Das Zeitproblem

Wieder im Gasthaus entschuldigte ich mich noch etwa tausendmal mit ebenso vielen Verbeugungen bei Chase und Funny. Am Ende saßen wir alle am Tisch und aßen zu Abend, obwohl es schon fast Mitternacht war. Wir erzählten uns Geschichten und lachten viel. Dann stellte ich eine Frage, die mich trotz allem schon seit unserer Ankunft hier beschäftigte:

"Funny, was weißt du eigentlich über das Schlachtfeld?"

"Das Schlachtfeld von Grumáron? Dort sollen Menschen gemeinsam mit den Elben und Zwergen gegen die Dämonen gekämpft haben. Es heißt auch, dass dort, seit dem Tag an dem der letzte Krieger fort ging, kein Gras mehr wächst. Das zumindest muss wahr sein, es ist immer noch unfruchtbares Brachland. Aber das ist doch bekannt, warum fragst du?"

"Nur so. Aber du hast die Snift vergessen, die  bei dem Krieg, der dort vor 20 Jahren getobt hatte, fast vollkommen von den Dämonen ausgerottet wurden. Sie hatten etwas Menschliches..." Kurzzeitig dachte ich, Funny würde mich seltsam ansehen, aber ich achtete nicht weiter darauf... "Diese Katzenmenschen, die noch Seite an Seite mit meinem Vater kämpften, wollte ich schon immer mal kennen lernen. König Cámalon sagte, er habe auch mitgekämpft damals, als wir die Dämonen in ihr Reich zurück drängten. Er hat mir die Snift immer wieder beschrieben: 'Es sind seltsame Wesen, weder Mensch noch Katze, ein Mischmasch eben. Statt Menschenohren haben sie Katzenohren, die ihnen aus dem Kopf wachsen. Und ihre Schlitzaugen passen hervorragend zu ihren Schnäuzchen, die wie die eines Pumas aussehen. Ihre Münder, Köpfe, Beine und Arme sind die eines Menschen, nur dass ihre Haut fast am ganzen Körper mit einer leichten Fellschicht überzogen ist. An ihren Füßen und Händen haben sie ausfahrbare Krallen und außer einem leichten Lendenschutz aus Leder, trägt jeder noch eine Kette, die das Sinnbild seiner Kraft darstellt. Solltest du jemals einem begegnen, dann nimm dich in Acht! Sie sind sehr aggressiv und verstehen keinen Spaß...’ Tja, aber die wenigen überlebenden Snift fühlten sich von uns betrogen, warum, das wollte er mir nicht sagen. Dafür sei ich noch zu jung. Jedenfalls zogen sich die Snift zurück an die Grenzgebiete des Reiches Kertófu.

Chase und ich haben uns früher oft darüber unterhalten, was wir wohl machen würden, wenn uns wirklich mal ein Snift begegnen sollte. Aber ob wir all das, was wir uns da vorgenommen haben auch einmal machen würden, das weiß Gott allein, oder auch die Götter, je nachdem, wie man es hält." ergänzte ich mit einem Schmunzeln.

Funny war begeistert von der Vorstellung einmal einem Snift zu begegnen und kam auch gleich auf den Punkt:

"Ich komme mit euch!"

Chase protestierte energisch:

"Funny das geht nicht! Unser Weg ist nicht gerade ein Spaziergang im Wald, sondern eher ein Spießrutenlauf!"

"Nichts da, ich komme mit, oder willst du ernsthaft, dass ich hier bleibe, sei doch mal ehrlich zu dir selbst. Dir würde es doch am besten gefallen, dass ich dabei bin!"

"Na ja, ich...also..." stotterte Chase und ich musste lachen.

"Sie hat dich am Schopf gepackt, Junge. Also ich persönlich hätte nichts dagegen, aber das ist deine Entscheidung."

"Was heißt hier Entscheidung? Ich komme mit, basta." Damit war das Thema für Funny offenbar beendet.

Chase schüttelte noch mal ungläubig den Kopf, dann gingen wir alle schlafen.

 

*

Am nächsten Morgen zogen wir mit frischem Proviant, ausgeruhten Pferden und Funny im Schlepptau weiter.

