Das Land des dunklen Mondes (19)

„Was willst du von mir Femina?“ fragte er herablassend. „Ich wollte euch nur warnen.“ „Vor was willst du mich warnen!?“ „Davor, dich zu sicher zu fühlen. Denn es kann sein, dass sich die Machtverhältnisse in unserer Welt beginnen zu wandeln und das… wird sich am Himmel zeigen. Es wird ein Zeichen sein, dass dich nachdenklich stimmen wird. Die Göttin wird den Sonnengott unterwerfen.“ „Was redest du da, Frau!? Die Göttin wird den Gott niemals unterwerfen!“ „Da wäre ich mir nicht so sicher. Dieses Zeichen, wird das Zeichen einer Wandlung sein, welche die Macht deines Vaters ins Wanken bringen wird und… damit auch deine Macht, Trojanas. Überlege dir gut, ob du der Göttin den nötigen Respekt erweisen willst, oder nicht. Denn nur, wenn du sie lernst zu respektieren, wird sich alles zum Besseren wenden. Du siehst, dass unser Volk am Ende ist und darum musst du neue Frauen beschaffen. Ja ich weiss das! ich weiss sehr vieles! Manche Frauen wissen vieles, so viel mehr als du dir in deiner Überheblichkeit vorstellen kannst.“ Zorn erfasste Trojanas über solch dreiste Worte. „Achte gut darauf was du sagst! Du bist nur eine Femina. Ich kann dich für deine Dreistigkeit bestrafen, sehr hart bestrafen!“ „Wie willst du mich denn bestrafen? Indem du mir deine körperliche Überlegenheit demonstrierst? Nun gut, körperlich mag ich dir unterlegen sein, schon des Alters wegen. Aber meine Stärke liegt woanders.“ Der junge Solianer schnaubte verächtlich. „Feminas wissen gar nichts, darum sind sie ja auch Feminas! Oder willst du mir etwas weismachen, du hättest magische Kräfte oder so was? Bist du eine Hexe, eine Seherin?“ „Etwas von beidem.“ „Du weisst was für Gesetze es bei uns, für solche wie dich, gibt.“ „Ja, ich könnte hingerichtete werden ich weiss, aber ich glaube nicht, dass du das willst.“ „Warum sollte ich das nicht wollen?“ „Weil ich das sehe. Ich sehe etwas in dir, das anders ist. Auch wenn du es selbst noch nicht erkennen kannst.“ Trojanas wurde nachdenklich bei diesen Worten, aber er liess es sich nicht anmerken. „Ich habe keine Zeit mir dein Geschwätz anzuhören!“ sprach er. „Du redest sowieso nur Unsinn! Die Göttin hat keine Macht über den Gott, sie wird sie niemals haben und ich schere mich auch nicht um die Göttin. Mein Vater stammt von einer Welt, wo es eine Göttin gab und er hat dort Schlimmes erlitten. So weit wird es hier nicht kommen!“ „Die Göttin lässt sich nicht für ewig aus deinem Leben ausschliessen. Genauso wie auch der Gott sich nicht auf ewig ausschliessen lässt. Irgendwann werden die Gottheiten ihre Macht immer zurückerobern. Unser Volk ist dem Punkt sehr nah, da die Göttin zurückkehren wird.“ „Alles weibisches Gewäsch!“ sprach Trojanas. „ Es sind die Traumvorstellungen der Feminas, welche nur zu gerne die Macht über die Männer haben würden, aber sie werden sie hier niemals erhalten!“ „Ich will keine Macht über die Männer haben, ich will einfach gleichberechtigt behandelt werden.“ Wieder lachte der junge Solianer auf: „Als ob Feminas jemals gleichberechtigt mit den Männern sein könnten! Das wäre der Anfang vom Ende!“ „Du irrst dich Trojanas, du irrst dich gewaltig!“ sprach die Seherin. „Du wirst es bald erkennen.“ Mit diesen Worten erhob sie sich in die Lüfte und flog davon.

