Das Mädchen

Vorsichtig stellt Luis die bis zum Rand mit dampfendem Milchkaffee gefüllte Tasse neben Priskas Notebook ab. Sein Blick heftet sich auf den Monitor.
»Du denkst also tatsächlich, dass das die Erklärung für deine nächtlichen Panikattacken ist?« Der Ausdruck in seinen Augen ist schwer zu deuten. Vermutlich ist er spätestens jetzt davon überzeugt, dass seine Frau nicht mehr alle Latten am Zaun hat.

Priska seufzt und nippt am heißen Milchschaum. Luis hat es nicht versäumt, den Kaffee mit etwas Karamellsirup zu verfeinern. Ein Hauch von Behaglichkeit legt sich über ihre ungemütlichen Gedanken. »Wir haben doch ausgiebig über meinen Traum von letzter Nacht gesprochen?«
Luis Miene verfinstert sich. »Dass Träume Beweischarakter haben, ist mir neu. Wenn dem so wäre, könnten wir diese Unterhaltung gar nicht führen. Denn dann hätten mich schon vor langer Zeit die schrumpeligen, grauen Männchen, die mir nachts hin und wieder begegnen, auf einen Planeten namens Numidos entführt und Hackfleisch aus mir gemacht.« Obwohl ihr gar nicht danach zumute ist, muss Priska unwillkürlich auflachen. Sie verschluckt sich an ihrem Kaffee. »Ach Luis,« krächzt sie hustend. »Du machst mich noch wahnsinnig.«
»Ich befürchte, das erledigst du schon selbst,« entgegnet ihr Mann kühl. Seine Worte treffen sie unvermittelt wie ein Peitschenhieb und lassen sie zusammenzucken. Solche spitzen Äußerungen sind untypisch für Luis. Ihre langjährige Liebe basiert auf nahezu vollendetem Gleichklang. Disharmonien gab es bisher kaum. Doch der gemeinsame Jahrmarktsbesuch und die darauffolgende Nacht scheinen die perfekt austarierten Waagschalen ihrer Beziehung aus der Balance gebracht zu haben. Bereits in dem Augenblick, da Elena ihren nächtlichen Besucher zum ersten Mal erwähnte und Priska sie in ihrem Glauben offensichtlich bestärkte, war Luis Toleranzschwelle eindeutig überschritten gewesen. Dass der Geisterfreund nun seine Identität aufgedeckt und sich noch dazu erdreistet hat, auch in Priskas Kopf herumzuspuken, verbessert die Situation, wie sie sich aus Luis Blickwinkel darstellt, nicht wirklich. Priska kann ihm seinen Unmut noch nicht einmal verübeln. Dennoch ärgert sie sich über seine Bemerkung. Sie fühlt sich von ihm im Stich gelassen. Luis macht es sich zu einfach, wenn er die seltsamen Ereignisse ausschließlich als Symptome ihrer Überspanntheit abtut. Elenas Telekinesedarbietung hat er sogar mit eigenen Augen gesehen. Trotzdem weigert er sich strikt, übersinnliche Phänomene auch nur in Betracht zu ziehen. Vielmehr macht er seine Frau dafür verantwortlich, dass Elena sich derzeit lieber mit imaginären Geisterfreunden als mit solchen aus Fleisch und Blut umgibt. Die Szene im Kettenkarussell hat er ebenfalls auf die augenscheinlichen Tatsachen zurechtgestutzt. Der Bügel war defekt. Ebenso wie die Wahrnehmung von Frau und Tochter. Die dunklen Schatten seien Auswüchse ihrer beider blühender Phantasie. Eine Art Massenhysterie im Kleinen, so Luis. Die Vorwürfe, die in jedem seiner Sätze mitschwingen, sind inzwischen nicht mehr latent zu nennen, sondern springen Priska direkt ins Gesicht. Je mehr sie miteinander reden, desto unverstandener fühlt sie sich.

Der Milchschaum ist in sich zusammengefallen und der Kaffee erkaltet. Priska leert die Tasse hastig. Um Luis bohrenden Blicken auszuweichen, starrt sie dabei weiter auf den Bildschirm. Die flimmernden Worte ergeben keinen Sinn mehr. Nur Buchstabensalat. Dafür wirkt die alte Bleistiftzeichnung in dem Onlineartikel umso plastischer. Priska spürt förmlich, wie die Last der unheimlichen Kreatur, die da über dem schlafenden menschlichen Körper kauert, ihr selbst die Luft abdrückt und den Lebensodem raubt. Ein Schauer läuft ihr über den Rücken. Zu präsent das unheimliche Wesen, welches letzte Nacht von ihrer Zimmerdecke hing.

