Das Mädchen im roten Kleid

Klatsch. Klatsch. Klatsch. Die dicken Regentropfen fielen unaufhörlich auf die schwach beleuchtete Straße und das schon seit geschlagenen zwei Stunden. Es war einer der bisher eher seltenen Regentage in Saint Berkaine, eine Großstadt in New Jersey.
Die schweren und dicken Tropfen prasselten gegen Fenster, von denen einige noch beleuchtet waren. Die Regenrinnen waren schon längst überfüllt und das Wasser lief ungehindert auf die gepflegten, im Sonnenlicht schönen Vorgärten der Einwohner. Jetzt aber, in der tiefsten Nacht, wirkten die penibel gestutzten Buchsbäumchen mit ihren riesigen Schatten, die auf mein Gesicht fielen, gespenstisch.
Die verschiedenen Blumen, die sonst in den buntesten Farben strahlten, waren nur noch grau und erinnerten an gekrümmte Finger. Fast so, als gehörten sie einem Untoten, der sich aus seinem feuchten Grab befreien wollte. Ich fühlte mich einsam und verlassen und hatte, obwohl ich es ungern zugab, eine Heidenangst.
Ich glaubte von den zahlreichen Schatten verfolgt zu werden und sobald ich langsamer werden würde, würden sie sich in Monster mit großen, spitzen Zähnen verwandeln und mich fressen. Aber jedes Mal, wenn ich darüber nachdachte, wurde mir klar, wie blöd dieser Gedanke doch war.
Ich war 16 Jahre alt und nicht mehr sechs. Ich glaubte seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr an Monster, Geister oder Vampire, die mich nachts holen würden. Ein leichtes Lächeln huschte über mein Gesicht, doch wenige Sekunden später war dieses Lächeln verschwunden und stattdessen hörte ich einen Seufzer aus meinem Mund. Ich war seit Stunden unterwegs und der Regen und der eisige Wind, der mir in mein ungeschütztes, gefrorenes Gesicht und gegen mein Kleid peitschte, waren meine ständigen Begleiter. Inzwischen war ich völlig durchnässt. Von meinen schwarzen Haaren liefen ständig dicke Tropfen meinen Nacken und Rücken hinab, hinterließen eine andauernde Gänsehaut und verursachten Schüttelanfälle.
Aber am Schlimmsten hatte es mein Lieblingskleid getroffen. Es war durch die Nässe kalt und schwer geworden und am Saum hafteten noch immer Erde und hartnäckige Grasflecken, die ich wohl nie wieder herausbekommen würde. Diese Flecken reichten aus, um mich zum scheinbar tausendsten Mal an Quentin Jones und das schrecklichste Date aller Zeiten zu erinnern.

Er wollte mich um halb sieben abholen, doch schon drei Stunden zuvor begann ich damit, mich körperlich und mental auf dieses Date vorzubereiten. Nach einer halben Stunde unter dem warmen Wasser meiner Dusche zog ich zig Outfits an und aus, da ich mich für nichts wirklich begeistern konnte. Keins war perfekt für Quentin Jones, schließlich sah er gut aus, schrieb gute Noten und war ein echter Gentleman. Er war der perfekte Schwiegersohn.
Ich musste also ein Outfit finden, das ihm angemessen war. Ich konnte wohl kaum mit Jeans und schlabberigem T-Shirt auftauchen, aber die Suche war schwieriger, als erwartet. Der schwarze Rock war zu kurz, die weiße Bluse zu lang, diese Jeans zu eng und das blaue Kleid hatte mir sowieso nie richtig gepasst.
Verzweifelt schnappte ich mir mein Handy und rief Linda, meine beste Freundin, die nur ein paar Häuser weiter wohnte, an und flehte sie mit meiner panischsten Stimme um Hilfe an.
„Ganz ruhig, Holly“, sagte sie, nachdem ich ihr mein Problem geschildert hatte, wobei sie einen kurzen Lachanfall nicht unterdrücken konnte.
