Das Medaillon der vier Gewalten (4)

Augenblicklich verstummen alle Geräusche! Eine lastende Stille breitet sich über allem aus. Kein Möwenruf, kein Grillengezirpe mehr, sogar das Meer selbst scheint zu schweigen. Und das Rauschen des Schilfes an seinen Ufern, wirkt wie in einem seltsamen, bewegungslosen Zeitfenster gefangen. Ein Schatten schiebt sich augenblicklich über die ganze Umgebung, wie ein finsterer Todesvogel. Es sind jedoch keine Wolken. Es sieht mehr aus wie ein...dunkler Fleck, der grösser und grösser wird. Alle Sterne verschwinden und auch der Mond, welcher bisher ab und zu wenigstens hinter den Gewitterwolken hervor gekommen war, wirkt wie weggewischt. Eine reine Schwärze breite sich mehr und mehr aus. Es regnet jedoch nicht, da ist nur diese bedrohliche Stille und Finsternis... Und dann… ein ohrenbetäubender Knall! Die Schwärze scheint sich zuerst zusammenzuziehen und dann in tausend Stücke zu zerspringen.

Manuel strarrte uns an, Furcht lag in seinen Augen. „ W...was ist das?“ „ Ich...weiss es nicht,“ erwiderte Benjamin. „Aber ich denke wir sollten hier verschwinden! Warne deine Eltern!“

Erzähler

Zur selben Zeit, viele tausend Kilometer von England entfernt, trugen sich seltsame Dinge zu. Mitten in eine kargen Wüste, beobachteten die Leute eines Nomadenstammes ebenfalls die unheimlichen Geschehnisse am Himmel. Bei ihnen war es jedoch nicht Nacht, sondern noch Tag. Das liess das Ganze noch bedrohlicher erscheinen, denn die Schwärze schien sogar die Sonne zu verschlingen. Sie waren voller Furcht. Als dann der dunkle Fleck vor der Sonne explodierte, flohen alle schreiend in ihre Zelte. Nur einige Mutige sahen, wie ein geheimnisvoller, finsterer Himmelskörper, einen feurigen Schweif hinter sich herziehend, auf die Erde zuraste. Sie vernahmen ein schrilles Pfeifen, das auf ihr Trommelfell wie tausend Nadelstiche wirkte, dann... ganz in der Nähe einen weiteren, ohrenbetäubender Knall. Der Boden begann zu schwanken und zu zittern. Urplötzlich fanden sie sich in einem Inferno von Dunkelheit und Sandböen wieder. Sie husteten und liefen schreiend durcheinander. Auf einmal spaltete sich die Erde mehrmals und verschluckte einen Grossteil des Stammes! Unbeschreibliches Entsetzen erfasste, die sonst eher gleichmütigen Nomaden. Noch nie hatten sie so was erlebt. Alle Zelte fielen in sich zusammen, hustend und spuckend hielten sie sich Tücher vor Mund und Nase, um ihre Atemwege vor dem tobenden Sandsturm zu schützen. Wieder und wieder spaltete sich die Erde unter ihren Füssen, verzweifelt suchten sie Halt. Doch die fast undurchdringliche Finsternis, welche sich über die Wüste gelegt hatte, erschwerte die Sicht und so erkannten sie die Gefahr zu spät. Der Sand bot kaum eine Möglichkeit, den klaffenden Rissen zu entgehen. Hilflos mussten die Nomaden mitansehen, wie der Grossteil ihrer Gefährten davon verschlungen wurde.

Und dann... auf einmal wurde es totenstill! Die Beben hörten auf und das diffuse Licht der Sonne gab den Blick frei, auf einen tiefen Abgrund. Noch immer hing der Sand in dichten Schwaden über dem Land. Der Wind allerdings hatte aufgehört zu heulen. Die Überlebenden näherten sich zögernd dem Loch...

Plötzlich erschien im Zwielicht eine schwarzgekleidete Gestalt. Sie ritt auf einem Rappen mit funkelnd roten Augen. Der schwarze Ritter schien direkt aus der Hölle empor zu steigen, Pesthauch wehte vor ihm her. Er trug einen Helm mit Hörnern darauf. Den Nomaden lief ein Schauer über den Rücken als sie ihn erblickten, und deutlich fühlten sie seine finstere Präsenz.

Der Ritter zügelte sein Pferd und liess seinen Blick schweigend über die kleine Gruppe Überlebender wandern. Dieser Blick bohrte sich wie tausend Messer in deren Herzen. Unbeschreibliche Furcht breitete sich aus. Einige Nomaden versuchten die Flucht zu ergreifen, doch die Augen des Reiters nagelte sie buchstäblich an der Stelle fest. Die waren wie gelähmt. Entsetzt sahen die Überlebenden, wie nun ein ganzes Heer dunkler Gestalten, aus dem Abgrund emporstieg. Wie ein schwarzer Wall baute es sich hinter dem Gehörnten auf. Es waren furchterregende Kreaturen, mit zotteligen Haaren und glühenden Augen. Einige von ihnen besassen Ziegenfüsse, andere Löwentatzen, spitze Zähne und lange, gebogenen Klauen.

Einen Moment lang blieb die schreckliche Armee regungslos, kaum ein Laut war zu vernehmen. Dann setze sich der Ritter in Bewegung. Er kam auf die Nomaden zu, noch immer aber konnten sich diese nicht rühren. Nur ihre Augen waren von unermesslicher Furcht geweitet. Der Gehörnte ritt schweigend an ihnen vorbei, seine Armee der Finsternis dicht auf den Fersen. Als er den ersten der Überlebenden erreichte, begann dieser plötzlich zu husten und zu würgen… dann fiel er zu Boden und blieb leblos liegen. Alle andern ereilte das gleiche Schicksal, bis keiner mehr am Leben war.

Der Ritter blickte ungerührt auf die Toten, dann hob er die Arme und murmelte eine Beschwörung. Kurz darauf, erfüllte ein lautes Surren und Summen die Luft. Eine schwarze Wolke stieg nun aus dem Abgrund empor. Erst bei näherem Hinsehen erkannte man, dass diese aus vielen Tausend, einzelnen Tieren bestand. Es waren Heuschrecken, so viele dass der Himmel von ihnen verdunkelt wurde. Wie auf ein geheimes Kommando, schwärmten sie aus um ihr Zerstörungswerk zu beginnen...

 

 

 

 

 

 

Comments

  • Author Portrait

    Apokalypse? Dantes Inferno? Deine Geschichte ist vielleicht nicht ganz mein Genre, doch sie ist toll erzählt und fesselt auch den ungeübten Fantasy-Leser an sich.. Auf jeden Fall, werd ich mir auch das nächste Kapitel mal ansehen... 5/5

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