Sie hatte sich schließlich auch gegen das letzte Argument von Chase erhoben und es geschafft seinen Segen zum Mitreisen zu bekommen. Dadurch änderte sich natürlich einiges:

Zum einen hatten wir nun drei Pferde, da Funny ihren Vollblutrappen Lamor mitgenommen hatte. Und zum andern ließen Chase und ich noch mehr Aufmerksamkeit walten. Schließlich hatten wir nun eine Frau dabei und wussten nicht so genau in wie weit sich Funny aufs Wehren verstand, wenn der Ernstfall eintreten sollte, dass uns ein Dämon angreift. Sie machte sich da weniger Gedanken, denn sie ritt unbekümmert zwischen uns und fragte sogar, warum wir so angespannt wären.

"Wir müssen auf der Hut sein, Funny! Hier laufen überall Monster und Dämonen herum. Und wozu ist eigentlich dieser riesige Rucksack gut? Schleppst du Schätze mit dir rum?", antwortete Chase. Er war, finde ich, in Funnys Gesellschaft immer ein wenig kleinlaut, aber vielleicht bildete ich mir das ja nur ein.

"Das weiß ich auch.", entgegnete sie ihm beinahe trotzig. "Nebenbei bin ich nicht so schutzlos, wie ihr wohl glaubt. Was in dem Rucksack ist, werdet ihr noch früh genug erfahren." Chase sah sie unsicher von der Seite an, ich ging nicht weiter darauf ein und da wir bereits lang geritten waren und es schon sehr spät am Nachmittag war schlug ich ihnen vor eine Kleinigkeit zu Essen, bevor wir unser Lager errichten würden. Sie willigten ein.

Wir machten es uns auf einem dicken Baumstumpf gemütlich, dessen Durchmesser wohl locker 4 Fuß sein mussten, schürten ein Lagerfeuer daneben, brieten uns ein wenig Speck und nahmen uns die Brötchen vor, die Funny mitgenommen hatte.

Mein Blick schweifte in der Gegend umher. Wir befanden uns auf einer kleinen Lichtung. Um uns dichter Wald, überall Bäume und obwohl hell die Sonne schien, war es beinahe stockdunkel wegen des großen, flächenabdeckenden Blätterdachs. Ich blickte zurück auf den Weg, den wir gekommen waren:

die Erde hier war so weich, dass man noch jeden einzelnen Hufabdruck sehen konnte, den wir hinterlassen hatten. Wir mussten schon länger im Forst sein, denn ich konnte das Ende des Weges und damit auch das Ende des Waldes nicht sehen.

Während wir aßen stand Funny auf und ging zu Lamor, wo sie die Satteltaschen praktisch auf den Kopf stellte. Nachdem sie gefunden hatte was sie suchte kam sie zurück. In ihrer rechten Hand hielt sie triumphierend eine lange Rolle. Sie sah gelblich und vergilbt und dadurch sehr alt aus. Funny rollte das längliche Etwas aus. Da erkannte ich es: es war eine Karte! Mir fiel das Brötchen aus der Hand und ich saß mit offenem Mund da. Chase war nicht minder überrascht, aber er fasste sich schneller wieder als ich: "W...wo hast du die Karte her?", wollte er wissen, während er immer noch ganz gebannt darauf starrte.

Funny grinste: "Hab ich mitgehen lassen als wir aus dem "Schlachtfeld" getürmt sind."

"Getürmt? Mitgehen lassen???", ich sah sie verständnislos an. "Was bitte meinst du damit?"

"Das ich gegangen bin ohne was zu sagen, das meine ich damit!" Sie winkte beschwichtigend ab, als Chase etwas sagen wollte und breitete die Karte auf einem großen, flachen Stein aus. "Ist jetzt auch schon egal, ich wurde wahrscheinlich gefeuert, aber ich wollte eh kündigen. Es war mir viel zu langweilig dort." Sie warf Chase einen flüchtigen, aber vielsagenden Blick zu. "So, wir sind hier...", sie deutete auf einen Punkt der Karte. "Und wo bitte wollten die Herren Ritter nun hin?" Ein wohl ungewollter Unterton, den näher zu bestimmen ich mir in diesem Augenblick nicht die Mühe machte, schlich sich in diesen Satz.

