Den Horizont erweitern 1/3

Unaufhaltsam stob der Verlauf einem unnahbaren Ziel entgegen. Dieser machte keinerlei Hehl daraus, sich weder vor dem einen noch vor dem anderen zu beugen. Selbiger neigte sich auch nicht, diesem blieben die Belange aller gleichgültig. So wie sich das Wasser immerwährend seinen Weg bergab bahnte, so schritt auch die Zeit unvermeidbar voran.
Aus der Früh wurde Mittag und aus jenem Nachmittag. Lediglich der Abend, die Dauer des Dunkelns hielt ein stetes Arrangement mit der Jahreszeit.
Die Zeit der Jäger begann und die der Gejagten neigte sich dem Ende. In regelmäßigen Zwischenräumen entflammten lüstern tanzende Lichter, die an vorherigen widererwartend erloschen, um sodann an anderer Stelle erneut zu erhellen. Bereits seit Längerem beobachtete er das scheinbare Spiel. Es bestand zweifelsfrei eine Bedeutung in der Reihenfolge, wie diese entzündet, abgeblendet und wieder entfacht wurden.
Ein Kauz erwachte aus seiner Tagesruhe und begrüßte die nahende Düsternis, die den Wald in den bevorstehenden Stunden in Finsternis tauchte. Ein gluckerndes Klackern mischte sich hinzu und gleich darauf schälten sich bewegende Schemen zu seiner Linken ins Zwielicht. Es waren vier Reiter, die sich aus der Umarmung der Bäume lösten und die weiträumige Wiesenebene betraten. Sie lenkten ihre Pferde entlang des Baches, um an vorbezeichneter Stelle diesen zu verlassen. In augenscheinlichen Zickzack führte ihr Weg sie rechter Hand vorbei des Rabengehölzes.
Die Lichter in der Ferne waren Fackeln, das wusste er. Entfacht auf einer dreihundert Schritt langen Palisadenwand, bezeugten diese auch in den Abendstunden die Beschreitungsgrenze.
Bestlin ließ diese hölzerne Wand nicht als Schutz vor marodierenden Räubern oder Banditen errichten. Vielmehr sollte diese den Bewohnern und Händlern des Landes symbolisieren, bis zu welchem Landstrich sein schützender Arm reichte. Jedwede Person, welche die sinnbildliche Grenze überschritt, wandelte nicht länger unter seiner Obhut und handelte auf eigener Gefahr.
Den Obristen Memnachs selbst konnte er die Bestimmtheit und den Sinn seines Vorhabens glaubhaft abringen und so blieben ihm unmöglich zu erklärende Abkömmlichkeiten erspart. So unter anderem den Verbleib des thulenischen Spähtrupps, welche seine Männer vor wenigen Jahren geschunden an dem Bachlauf des ›flüsternden Waldes‹ auffanden.

In tiefen Zügen sog er die kühle Nachtluft in seine Lungen - ein und wieder aus. Er wusste, Kylion erwartete ihn unlängst auf Falkenhorst. Dennoch, er genoss die Ruhe, die Abgeschiedenheit und den Blick auf sein ... vergangenes Leben.
Seine Mundwinkel zuckten und sein für gewöhnlich geruhsamer Atem geriet ins Wanken. Mit jedem Schlucken fühlte er Schwermut, sein Magen rebellierte unter der Wehmut seines klagenden Herzens. Tränen sammelten sich in seinen Lidern.
Er hob den Blick und seine Lunge errang einen weiteren tiefen Atemzug. Er glaubte, sich viermal stocken gehört zu haben. Seine Hand fand den schmalen Einschnitt in seinem Gürtel. Außenstehende würden diesen als Naht betrachten, auch wenn sie unbedarft an diesem herumfingerten. Niemand konnte erahnen, dass es sich hierbei um eine kleine Tasche handelte.
In seiner Faust hielt er ein sorgfältig gefaltetes Stück Papier. Wie als dürfe er dieses nicht verlieren, komme was wolle, presste er seine Hand zusammen. Seine Knöchel knackten und seine Gelenke begannen zu protestieren.
Schmerz ... ist nicht der Weg. Schmerz ... ist nicht die Lösung. In meinem Schatten fandest du Schutz und Geborgenheit. In meinem Schatten durftest du gedeihen.
Schwermütig atmete er aus der Nase aus. Es klang wie ein Schnauben. »Ja«, hauchte er. »Schutz, Geborgenheit und ein Zuhause fand ich. Dennoch musste ich lernen mit schmerzen im Herzen zu leben.«
Schmerzen vergehen ... im Leben wie auch danach. Wunden heilen ... mal schlecht mal recht. Gewalt ... ist nicht der rechte Weg. Krieg ... ist keine Lösung, nur ein Weg. Wir wissen das, unser gegangenes Volk ahnte das.
Mit angezogenen Beinen ließ er sich nieder und hielt sich diese mit den Armen fest umschlungen. Sein Kinn ruhte auf den Knien und so klangen seine Worte nuschelnd.
»Ich, wir ... ich will all dies nicht mehr. Ich habe genug von euren Geschichten und Andeutungen. Ihr die kamt, ihr die gingt ... lasst mich endlich in Frieden.«
Die immer kehrenden und säuselnden Geräusche, die er meinte zu vernehmen, verebbten zu seinem erstaunen wahrhaftig. Er wusste, dass nicht nur er diese hörte. Viele sprachen, wenn sie sich unbeachtet währten, von diesen geisterhaften Lauten. Er ahnte, was auch immer sich hinter diesen Klängen verbarg, sich ihm mitzuteilen versuchten. Einzig die Hintergründe verschlossen sich ihm nach wie vor. Dennoch, er glaubte zu erahnen, dass diese Stimmen sich nur jenen mitteilen konnten, die empfänglich genug oder in irgendeiner Form mit diesem längst vergangenen Volk in Verbindung standen. Womöglich waren all diese Menschen Nachfahren derer. Ja vielleicht sogar er selbst?
Der silbrig scheinende Mond erhellte sein Versteck nur spärlich, doch fand ein fahler Schein seine noch immer verschlossene Hand. Er faltete das Papier auseinander und seufzte.

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