Das Land des dunklen Mondes (9)

4. Kapitel

Nannios und die Priesterin blieben allein zurück. Aellia entsann sich wieder der letzten Worte, welche der Lunarier ausgesprochen hatte und erneut wurde sie zornig. „Was meinst du damit, nur alle drei Monate?! Das ist eine sehr nützliche Einrichtung, wir sind dadurch einiges freier, als eure Frauen. Ich bemitleide sie!“ Auch Nannios wurde nun ungehalten. „Du musst unsere Frauen bestimmt nicht bemitleiden, sie sind stolz auf ihre monatliche Fruchtbarkeit. Und wenn sie nicht schwanger werden wollen, dann gibt es auch Mittel und Wege, das zu verhindern. Die Fruchtbarkeit einer Frau ist jedoch ihr höchstes Gut.“ „Das kommt ganz darauf an, wie man es betrachtet!“ konterte Aellia angriffslustig. „Wir haben mit unserer selteneren Fruchtbarkeit viel mehr Freiheiten. Wir können uns mit unzähligen Masculinas, nur des Vergnügens wegen paaren, ohne dass wir gleich fürchten müssen, von einem Unwürdigen geschwängert zu werden.“ „Einem Unwürdigen?“ „ Ja es gibt unwürdige Masculinas und solche die würdig sind, unseren Nachwuchs zu zeugen.“ „Was um alles in der Welt ist das für ein Name: Masculina?“ „So nennen wir unsere Männer.“ „Ach so. Dieser Ausdruck ist mir unbekannt. Es gibt bei uns nur Männer und Frauen und bei uns sind alle würdig, allerdings werden nicht alle von einer Frau erwählt. Es muss doch einiges stimmen.“ „Die Frauen hier wählen also auch ihre Partner aus?“ „Ja, abgesehen von der Priesterin, welche sich am Fruchtbarkeitsfest mit dem König paart. Diese wird auserwählt, allerdings von der Hohepriesterin, nicht vom König selbst. Es ist eine grosse Ehre für die Priesterin, welche sich mit Varthemos vereinigt, denn sie nimmt in diesem Moment die Position der Göttin ein und er die Position unseres Gottes Heliosus.“

„Ich habe bereits davon gehört, dass ihr einen männlichen Gott verehrt. Bei uns gibt es so etwas nicht.“ „Keinen männlichen Gott? Das ist aber seltsam, wer bildet dann den ergänzenden Part zur weiblichen Göttin?“ „Lilithia braucht keinen Gott der sie ergänzt, sie ist alles in einem und lebt ihre Sexualität nach ihren ganz eigenen Regeln. Sie ist frei und ungebunden und ihre Kinder stammen von vielen verschiedenen Partnern ab, welche sich als würdig erwiesen. Wir sind ihre Kinder und so leben wir nach ihrem Vorbild.“ „Das heisst also, ihr kennt die Liebe gar nicht?“ „Doch wir kennen Liebe, aber unsere Liebe ist so vielseitig, wie unsere Göttin. Jedenfalls führt uns unsere Liebe nie soweit, dass wir unsere Freiheit aufgeben.“ „Du kommst wirklich aus einem seltsamen Land.“ „Mein Land ist nicht seltsamer als eures hier. Es kommt auf die Betrachtungsweise an.“ Nannios schaute Aellia einen Moment lang wortlos an. Er schien etwas verwirrt und doch…wirkte er irgendwie neugierig. Er interessierte sich für sie und sie sich…auch wenn sie es ungern zugab, auch für ihn. Er war wirklich ganz anders als die Masculinas in ihrer Welt. Das erste Mal erlebte sie, dass ein Mann mit ihr diskutierte und sich nicht von ihr einschüchtern liess. Jedenfalls wenn, dann liess er es sich nicht anmerken.

