Das Warten hat ein Ende

Ich fliege schon förmlich über Asphalt, Kieselwege und Wiesen. Meinen dünnen Wollmantel, den ich mir beim Verlassen meiner Wohnung hastig übergeworfen habe, habe ich dicht um mich geschlungen, damit ihn der Wind nicht aufweht. Immerhin bin ich darunter noch immer vollkommen nackt.
Meine Gedanken fegen durch meinen Kopf wie der Wind durch die örtlichen Straßen. Dass die Spuren aus Sternenstaub wieder auf meiner Haut erschienen sind, muss ein Zeichen sein. Schon wenige Minuten, nachdem ich sie das erste Mal entdeckt habe, sind sie erloschen und haben mich enttäuscht zurückgelassen.
Mein Gott, wie sehr ich mir wünsche, dass ich auf der richtigen Fährte bin! Ich verzehre mich so sehr nach den Berührungen dieser rätselhaften Kreatur, verzehre mich so sehr danach, sie endlich zu sehen, mehr von ihr zu fühlen...
Hastig bahne ich mir meinen Weg zum Ufer. Wieder bin ich wie in Trance, und ich genieße es - es ist für mich wie eine Droge geworden.
Ich höre die Wellen rauschen, gepaart mit entferntem Donnergrollen. Auf der anderen Seite des Ufers bietet das Wetterleuchten ein faszinierendes Schauspiel, doch all meine Aufmerksamkeit gilt dem tobenden Wasser.
In all der Dunkelheit lässt sich kaum etwas erkennen. Der Wind bläst immer stärker. Meine Füße betreten die feste hölzerne Oberfläche des Stegs, und ich gehe daran entlang. Mein Blick wandert suchend über die störrische Wasseroberfläche. Immer wieder klatschen Wellen unter mir ans kalte Holz. Alles ist in Bewegung, alles in Aufruhr. Auch mein Puls rast.
Ich breite meine Arme aus, denn ich will den Wind fühlen. Als mein Mantel auffliegt, umfasst er bereitwillig meinen Körper. Ich fühle mich unglaublich befreit.
Ich lasse den Mantel fallen. Eine Stimme in meinem Kopf flüstert mir, dass ich ihn nicht mehr brauchen werde.
Die funkelnden Spuren auf meiner Haut leuchten hell, heller als je zuvor - sogar heller als in jener Nacht. Es ist, als würde der Wind sie wie die Glut eines Feuers entfachen.
Ich lege mich auf den Bauch an den Rand des Stegs und blicke suchend auf das stürmische Nass unter mir.
Dann, endlich, sehe ich es. Ein leichtes, goldenes Schimmern durchbricht die kalten, schwarzen Fluten. Erst ist es kaum zu erkennen, doch immer schneller wird es breiter, größer, strahlender, bis die Wasseroberfläche in goldenem Licht erglüht. An dieser Stelle  glättet sich das Wasser und die Wellen brechen an der Grenze dieses immer größer werdenden Kreises. Gebannt verfolge ich das Schauspiel. Schließlich kann ich nicht widerstehen - ich lasse einen Arm sinken und erforsche mit meiner Hand das leuchtende Nass.
Es ist angenehm, überraschenderweise überhaupt nicht kalt, und umspielt sanft meine Haut. Ich genieße das angenehme Gefühl, als plötzlich etwas Großes meine Hand streift.
Ein Fisch? Es fühlt sich jedenfalls nicht wie eine Hand an. Eher schuppig, kalt und glatt... und wieder! Aber ich schrecke nicht zurück. Längst hat sich eisernes Vertrauen und nicht zu bändigende Neugier in mir breitgemacht.
Dann, endlich: Eine Hand. Mein Herz hüpft vor Freude, und ich lasse meine zweite Hand ins goldene Wasser sinken. Als ich unterhalb der Wasseroberfläche noch eine zweite Hand spüre, möchte ich fast weinen vor Glück. Es fühlt sich fast so an, als wäre ich nach langer Zeit endlich heimgekehrt.
Sofort laufen meine Sinne auf Hochtouren, ich spüre den Wind und das Nass der Wellen, die von unten nun zwischen den Brettern des Stegs zu mir hinaufschwappen und meine Haut kitzeln. Schauer jagen über meinen Körper, sämtliche Haare stellen sich auf, meine Brustwarzen werden fest und formen sich, ich spüre, wie ein warmes Kribbeln sich in meinem Schoß meldet... und allem voran sind es die schaurig samtigen Hände aus der Tiefe und ihre liebkosenden Berührungen, die mich in ihren Bann schlagen.
Die Hände gleiten an meinen Armen hinauf und es ist so weit - endlich kann ich sie sehen.
Mit gierigen Augen bestaune ich sie: Sie sind von glitzernden Spuren benetzt, doch darunter knochig und seltsam lang, matt und bleich, fast gräulich. Die Nägel sind lang, spitz - wie Krallen. In diesem Moment denke ich, noch nie etwas schöneres gesehen zu haben. Und alles, was ich will, ist, diese Hände überall auf meinem Körper zu spüren.
Als würden die Hände meine Gebete erhören, wandern sie an meinen Armen hinauf zu meinen Schultern, und ich kann kaum erwarten, mehr von dieser wunderschönen Kreatur zu sehen.
Dann packen ihre Hände meine Schultern und ziehen mich zu sich in die Tiefe.
Plötzlich ist da kein goldener Schimmer mehr, keine Trance. Ein eisiger Schock nach dem anderen zieht durch meinen Körper.
Alles ist so kalt. Ich reiße die Augen auf und alles ist schwarz. Das Wasser brennt in meinen Augen. Meine Lungen schreien nach Luft. Ich versuche, mich an die Oberfläche zu kämpfen, aber Krallen halten mich zurück und bohren sich tief in meinen Leib. Überall sind kalte, knochige Hände. Überall sind Krallen. Alles ist schwarz und eiskalt.
Luft, ich kriege keine Luft.

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Fairy Dust

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