Das Land des dunklen Mondes (11)

 

Die Hohepriesterin kam nun dem Zug entgegen, der vor dem Haupt- Eingangstor des Tempels, langsam zum Stehen kam. Das Tor war aus hellem Stahl und ebenfalls reich verziert, mit den üblichen Mustern. Artemia ging zu der, von ihr auserwählten Priesterin und legte ihr die Hände auf den Kopf: „Du bist gesegnet unter allen Frauen, denn du wirst diese Nacht zur Göttin werden. Versenke dich vollkommen in die grosse, wundervolle Lunaria, dann wird sie dir ihren Segen schenken! Du wirst dich heute mit dem Gott, des leuchtenden Tages vereinigen. Trink das!“ Sie reichte der jungen Priesterin ein Getränk, das selbige, ohne zu zögern trank. „Es wird deine Wahrnehmung für deine eigene Göttlichkeit und die Göttlichkeit deines Partners, verstärken.“

Tatsächlich verfiel die Priesterin nach dem Genuss des Getränks, in einen seltsamen, tranceähnlichen Zustand. Sie begann hin und her zu wiegen und einen leisen, melodiösen Gesang anzustimmen. Wenn man es Aellia übersetzt hätte, hätte es geheissen: „Komm zu mir oh mein Geliebter, Vater der leuchtenden Sonnenkraft! Deine Geliebte wartete hier, in ihrer silbernen Pracht. Komm zu mir herab, lass uns werden eins, damit alles neu werde,  im ewigen Lebenskreis. Du bist ich und ich bin du, das Leben verändert sich immerzu. Doch wir zwei bleiben ewig bestehn, lass unsere Kinder das Licht der Göttlichkeit sehn! Komm herab! Komm herab! Nichts wird uns trennen in dieser Nacht!“

Und dann auf einmal, wandte  sich die gesamte Aufmerksamkeit der südlichen Mauer des Tempels zu. Dort erschien auf einmal ein helles Licht. Hunderte von Fackeln tanzten durch die Dunkelheit und erhellten sie auf mystische Weise. Ein weiterer Musikzug näherte sich, allerdings diesmal direkt aus den Lüften, über der Mauer. Frauen spielten auch hier Trommeln und die Männer Schalmeien. Auch Sistrums erklangen immer und immer wieder. Ein stattlicher Mann, mit einem goldenen Brustpanzer und einer strahlenden Sonnenkrone, begleitete sie. Sein Gesicht war mit einer goldenen Maske bedeckt und er flog nun mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit auf den Festzug der erwählten Priesterin zu. Doch kurz davor, stieg er steil in den Himmel empor und vollführte einige sehr eindrucksvolle Kapriolen, in der silbern durchtränkten Luft. Schliesslich nahm er die Hand der  Priesterin und zog sie hoch. Die beiden tanzten nun zusammen, drehten sich im Kreis und liessen sich ganz von der Musik tragen. König wie Priesterin, schienen irgendwie in einem andern Zustand zu sein. Einem Zustand, welcher gewaltige Euphorie und auch Leidenschaft in ihnen weckte. Er sah in die silbernen Augen der auserwählten Frau und sie ihm in seine dunkelblauen Augen, welche durch die Maske das einzige waren, das man von seinem Gesicht sah. Sein Haar war kastanienbraun, glänzend und zu einem Zopf geflochten.

