"Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin."
Mit diesem Satz, den die Friedensbewegung seit den 70er Jahren auf Transparenten vor sich her trägt, lässt sich der Traum der Pazifisten von einer Welt ohne Kriege recht gut charakterisieren. Wenn niemand mehr bereit ist bewaffnete Gewalt auszuüben, dann gibt es auch keine Kriege mehr.
Das wir aber noch meilenweit von der Verwirklichung dieser utopischen Vorstellung entfernt sind, sieht man spätestens dann, wenn man den Fernseher einschaltet und die Nachrichten sieht. Krieg und Terror auf der ganzen Welt, und scheinbar keine friedliche Lösung in Sicht.
Für einen Pazifisten wie mich ergibt sich daraus eine moralische Zwickmühle. Ich gehe davon aus, das Gewalt keine Lösung für Konflikte birgt, sondern höchstens einen Konflikt beendet und gleichzeitig einen neuen auf den Plan ruft. Gewalt bedeutet die Durchsetzung des eigenen Willens unter Ausübung von Zwang. Wenn man anderen seinen Willen aufzwingt, dann setzt man sich damit über den Willen des anderen hinweg und bringt ihn so in eine Situation aus der er sich wiederum selbst nur gewaltsam befreien kann, woraus eine Spirale der Gewalt entsteht. Wahre Konfliktlösung kann es für mich nur durch Dialog, im Kompromiss zwischen beiden Parteien geben. 
Aber was ist, wenn die Fronten so verhärtet, die Ideale die sich gegenüber stehen, so unterschiedlich sind, dass keine Partei mehr zum Dialog bereit ist? Was ist, wenn der bewaffnete Konflikt zwischen diesen Parteien mit solcher Härte geführt wird, dass man als friedliebender Mensch seine Augen davor nicht verschließen kann, nicht verschließen darf?
Welche Position soll man als Pazifist zu Kriegen einnehmen, die einen selbst nicht betreffen, aber natürlich emotional berühren? Es widerspricht der eigenen Überzeugung, wenn der Staat in dem man lebt in solche Krisen militärisch eingreift. Es widerspricht der realen politischen Lage, wenn man darauf baut, dass es in absehbarer Zeit eine friedliche Lösung geben kann. Was also soll man tun? Sich auf seine eigene pazifistische Haltung zu berufen, und nur zu betonen dass man mit diesem Krieg nicht einverstanden ist, kann natürlich keine Lösung sein.
Denn einem Krieg, an dem man nicht beteiligt ist, kann man auch nicht entfliehen. Den Krieg zu beenden ist die Aufgabe der Beteiligten. Aller Beteiligten. Die einzige Pflicht, die die Unbeteiligten haben sollten, ist nicht selbst zu Kriegsparteien zu werden und so diesen Vorgang weiter zu komplizieren. Allenfalls sollten sie in diesem Konflikt vermittelnd auftreten, wenn es in ihrer Macht steht.
"Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin."
Keiner. Nicht "wenige", sondern wirklich niemand. Das Ende der Kriege wird nicht durch den Pazifismus eines einzelnen, einer Gruppe, ja nicht einmal durch den Pazifismus ganzer Staaten erreicht. Das Ende der Kriege kann nur durch den kollektiven Pazifismus der gesamten Menschheit erreicht werden.
Und weil die Menschheit als Ganzes aus Individuen im einzelnen besteht, muss es bei den Individuen anfangen.
Das heißt ungeachtet des Dilemmas in dem man sich als Einzelner im Angesicht eines Krieges befindet, sollte man an seiner Überzeugung festhalten, wie unbedeutend diese Entscheidung auch im Angesicht des großen Ganzen erscheinen mag. Denn jeder Mensch, der der Gewalt abschwört, hilft der Menschheit einen Schritt in Richtung Frieden zu tun. 
Wie Gandhi sagte: "Du musst die Veränderung sein, die du in der Welt sehen willst.

Comments

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    Es wäre schön, wenn der Pazifismus endlich siegen würde und Krieg nur ein Schreckensgespenst aus alten Tag wäre. Ein sehr zum nachdenken anregender Text; danke Ric. :-) (5/5 Sterne und Sonderportion Speck ;))

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    Pazifismus hat dasselbe Problem wie der Liberalismus: Er hat grundlegende Werte, die nur funktionieren, wenn alle diese Werte teilen. Es ist jedoch utopisch und eventuell sogar falsch und anmaßend von einem Werte-Universalismus auszugehen. Es wird immer jemanden mit anderen Werten geben. Aber so, wie der Liberalismus seine Toleranz gegenüber allen möglichen Lebensformen verteidigen muss gegen jene, die eine Lebensform der Intoleranz propagieren, so muss der Pazifismus seine Werte gegen all jene verteidigen, die schnell zu Gewalt greifen. Man muss für seine Werte einstehen und für sie kämpfen - nicht mit Gewalt, sondern durch Einmischen, Aufklären, Herausfordern. Pazifisten gelten gerne als Feiglinge, aber das Gegenteil ist der Fall: Man geht nicht den leichten Weg, das Recht des Stärkeren zur Klärung von Konflikten zu nutzen, sondern den schweren Weg der Verhandlung, Kooperation und Kompromisfindung. Ein schöner Text zum Nachdenken, danke dafür! 5/5

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    Dem ist, denke ich mal, nichts mehr hinzuzufügen... 5/5

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    Gute Gedanken, Ric!

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