Den Horizont erweitern

Unaufhaltsam stob der Verlauf einem unnahbaren Ziel entgegen. Dieser machte keinerlei Hehl daraus, sich weder vor dem einen noch vor dem anderen zu beugen. Selbiger neigte sich auch nicht, diesem blieben die Belange aller gleichgültig. So wie sich das Wasser immerwährend seinen Weg bergab bahnte, so schritt auch die Zeit unvermeidbar voran.
Aus der Früh wurde Mittag und aus jenem Nachmittag. Lediglich der Abend, die Dauer des Dunkelns hielt ein stetes Arrangement mit der Jahreszeit.
Die Zeit der Jäger begann und die der Gejagten neigte sich dem Ende. In regelmäßigen Zwischenräumen entflammten lüstern tanzende Lichter, die an vorherigen widererwartend erloschen, um sodann an anderer Stelle erneut zu erhellen. Bereits seit Längerem beobachtete er das scheinbare Spiel. Es bestand zweifelsfrei eine Bedeutung in der Reihenfolge, wie diese entzündet, abgeblendet und wieder entfacht wurden.
Ein Kauz erwachte aus seiner Tagesruhe und begrüßte die nahende Düsternis, die den Wald in den bevorstehenden Stunden in Finsternis tauchte. Ein gluckerndes Klackern mischte sich hinzu und gleich darauf schälten sich bewegende Schemen zu seiner Linken ins Zwielicht. Es waren vier Reiter, die sich aus der Umarmung der Bäume lösten und die weiträumige Wiesenebene betraten. Sie lenkten ihre Pferde entlang des Baches, um an vorbezeichneter Stelle diesen zu verlassen. In augenscheinlichen Zickzack führte ihr Weg sie rechter Hand vorbei des Rabengehölzes.
Die Lichter in der Ferne waren Fackeln, das wusste er. Entfacht auf einer dreihundert Schritt langen Palisadenwand, bezeugten diese auch in den Abendstunden die Beschreitungsgrenze.
Bestlin ließ diese hölzerne Wand nicht als Schutz vor marodierenden Räubern oder Banditen errichten. Vielmehr sollte diese den Bewohnern und Händlern des Landes symbolisieren, bis zu welchem Landstrich sein schützender Arm reichte. Jedwede Person, welche die sinnbildliche Grenze überschritt, wandelte nicht länger unter seiner Obhut und handelte auf eigener Gefahr.
Den Obristen Memnachs selbst konnte er die Bestimmtheit und den Sinn seines Vorhabens glaubhaft abringen und so blieben ihm unmöglich zu erklärende Abkömmlichkeiten erspart. So unter anderem den Verbleib des thulenischen Spähtrupps, welche seine Männer vor wenigen Jahren geschunden an dem Bachlauf des ›flüsternden Waldes‹ auffanden.

In tiefen Zügen sog er die kühle Nachtluft in seine Lungen - ein und wieder aus. Er wusste, Kylion erwartete ihn unlängst auf Falkenhorst. Dennoch, er genoss die Ruhe, die Abgeschiedenheit und den Blick auf sein ... vergangenes Leben.
Seine Mundwinkel zuckten und sein für gewöhnlich geruhsamer Atem geriet ins Wanken. Mit jedem Schlucken fühlte er Schwermut, sein Magen rebellierte unter der Wehmut seines klagenden Herzens. Tränen sammelten sich in seinen Lidern.
Er hob den Blick und seine Lunge errang einen weiteren tiefen Atemzug. Er glaubte, sich viermal stocken gehört zu haben. Seine Hand fand den schmalen Einschnitt in seinem Gürtel. Außenstehende würden diesen als Naht betrachten, auch wenn sie unbedarft an diesem herumfingerten. Niemand konnte erahnen, dass es sich hierbei um eine kleine Tasche handelte.