Als Luis seine warme Hand auf Priskas steifen Finger legt, erschrickt sie. Doch sie entzieht sich seiner Berührung nicht.
»Priska, es tut mir leid, dass ich eben so schroff war. Aber Aufhocker? Ich bitte dich. Das klingt doch eher nach einem verstaubten Ammenmärchen als nach einer plausiblen Theorie.«
»Findest du? Nach dem, was in den letzten Tagen alles passiert ist, erscheint mir diese Erklärung gar nicht so abwegig.« Endlich stellt sie sich seinem skeptischen Blick und kontert ihn mit trotziger Herausforderung. »Versuch doch einfach mal, außerhalb deiner unzähligen Schubladen zu denken. In meinem Hirn herrscht Anarchie. Vielleicht macht mich das verrückt, aber es erweitert auch den Horizont.«
Luis schüttelt den Kopf. »Nein, so einen Unfug kann ich beim besten Willen nicht glauben. Überleg dir das bitte nochmal mit der Verhaltenstherapie. Ich bin mir sicher, dass dir die Insomnie diese ... .Wahnvorstellungen ... in den Kopf pflanzt. Und ich halte es für unverantwortlich, dass du Elena mit hineinreißt in deine Paranoia.«
»Luis, wenn du mir auf die Tour kommst, hat es echt keinen Sinn mehr, wenn wir uns darüber unterhalten.« Brüsk schüttelt Priska seine Hand ab und steht so ruckartig auf, dass sie dabei ihren Stuhl umwirft. Krachend knallt die Lehne aufs Parkett. «Manchmal wünsche ich mir, dass du nur eine Nacht das durchlebst, was mir seit Ewigkeiten widerfährt.«
»Was würde das bringen? Dass wir beide handlungsunfähig und irrlichternd durch die Gegend stolpern?«
»So siehst du mich also? Als durchgeknalltes Wrack?« Die Wut lässt Priska zittern. Es fehlt nicht viel und sie spuckt Luis in seine Souveränität heuchelnde Visage.
»Es gibt Momente, da hasse ich dich. Jetzt gerade ist so einer.«
Sie hat die Worte leise ausgesprochen. Dennoch treffen sie Luis im Innersten. Priska kann beinahe sehen, wie etwas in ihm zerbricht.
»Und ich liebe dich«, entgegnet er schlicht. »Aber ich mache mir Sorgen.«
Sie hat ihn verletzt. Und er sie. Priska kämpft mit widerstreitenden Emotionen. Einerseits möchte sie ihm gerne den Schmerz vom Gesicht küssen. Andererseits würde sie ihn am liebsten eigenhändig auf den Mond oder seinen Alptraumplaneten Numidos schießen.Stattdessen sagt sie nur:
»Wir müssen gleich los.«

Die Leiterin von Elenas Kindergartengruppe hat die Eltern um ein Gespräch gebeten. Weder Priska noch Luis wissen, um was es geht. Doch Priska schwant nichts Gutes. Luis hat den Tag freigenommen. Und eigentlich wollten sie die Stunden bis zu dem Termin auskosten und in idyllischer Zweisamkeit verbringen. Nun sind sie beide froh, dass sie vorerst aus dieser verfahrenen, wenig romantischen Situation flüchten können.