"Nun, so genau wissen wir das selbst nicht, wir suchen vielmehr nach einer Person, als nach einem Ort. Wir suchen Usongu, den Söldner."

"Usongu? Den kenn ich nicht, woher auch. Nebenbei, wieso Söldner, hat er keinen anständigen Job?"

"Job? Was ist das?" wollte Chase wissen.

"Na ja, ein Job ist ein Job!", meinte Funny fast genervt. "Mein Job, den ich hatte bevor ich mit euch durchgebrannt bin, war Dienstmädchen. Euer Job, zum Beispiel, scheint Ritter zu sein, obwohl das schon seit einigen Jahren aus der Mode ist..."

Ich wollte sie gerade fragen, was sie damit nun wieder meine, da gebot mir Chase zu Schweigen. Er deutete auf ein nahe liegendes Gebüsch...da! Ein Rascheln, noch einmal und dann...verschwand die Ursache der Geräusche und alles war so ruhig, als wäre nie etwas da gewesen.

"Was war das!?" wollte Funny mit einer Stimme, die zwar Furcht aber auch Neugier verriet, wissen.

"Es ist Etwas, das uns schon verfolgt, seit wir das Schloss verlassen haben...", erklärte Chase kühl und stocherte ein bisschen im Feuer umher, das dadurch neu aufloderte.

"Wie bitte?" Chase und ich dachten schon wir müssten uns jetzt eine von diesen Weibergeschichten über Ehrlichkeit und Vertrauen anhören, aber auf das was sie sagte hätte man uns in hundert Jahren nicht vorbereiten können: "Sagtest du gerade Schloss?! Oder muss ich mir nur mal wieder die Ohren putzen? Mein lieber Chase, es gibt nur noch Schlossruinen! Die Monarchie erstarb schon vor gut zweihundert Jahren!" Wir starren sie fassungslos, um nicht zu sagen entsetzt, an.

"H...da...das gibt’s nicht!" "Unmöglich!" pflichtete Chase mir bei.

"Aber wahr," mit Bestimmtheit bestätigte sie uns das Unglaubliche. "Wieso regt ihr euch überhaupt so auf, hm? Wusstet ihr das etwa nicht??? Ich dachte ja eigentlich, du hättest nur vergessen zweihundertzwanzig zu sagen, als du das mit dem Krieg erwähntest. Und das mit deinem Vater fand ich sowieso irgendwie seltsam. Und ihr wollt mir erzählen, ihr wüsstet nicht, in welchem Zeitalter ihr euch befindet?"

"Nein, nein wir haben keine Ahnung! Ich meine, als wir los geritten sind, war es noch 1588 und wann sind wir jetzt, wenn nicht dort?" Konfus richtete Chase diese Frage an mich, obwohl er wissen müsste, dass ich genau so schlau war wie er, was diese Sache anbelangte.

"Moment, Moment! 1588??? Wir haben das Jahr 1788. Was ihr faselt klingt so seltsam, dass man meinen könnte, ihr gehört ins Irrenhaus."

"Irrenhaus? Was ist das nun wieder?"

"Seid doch mal still, ALLE BEIDE!" Das war deutlich. Chase bekam Kopfweh, kein Wunder bei diesem Durcheinander im Gespräch kann man ja nicht mitkommen...

"Gib mir mal die Karte," verlangte Chase. "Das ist zu verrückt, um wahr zu sein. Aber es muss etwas dran sein. Schließlich können 200 Jahre nicht einfach vorbeigehen!" Er legte das Pergament auf den flachen Baumstumpf und betrachtete es mit einem Ausdruck unglaublichen Erstaunens.

"Hast du etwa eine Vermutung?" fragte ich vorsichtig nach.

Funny wagte gar nicht mehr den Mund aufzumachen. Sie war noch immer geschockt von dieser neuartigen Situation.