In seiner Faust hielt er ein sorgfältig gefaltetes Stück Papier. Wie als dürfe er dieses nicht verlieren, komme was wolle, presste er seine Hand zusammen. Seine Knöchel knackten und seine Gelenke begannen zu protestieren.
Schmerz ... ist nicht der Weg. Schmerz ... ist nicht die Lösung. In meinem Schatten fandest du Schutz und Geborgenheit. In meinem Schatten durftest du gedeihen.
Schwermütig atmete er aus der Nase aus. Es klang wie ein Schnauben. »Ja«, hauchte er. »Schutz, Geborgenheit und ein Zuhause fand ich. Dennoch musste ich lernen mit schmerzen im Herzen zu leben.«
Schmerzen vergehen ... im Leben wie auch danach. Wunden heilen ... mal schlecht mal recht. Gewalt ... ist nicht der rechte Weg. Krieg ... ist keine Lösung, nur ein Weg. Wir wissen das, unser gegangenes Volk ahnte das.
Mit angezogenen Beinen ließ er sich nieder und hielt sich diese mit den Armen fest umschlungen. Sein Kinn ruhte auf den Knien und so klangen seine Worte nuschelnd.
»Ich, wir ... ich will all dies nicht mehr. Ich habe genug von euren Geschichten und Andeutungen. Ihr die kamt, ihr die gingt ... lasst mich endlich in Frieden.«
Die immer kehrenden und säuselnden Geräusche, die er meinte zu vernehmen, verebbten zu seinem erstaunen wahrhaftig. Er wusste, dass nicht nur er diese hörte. Viele sprachen, wenn sie sich unbeachtet währten, von diesen geisterhaften Lauten. Er ahnte, was auch immer sich hinter diesen Klängen verbarg, sich ihm mitzuteilen versuchten. Einzig die Hintergründe verschlossen sich ihm nach wie vor. Dennoch, er glaubte zu erahnen, dass diese Stimmen sich nur jenen mitteilen konnten, die empfänglich genug oder in irgendeiner Form mit diesem längst vergangenen Volk in Verbindung standen. Womöglich waren all diese Menschen Nachfahren derer. Ja vielleicht sogar er selbst?
Der silbrig scheinende Mond erhellte sein Versteck nur spärlich, doch fand ein fahler Schein seine noch immer verschlossene Hand. Er faltete das Papier auseinander und seufzte.

***

»Auch wenn dein Bruder es wiederholt nicht für angemessen hält. Erzähl mir bitte in deinen Worten, was ihr zwei gelernt habt.«
Seine Stimme klang gereizt. Gewiss, Kayden entzog sich mehr und mehr den Übungen und Lehren, die man ihnen in den Mauern Falkenhorsts versuchte nahezubringen. Wohingegen dieser sich anerkennend als besser Schüler erwies als Veyed.
Er selbst beschrieb sich als ungestüm, übereifrig und neigte oftmals zu unüberlegten Handlungen. Sein kleinerer Bruder hingegen trat stets als sein Ruhepol hervor, der Denker und Lenker. Beide beisammen galten trotz ihres jungen Alters als nahezu unüberwindbar. Wo der eine mit Eifer und Kraft Aufmerksamkeit erhaschte, überwand der andere die Unaufmerksamen mit List und Tücke.
Sie hatten die Mannesreife noch nicht erreicht, genossen gleichwohl von einem jeden den nötigen Respekt und galten als ernst zu nehmende Gegner. Anlässlich ihres Zusammenhalts vermochten diese Zwei gar einen geübten Waffengang, von bis zu fünf Mannen, eine Zeit lang auf Abstand halten. Es war Veyed, der einsteckte und kraftvoll austeilte. Kayden hingegen verunsicherte und bezwang seine Widersacher durch Finten. Flink wie geschickt sorgte er selbst bei Übermacht für einen Ausgleich der Stärkeverhältnisse.
Less lag mit überkreuzten Vorderpfoten zu seinen Füßen und so vermutete Veyed, dass sein Bruder gesund und munter seiner Wege ging. Dieser hielt sich abermals im Wald auf. Er ahnte es nicht, er wusste es.
