Das Orakel von Selfie

Es war drei Uhr Nachts, durch die Straßen wehte ein warmer Wind als wir vor der Schule standen und darauf warteten, dass der Reisebus uns abholte, der uns zum Flughafen bringen sollte. Es war das letzte Mal für eine Woche, dass wir vertraute Umgebung sahen.
Von der Fahrt nach Berlin-Shönefeld weiß ich nicht mehr viel, ich habe wohl die meiste Zeit geschlafen, doch bei unserer Ankunft sah man bereits die ersten zaghaften Sonnenstrahlen. Von da an sollte es nur noch ein paar Stunden dauern, bis wir im Flieger nach Athen saßen.
Vom Athener Flughafen ging es direkt zum nächsten Bus, der uns zuerst durch die Stadt und dann durch die wunderschöne, wenn auch zeitweise etwas trostlose Landschaft fuhr. Unser Busfahrer war ein eher wortkarger, kleiner Mann der die meiste Zeit eine griesgrämige Miene zur Schau trug. Er begleitete uns die ganze Woche auf unserer Tour quer durchs Land und sollte am Ende der Fahrt so etwas wie ein Held für uns sein. Aber dazu später mehr.
Der erste Halt war nicht etwa eine antike Stätte, sondern eine Tankstelle, irgendwo mitten im Nirgendwo. Ein Halt, der uns allen ziemlich gelegen kam. Die meisten von uns hatten seit Berlin nichts mehr getrunken, da man kein Wasser mit ins Flugzeug nehmen durfte, und in Griechenland hatte es gute 35°C. Schatten? Gab es so gut wie keinen.
Neben einigen Flaschen Wasser, die wir direkt aus einem Gefrierschrank kauften und die deshalb im wahrsten Sinne des Wortes eiskalt waren, gönnten wir uns auch ein paar Kostproben des griechischen Süßgebäcks. Leider haben wir nie den Namen dieser Sünde aus Fett und Zucker erfahren. Der Kuchen mit der Gelatineartigen Konsistenz, der nach Honig, Mandeln und Herzinfarkt schmeckte sollte aber den Beginn unserer Suche nach dem besten (und potentiell tödlichsten) Gebäck Griechenlands einläuten.
Am späten Nachmittag erreichten wir dann Delphi, und was soll ich sagen...genau so habe ich mir eine griechische Kleinstadt vorgestellt. Die Häuser dicht gedrängt und an der Hauptstraße reihte sich Laden an Laden. Überall roch es nach Essen und man hörte die Touristen in den unterschiedlichsten Sprachen reden.
Unser Hotel war eine ziemliche Absteige, aber da wir sowieso nur die Nächte dort verbrachten war mir das Recht. Das einzige was mich wirklich störte, war das freie WLAN. Kaum hatten wir die Tür passiert,  hatten die Angehörigen der Spezies Homo Digitalis schon ihr Smartphone gezückt und waren auf die Suche nach Empfang gegangen.
Kurz darauf ging es dann zum Orakel von Delphi, dem Ort an dem wohl die meisten Fotoaufnahmen der Reise entstanden, weil alle Eindrücke noch so neu waren. Deshalb nannten wir diesen Ort auch bald scherzhaft das Orakel von Selfie.
Hier hatten wir auch die erste Begegnung mit den Schattenseiten Griechenlands. Straßenhunde lagen überall am Wegesrand und konnten sich in der brütenden Hitze kaum bewegen.
Dieses Erlebnis sollte uns noch eine ganze Weile auf die Gemüter drücken, zumindest solange, bis wir die Stadt unsicher zu machen begannen. Zuerst ging es etwas essen, uns allen hing der Magen nach der langen Reise in den Kniekehlen und es wurde höchste Zeit die griechische Küche zu probieren. Erste Mahlzeit: Moussaka und dazu viel Zaziki. Der Plan: Wenn wir Nachhause kommen stinken wie eine ganze Kompanie Vampirjäger.
Satt und zufrieden erkundeten wir danach die Stadt. Die interessantesten Dinge gab es natürlich abseits der Touristen-Zone zu sehen, so zum Beispiel eine Art Schlucht, in deren Mitte ein einzelner Hügel mit einem Baum lag und an deren Ende man das Meer sehen konnte. Der Sonnenuntergang tauchte das ganze in ein magisches Licht und die Szene sah aus wie gemalt.
Hier saßen wir bis es dunkel wurde, dann begannen wir wieder durch die Straßen zu schlendern, die im Dunkeln hell erleuchtet und ein nicht weniger schöner Anblick waren.
Aus einem Geschäft besorgten wir uns eine kleine Flasche Limetten-Likör, den wir auf einer Brüstung, von der man die Lichter der Stadt überblicken konnte, austrinken wollten. Diesen Plan hätten wir fast verworfen, als wir merkten, dass der Fusel widerlich süß war, wie flüssige "Nimm 2" Bonbons schmeckte und schon beim Trinken ordentlich drehte. Irgendwie haben wir es dann aber doch überlebt und rechtzeitig zum Schlafengehen unsere Lektion gelernt: Hüte dich vor Sturm und Wind und Likören die zu billig sind.

Comments

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    Danke für die Reise. Ich feiere deinen Text schon wegen der genialen Überschrift. 5/5 und eine Herzmuschel. :D

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    Sehr schön und interessant. Das feine Gebäck von dem du gesprochen hat war vermutlich "Baklava" sündhaft lecker! ;-)

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    Sehr schön :) Erinnert mich an meine Griechenlandwoche letztes Jahr und das mit dem WLAN im Hotel... das hat man echt überall. Es ist so lästig!

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