„Und diese Nacht, feiert ihr jetzt das Fruchtbarkeitsfest?“ fragte sie. „Ja, alle zwei Monate, wenn Lunaria in ihrer vollen Pracht am Himmel steht und die Lange Nacht herrscht.“ „Warum nennt ihr es Lange Nacht?“ „Weil wir abwechselnd eine lange und eine kurze Nacht haben. Dafür sind unsere Tage kürzer.“ „Ja unsere Tage sind auch ziemlich kurz. Und wenn ihr dieses Fest feiert, sind dann eure Frauen immer empfängnisbereit?“ „Ja, es ist bei ihnen wie bei unserer Göttin. Wenn sie am hellsten strahlt, dann liegt ein besonderer Segen auf uns. Die Frauen sind besonders empfängnisbereit und die Söhne und Töchter, die dann gezeugt werden, werden stark, weise und gut.“ „Habt ihr… mehr Frauen oder mehr Männer in eurem Volk?“ fragte Aellia vorsichtig. „Es ist ziemlich ausgewogen und das ist gut so, denn dann ist unser Überleben gesichert und alle finden meistens einen Partner, der mit ihnen Nachwuchs zeugt.“ Als Aellia das hörte, spürte sie einen Stich im Herzen, denn sie dachte an ihre eigenes Volk, das vom Aussterben bedroht war. Um unangenehme Fragen seinerseits zu vermeiden, meinte sie: „Es würde mich interessieren, wie das Fruchtbarkeitsfest bei euch gefeiert wird. Willst du mich etwas herumführen?“ „Natürlich gern!“ sprach Nannios und schien sehr erfreut über ihr Interesse.

So gingen sie hinaus auf die Terrasse und erhoben sich von dort in die Lüfte. Aellia schaute sich um. Die Stimmung war heiter in dieser Nacht. Viele Lunarier waren unterwegs. Fröhliche Musik drang an ihr Ohr und sie beobachtete viele Paare, die einen eleganten Paarungstanz in der Luft ausführten. Sie umkreisten sich und die Männer vollführten teilweise wilde Flugmanöver, um ihre Partnerin zu beeindrucken. Dann wieder, fassten sich die beiden an den Händen und drehten sich zusammen in anmutigen, spiralenartigen Bewegungen durch die dunkelsamtenen Räume dieser Welt. Dabei sahen sie sich tief in die Augen und schmiegten sich dazwischen wieder aneinander. Die Frauen drehten sich manchmal um, und boten sich ihrem Partner spielerisch dar. Wenn dieser dann aber einen Annäherungsversuch machte, drehten sich die weiblichen Lunarier wieder herausfordernd ab und die Männer gaben erneut eine Kostprobe ihrer Flugkünste, um noch mehr Eindruck zu schinden. Die Frauen genossen die Bemühungen um sich und liessen ihren Auserwählten, immer etwas näher an sich heran. Aellias Herz begann irgendwie schneller zu klopfen, als sie diesem Schauspiel beiwohnte. Besonders als ein Paar an ihre vorbeiglitt, das bereits auf dem Höhepunkt ihres Paarungstanzes angekommen schien. Die Lunarierin hatte sich umgedreht und ihr Partner schmiegte sich von hinten ganz eng an sie. Ihre leicht nach aussen gedrehten, weissen Flügel mit den smaragdgrünen Spitzen, fächelten ihrem Liebsten sanft etwas Luft zu. Ihr blondes, langes Haar, bedeckte die eine Seite ihres Gesichtes. Doch Aellia sah trotzdem, dass sie wunderschöne, smaragdgrüne Augen besass. Ihr Gefährte war ein Masculina mit silbernem Gefieder, welches durchzogen war mit einigen azurblauen Federn. Seine nackten, kräftigen Arme, umschlangen die Partnerin. Seine Hände lagen auf ihrer, samtglänzenden Haut, welche dieselbe helle Farbe besass, wie jene von Nannios. Es war bei den Harpyas, oder hier bei den Lunariern üblich, sich in der Luft zu paaren.

Doch der Paarungstanz hier war gänzlich anders. Irgendwie sanfter und liebevoller, als in Aellias Welt. Es machte den Eindruck, als ob diese Paare hier einander wirklich sehr nahe stehen würden und es schien wirklich, als wären beide gleichberechtigt.
Bei den Harpyas, waren die Masculinas einfach Mittel zum Zweck. Natürlich war es bei der Paarung manchmal auch sehr leidenschaftlich und die Männer flogen ebenfalls ihre wilden Flugmanöver, für die Frauen. Allerdings, kannte zumindest Aellia, keine solche Verbundenheit mit einem Masculina, wie sie sie hier zu sehen bekam. Bisher hatte sie auch noch nie einen Masculina auserwählt um ihren Nachwuchs zu zeugen. Das nächste Mal beim Empfängnisfest der dunklen Mondgöttin, wäre es soweit gewesen. Nun allerdings, war das auf einmal in weiter Ferne gerückt. Sie spürte wie das Heimweh an ihr zu nagen begann und doch… irgendwie interessierte sie dieses fremde Volk. Sie wollte mehr darüber erfahren und wie es aussah, gab es hier sehr ansehnliche, männliche Exemplare, welche einer Harpya würdig gewesen wären.

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