»In der Tat. Ihr zwei seid euch mehr als einig und gemeinsam selbst von Altgedienten nur schwer zu bezwingen. Dennoch, der Junge muss endlich lernen sich unterzuordnen und seinen Platz zu finden.«
»Unterordnen? Wem?« Veyed verzog fragend die Brauen, hatte er seinem Gegenüber noch nie so unbeherrscht erlebt. Lob und Tadel in einem Satz.
Er sah hinüber zu Less und grunzte. »Du vertraust ihm dein Leben an und glaubst mittels des Hundes über seinen Weg bescheid zu wissen. Aber ...«
»Es ist mir gleich, was Kay bewegt den Wald zu betreten und es ist mir auch egal, was er denkt dort zu finden. Er ist mein Bruder ...« Nachdruck verleihend schüttelte er den Kopf. »... und ich nicht sein Vormund. Ebenso wenig wie du ... Kylion.«
Less hob den mittlerweile bullig gewachsenen Schädel und heftete eines seiner Augen auf soeben angesprochenen. Etwas in Veyeds Stimme veranlasste ihn, aufzuhorchen und beide zu mustern. Wo seine Rute zuvor munter von rechts nach links wischte, schwebte diese nun beinahe eine Handbreit starr über dem Boden.
»Wenn Du meinst, ihn davon abhalten zu müssen, schick die Schattenjäger oder besser noch ...«
Kylion hob die Brauen und dessen Brust schwoll sichtlich an. Er hob die linke Hand. »Genug. Ich habe verstanden.«
»Sicher?« Veyeds Stimme klang nicht mehr wie die eines unbescholtenen Burschen, der sich trotzig zu behaupten versuchte. Er wusste mittlerweile diese der Situation entsprechend einzusetzen und argwöhnte dem gehörten wie Gesagtem. Allein dieses eine Wort sprach Bände. Mahnung, Drohung, vor allem aber Maßregelung.
Über die Schulter hinweg betrachtete er den dasitzenden jungen Mann, der sich schützend wie eine unüberwindbare Mauer vor seinem Bruder stellte. Er wusste, dass eine unbedachte Erwiderung das vertrauensvolle Bündnis maßgeblich beeinträchtigen konnte. »Weißt du Veyed, du hast vollkommen recht. Ich habe mich sichtlich geirrt.«
»Ach.«
»Seit beinahe vier aufeinanderfolgenden Erntezeiten bereiten wir euch nunmehr vor, euren Weg erfolgreich beschreiten zu können. Kayden ist mit seinen sechzehn Jahren noch ein Jüngling, du hingegen ein stattlicher junger Mann.«
»Was willst du mir sagen«, verlangte Veyed zu erfahren. Ihm war unverkennbar unwohl und Argwohn nistete in seinem Hinterkopf. Seine Hände wurden schwitzig.
»Kayden ist weder ein Falkner noch ein Schattenjäger, doch beherrscht der Junge sein Tun nicht minder als jene es tagein tagaus bewirken. Rondal geht sogar so weit zu behaupten, er würde den seinen in nichts nachstehen. Serfem hingegen beschreibt dich als den ruchlosen Schwertarm. Wo deine Klinge erklingt, neigen andere die Häupter.«
»Bitte? Ich versteh kein Wort.«
Kylion schloss die Lider und ließ die Arme sinken. »Wo steckt eigentlich Aellin?«
Langsam hob er den Blick und seine Augen hielten die seines gegenüber gefangen. Mit der Rechten beugte er sich zu Kaydens treuen Wegbegleiter hinab, um diesen zwischen den Ohren zu kraueln. Er empfand Stolz, dass der Hund sich ab und an bei ihm aufhielt. Gemeinhin wusste er aber auch, dass sein Bruder eben zu diesen Momenten für sich sein wollte und nicht bereit war, dass man ihn fand.
