Dem Schicksal kann man nicht entgehen

Sie waren am Strand entlang Richtung Straumfjorður gewandert und Thorstein schien vergessen zu haben, dass sein Arm immer noch um Rúnas Schulter gelegt war. Nach ihrer Zustimmung, der kleinen Fjordstute einen Besuch abzustatten, hatte er allen Mut zusammengenommen und seine Frage zu ihrer Rückkehr auf den Moorseehof wiederholt.
"Du musst nicht zurückkommen, wenn du mir nicht traust", hatte er ihr erlaubt. Doch Rúna hatte ihren Entschluss schon gefasst. Sie wusste, was sie erwartete, wenn sie zu Thorstein zurückging. Sie kannte den Hof und seine Bewohner. Sie empfand Teitr sogar als eine Art väterlichen Freund, sie verstand sich gut mit den Knechten, die immer höflich und unaufdringlich ihr  gegenüber gewesen waren. Und sie mochte es, einen guten Teil ihrer Aufgaben selbstständig festlegen zu dürfen. Brot backen, Met sieden, Käse zubereiten, das alles hatte sie selbst bestimmt und zu ihren Aufgaben gemacht wie eine richtige Bäuerin. Gut, es mochte sein, dass Thorstein erneut zuschlug. Dennoch war ihr Empfinden für ihn anders als bei ihrem ersten Herrn. Es beeindruckte sie, wie sehr sich der Steuermann für seine Prügel schämte. Bei Ári hatte sie nie auch nur den Anflug eines schlechten Gewissens gesehen, wenn er sie züchtigte.
Als Thorstein ihr nun sogar freistellte, zu entscheiden, ob sie zurückkommen wolle, gab sie ihre Zurückhaltung auf. "Ich bin sehr gern bei Jorunn", gab sie zu. "Es ist ein unverdientes Vorrecht, ihre Unterweisung zu genießen." Sie lächelte Thorstein an und der Steuermann genoss ihre Freundlichkeit ganz offensichtlich. "Doch ich würde gern wieder für Eure Leute und Euch das Haus bestellen", versicherte sie dem Mann an ihrer Seite. "Auf dem Moorseehof habe ich mich ein wenig wie zuhause gefühlt."
Der Krieger neben ihr verstärkte bei ihren Worten ein wenig den Griff um ihre Schultern. Auch er lächelte nun offen. "Du wirst beides bekommen, Rúna", versicherte er. "Neues Wissen durch die Völva und ein Zuhause auf meinem Hof. Wir werden auf dich warten." Es war ein ganz neuer Respekt ihr gegenüber in Thorsteins Rede, dachte Rúna. Und obwohl sie den wohlklingenden Versprechungen ihres Herrn nicht vollkommen vertraute, war die Aussicht auf ein Leben auf dessen Hof nicht so erschreckend, wie sie es zunächst befürchtet hatte.
Sie kamen schließlich am Strand von Straumfjorður an und obwohl sich nun eine ganze Menge Volk um sie tummelte, das dem Markt zustrebte, der am Ende jeder Woche vor der Siedlung stattfand, behielt Thorstein Rúnas Hand in seiner. Sollten die Leute doch denken, was sie wollten! Sollten sie tratschen! Für ihn war es viel zu angenehm, ihr kleine Hand sicher in seiner zu wissen, als dass er sie freiwillig losgelassen hätte. Rúna schien seine Nähe nicht mehr zu stören. Nach wie vor sprach sie wenig, außer er forderte sie mit Fragen zum Reden auf. Dennoch war sie gelöster als zu Beginn ihres Gesprächs und als sie den Stall betraten und Hrimfaxi ihm schnaubend entgegensah, begrüßte sie die kleine Stute liebevoll wie eine alte Freundin.
Sie blieben eine Weile bei dem sandfarbenen Pferd und Thorstein sah dabei zu, wie Rúna ihm einen kleinen Apfel fütterte. Es tat gut, bei dieser Frau zu sein, dachte er. Fast war es wie zu jener Zeit, als Snót die Besitzerin Hrimfaxis gewesen war. Er fühlte sich einfach wohl, so neben Rúna zu stehen und sie zu betrachten. Ja, er hatte sehr gern bei ihr gelegen. Doch auch, wenn sie nur bei ihm stand, tat ihre Nähe ihm gut. Verwundert über sich selber strich Thorstein vorsichtig über Runas langen braunen Zopf. Sie hatte schönes Haar.
Am liebsten hätte der Krieger den Stall gar nicht mehr verlassen. Plötzlich jedoch veränderte sich irgendetwas an seiner Umgebung. Thorstein fühlte sich gestört! Drei oder vier Atemzüge lang wusste er nicht, woran seine Unruhe lag. Doch dann nahm er es deutlich wahr. Von draußen drang ein beißender Geruch nach frischem Rauch zu ihnen in die Stallgasse. Nun hob auch Rúna den Kopf und sie hörten beide die ersten aufgeregten Rufe der Bewohner, die nach Eimern und Wasser riefen. Hier war etwas ganz und gar nicht in Ordnung! Ganz kurz zögerte Thorstein noch, dann liefen sie beide nach draußen, um nach der Ursache der Aufregung zu sehen.