„Du hast doch so schöne Klamotten in deinem überaus vollen Kleiderschrank, da wird sich ja wohl das Passende finden lassen.“ Ihre ruhige und klare Stimme wirkte beruhigend auf mich, aber nicht lange, da ich immer noch keine Ahnung hatte, was ich anziehen sollte. Und ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich ziemlich in Zeitverzug geraten war.
„Zieh einfach dein rotes Kleid an, du weißt doch, das, dass du an meinem Geburtstag getragen hast.“ Daraufhin schlug ich mir mit der flachen Hand gegen meine Stirn. Anscheinend zu fest, denn wenige Augenblicke zeigte sich an der Stelle ein roter Fleck.
„Daran habe ich gar nicht gedacht! Dabei ist es mein Lieblingskleid. Aber meinst du nicht, dass es ein bisschen...prüde ist?“, fragte ich vorsichtig nach. Linda ließ ein weiteres Mal ihr hohes Lachen hören.
„Nein, es ist wirklich schön und steht dir. Zieh es an und wenn es Quentin nicht gefällt, ist es ja auch egal, oder? Lange wirst du es bestimmt nicht anhaben..." Ein weiterer Lacher folgte dieser unverschämten Aussage.
„Lass das, Linda, ich bin keine Schlampe“, keifte ich lautstark und empört in mein Handy.
„Tut mir leid, war ja nicht auf dich bezogen, schließlich weißt du, welchen Ruf Quentin hat. Aber vergiss das. Zieh einfach das Kleid an, damit ich auflegen kann und meine Hausaufgaben endlich fertig kriege“, antwortete sie gespielt entnervt, wobei ich mir ihr Gesicht mit den gerollten Augen am Ende der Leitung gut vorstellen konnte.
„Ja, ja, und danke für deine Hilfe.“ Gehetzt pfefferte ich das Handy auf mein Himmelbett und stürzte zu meinen Kleiderschrank. In meinem Kopf klang noch Lindas Aussage über Quentins Ruf nach.
Natürlich hatte ich von seinen unzähligen Eroberungen gehört, dafür sorgten die Mädchen in der Umkleide, während wir uns für den Sportunterricht umzogen. Sie erzählten jedem, der es wissen wollte und auch denen, die es nicht wissen wollten, wie charmant er doch sei und mit wie vielen Mädchen er schon ausgegangen war. Mich hatte ihr Gerede noch nie interessiert. Ich war der Meinung, dass man auf solches Getratsche nicht viel geben sollte, da das Meiste erstunken und erlogen war. Und das galt auch für Quentin Jones. Also hatte ich mir nicht viele Gedanken darüber gemacht, als er vorgestern im Korridor der Schule vor mir gestanden und mich mit einem bezaubernden Lächeln um ein Date gebeten hatte.
Nach etlichen Hosen, Röcken und einigen Handtaschen zog ich schließlich mein rotes Kleid hervor. Es hatte sowohl vorne, als auch hinten einen V-Ausschnitt, dazu eine Taillenschnürung und der untere Teil besaß zwei Schlitze. Gott sei Dank hatte es keine Knitterfalten, denn auf gehetztes Bügeln hatte ich absolut keine Lust. In Sekundenschnelle streifte ich mir das Kleid über und begann, mich zu schminken und meine Haare zu stylen.
Pünktlich um 18.30 Uhr klingelte es. Nach einem letzten prüfenden Blick in meinen Spiegel eilte ich nach unten und öffnete die schwere Holztür. Da stand Quentin, unter dem grellen und kalten Licht der Lampe an der Eingangstür, doch seinem guten Aussehen tat das keinen Abbruch. Sein blondes Haar war mit Gel gestylt, sodass es in alle Richtungen abstand. Das enge, dunkelblaue Hemd ließ seinen muskulösen Oberkörper erahnen. Dann sah er mir mit seinen beinahe saphirblauen Augen direkt in meine ebenfalls blauen Augen, grinste mich verschmitzt an und sagte mir, wie hübsch ich aussah. Innerlich dankte ich Linda ein weiteres Mal auf Knien für ihre Hilfe. Anscheinend war das rote Kleid die richtige Wahl.