»Wie ihr wisst, sind wir von Elenas Kreativität und ihrer ausgeprägten Kommunikationsfähigkeit sehr angetan.« Elenas Kindergärtnerin, Katja Averbeck, bemüht sich sichtlich darum, eine angenehme Atmosphäre und Grundlage für ihre Unterredung zu schaffen. Doch ihre Finger, die sie in fliegendem Wechsel ver- und entknotet, strafen das vorgegaukelte Wohlfühlambiente Lügen. Priska rutscht unruhig auf dem bunten Kinderhocker hin und her und versucht, eine halbwegs entspannte Sitzposition einzunehmen. Sie befinden sich im Werkraum. Auf dem Tisch, dessen Originalton unter der Vielzahl von Farbklecksen kaum noch zu erahnen ist, stehen bunte Dosen mit noch bunteren Papierblumen. In so einer Umgebung ist es nahezu unmöglich, dunklen Gedanken anheimzufallen. Oder?
Nach einem kurzen Räuspern fährt Katja fort: »Häufig ist der Übergang zwischen Elenas üppig ausgestatteter Phantasiewelt und der Realität allerdings schwimmend. Was aber durchaus normal sein kann in dem Alter. Hat sie eine neue Freundin, die bei euch quasi ein- und ausgeht?«
Die Eltern wechseln einen kurzen Blick. »Nein«, antwortet Luis. »Nicht, dass wir wüssten. Und keines der Kinder, die sie kennt, besucht sie häufiger als ein- bis zweimal die Woche.«
Priska schluckt. Sie kann sich denken, worauf diese einleitenden Worte hinauslaufen. Trotzdem möchte sie zunächst abwarten und einen Blick auf Katjas Sicht der Dinge erhaschen.
»Könnt Ihr euch vorstellen, dass sie eine imaginäre Freundin hat? Eine unsichtbare Begleiterin, mit der sie allerhand unternimmt und von der sie oft spricht?«
»Der Begriff ist uns durchaus geläufig,« erwidert Luis scharf. Seine Frau weiß, dass der schneidende Tonfall ein reiner Abwehrmechanismus ist. Doch Katja zieht irritiert die Augenbrauen hoch. Da Priska befürchtet, das Gespräch könne eine wenig zielführende Wende nehmen, schaltet sie sich früher ein als ursprünglich beabsichtigt:
»Vor Kurzem waren wir auf dem Volksfest und da hat sie ein Mädchen erwähnt, das ihr angeblich beim Dosenwerfen geholfen hat. Wir haben aber niemanden gesehen.« Den Umstand, dass ihr selbst das Geisterkind schon im Traum erschienen ist, lässt sie lieber unter den bunten Holztisch fallen.
»Hat sie das Mädchen beim Namen genannt?« Katja wirkt nicht überrascht und setzt ihr Verhör unbeirrt fort.
»Eleonore«, antwortet Priska und beobachtet dabei ihren Mann. Luis Mund ist nurmehr ein dünner Strich. Er starrt an Katja vorbei, durch das große Fenster in den Garten hinaus, wo Elena gerade unbeschwert mit ihren Kindergartenfreunden umhertollt..
»Ja, dann reden wir von dem gleichen Mädchen,« stellt Katja fest.
»Von dem gleichen, nichtexistenten Mädchen,« ergänzt Luis.
Katja ignoriert seinen Einwand und legt stattdessen ein DIN-A3-großes Blatt Papier auf den Tisch. Es handelt sich um eine Kinderzeichnung. Zweifellos stammt sie von Elena. Priska braucht einen Moment, um das Bild in seiner Ganzheit zu erfassen. Auf den ersten Blick scheint es das perfekte Familienidyll widerzuspiegeln. Groß und Klein unter einem kunterbunten Regenbogen und einem blauen Himmel, von dem eine freundliche Sonne auf glückliche Menschen herunterlacht. Nur zählt diese Familie vier Mitglieder statt drei. Eines der Kinder trägt ein rotes Kleid und eine Haarschleife im gleichen Farbton. Im Arm hält es etwas, das aussieht wie eine Puppe. Ebenfalls in roten Stoff gewandet. Priskas Pulsfrequenz verdoppelt sich augenblicklich und ihr stockt der Atem. In Elenas Zeichnung steht das Geistermädchen lachend zwischen Mutter und Tochter und hält beide an der Hand. Sie ist die Einzige mit einem fröhlichen Gesichtsausdruck. Die Münder von Elena und ihren Eltern sind lediglich waagrechte Linien. Elenas andere Hand geht direkt in Luis rechten Arm über. Er wird damit zu einem weiteren Glied dieser kleinen Menschenkette. Links neben Priska türmen sich schwarze, mit Schwung aufs Papier gebrachte Wolken zu einem seltsamen Ungetüm. Angesichts dieses verstörenden Gebildes verblasst sogar der leuchtende Regenbogen.