Ihm war nur zu bewusst, dass Kylion ihm durch die Blume hinweg mitzuteilen versuchte, dass es nicht mehr viel zu lehren gab. Ebenso wusste er, dass er es ihm, Serfem, Ron, Kremir und all den anderen nicht leicht machte. Er verschloss sich allem und jeden gegenüber. Es war seine Art zu trauen. Auch nach vier langen Jahren und von ihm aus noch vier weiteren.
Lediglich dem Hörensagen zu urteilen, konnte er wie sein Bruder sich ausmalen, wie es Ma' und Pa' erginge. Der vollständige Weiler wurde nach ihrer Flucht wieder aufgebaut, sogar um einige Gebäude mehr vergrößert. Eine umschlossene Palisade umgab die gesamte Siedlung. Auf dieser sollen Bewaffnete postiert stehen und zu Tageszeiten das nahe Umland durchstreifen. Der Verräter und seine Häscher glaubten, dass beide ums Leben kamen. Verschlungen von den Geschichten des Waldes.
Ebenso wusste er, dass Aellin, die Tochter Kylions, seit Anbeginn ihrer Zeit in Falkenau ihn umgarnte - warum auch immer. Zugegeben, das eine ums andere Mal gab er sich den Trieben, den Gelüsten des Mannseins hin und ließ sie gewähren. Sie war keine, die man leichtfertig von der Bettkante stieß, bedachte man, dass sie bereits in jugendlichen Jahren wohlproportioniert um seine Aufmerksamkeit buhlte. Sie war im selben Alter wie er und liebte die gleichen Berührungen. Er konnte sich noch genauestens an das erste Mal erinnern.
Sie schlich sich eines Abends unbemerkt in seine Kammer und kroch unter seine Decke, als er allein dalag und sich vorstellte, seine Hand wäre die der schönen Müllerstochter.

***

Er konnte nicht einmal benennen, wie lange er so da gesessen und die Zeilen seines Vaters wieder und wieder gelesen hatte. Anfangs fand er es verstörend, als Serfem, ausgerechnet ein Thulene, ihm den Brief reichte und mit belegter Stimme gestand, wie Leid es ihm täte. Der vermeidliche Mann Bestlins meinte, was er von sich gab und es schien, als würden ihm allein diese wenigen Worte die Luft zum Atmen rauben.
Von einem der Schattenjäger erfuhr er, dass Serfem vor vielen Jahren zum Frontdienst gezwungen und von seinen Liebsten ferngehalten wurde. Die ›göttliche Herrscherin‹ hielt mit ihren elitären Truppen die Familien jener in unbefriedeten Gebieten in Knechtschaft, die ihren Dienst nicht zufriedenstellend verrichteten. Der Junge glaubte zu erahnen, was ihm da vermittelt werden sollte.
Er zwang einen bitteren Kloß herunter, faltete das Stück Papier wieder ordentlich zusammen und bugsierte es dorthin zurück, wo niemand es je finden würde. Es waren seine Worte, die jene, seines Vaters für ihn so wertvoll machten und kein anderer ausgenommen seiner Ma' und seinem Pa' sollten sie zu Gesicht bekommen.
Wir lieben euch - Ma' und Pa'.
Wir denken jede Nacht an euch - Ma' und Pa'.
Wann kommt ihr uns endlich holen - Ma' und Pa'?
Einzig in unseren Erinnerungen und Tränen spiegeln sich eure Gesichter - Ma' und Pa'.
Wir lieben euch Ma' und Pa', bis zum letzten Atemzug.
Euer Kay und Veyed.
Er sah sich um und kletterte zurück auf den Boden der Tatsachen. Entschlossen trugen ihn seine Füße zu einer finster scheinenden Wand, im Lichte des Tages hingegen würde diese sich als dicht gewachsenen Busch darstellen.
Dahinter versteckte er einen nahezu pechschwarzen Rappen, den er sich aus den Ställen der Schattenjäger borgte.