Noch eine ganze Weile tanzten sie beiden in der Luft, bis sie sich schliesslich in den üblichen, spiralenförmigen Bewegungen, immer weiter hinauf in den Himmel schraubten. Man spürte die archaische, etwas animalische Macht, welche die beiden antrieb. Als sie die Terrasse erreichten wo Aellia sass, erhoben sich dort alle und schwebten vom Balkon hinaus, in die samtblaue Dunkelheit der Nacht. Sie bildeten einen Halbkreis, indem sie sich alle an den Händen hielten. Aellia machte etwas zögernd alles mit, denn diese Art des Rituals war ihr unbekannt. Bei ihr im Land des dunklen Mondes, lief alles einfacher ab. Ausserdem konnte sie sich an den Gedanken eines männlichen Gottes, noch immer nicht gewöhnen. Es gab bei den Harpyas keine solche Vereinigung, zwischen Gott und Göttin. Lilithia erschuf alles aus sich selbst heraus. Sie brauchte keinen Gott, der sie befruchtete und niemand der sie ergänzte. Sie war in sich vollkommen einzigartig und eigenständig. Doch hier jubelten alle dem Gott und der Göttin, gleichermassen zu. Sie sangen und schauten dem Paar zu, wie es in einem durchschimmernden Kristallpavillon verschwand, der sich direkt unter dem gewölbten Dach des Tempels, befand.

 Die beiden zogen die Türen hinter sich zu. Doch man sah immer noch, wenn auch etwas verschwommen, was sich hinter den, von innen golden beleuchteten Wänden, abspielte. Der König und die Priesterin umschlangen sich eng. Man sah ihre beiden sich windenden Schatten, welche nun zu einem Wesen, zu verschmelzen schienen!

Das Publikum jubelte und pries die Gottheiten- ihren König und ihre Königin mit Gesängen. Langsam zog man sich dann nach und nach zurück und liess das Paar allein. Die rituelle Vereinigung ihrer Götter war nun vollendet und das war ein Grund für alle…, ausgelassen zu feiern!

5. Kapitel 

Aellia wusste nicht so recht was sie jetzt tun sollte, da sich die Festgemeinschaft langsam zerstreute. Sie hielt nach Nannios und der Hohepriesterin Ausschau, während sie hinter sich die Lustlaute des Königs und der Priesterin hörte. Sie schienen wirklich ihren Spass zu haben. Gedankenverloren, beobachtete sie noch etwas weiter, die sich windenden Schatten der beiden. Und wieder regten sich diese Gefühle in ihr. Ihre Weiblichkeit schwoll an, Feuchtigkeit breitete sich in der Tiefe ihrer Liebesgrotte aus. Der ganze Körper war erfüllt von Sehnsüchten und ihre Brustwarzen verfestigten sich. Warum nur, war kein Mann zur Stelle, der ihr Erleichterung verschaffen konnte? Sie war hin und her gerissen zwischen der Vernunft und diesen Gefühlen.

Aellia sehnte sich Nannios herbei, der irgendwie nach der Vermählung des Gottes und der Göttin, von der Bildfläche verschwunden war. Doch zugleich hoffte sie auch, ihm nicht gerade in diesem Moment zu begegnen, denn sie musste sich sehr beherrschen. Ihre sexuelle Lust hatte sich bis ins Unermessliche gesteigert. Sie hatte jedoch keine Ahnung, wie Nannios auf sie reagieren würde, keine Ahnung ob er sich überhaupt für jemanden interessierte, der so anders war als sein Volk. Dazu kam noch, dass sie irgendwie seltsame Schuldgefühlte empfand, ihrer Mission wegen. Sie war eigentlich nur hier um das Schicksal einiger männlicher Lunarier zu besiegeln. Wie ihre Königin und Kelana sagten würden sie, wenn nötig, mit Gewalt neue Masculinas in ihre Welt holen. Doch diese Masculinas hier waren ganz anders. Sie waren es sich bestimmt nicht gewöhnt, sich auf diese Weise den Frauen zu unterwerfen, wie es jene im Land des dunklen Mondes taten. Denn hier waren sie gleichberechtigt. Das ganze Leben der Lunarier war vollkommen anders strukturiert. Sie hatten einen männlichen Gott, der mit der Göttin auf einer Ebene stand und ausserdem kümmerte sich ein König, nicht eine Königin um die Staatsgeschäfte und die weltlichen Belange des Volkes. Den Frauen waren die spirituellen Belange anvertraut und die Priesterinnen hatten einen besonders hohen Stellenwert, vielleicht gar einen noch Höheren, als das Königtum.