Minuten später nahmen wir schon in seinem schwarzen Porsche Platz und waren auf dem Weg zum Kino. Eine halbe Ewigkeit erzählte er mir von seinen Freunden und seinen unzähligen Sportinteressen. Ich langweilte mich ein wenig, ließ ihn das aber natürlich nicht spüren. Ab und zu linste er mir in den Ausschnitt. Immer dann, wenn er dachte, dass ich gerade nicht auf ihn achtete. Ich war tatsächlich die halbe Zeit unkonzentriert und hörte ihm nur mit halbem Ohr zu, während ich aus dem Fenster schaute und die Menschen auf den Straßen beobachtete, wie sie schnellen Schrittes nach Hause oder zu einer Party unterwegs waren. Nur ab und zu nicke ich, um ihm zu signalisieren, dass ich zuhörte.
Um 19.10 Uhr saßen wir im Vorstellungsraum 3, mit Popcorn und Getränken bewaffnet, und warteten darauf, dass der Film begann. Es war nicht viel los, da der Film, irgendeine Actionkomödie, schon seit einem Monat vorgeführt wurde. Wenige Minuten nach Filmbeginn legte Quentin bereits seinen starken Arm um meine Schultern und zog mich nahe an sich heran. Ich spürte sofort seine Wärme und sein Duft, eine Mischung aus Rasierwasser, Deodorant und Schweiß, bekam ich in die Nase. Während des Films küssten wir uns häufig. Ich hielt ihn für einen guten Küsser, denn seine Küsse waren nicht zu feucht und auch nicht zu aufdringlich. Genau richtig.
Bis zu diesem Zeitpunkt war es ein rundum gelungener Abend. Ich war glücklich, grinste den ganzen Abend unablässig und er war höflich und zuvorkommend.
Doch das änderte sich schlagartig nach dem Film, denn er fuhr mich nicht, wie abgesprochen, nach Hause, sondern schlug den Weg in Richtung des Waldes an der Stadtgrenze ein. Das bemerkte ich allerdings erst, als ich die hohen und dunklen Umrisse der Ulmen vor mir ausmachte und die urplötzliche Stille um uns herum wahrnahm. Sofort beschlich mich ein ungutes Gefühl und mir wurde eiskalt. Hat der Typ etwa die Heizung ausgestellt? Als ich zu Quentin herübersah, grinste er mich nur lüstern und gierig an. Sein Blick war an meine, bis zu den Oberschenkeln, entblößten Beine geheftet. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass mein Kleid hochgerutscht war.
Die Atmosphäre schlug urplötzlich um. Von Quentins Höflichkeit und der Wärme und Sicherheit im Auto war nichts mehr übrig. Es war kalt und die Innenbeleuchtung über uns ließ seinen abscheulichen Blick noch bedrohlicher wirken. Ich hatte auf einmal das Bedürfnis auszusteigen und zu flüchten. Zu flüchten vor diesem Jungen, der nicht mehr Quentin Jones zu sein schien. Minutenlang saßen wir so im Auto. Ich, am äußersten Ende meines Sitzes kauernd, und er mir auf die Beine starrend.
Und plötzlich packte er mich gewaltsam an meinen Handgelenken, die zwischen seinen Händen eher dünnen Ästen glichen, und zog mich mit einem Ruck auf seinen Schoß. Mir stieg der süßliche Geruch des Popcorns und seines Schweißes in die Nase, während er mir selbstgefällig ins Gesicht sah.