Gespannt beobachtete er die Umgebung und die sich bewegenden Schatten auf der entfernten Palisade. Nicht alle dieser Männer standen im Sold des Lords und ebenso wenige auf dessen Seite, das war ihm gewiss. Dennoch, es trug niemandem auf der Stirn geschrieben und so hielt er sich weiterhin verborgen. Stets zu dritt und nach der Dämmerung zu vieren, ritten Wachgänger zwischen dem Rabengehölz und dem grenzbezeichnenden Bach auf und ab.
Als er sich gewiss war und sein Gespür ihn nicht mahnte, spornte er sein Pferd an. Der Weg hinüber in das schützende Gehölz war kaum nennenswert, dennoch blieb jede falsche Bewegung verräterisch.
Erinnerungen der damaligen Flucht formten Bilder in seinem Geiste und so sah er über die Schulter hinweg. Dies konnte annähernd derselbe Weg gewesen sein, den er einst mit Veyed lief, nur in entgegengesetzter Richtung.
Vorsichtig, dennoch behänden lenkte er den Rappen entlang eines Wildpfades. Dieser, so erinnerte er sich, führte ihn direkt bis an die verwaisten Sandsteingruben. Von dort an würde er entweder laufen und in dem Gerinne weiter bis hinauf zur Erhöhung klettern müssen, oder umständlich den ungeschützten Aufweg folgen.
Er entschied sich für die mühsamere dafür bewährte Route.

Serfem und die Schattenjäger hatten nicht übertrieben. Kayden wurde hier im Wohnhaus seines Vaters geboren und wuchs auf dem verfallenen Hof auf. Noch vor wenigen Jahren spielte er mit seinem Bruder als auch zu Erntezeiten mit anderen Kindern in den zerfallenen Ruinen verstecken.
Aus Erzählungen war im bekannt, wie groß der Weiler vor der Invasion gewesen sein musste und wie viele Menschen in diesem einst lebten. Verblüfft hockte er in den Schatten einer Hauswand und verfolgte die Bewegungen umherstreifender Wächter. Ihm wurde erzählt, dass bei ihrer Flucht die Scheune so auch die Schmiede niederbrannte. Geblieben waren das Wohnhaus und die Lagerstätte, deren großes nunmehr geschlossenes Tor er im Auge hatte.
Dort würde er sich erneut in die Schatten begeben und einen Schleichweg hinüber zum Haus seiner Eltern erkunden. Es standen genügend Hindernisse umher, hinter denen er sich verbergen konnte und die Nacht umgab ihn schützend in seinem braunen Umhang. Die Kapuze zog er sich tief ins Gesicht und schlich geduckt von Schatten zu Schatten. Einer Katze gleich wand er sich durch eng stehende Kisten und Fässer. Sprang, krabbelte und glitt lautlos seinem Ziel entgegen.
Rondal selbst wusste dem Jüngling nicht mehr beizubringen und so war es ihm nur verständlich, sich den Schattenjägern anzuschließen, um den allseits gefürchteten Geisterwald zu durchstreifen. Ein jeder freute sich, den scharfsinnigen Burschen in ihren Reihen zu wissen und vermittelten ihm Erkenntnis, die er aufsog wie ein Schwamm das Wasser. Er galt als einer der Besten und Gerissensten unter den ihren. Alric würde seine Freude an dem Jungen haben, hatte es als Bericht an Kylion geheißen.
Er beobachtete zwei ihm unbekannte Männer aus der Tür seines Hauses treten und diese hinter sich schließen. Er musste sich korrigieren, seines alten Zuhauses. Schwermut belegte seine Glieder bleiern, als er oben am Fenster seiner früheren Räumlichkeit ein müde scheinendes Gesicht erkannte.
Das Zimmer war hell erleuchtet, so als würde in jedem Winkel dieses eine Kerze für Licht sorgen. Ein Schauer überkam ihm, so als glitt eine eisig kalte Hand beginnend des Nackens bis hinab zum Steiß. Er spürte jeden einzelnen Finger dieser irrealen Hand und glaubte nadelspitze Fingernägel zu verspüren. Seine Rechte umfasste einen nahestehenden Pfosten, bis der Schmerz der krampfenden Muskeln und Sehnen ihn ermahnten.