Trojanas schaute ihr mit gemischten Gefühlen nach. Irgendwie hatten ihn die Worte dieser Femina doch ziemlich verunsichert. Was nur meinte sie damit? Was für ein Zeichen sollte am Himmel erscheinen? Was war damit gemeint, dass die Göttin den Gott unterwerfen würde? Was für einen Wandel hatte diese Seherin angesprochen? Er versuchte das klamme Gefühl, das ihn auf einmal befiel, abzuschütteln und teilweise gelang es ihm auch. Gedankenverloren streichelte er Typon und schaute hinauf in den nun nächtlich gewordenen Himmel. Tausend Sterne glitzerten und ein fast voller Mond kam zum Vorschein. Dieser war das Symbol der Göttin, aber er hatte diesem bisher kaum Beachtung geschenkt. Nun auf einmal aber spürte er eine seltsame Art von Respekt, allerdings gemischt mit leisem Unbehagen. Was, wenn die Göttin den Gott tatsächlich unterwarf? Kein schöner Gedanke. Was würde dann aus seinem Volke werden? „Ach Unsinn!“ schalt er sich selbst. „Der Gott lässt sich auf keinen Fall unterwerfen!Genauso wie auch wir uns niemals von den Feminas unterwerfen lassen werden!“ 

Er verabschiedete sich von seinem Reittier und flog zurück in seine Gemächer, im obersten Teil der goldenen Pyramide. Die Innenwände seiner Behausung, waren weiss verputzt und mit einem Zierstreifen aus goldenen Sonnensymbolen und purpurnen Löwen geschmückt. Die Säulen, welche das gewölbte Dach stützten, waren ebenfalls weiss, aber aus Stein. Im oberen Teil dieser Säulen, hatte man mit Hämmern und Meisseln, wunderschöne Verzierungen angebracht. Die Möbel waren aus Metall, teilweise vergoldet. Die Stühle besassen hohe, edel geschwungene Lehnen und waren überzogen mit purpurnem Stoff. Das Bett, aus demselben hellen Gestein wie die Säulen, war mit goldenen Ketten an der Decke befestigt. Sehr ähnlich wie bei den Lunariern und Harpyas, allerdings belegt mit weichen, roten, in Gold eingefassten Decken und Kissen. Trojanas legte sich ziemlich bald schlafen, denn er war recht müde und es gab in der nächsten Zeit noch viel zu tun.


7.Kapitel


In Nannios tobte ein Sturm. Er war irgendwie vollkommen schockiert und zutiefst getroffen von Aellias Reaktion. Er hatte gedacht, dass sie ähnlich fühle wie er, er hatte es doch gespürt letzte Nacht, aber vermutlich irrte er sich einfach und sie passten doch nicht zusammen. Aellia stammte tatsächlich aus einer gänzlich anderen Welt. Einer Welt, wo Männer nicht viel mehr waren, als Erzeuger. Was für eine Gefühlskälte musste im Land des dunklen Mondes herrschen? Er hatte schon zu Beginn gemerkt, das Aellia sehr rebellisch und freiheitsliebend war, aber er hatte dennoch gehofft. Er machte sich auf einmal selbst Vorwürfe: „Du hättest das wissen sollen, du hättest wissen sollen, dass du ihr Zeit lassen musst und zuerst versuchen sollen, mehr über ihr Leben herauszufinden, bevor du von Zusammenleben redest!“ Doch nun war es passiert und vielleicht hatte er sie jetzt für immer verloren. Ein tiefer Schmerz breitete sich in ihm aus, wenn er daran dachte, dass sie schon so bald wieder nach Hause ging. „Wie konntest du von ihr erwarten, dass sie hierbleibt in dieser ihr so fremden Welt!“ schalt er sich. „Du würdest auch nicht einfach so an einen andren Ort gehen, um dort zu leben, weil dir das Leben hier, deine Familie, dein Volk viel zu wichtig sind. Auch wenn Aellia keine richtige Familie hat, dann hat sie doch vermutlich einen engen Zusammenhalt mit ihrem Volk und eine grosse Liebe zu ihrer Göttin. Das alles würde ihr wohl zu sehr fehlen, wie auch mir alles schrecklich fehlen würde, wenn ich von hier wegginge. Doch ich kann auch nicht mit Aellia gehen. Das Land von dem sie erzählt ..., ich könnte dort nicht leben. Ein Ort wo ständigen Dunkelheit herrscht, wo Männer gar nichts gelten. Wo es keine Sonne gibt, keinen hellen Vollmond wie hier. Ich würde zugrunde gehen. Aber darum kann ich doch auch von ihr nicht erwarten, dass sie wegen einer schönen Nacht alles aufgibt, was ihr lieb und teuer ist. Es war einfach dumm von mir!“ Er wollte zu ihr zurückkehren, ihr das sagen, doch liess es dann ¨trotzdem bleiben. Sie brauchte wohl noch etwas Zeit. Ganz kalt konnte sie diese Sache ja auch nicht lassen.