»Was ist das?« Priska deutet auf einen gelbgrünen, länglichen Klecks, der sich zwischen dem Kopf ihres gemalten Abbilds und dem unheilvollen, schwarzen Wolkenturm befindet. Für Letzteren benötigt sie keine Interpretationsversuche von Dritten. Die monströsen Schemen sind ihr wohlvertraut.
»Das habe ich Eure Tochter auch gefragt.« Katja wirft nun ebenfalls einen Blick aus dem Fenster. Dieser heftet sich auf Elena, welche inzwischen unter einem Baum kniet und mit beiden Händen im Laub wühlt. »Sie meinte, das sei die Waldfee Esmeralda. Elena verfügt über eine sehr konkrete Vorstellung von ihrem Aussehen. Die Fee hat goldenes, langes Haar und blaue Augen und sie trägt immer ein grünes Kleid.«
Priska muss an ihre Illustration für das Märchenbuch denken. Hat Elena den Skizzenblock entdeckt und die blonde Fee mit den geheimnisvollen, weisen Augen in ihrer eigenen Phantasie zum Leben erweckt? Oder sind die vielen Parallelen nur das Ergebnis eines seltsamen Zufalls?
»Wie gesagt ist es nicht unüblich, dass Kinder in Elenas Alter Fiktion und Realität vermengen. Auch imaginäre Freunde sind ein klassisches Phänomen dieser Phase. Dies alles steht für eine gesunde Entwicklung und ein interessiertes Kind mit einem wachen und phantasiebegabten Geist.«
»Aber?« Luis, der die letzten Minuten schweigend das Treiben im Garten beobachtet und Elenas Zeichnung nur eines kurzen Blickes gewürdigt hatte, lehnt sich, offensichtlich alarmiert durch Katjas sonderbaren Unterton, ein wenig nach vorne. In dieser Position wirkt seine lange Gestalt noch deplatzierter auf dem niedlichen Zwergenstuhl.
»Was mich beunruhigt, ist die Verbissenheit, mit der Elena das Ganze angeht. Sie ist davon überzeugt, dass sie die Fee um jeden Preis herbeirufen muss, um großes Unglück von Euch allen abzuwenden. Wann immer sich ihr die Gelegenheit bietet, versucht sie, Esmeralda mit Arrangements von Zweigen, Fichtenzapfen, Kastanien und Schneckenhäusern anzulocken. Am liebsten drapiert sie ihre Requisiten an den Rändern von Wasserstellen und Pfützen. Ihre Kunstwerke beschützt und verteidigt sie, als seien sie der heilige Gral. Ein schiefer Blick und sie fährt ihre Krallen aus. Sie ist nahezu besessen davon, Esmeralda beschwören zu müssen. Und sie setzt sich dabei extrem unter Druck. Dauernd plappert sie davon, dass sie nicht genügend Zeit hat. Im Frühling sei es viel einfacher, Esmeralda aufzuspüren, da sie alle Arten von Blumen liebe, aber so lange könne sie nicht warten.«
Priska und Luis hängen gebannt und zugleich fassungslos an Katjas Lippen.
»Wie lange spricht sie schon von Esmeralda? Uns gegenüber hat sie dieses Wesen bisher noch nicht erwähnt.« Noch während Priska die Frage stellt, versichert sie sich mittels eines kurzen Blicks auf Luis, dass auch er heute zum ersten Mal von der ominösen Fee hört. Er hebt abwehrend und kopfschüttelnd beide Hände. Priska kann ihm deutlich ansehen, dass er inzwischen eindeutig genug hat von dem ganzen Hokuspokus.
»Erst seit ein paar Tagen.« Katja seufzt. »Ich weiß, dass das alles starker Tobak ist. So eine komplexe Welt aus imaginären Freunden ist mir bisher auch noch nie untergekommen.« Sie macht eine kurze Pause. »Eleonore und Esmeralda sind nicht die Einzigen. Es gibt da noch jemanden. Und der hat Elena wohl verboten, auf eigene Faust Kontakt mit der Fee aufzunehmen.« Die Kindergärtnerin tippt auf den gezeichneten Luis.
»Wie soll ich ihr etwas untersagen, von dem ich gar nichts weiß«, fragt der echte Luis.
»Der Mann auf dem Bild bist nicht Du«, erwidert Katja.