»Auch wenn Bestlin den Weiler wieder aufbauen ließ, ich kann für die Zwei nur hoffen, dass die Jungs nie gefunden werden.«
»Halts Maul. Ich war bei dem Trupp dabei, die die Leichen am Bach fanden. Schaurig sage ich dir.«
»Meinst du ...«
»Nein. Da waren keine Leiber von Kindern. Das hast du aber nicht von mir.«
»Schon klar, aber ...«
»Nichts aber.« Der Sprecher schien nach den richtigen Worten zu suchen und sprach deutlich gepresster als wenige Momente zuvor. »Serfem sagt, sollten die Zwei je wieder kommen, müsse ein jeder sich entscheiden.«
»Gesetz dem Fall. Hast du dich entschieden?«
Sein Gesprächspartner grunzte und schien sich in die hohle Hand zu boxen. Ein dumpfes Klatschen echote laut in Kaydens Ohren. »Ich weiß, auf wessen Seite ich stehe und stehen werde. Ich hoffe, du weißt es spätestens dann auch.«
Der junge Schattenjäger lauschte angestrengt, konnte jedoch nur noch Bruchstücke wahrnehmen. Sie schienen sich über seinen Onkel zu unterhalten und welch zwielichtigen Auftrag dieser im Namen des Lords in Holmfirth auszuführen habe.
Das letzte Mal, dass man ihn zu Gesicht bekam, war vor mehr als einem Jahr.

Ihm wurde gewahr, dass er sich gefährlich weit aus den Schatten wagte, und zuckte zurück. Gerade zur rechten Zeit empfand er, denn zur gleichen wurde die Tür zum Wohnhaus aufgestoßen. Kaydens Blick schlierte, als dessen Vater mit verschränkten Armen, im Lichte der Öllampe hinter ihm, den Türrahmen beinahe zur Gänze ausfüllte. Dieser blickte sich selbstsicher um, lehnte sich mit vorn aufgelegten Händen über die Brüstung und stierte ins Dunkle. Kayden wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht und spürte Augen auf sich ruhen.
»Alna, wo?«
Angesprochene schluchzte und wies mit ausgestreckter Hand hinüber zum Lagerhaus. Genau in seine Richtung.
»Na warte Bürschchen. Ich habe euch räudigen Scheißer mehrfach ermahnt, jetzt reicht es.«
»Klarich sei vorsichtig«, ersuchte Kaydens Mutter mit erstickt.
»Ich werde mir aus deiner zerzausten Gestalt einen neuen Türpfosten knoten. Komm her du Lump«, mahnte sein Vater mit absonderlich klingendem Bass. Er klang nicht mehr wie Früher. Abgestumpft, beinahe herrisch, als wäre jedwede Liebe aus seiner Stimme entwichen.
Er fasste hinter sich und betastete die Wand. Das vierte Brett neben dem Tor, etwa zwei Handspannen oberhalb des Bodens. Seine Bewegungen wurden fahriger, nahezu panisch.
Verdammt, hier war es, es musste hier gewesen sein.
Kayden suchte nach jenem, dass lose an einem Nagel hing und ihm beim Versteckenspielen stets einen Ausweg bot.
Das Brett war nicht mehr oder vielmehr wurde gerichtet, so wie der Rest des Weilers auch.
»Wusste ich´s doch.« Er hieb fordernd die rechte Faust in seine offene Linke - immer wieder aufs Neue. »Komm da vor Bursche, es gibt kein Ausweg.«
Kayden tastete besseren Wissens weiterhin nach dem losen Brett und blickte gehetzt von seinem Vater nach einem anderweitigen Fluchtweg, der ihm in der Tat verwehrt schien. Durch das Gefluche wurden weitere aufmerksam und versperrten ihm den einzig möglichen Weg.