Von dem charmanten und netten Jungen, der er bei Beginn des Dates gewesen war, war keine Spur mehr in seinem Gesicht zu erkennen. Er musterte mich von oben bis unten, leckte sich dabei genüsslich die Lippen und raunte mir mit seinem warmen Atem ins Ohr, dass er es jetzt mit mir treiben will.
Angewidert wand ich mich mit aller Kraft in seinem Griff. Vergeblich. Er war viel zu stark für mich. Amüsiert über meine Fluchtversuche grinste er nur dämlich und verstärkte den Griff um meine Handgelenke nur noch. Als ich nach weiteren Versuchen, die immer verzweifelter und panischer wurden, fast die Hoffnung auf Freiheit aufgegeben hatte, schoss mir eine letzte Möglichkeit durch den Kopf, wie ich aus dieser Situation entkommen konnte. Ich spuckte Quentin voller Abscheu mitten ins Gesicht.
Kurze Zeit war er perplex und Überraschtheit spiegelte sich in seinem Gesichtsausdruck wider, aber schnell verwandelte sich die Überraschung in rasende Wut. Ich erwartete, dass er mich anschreien würde, stattdessen öffnete er jedoch binnen von Sekunden die Fahrertür und beförderte mich von seinem Schoß direkt auf den harten Boden. Meine schwarze Handtasche schmiss er mir gleich hinterher.
Bevor ich überhaupt realisieren konnte, was geschehen war, startete er schon den Motor und raste davon. Alleingelassen machte ich mich dann auf den langen Heimweg. Meine Eltern konnte ich nicht anrufen, da ich mein Handy vergessen hatte. Außerdem machten sie gerade Urlaub auf den Bahamas.

Und so war ich in diese elende Situation geraten: im strömenden Regen, der unaufhörlich auf mich niederprasselte, wanderte ich alleine durch dunkle Gassen und Straßen.
Jetzt wurde mir auch allmählich bewusst, dass Linda mit dem Ausspruch „du weißt welchen Ruf er hat“ wohl doch recht gehabt hatte. Aber nun ließ sich das Date nicht mehr rückgängig machen.
Tja, Holly. Nachher ist man immer klüger, ließ meine innere Stimme verlauten, die verdächtig nach meiner Mom klang.
In den letzten Minuten war mir merklich kälter geworden und der Regen wollte einfach nicht aufhören. Als ich in den grauen Himmel über mir starrte, wusste ich, dass sich das Wetter sobald nicht ändern würde. Frustriert ging ich weiter.
Die Absätze meiner Schuhe klackten bei jedem Schritt, doch außer meinen Schuhen und dem ständigen Regen war nichts zu hören. Nicht ein einziges Auto war in den letzten zwei Stunden vorbeigefahren. Es wunderte mich, dass ich schon so lange unterwegs war, denn die Strecke war mir im Auto, vor allem in einem Porsche, viel kürzer vorgekommen, aber das lag wohl an der verfälschten Wahrnehmung.
Als ich wenige Schritte vor mir eine Bank entdeckte, ließ ich mich für einen Moment dankbar auf das kalte und harte Metall plumpsen. Eine beträchtliche Menge an Wasser spritzte zur Seite, da sich hier, wie überall, der Regen gesammelt hatte. Meine Lippen zitterten wie verrückt.
Mir war es egal, dass mein Kleid das Wasser unter mir in kürzester Zeit aufsaugte und es bis zu meinem Höschen drang. Ich spürte nur die Schmerzen in meinen Beinen und Füßen. Sie fühlten sich tonnenschwer an. Und auf einmal stiegen mir heiße Tränen der Verzweiflung, Anstrengung und Wut über meine eigene Dummheit in die Augen und liefen über mein kaltes, nasses Gesicht. Die Tränen hinterließen eine heiße Spur auf meiner Haut, aber der Regen spülte sie immer wieder fort. Ich atmete tief ein und aus und versuchte mich zu beruhigen.