Im gleichen Moment sieht Priska, dass Elena mit Liebe zum Detail gearbeitet hat. Die Augen der männlichen Figur sind blau und nicht grün. Die Haare blond statt schwarz. Wieso war ihr das nicht gleich aufgefallen? Sie hält den Atem an und hört den Namen bereits, bevor er Katjas Mund verlässt:
»Das ist Ranieri.«
Noch ein Stuhl, dessen Lehne an diesem Tag stürmisch Bekanntschaft mit dem Fußboden schließt. Priska kann sogar verstehen, dass ihr Mann wütend ist. Und sie weiß, gegen wen sich sein Zorn richtet. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, blafft er sie an: »Siehst Du, was du angerichtet hast? Ich werde da jetzt nicht mehr länger tatenlos zusehen. Das ist definitiv ein Fall für den Psychologen.«
Katja reagiert mit wissenschaftlicher Neugier statt mit solidarischer Empörung. »Heißt das, Ranieri begegnet Euch heute nicht zum ersten Mal?«
»Nein, ich ... ähm ... kenne ihn schon länger«, antwortet Priska leise.
»Normalerweise neigst Du nicht zu solchen Untertreibungen«, lacht Luis humorlos. Dann wendet er sich an Katja: »Ranieri ist Priskas verstorbene Jugendliebe. Dass ich mich irgendwann mit toten Exfreunden herumschlagen muss, hat mir vorher auch keiner gesagt.«
»Deinen kindischen Sarkasmus kannst Du Dir sparen, Luis.« Zielgerichtet hat ihr Mann erneut die falschen Knöpfchen gedrückt. Priskas Körper mag auf Sparflamme köcheln, nicht aber ihre Wut.
Katja, ihrerseits routiniert und souverän im Umgang mit bockigen Kindergartenkindern, zeigt sich ungerührt von Luis und Priskas gegenseitigen Anfeindungen: »Interessant. Offensichtlich habe ich mit meinen bisherigen Erkenntnissen die Spitze eines Eisbergs touchiert. Übrigens wollte ich auch schon vorschlagen, dass wir eine Kinderpsychologin einschalten.«
»Ich glaube, Luis hatte eher an einen Psychologen für mich gedacht«, entgegnet Priska bitter.
»Das ließe sich ja gegebenenfalls miteinander verbinden«, antwortet Katja prompt. Priska fängt einen triumphierenden Blick von Luis auf. Sie kommt sich vor wie im falschen Film. Jede einzelne Faser in ihr sträubt sich gegen weitere Sitzungen beim Psychotherapeuten. Im Rahmen ihrer Insomnieproblematik hat sie eine regelrechte Odyssee an Therapien hinter sich gebracht. Und keine davon hat ihr bisher auch nur ansatzweise weitergeholfen. Gleich, ob es sich um verhaltens- oder tiefenpsychologisch orientierte Verfahren handelte. Um des lieben Friedens Willen versucht sie jedoch, versöhnlich zu erscheinen: »Ok, probieren wir es. Kannst Du uns jemanden empfehlen?«
Katja reicht ihr eine Visitenkarte. »Diplompsychologin Sarah Falkner – Psychotherapie für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.« Die Skepsis steht Priska ins Gesicht geschrieben.
»Ich denke, Ihr werdet sie mögen. Elena und Du. Sie ist wirklich gut.« Obwohl Katja sich um einen neutralen Tonfall bemüht, entgeht Priska nicht das Drängen in der Stimme der Kindergärtnerin. Sie ist sich darüber im Klaren, dass sowohl Elenas »imaginäre Freunde« als auch die Zwistigkeiten mit Luis auf Außenstehende befremdlich, ja, sogar besorgniserregend wirken. Doch Priska bezweifelt, dass sich die Therapeutin mit der Art von Dämonen auskennt, die sie Nacht für Nacht umtreiben. Angesichts der Absurdität dieses Unterfangens muss sie laut auflachen. Sie erntet einen verwunderten Blick von Katja und einen verärgerten von Luis.