Klarichs Brauen wallten wie Wellen auf dem Meer. Er überlegte, sortierte seine Gedanken. Etwas an der Art wie diese verhüllte Person die Wand betastete schien ihm bekannt.
Kayden erhob sich bedächtig, um nicht bedrohlich zu wirken. Seine Linke richtete er abwehrend nach vorn, hielt jedoch den Kopf gesenkt, als seine Rechte die geheime Tasche an seinem Gürtel nicht gleich fand. Er wusste, trüge er eine Waffe, sein Vater hätte ihn längst gepackt. Langsam beinahe andächtig hob er den Brief empor und erntete fragende Blicke seines grollenden Gegenübers.
»Was soll das? Willst du dich mich mit einem Stück Papier erschlagen?«
Kayden schallt sich einen Narren, denn er schüttelte zu ungestüm den Kopf. Die Kapuze verrutschte und ließ für sein Empfinden zu viel seines Gesichtes erkennen.
Nach Luft röchelnde Laute drangen ihm schmerzlichst tönend ans Ohr und sein Blick heftete sich an wässrige Augen seines Vaters. Klarichs Mund stand offen und dessen Kinn vibrierte. Tränen rannen ihm haltlos die Wangen hinab, als sich die Erkenntnisse verdichten.

Ein Junge, sein Junge nutzte stets und ständig ein am Lagerhaus lose hängendes Brett, um sich dem Zugriff seines älteren Bruders zu entziehen. Kurzes braunes Haar und eine kleine jugendliche Nase. Die Augen vermochte er nicht zu erkennen und die Lippen schienen voller. Es musste sein, es konnte nicht anders sein.
Die Stimme des Bauern erzitterte und klang flehend. »Mein Junge«, wisperte er gebrochen. Langsam trat er näher, wollte den jungen Mann umarmen. Seine Worte erstarkten mit jedem Atemzug. »Mein Junge. Kay, mein Junge.«
Angesprochener konnte nicht umhin und kämpfte mit den Gefühlen. Sein Magen wurde ihm flau und sein Hals schmerzte. Ohne es weiter abwarten zu können, zog er seinen Vater ins Zwielicht des Lagers und in die Arme. Ihm war egal, ob man ihn jetzt erkannte und das Geheimnis um ihn endlich gelüftet wurde. Die Schatten jedoch verbargen ihre Bewegungen und legten einen dünnen Schleier von Sicherheit über beide.
»Kay ...«
»Pa' ...«
»Mein Junge. Wo ...«
»Pa' bitte. Hör mir zu.« Kayden drückte ihm den Brief in die Hand und Klarich verschloss diese zur Faust. Er sah hinab auf diese und nickte erstickt. »Du bist nicht gekommen, um zu bleiben.«
»Ich musste euch sehen, ich konnte nicht mehr, weißt du?«
»Wir wissen, wie es euch ergeht. Serfem hat sich offiziell als Wachvorsteher hier her versetzen lassen.«
»Serfem.«
»Er ist ein Freund, Kay.«
Eine Stimme erscholl gefährlich nahe. »Klarich was geht da vor. Prügel dem Dieb seinen verdorrten Geist aus dem Schädel und geb endlich Ruhe.«
»Ich verprügle keine Jungen, die Hunger haben«, gab der Bauer ebenso laut zurück.
»Du und dein Wohlgetue. Einen Scheiß drauf.«
Wieder an seinen Sohn gerichtet, verdrängte er das Aufbrausen des Wächters, der kein ehrliches Interesse daran hegte, ihm zur Hilfe zu eilen. »Wann?«
»Sobald Veyed der Falke ist. Ich werde versuchen wieder zu kommen. Richte Ma' aus, dass wir euch beide ganz doll Lieben.«
Klarich konnte nicht antworten. Ihm versagte die Stimme und drückte stattdessen seinen Jungen fest an die Brust.

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beta
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