Du heulst doch nicht wegen diesem Idioten, oder?, fragte ich mich selbst und stand auf. Ich schüttelte wie zur Antwort den Kopf und ging einige Schritte, bis ich bemerkte, dass mich meine Beine in eine dunkle und verlassene Gasse getragen hatten, die mir völlig unbekannt war.
Abrupt blieb ich stehen. Die Gasse war eng und schmal. Überfüllte Mülltonnen standen an den dreckigen grauen Hauswänden. Auch hier erstreckten sich überall tiefe Pfützen und kein Licht brannte in den kleinen Fenstern.
Panisch blickte ich mich weiter um. Mein Atem ging stoßweise und mein Herz raste.
Keine Panik, vielleicht kenne ich die Gasse ja doch und erkenne sie in der Dunkelheit nur nicht. Ja, anders kann es nicht sein. Ich kenne mich doch in meiner eigenen Stadt aus!
Ich wiederholte diese Sätze immer und immer wieder laut, um mich zu beruhigen. Nach einiger Zeit normalisierte sich mein Puls halbwegs und mir huschte sogar ein kurzes Lächeln über die Lippen, das allerdings etwas gequält war. Ich wollte gerade die Gasse verlassen, als ich in einiger Entfernung das verhallende Geräusch von Schritten vernahm. Ich spitzte die Ohren. Dieses Geräusch verursachte in mir ein Gefühlschaos.
Einerseits war ich unendlich froh, einen anderen Menschen gefunden zu haben, der mir vielleicht sein Handy leihen würde, damit ich Linda bitten konnte, mich abzuholen. Andererseits wusste ich nicht, was für eine Art Mensch hier herumlief. War er freundlich oder eher gefährlich? Ich war noch in Gedanken versunken, als ich dreißig Meter von mir entfernt eine dunkle Gestalt erblickte. Den Umrissen nach zu urteilen, war es ein Mann und zwar ein großer und starker Mann.
Plötzlich schoss mir ein Bild durch den Kopf. Ich, blutüberströmt in der Gasse liegend und über mir die dunkle Gestalt mit einem Schlachtermesser in der Hand und einem diabolischen Grinsen im Gesicht.
Blitzschnell wirbelte ich herum und rannte die Gasse entlang in Richtung Hauptstraße, wie ich hoffte. Einmal ließ ich mich dazu verleiten mich umzudrehen und nach dem Mann Ausschau zu halten. Das hätte ich besser lassen sollen, denn entsetzt musste ich feststellen, dass der Mann hinter mir herlief und mit großen Schritten die Entfernung zwischen uns überwand.
Der läuft doch nicht hinter mir her, oder? Ich habe ihm gar nichts getan. Vielleicht will er aber auch nur Hilfe von mir. Oder will er mich umbringen?
Die Angst betäubte meine Sinne. Tausende Gedanken hämmerten gegen meinen Kopf, doch keiner ließ mich stehen bleiben oder langsamer werden. Im Gegenteil. Ich beschleunigte meinen Schritt, soweit es mit fünf Zentimeter hohen Absätzen möglich war.
Dennoch hörte ich meinen Verfolger immer näher kommen.
Nach weiteren Schritten konnte ich seinen schweren Atem hören und schließlich aus den Augenwinkeln seinen Umriss erkennen. Die panische Angst vor dem Fremden ließ mich immer weiter laufen, obwohl mein gesamter Körper schmerzte, was ich aber nur am Rande wahrnahm. Das Adrenalin, das durch meine Adern floss, wirkte wie ein Schmerzmittel. Wieder spürte ich Tränen in meinen Augen.
Und auf einmal, wie aus dem Nichts, schoss irgendwo von der Seite ein Arm hervor, umfasste mit einem festen Griff meine Taille und zog mich in eine Nische unter einer stählernen Feuerleiter. Durch den Schock war ich völlig unfähig mich in irgendeiner Weise gegen den Fremden zu wehren oder zu flüchten. Ich spürte nur zwei starke Arme, die mich umklammerten. Die Haut, die mich berührte, war warm und, wie meine Haut, voller Regentropfen, die seine Unterarme entlangliefen.