Während Priska hinter Luis und Elena hertrottet, die Hand in Hand zum Parkplatz laufen, wandern ihre Gedanken nochmals zu dem Gespräch von eben und zu Elenas Zeichnung zurück. Katja lag noch mehr auf dem Herzen. Insbesondere die »Bedrohung«, die Elena in Form der schwarzen Wolke in ihrem Bild verewigt hat, wollte sie genauer analysieren. Luis Unwillen und der Mittagsgong machten ihr Vorhaben jedoch zunichte. Daher waren sie so verblieben, dass sie die Zeichnung, die Priska nun zusammengerollt in ihrer Rechten hält, mit der Psychologin eingehend besprechen werden.

Mann und Tochter warten bereits auf sie und vertreiben sich die Zeit damit, sich gegenseitig um das Auto herum zu jagen. Priska kann kaum glauben, dass dies derselbe Luis ist, der noch kurze Zeit vorher einem Eisblock hätte Konkurrenz machen können. Jetzt, in diesem Moment, ist er wieder jener warmherzige Mensch, den Priska kennen und lieben gelernt hat. Die kühle Distanziertheit, mit der er sie heute mehrmals abgestraft hat, kommt beinahe seelischer Grausamkeit gleich und ist für sie viel weniger greifbar und aushaltbar als etwa ein ausgewachsener Tobsuchtsanfall. Aber Luis neigt im Gegensatz zu ihr selbst nicht zu Wutausbrüchen.

Das Wasser ist fast zu heiß. Die gläserne Wand der Duschkabine sieht bereits aus wie Milchglas. Doch der warme Regen, der beruhigend auf sie einprasselt, sie umhüllt und zugleich den gesammelten Schmutz dieses unerfreulichen Tages von ihr abwäscht und den Ausguss hinunterspült, ist genau das, was Priska jetzt braucht. Gerötete Haut und Schrumpelfinger, wie Elena die aufgeweichten Fingerkuppen gerne nennt, nimmt sie dabei gerne in Kauf. Die latenten, durch die hohe Wassertemperatur hervorgerufenen, Kreislaufprobleme, empfindet Priska sogar als wohltuend – gehen sie doch mit einem tiefen Gefühl der Entspannung einher.

Ein leises Geräusch holt Priska aus ihrer Trance und durch die beschlagene Scheibe sieht sie gerade noch, wie die Badezimmertür sachte zuklappt. Sie wundert sich ein wenig, dass Elena oder Luis – sie weiß nicht, wer von beiden ihr einen heimlichen Besuch abgestattet hat, sie nicht angesprochen haben, doch sie denkt nicht weiter darüber nach.

Als sie aus der Dusche steigt und zum Bademantel greift, hört sie, wie Elena in ihrem Zimmer, das sich direkt neben dem Bad befindet, lacht. «Unbeschwertes Kinderlachen ist ein Geschenk«, sinniert Priska glücklich. Sie schlingt sich ein großes Handtuch um die nassen Locken und hört, ein wenig gedämpft von ihrem improvisierten Turban, wie Elena ein ihr unbekanntes Liedchen anstimmt. Sie summt fröhlich mit und ruft dann durch die angelehnte Tür: »Elena, hast Du dieses Lied aus dem Kindergarten? Das ist wirklich schön!«
Drüben im Kinderzimmer ist es plötzlich still. Von einer Sekunde auf die andere sind Lachen und Singen verstummt.
»Elena?« Priska ruft nun lauter. Es sieht ihrer Tochter gar nicht ähnlich, dass sie sie sich tot stellt.
»Elena ist hier unten. Bei mir.« Luis Stimme kommt aus dem Wohnzimmer.
»Mama, wir müssen Dir etwas zeigen. Beeil Dich!« Ja, Elena befindet sich eindeutig in Luis unmittelbarer Nähe.
Priska stellt sich die Frage gar nicht erst. Ihr Kopf schreit bereits die Antwort. Und sie fürchtet sich. Hat Angst, dass gleich die Badezimmertüre aufschwingt und eine lächelnde Eleonore vor ihr steht. Ihr wird noch schummriger als ohnehin schon und kurzerhand setzt sie sich auf den Toilettendeckel hinter sich. Im Bad ist es so warm wie in einer Dampfsauna und trotzdem fröstelt Priska. Instinktiv zieht sie den Gurt des Bademantels etwas fester und fühlt sich dennoch schutzlos.
»Mama? Kommst Du?« Ihre Tochter wird langsam ungeduldig.
Priska fasst sich ein Herz, reißt die Tür auf und hetzt, ohne auch nur einen Blick in das benachbarte Zimmer zu werfen, barfuß die Treppe hinunter. Das Handtuch fällt von ihrem Kopf und ihr noch immer klatschnasses Haar hinterlässt Rinnsale auf ihrem Körper und kleine Pfützen auf den Holzstufen. Irgendwo in ihrem Hinterstübchen amüsiert sich ein abgeklärtes Über-Ich darüber, wie lächerlich sie sich benimmt. Doch das ist ihr herzlich egal. Ihr Fluchtinstinkt walzt jeden rationalen Gedankenfunken platt.