Nein, es liess Aellia tatsächlich nicht kalt Auch sie befand sich in einem Wirbelsturm der Gefühle. Sie spürte, wie nahe sie sich Nannios fühlte, spürte eine Zuneigung zu ihm, die wirklich tiefer ging, als das was sie je zuvor gekannt hatte. Doch eine feste Bindung mit ihm, brachte so vieles mit sich. So vieles, das sie einfach nicht bereit war zu geben. Sie hatte die letzte Nacht zu wenig darüber nachgedacht. Aber nun… brach alles über sie herein. Sie konnte und wollte an keinem andren Ort leben. Dafür lagen ihr das Land des dunklen Mondes und ihr Volk zu sehr am Herzen. Die Harpyas banden sich einfach nicht an einen Partner. Schon als kleines Mädchen, hatte man sie gelehrt, den Masculinas niemals zu viel Macht oder Einfluss zuzugestehen. Sich niemals zu verlieben, sie nur als Erzeuger der Kinder zu sehen. Wenn Männer sich anfingen einzumischen, dann endete das in der Katastrophe. Doch warum hatte Aellia denn diese aufbegehrende, immer lauter werdende Stimme in sich, die ihr sagte, dass doch eigentlich die Harpyas selbst ihre Welt ins Unglück gestürzt hatten, gerade weil sie eben diese Einstellung zu den Masculinas vertraten. Dabei wäre es doch nur recht und menschenwürdig gewesen, wenn sie die Männer etwas mehr geachtet, sie etwas mehr in das Leben mit den Kindern und alles andere, eingebunden hätten. Sie ernster genommen hätten. Die Harpyas war ein so matriarchalisches Volk und dabei… hätte etwas mehr Liebe, etwa mehr Respekt, die Situation wohl früher entschärfen können. Hier im Land des Silber-Mondes schien alles so ausgewogen und es gab weder Mangel an Frauen, noch an Männern. Das liess schon Fragen aufkommen, wie es in der Kultur der Harpyas soweit hatte kommen können.

Als Aellia sich bei solchen Gedanken ertappte, ergriffen sie auf einmal wieder andere Schuldgefühle. Wie nur konnten ihr solche Gedanken durch den Kopf gehen? Sie war erst so kurz hier und schon stellte sie ihre ganze Welt in Frage. Ihre Göttin hatte den Harpyas dieses Leben vorgelebt. Sie hatte sehr gelitten unter den Männern und sich schliesslich gegen deren Herrschaft aufgelehnt. Jedenfalls… sagten das die Legenden. „Woher willst du wissen, das Lilithia wirklich so lebte, das alles überhaupt wahr ist?“ begehrte diese unmögliche Stimme wieder in ihr auf. „Wer sagt dir, dass dein Volk diese Legenden nicht einst zu ihrem Vorteil genutzt hat? Woher weisst du, dass das Leben das ihr dort oben geführt habt, in stetigem Zwielicht und Dunkelheit, nur beschienen vom dunklen Mond, euch schliesslich zu so einer Denkweise geführt hat? Was für Möglichkeiten hattet ihr denn sonst? Ihr musstet euch mit den recht kargen Gegebenheiten arrangieren.“