Sie mussten nicht weit laufen. In Straumfjorður gab es nur wenige befestigte Wege und jener, auf dem sie standen, wies geradewegs ans Ende der Siedlung. Dort, knapp hinter der letzten Hütte waren die Lagerhäuser der Bewohner und die Werkstätten der Böttcher, Gerber und Schindelmacher. Dort, aus einer der Arbeitshütten, stieg ein dichter, schwarzer Rauch auf.
Rúna dachte nicht lange nach. Sie würde sich in die Reihe der Frauen an den Eimern stellen und mithelfen, Wasser zu dem Brandherd zu bringen. Thorstein, der ihr folgte, hatte wohl ähnliches vor. Die Böttcherei brannte aber auch lichterloh! Doch dann, er konnte die Hitze des Feuers schon auf der Haut seines Gesichts spüren, passierte das Unfassbare. Wind kam auf, eine frische Böh, die genau in Richtung der Siedlung wehte. Sofort sprang das Feuer über, hastete vom Dach der  Böttcherei zur Schmiede und griff auf ein kleines Häuschen über, in dem die Familie des Schmiedes wohnte.
Ein wildes Durcheinander unter den Männern und Frauen verhinderte, dass der sich ausweitende Brand eingedämmt werden konnte. Jeder goss sein Wasser dort aus, wo er gerade stand. Niemand schien zu bemerken, dass auch die kleine bewohnte Hütte brannte. Thorstein stand einen Moment lang still und hoffte, dass sich niemand mehr in dem kleinen Häuschen befand, dessen Reetdach inzwischen einer Fackel glich. Gerade, als er glaubte, dass dort keiner mehr sei, kam ein kleines Mädchen aus dem Haus gerannt.
"Min bedstemodor ! Min bedstemodor! ", rief die Kleine aufgelöst. "Hilft uns denn keiner?" Dann rannte sie wie von Sinnen zurück in das brennende Haus. Thorstein rannte ebenfalls los. Doch nicht nur er hatte den Hilferuf der Kleinen verstanden und so lief noch ein weiterer Mann vor ihm und drang in die Hütte ein. Der Steuermann war dicht hinter dem schnelleren Helfer, der, dem kleinen Mädchen folgend, die alte Frau, um derentwillen sie losgerannt waren, über die Schulter warf und ins Freie stolperte. Thorstein aber sah sich nach der Kleinen um, die ihn erst in das brennende Haus geholt hatte. Das Mädchen stand wie gelähmt inmitten der inzwischen um sich greifenden Flammen. Niemals würde sie allein dieses Inferno lebend verlassen. Doch es war gefährlich, länger hier zu bleiben. Überall sanken Funken und brennendes Schilf zu Boden. Dennoch zögerte der Steuermann nicht. Entschlossen sprang Thorstein vor und riss die Kleine an sich. Noch im Laufen zog er ihr eine Ecke seiner Kyrtel über den Mund, dann sprang er mit ihr durch die auflodernden Flammen, die ihm den Ausgang versperren wollten. Mit leichtem Schwung warf er den kleinen Körper hinaus auf den rettenden Weg.
Doch als er nun selber zu einem befreienden Sprung ansetzen wollte, nahm ihm ein alles betäubendes Krachen den Atem. Thorstein hechtete in einem letzten Versuch, sich selbst zu retten aus dem einstürzenden Gebäude. Es war gar nicht heiß, in die hell aufleuchtenden Flammen zu fallen, dachte er noch. Dann traf ihn ein heftiger Schlag in die linke Seite. Der Stoß warf ihn aus dem brennenden Haus auf den Weg, doch das, was ihn getroffen hatte, blieb schwer auf seinem Brustkorb liegen.
Seltsam, wie wenig Schmerz der Tod mit sich brachte. Thorstein zwang sich, seinen Blick von dem Offensichtlichen abzuwenden. Er konnte nicht mehr atmen. Was gab es da noch für Zweifel? Hier also, fern der ruhmvollen Schlachtfelder wäre es nun zu Ende. Er würde sterben. Merkwürdiger Weise fühlte er kaum etwas, keinen Schmerz, nicht einmal einen leichten Schwindel, nichts... Sein letzter Gedanke galt Rúna. Vielleicht trafen sie sich ja irgendwann bei Hel wieder? Ob es ihr recht war, wenn er dort auf sie wartete, nun da er den Weg nach Walhalla nicht gehen durfte?

Comments

  • Author Portrait

    Oh nein! Wie furchtbar! Du hast irgendwo mal etwas von 84 Kapiteln geschrieben - das gibt mir Hoffnung, dass Thorstein trotz allem überlebt...

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media