Luis und Priska starren sie entgeistert an. Dennoch hat sie das Gefühl, dass die verstörten Gesichtsausdrücke nicht nur ihrem seltsamen Auftritt zuzuschreiben sind. Luis öffnet den Mund, doch er fragt nicht »Was zum Teufel ist in Dich gefahren?«, sondern: »Kennst Du dieses Foto? Das lag auf dem Esstisch, als wir vorhin heimgekommen sind.«
Er hält ihr eine vergilbte und etwas zerknitterte Schwarz-Weiß-Aufnahme entgegen. Eine innere Vorahnung will Priska davon abhalten, das Foto zur Hand zur nehmen. Doch sie ist zu überrumpelt. Bevor der Schock droht, sie an den Rand einer Ohnmacht zu katapultieren, brennt sich das unheimliche Bild gnadenlos auf ihre Netzhaut: Ein kleines Mädchen sitzt auf einem mit einem geblümten Überwurf ausgestatteten Sessel. Es trägt ein Kleid mit einem gerüschten Saum und Riemchensandalen. Das Haar ziert eine große Schleife und im Arm hält sie eine Porzellanpuppe, deren starrer Blick dem des Mädchens in Nichts nachsteht. Priska weiß, wen sie da vor sich hat, auch wenn sie Eleonores Gesicht noch nie zuvor gesehen hat. Im Gegensatz zu Elenas Zeichnung lächelt sie nicht. Ihr Antlitz scheint wächsern, was jedoch an der alten Aufnahme liegen könnte, die allein schon durch die Sepiatöne und die lange Belichtungsdauer verwaschen und gespenstisch wirkt.
»Ich muss mich setzen«, murmelt sie.
»Werde ich jemals wieder schlafen können?«, denkt sie.
»Kennst Du das Bild?«, wiederholt Luis seine Frage. Trotz ihrer Benommenheit spürt sie seinen forschenden Blick.
»Nein«, entgegnet sie mit dünner Stimme. »Aber ich weiß, wer das Mädchen ist.«
»Ja, das ist Eleonore«, ergänzt Elena im Plauderton. »Aber in Wirklichkeit sieht sie nicht so komisch aus.«
In Wirklichkeit. Priska schlägt zitternd die Hände vor dem Gesicht zusammen. Das alles wächst ihr definitiv über den Kopf. Und Luis, ihr Fels in der Brandung, kann und will ihr nicht in diese erschreckende Welt folgen, die sich langsam aber sicher über ihre gewohnte Realität stülpt und auch vor ihrer Tochter nicht Halt macht.
Als die Decke über ihr knarzt, zuckt sie zusammen. Sie spürt, wie das Blut in ihren Ohren rauscht. »Das Holz arbeitet«, würde Luis normalerweise sagen. Doch gerade schweigt er. Sie alle halten den Atem an. Knarrende Geräusche sind hier für sich genommen nicht ungewöhnlich. Aber in eben diesem Augenblick können sie sich nicht mit Harmlosigkeit tarnen. Am liebsten würde Priska schreiend aus dem Haus laufen.
»Ich muss auf's Klo.« Elena durchbricht die angespannte Stille und hüpft vom Sofa. Priska erhebt sich bereits, um mit ihr zu gehen. Irgendwie ist ihr unwohl bei dem Gedanken, dass ihr Kind ohne – lebende – Begleitung den Raum verlässt, doch Luis hält sie zurück.

Als Elena außer Hörweite ist, raunt er Priska zu: »Du weißt, dass das eine post- mortem-Aufnahme ist? Ich sehe dergleichen nicht zum ersten Mal.«
»Nein, das wusste ich nicht.« Die Augen des toten Mädchens verfolgen Priska, bis sie bewusstlos in Luis Armen zusammensackt. »Es gibt kein Entrinnen«, flüstert eine Stimme in ihrem Kopf. Dann wird alles schwarz.

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beta
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