Die Leute hier schienen wirklich sehr glücklich… „Aber wir Harpyas sind auch glücklich“, redete die Harpya sich selber ein. „Wir leben einfach anders. Wir dienen der dunklen Mondgöttin und nicht einer Göttin, deren Antlitz die meiste Zeit nur teilweise sichtbar ist.“ Aber was hatte der Drakonier Mangios nochmals gesagt: „Es heisst nicht das Lunaria nicht gegenwärtig ist, nur weil man sie nicht immer in ganzer Pracht am Himmel sieht.“ Die lunarischen Priesterinnen fühlten bestimmt stets die Gegenwart ihrer Göttin, auch wenn sie nicht ganz sichtbar war. Aellia spürte ja auch immer Lilithias Gegenwart, auch wenn diese manchmal auch nicht sichtbar war. Ihre Verbindung zu ihr war sehr stark, woher wusste sie, dass es den lunarischen Priesterinnen nicht auch so ging? „Doch diese Lunaria, ist nicht die wahre Göttin!“ rief sie sich selbst in Erinnerung. „Sie ist… nur ein billiger Abklatsch von Lilithia! Sie ist schwach und braucht einen männlichen Gott um sie… wie sagte Nannios noch… zu ergänzen.“ Ergänzen…dieser Gedanke blieb irgendwie in ihrem Innern haften, sie konnte ihn nicht mehr aus dem Kopf schlagen. Ergänzung…was war das eigentlich? Sie musste zugeben, dass sie darüber noch kaum nachgedacht hatte. Dieses Wort, war den Harpyas eigentlich unbekannt. Sie dachten nie über Ergänzung nach, zumindest nicht im Bezug auf Masculinas, oder einen männlichen Gott, das alles war ihnen fremd. Sie waren sich selbst immer genug gewesen. Aber warum machten Aellia diese Gedanken auf einmal so betroffen? Warum dachte sie auf einmal über… Ergänzung nach? Warum… fühlte sie sich plötzlich so allein und verlassen? „Das ist bestimmt, weil ich so weit weg von zu Hause bin“, dachte sie bei sich, als sie mit langsamen Flügelschlägen die Tempelanlage verliess.

Ihr sexuelles Verlangen, hatte sich etwas gelegt seit ihr so viel durch den Kopf ging. Immer mal wieder hielt sie nach einem bekannten Gesicht Ausschau, aber weder Nannios noch Artemia, liessen sich blicken. Vermutlich… hatten sie die Harpya aus diesem seltsamen, fremden Land einfach vergessen. Dieser Gedanke stimmte Aellia irgendwie sehr traurig, was sie selbst erstaunte. Sie brauchte doch sonst niemanden, der ihr Gesellschaft leistete. Sie war sich das Alleinsein gewöhnt, aber war sie jemals wirklich so allein gewesen, wie jetzt? Sie schaute auf den silbernen Mond, aber dieser war ihr fremd. Nein es stimmte nicht, sie fühlte die Gegenwart ihrer Göttin hier nicht auf gleiche Weise. Es war ein fremdes Land und fremde Götter, die es beherrschten. Lilithia hatte hier keinen Platz. „Was für einen Unsinn geht dir da durch den Kopf!“ schalt sie sich selbst erneut. „Lilithia lässt sich von keinen andern Göttern vertreiben! Sie ist immer noch da, sie wird dich nie verlassen!“ Aber weshalb wollte sie selbst nicht so richtig daran glauben? Das erste Mal in ihrem Leben zweifelte sie. Sie zweifelte an ihrer Göttin und das war schrecklich! „Vergib mir Herrin!“ flüsterte sie „Bitte vergib mir meine Schwachheit! Ich weiss nicht was mit mir los ist. Hilf mir!“

 

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