Dieses Reich hier, es war grün, es war fruchtbar, Leben war in so vielfältigen Formen möglich. Im Reich des dunklen Mondes, war das nicht so. Es gab kaum etwas. Die Harpyas waren mit sich allein, nur ab und zu wurden sie besucht von den Drakoniern. Sonst waren sie auf sich gestellt, ausser dass die grosse Göttin sie stets beschien und sie sich ihre Eigenständigkeit, ihre Freiheitsliebe und ihre Ungebundenheit zu eigen gemacht hatten. „Aber um welchen Preis eigentlich?“ begehrte die kritische Stimme in ihr wieder auf. „War es wirklich so erstrebenswert, als Frauen die völlige Allmacht zu haben? Die Masculinas, oder vielmehr die Männer zu unterjochen, den Kindern einen Elternteil zu entziehen und dadurch noch einsamer zu werden?“ Aellia spürte plötzlich, wie ihr heisse Tränen in die Augen stiegen. Auf einmal wurde ihr ihre eigentliche tiefe Einsamkeit, die sie in ihrer Heimat gefühlt hatte, bewusst. Nun gut, man hatte sie stets gefördert, man hatte ihr ein gutes Leben dort ermöglicht, sie respektiert und sie auch unterstützt. Aber etwas hatte ihr immer gefehlt. Sie sah das jetzt, da Nannios über den Sinn elterlicher Zuneigung gesprochen hatte, auf einmal ganz klar. Ihre Mutter war keine schlechte Mutter gewesen, sie hatte sich um ihre Tochter gekümmert, doch innige Zuneigung hatte sie von ihr kaum erfahren. Wie die andern Harpyas, wollte sie sich auch nicht zu sehr von ihren Kindern einschränken lassen. Aellia musste schon sehr früh lernen, auf eigenen Beinen zu stehen, es war ihr nicht erlaubt, richtig Kind zu sein. Ihre Mutter hatte ihrer Tochter nie wirkliche Geborgenheit vermittelt und Aellias Vater, lebte in einer vollkommen andren Welt als sie. Ja, sie hätte sich oft tatsächlich mehr Nähe zu ihren Eltern gewünscht, denn sie sah hier bei den Lunariern, dass dies möglich war und… nicht nur das! Die Leute hier schienen sehr glücklich damit zu sein.

Auf einmal begann die junge Harpya heftig zu schluchzen. Der ganze Schmerz über all diese Dinge, brach wie eine Welle über sie herein. Sie dachte an ihre Mutter, die sie nie einfach mal umarmt und geherzt hatte, welche sie aber umso mehr tadelte, wenn Aellia Schwäche zeigte. Die ihr beigebracht hatte, die Männer als minderwertigere Geschöpfe anzuschauen. Aellia wurde die ganze Tragweite, ihrer Entfremdung von ihrem Vater bewusst, der nie eine Chance gehabt hatte, seine Tochter besser kennenzulernen, sich an ihrer Erziehung zu beteiligen, ihr den väterlichen Halt, väterliche Stabilität zu geben, welchen sie doch eigentlich so sehr gebraucht hätte. Erst jetzt wurde ihr klar wie sehr. Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen und sie weinte, weinte immer weiter. Es wurde ihr bewusst, dass das Festhalten der Harpyas an der grossen, dunklen Mondgöttin, das scheinbare Orientieren an ihrem Leben, ihrem Schmerz, den sie durch das Verlieren des Paradieses im Prinzip erlitten hatte, eigentlich nur dazu diente, den eigenen tiefen Schmerz zu überdecken. Vermutlich war alles ganz anders, vermutlich war es gar nicht wirklich im Sinn der Göttin, dass man sie sich auf diese Weise zum Vorbild nahm und andere Geschöpfe dabei diskriminierte.



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