Als ich meinen Blick weiter nach oben wandern ließ, sah ich, dass der Oberkörper des Fremden in ein teures schwarzes Hemd gehüllt war und sich schnell hob und senkte. Das Hemd war klitschnass und klebte an seinem Körper. Seine Hose und seine Schuhe, die nicht weniger edel wirkten als sein Hemd, waren ebenfalls pechschwarz.
Nach etlichen Minuten schaute ich mutig in sein Gesicht und war überrascht. Vor mir stand ein Junge, der etwa in meinem Alter zu sein schien. Ich hatte wegen der Größe und Statur eher mit einem 30- jährigen Mann gerechnet.
Der Junge hatte dunkelbraunes Haar, das vom Regen nass und platt auf seinem Kopf lag. Sein Gesicht war äußerst markant, man hatte keine Probleme seine Wangenknochen auszumachen.
Die Lippen waren relativ schmal und seine Nase gerade und unauffällig. Das, was mir jedoch am meisten auffiel, waren seine eiskalten grauen Augen, die mich direkt ansahen. Mir machten seine Augen Angst, denn ich hatte mir immer vorgestellt, dass nur Mörder oder Geisteskranke solche Augen besaßen.
Doch so sehr ich mich auch fürchtete, ich konnte mich diesen Augen und dem Fremden nicht entziehen. Ich wusste, dass es ziemlich unklug war, mit einem wildfremden Mann in einer dunklen Nische zu stehen, aber irgendetwas an ihm faszinierte mich. Vielleicht war es sein Gesicht oder sein gesamtes Auftreten.
Mir kam es wie eine Ewigkeit vor, dass wir beide so dastanden. Er, seine Arme um mich geschlungen und ich, den Blick auf sein Gesicht geheftet, während der untere Teil meines Kleides seine Beine umspielte. Das knallige Rot stand in extremen Kontrast zu seiner dunklen Kleidung.
Auf einmal weiteten sich seine Augen und mit einem Ruck hatte er mich noch näher an sich herangezogen, sodass ich mühelos seine Muskeln unter dem Hemd auf meiner Haut spüren und seinen Duft einatmen konnte. Merkwürdigerweise roch er leicht nach Metall und ein bisschen nach angekohltem Papier.
Der Duft, der mir unbekannt war und den ich beim besten Willen nicht einordnen konnte, brannte mir unangenehm in der Nase. Ich hörte seinen kräftigen und schnellen Herzschlag.
Ich konnte mir nicht erklären, warum er dermaßen aufgeregt war, doch mein Gedankengang wurde unterbrochen, als ich eine kalte und feuchte Hand auf meinem Mund spürte. Der Fremde blickte sich in alle Richtungen um, dann blieb er plötzlich regungslos und lauschte angestrengt in die Stille.
Ich dagegen schaute ihn empört an und versuchte seine Hand von meinem Mund zu ziehen, da diese letzte Geste mir meinen Selbsterhaltungstrieb zurückgebracht hatte.
Wie Nebel im Morgengrauen hatten seine Erscheinung und sein dominantes Auftreten meinen Verstand eingehüllt.
Nun sah ich wieder klar und sofort begann meine innere Stimme mir Vorwürfe zu machen. Was machst du denn da? Du kennst diesen Typen nicht, wahrscheinlich ist er ein Vergewaltiger oder Serienkiller. Mach, dass du weg kommst!
Jetzt wurde mir endgültig bewusst, wie dumm und gefährlich mein Verhalten war. Wieso hielt er mir den Mund zu? Wollte er mich ersticken oder wollte er, dass meine Schreie nicht zu hören waren, wenn er mich brutal ermordete und zerstückelte?