"Einer meiner ehemaligen Freunde..." ich wusste natürlich, wen er meinte, aber Funny sah ihn verdutzt an. "... hat mir mal erzählt, dass sich die Zeit verändert hat. Das Zeitzonen entstanden seien nach dem großen Kampf. Und dass, wenn man nach Westen zieht, die Zeit viel schneller verrinnt, da die Dämonen große Schneisen der Zerstörung in die Dimensionen der Zeit geschlagen hatten. Damals dachte ich, es wäre nur ein Märchen. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, wie das aussehen sollte, wenn man vor fünf Schritten noch im Gestern war und sich dann plötzlich im Heute befindet. Aber es ist wohl wirklich was an der Sache dran... Sonst wären wir doch nicht hier, oder?"

Nach seiner Rede wurde Chase still und auch Funny und ich sagten nichts. Angestrengt versuchte sich mein Hirn an diesen seltsamen Gedanken heranzutasten, den Chase ihm eingeflüstert hatte.

"Also ich bin dafür," brach Funny nach langer Zeit die Stille, "das wir hier übernachten und uns ausruhen. Morgen finden wir bestimmt eine Lösung, aber es wird dunkler, dunkler als es in diesem Wald eh schon ist..." Sie fröstelte. "Und obendrein noch kalt..." Chase legte seinen Umhang um sie.

"Hm... Eine Nacht drüber schlafen kann nicht schaden. Ich sammle Feuerholz und ihr... ihr baut ein paar gute Liegeplätze auf. Bis gleich." Ich wollte schon davon eilen, als Chase rief:

"Pass auf, ich hab das blöde Gefühl, dass es hier Wölfe gibt. Und beeil dich, wenn du in einer halben Stunde nicht da bist, geh ich los und suche dich."

Ich lief los und suchte mir kleine Äste und Stöcke zusammen...

 

*


 Ab hier spricht Chase als Ich-Erzähler. In meinem Skript habe ich das durch andere Schriftfarbe dargestellt, aber das geht hier glaub ich nicht. Bitte in den Kommentaren anmerken, falls doch möglich, dann ändere ich es entsprechend ab. Ansonsten werde ich bei künftiger Änderung des Erzählers den Namen einfach in Klammern davor schreiben, etwa so: 


 (Chase)

Gerade als Flash ging, griff Funny nach meinem Arm: "Was meint er mit gute Liegeplätze? Habt ihr Schlafsäcke dabei?"

"Was für Dinger? Nein, wir haben nur die Decken, die unsere Pferde tragen, dabei." gähnte ich.

"Gut, dann lass uns anfangen." Funny nahm die Karte, rollte sie zusammen, brachte sie zu den Pferden zurück und holte ohne langes Suchen die Decken und bereitete, wie nur eine Frau es kann, Schlafplätze für uns vor.

"Och, jetzt hab ich gar nichts mehr zu tun..." maulte ich mit gespielter Gekränktheit rum.

"Doch, doch, doch, doch, doch. DU schürst nämlich das Feuer für uns." grinste sie mich an. Mir wurde ganz warm ums Herz und mein Verlangen nach einem Kuss von ihr ließ sich kaum ignorieren.

Aber genau da kam unser Holzsammler zurück.

 

*


(Flash)

Als ich genug Holz für die Nacht auf dem Arm hatte, ging ich zurück. Chase sah aus, als könne er sich sofort auf Funny stürzen, die noch dabei war unsere Decken gemütlich zu gestalten.

"Na, das sieht doch schon ganz gut aus!"

"Nicht wahr?" Funnys Stolz über ihre eigene Arbeit war unüberhörbar. "Ach, leg das Schürmaterial dort drüben ab, Flash. Chase hat sich gerade bereit erklärt sich ums Feuer zu kümmern. Nicht wahr, Schatz?"

"Hab ich das?"

"Schatz? Habt ihr geheiratet, während ich weg war?"

"Ja klar, wo sollen wir den hier nen Pfarrer auftreiben?" witzelte Funny und lachte laut, als sie unsere erschrockenen Gesichter sah. Wir fielen in ihr Gelächter mit ein, es war einer der wenigen Momente, in denen ich wirklich herzhaft lachen konnte.

Comments

  • Author Portrait

    Jetzt bin auch ich verwirrt... hat nicht nur die Zeit, sondern auch die Erzählerperspektive geändert? Wow! Spannende, überraschende Wendung!

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