhaarige Priesterin. „Nehmt doch hier Platz, da werdet ihr alles gut sehen können. Willkommen bei uns.“ „Aellia nickte dankbar und setzte sich auf den, ihr angebotenen Platz.

Der Innenhof des Tempels hatte die Form eines Halbmondes. Der Boden war weiss, allerdings mit bunten Mosaiken geschmückt, welche Vögel, Stiere und Hirsche zeigten. Sie passten in ihren Farben zum Dach des Tempels, dessen goldene Ziegel im Mondlicht ganz besonders glänzten. Auch die goldenen Mosaikteile, glänzten magisch. Ein Art hoher Säulengang umgab den Hof. Die Wände aus Kristall, leuchteten in milchigem Weiss.
Auf einmal erklang vom Tor her Trommelklang und ein magischer, rhythmischer Gesang.
Schliesslich wurden die ersten, in weisse Schleiergewänder gehüllten Priesterinnen, sichtbar. Sie schwebten dem Zug voraus, in ihren Händen Rahmentrommeln und Tamburins haltend. Diese wurden auch in Aellias Welt oft dazu verwendet die Göttin zu ehren. Die Trommel galt als ein sehr weibliches Instrument und die Priesterinnen wussten meisterlich damit umzugehen. Hinter ihnen folgten ein paar Männer, welche auf Schalmeien spielten, deren nasaler, heiterer Ton, den fröhlichen Anlass dieses Zuges zum Ausdruck brachten. Gleich hinter den Männern folgte eine besonders reich geschmückte Priesterin mit kastanienbraunem, kunstvoll geflochtenem Haar und geschmückt mit Gold und Silber. Sie trug einen silbernen Kopfschmuck, mit einer Mondsichel über der Stirn. Ihr Gefieder war aquamarinblau, durchzogen mit einigen dunkelblauen Federn. Ihre Brüste waren, von kunstvoll ineinander verschlungenen Gold-Ketten, bedeckt. In ihrem Gesicht lag ein erwartungsvolles, aber auch ein etwas unsicheres Leuchten.
Hinter ihr kamen erneut einige Schalmeien- Spieler und Trommlerinnen. Frauen und Männer mit Sistrums, welche einen hellen, klirrenden Klang erzeugten, hatten sich nun noch unter sie gemischt.
Aellia sah, wie Nannios den Zug begleitete. Er schwebte direkt hinter der erwählten Priesterin, um stets zur Stelle zu sein, wenn seine Hilfe gebraucht wurde. Auch andere Heiler, Heilerinnen und Priesterinnen scharten sich um die Auserwählte. Einige redeten ihr gut zu und sagten ihr, wie glücklich sie sich schätzen könne, diese heilige Aufgabe, übernehmen zu dürfen.

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