Durch eine weitere Vision meines eigenen Todes angetrieben, bei der ich nur noch aus kleinen blutigen Scheibchen in einer Mülltonne bestand und von großen dicken Ratten gefressen wurde, wehrte ich mich mit zunehmender Kraft gegen den Fremden mit den stahlgrauen Augen. Verärgert sah er mir dabei zu, wie ich wie eine Verrückte an seiner Hand auf meinem Mund zerrte, dann und wann meine Hände gegen seinen starken Brustkorb presste und mit aller Kraft versuchte mich von ihm wegzudrücken, um seinem Griff zu entkommen.
Aber je mehr ich mich wehrte und in seinen Armen zappelte, desto fester griff er zu. Zum zweiten Mal an diesem Abend fühlte ich mich einem Mann ausgeliefert. War das Zufall oder Schicksal?
Meine Haut begann bereits höllisch unter seinen Händen zu brennen, wie bei einem Feuerzeug, das man wenige Zentimeter unter seine Hand hielt, als ich abrupt innehielt.
Klatsch. Klatsch. Klatsch. Ich hörte Schritte von mehreren Menschen, die in unserer Nähe stoppten. Schwere, rasselnde Atemzüge durchbrachen nun die Stille. Neben mir stand der junge Fremde ebenfalls starr wie eine Salzsäule und lauschte den Atemzügen. Ein leichtes Zittern durchfuhr mich.
War es das Resultat der Kälte oder doch meiner Angst? Ich schloss einfach meine Augen und versuchte mit aller Kraft an etwas anderes zu denken, als an den Unbekannten und die weiteren, vermutlich gefährlichen Menschen in meiner unmittelbaren Nähe.
Vor meinem geistigen Auge tauchten meine Eltern auf, die mich freundlich anlächelten, dicht hinter ihnen stand Linda. Verträumt lächelte ich und vergaß für einige Augenblicke die Umgebung und die Ereignisse um mich herum. Da spürte ich auf einmal, dass der Griff um meine Taille lockerer wurde und die Hand auf meinem Mund verschwand. Ich schlug die Augen auf und blickte in ein erleichtertes Gesicht. Anscheinend war er deswegen so aufgeregt gewesen. Er hatte die Schritte schon vor mir gehört. Vielleicht hatten die Leute ihn gejagt und er war vor ihnen geflohen.
Ich setzte gerade dazu an, die vielen Fragen, die mir auf der Zunge brannten, loszuwerden, als er mir den Rücken zuwandte und durch den Regen in die Nacht verschwand. Anfänglich konnte ich noch seine Schritte hören, doch diese verhallten mit zunehmender Entfernung.
Immer noch völlig perplex stand ich weiterhin in der dunklen Nische, die mich halbwegs vor dem Regen schützte. In meinen Gedanken wirbelten die zahlreichen Geschehnisse dieser Nacht durcheinander. Das Date mit Quentin, mein einsamer Rückweg durch den Regen, der Überfall des Fremden und schließlich die anderen Unbekannten. Wie konnte all das an einem Tag, besser gesagt, in wenigen Stunden passieren? Warum war Quentin urplötzlich zu einem widerlichen Kerl mutiert? Wieso hatte ich mein Handy vergessen? Wer waren die fremden Gestalten gewesen, die mein unbekannter Retter zu kennen schien? Und wer war er?
Diese und Tausende andere Fragen rasten durch meinen Kopf, doch keine davon konnte ich beantworten. Ich schüttelte meinen Kopf, um die quälenden Fragen zu vertreiben, und setzte mich nach einer halben Ewigkeit endlich wieder in Bewegung. Dabei zuckte ich leicht zusammen, als Regentropfen meine Haut berührten.
Nach einigen Schritten kamen leider auch die Schmerzen in meinen Beinen und Füßen zurück. Ich stöhnte erschöpft auf und verließ die enge Gasse. Immer weiter stapfte ich durch Pfützen. Als ich meinen Blick nach oben wandern ließ und den Straßennamen auf einem schmalen Metallbrett erkannte, entfuhr mir ein kleiner, schriller Freudenschrei.
„Walnut Street”, flüsterte ich leise vor mich hin. Immer und immer wieder. Diese Straße war meine Straße. Hier wohnte ich in einem kleinen Einfamilienhaus mit meinem Vater Richard und meiner Mutter Eleanor. Wieder flossen heiße Tränen meine Wangen hinab. Meine Erleichterung war grenzenlos und ich begann zu rennen. Meine Schuhe klackten jetzt im Rhythmus meines Herzens.
Der unendliche Schmerz war vergessen, als ich unser Haus mit den weißen Panelen, dem dunkelblauen Dach und dem „Herzlich Willkommen“-Schild an der Holztür sah.
Nur noch wenige Meter, dachte ich und kramte blitzschnell den Hausschlüssel aus meiner Handtasche. Der Schlüsselbund mit den unzähligen bunten Anhängern klimperte in meiner Hand. Vor Aufregung zitterte meine Hand so sehr, dass ich sie mit meiner Linken festhalten musste.
Endlich war die Tür offen und ich stürzte hinein. Ich knallte die Tür erleichtert hinter mir zu und rannte die kurze Treppe hinauf.
Oben angekommen tastete ich mich, im vom Mondlicht schwach erhellten Korridor, die Wand entlang zu meiner Zimmertür. Als sich meine Hand um den Knauf schloss, drehte ich ihn und mit einem Schritt stand ich in meinem Zimmer. Es war herrlich warm, da ich vor meinem Date die Heizung aufgedreht hatte. Es roch nach Blumen und meinem Parfüm.
Erleichtert und überglücklich streifte ich mir die Schuhe von den eiskalten Füßen, zog das Kleid aus und legte mich in Unterwäsche ins Bett. Ich war viel zu erschöpft, um meinen Pyjama anzuziehen.
Ich schlang die Decke um mich und starrte an den Seidenhimmel, der sich über meinem Bett erstreckte. Dort waren kleine Lichtpunkte von den Straßenlaternen zu sehen. Ich fixierte mit meinen müden Augen den größten Punkt. Dieser verschmolz nach kurzer Zeit, wie die anderen Punkte, mit der schwarzen Decke über mir und ich sank in einen unruhigen Schlaf voller Träume, die von dunklen Gestalten und Unmengen von Wasser handelten.

Comments

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    Nach diesem Anfang bin ich auf jeden Fall gespannt, wie es weitergeht :-D Das einzige Punkt - ich hätte den Unbekannten nicht einfach gehen lassen. Ihm zumindest hinterher gerufen oder irgendwas. Aber das ist ein kleiner Punkt, der so nicht weiter stört bei diesem guten Einstieg :-)

  • Author Portrait

    Gefällt mir sehr gut, bin sehr gespannt wie es weiter geht!

  • Author Portrait

    Statt Klatsch, Klatsch, Klatsch, hätte ich Platsch, Platsch, Platsch vorgezogen, da es die Wässrigkeit unterstreicht. Beim Satz: >"Lass das, Linda, ich bin keine Schlampe", keifte ich lautstark und empört in mein Handy< Würde ich Nach Linda ein Punkt setzen und vor allem das und streichen, dass brauchst du nicht. Lautstark wird hier als Attribut von empört verwendet um die Empörung näher zu beschreiben. >Tja, Holly. Nachher ist man immer klüger... < ist innere Rede, würde es persönlich kursiv machen um es dem Leser zu verdeutlichen, hier hast du es mit der nachfolgenden Beschreibung gekennzeichnet, aber das macht man nicht immer -kenne ich von mir sehr gut, deshalb habe ich mir, um Verwirrungen zu vermeiden, angewohnt kursiv zu schreiben. Ist aber kein muss. An sich eine interessante Geschichte, auch wenn nicht ganz mein Lesebereich, mal sehen wie es weitergeht. :)

beta
Fairy Dust

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