Denk nicht es wird leicht!

Fortsetzung von:  

Denk nicht!

Sonntag, 27. April 2008

Zusammengerollt liege ich im Bett.
Die Sonne kriecht durch das Fenster, streicht mir über die Wange  und schnuppert mir ins Gesicht, dann ins Ohr. Das kitzelt.
Widerwillig öffne ich die Augen.
Gebannt starren mich zwei grüne Augen mit senkrecht schwarzen Schlitzen an.
Es ist  'Chilly', die rote Katze und nicht die Sonne.
Mein Blick wandert zum Radiowecker auf dem Nachttisch.
6:52 Uhr zeigen die roten Leuchtziffern an.  Den Katzen ist das schnuppe, ob heute Werktag ist oder Sonntag.  
Ich habe mich bewegt. Jetzt gibt es kein Halten mehr.
Mit einem Satz springt die schwarze Katze, 'Pepper', auf das Zudeck und stößt  ihren Schadel mit voller Wucht gegen meine Nase. Ich unterdrücke einen schmerzvollen Laut!
Ich drehe mich um. Neben mir liegt Roman, auf die Seite gedreht.
Seine Brust hebt und senkt sich, er atmet gleichmäßig ein und aus, schläft friedlich.  Er hat eine anstrengende Arbeitswoche hinter sich. 
Wie immer kommt ein Auftrag nach dem anderen rein und ein Kunde gibt den nächsten die Klinke in die Hand, weil er Probleme hat, die Roman beseitigen muss und mit jeden Tag in der Woche steigt das Arbeitspensum. Streß pur.
Mittags schiebt er sich hastig einen Döner aus dem Dönerladen um die Ecke, oder einen Salat hinein und fachsimpelt mit den Arbeitskollegen nebenbei, ob es für das Problem ein 'Open-Source-jquery-Plugin' gibt oder ob 'Java' die objektorientierte Programmierung ‚zerbrochen‘ hat.
So, oder so ähnlich läuft das ab.
Überstunden sind an der Tagesordnung, weil ständig etwas fertig werden muss. Roman arbeitet als Softwareentwickler. Sein Chef weiß genau, wem er die schwierigen Aufträge und Probleme unterjubelt, damit sie termingerecht und gewissenhaft erledigt, bzw. die Fehler beseitigt sind, und die Kundschaft zufrieden ist.
Es ist ein gutes Gefühl, etwas Funktionierendes komplett aus dem Nichts zu erschaffen, ein bisschen wie Lego für Erwachsene, hat Roman mir einmal seinen Job erklärt.
Es ist nicht mein Metier. Ich arbeite mit Menschen, überwiegend Kindern, in einer Logopädie Praxis in München-Pasing. Dort wohnen wir auch, in einer großen Altbauwohnung.  Wir verdienen nicht schlecht zusammen, vor allem Roman und können uns eine entsprechende Wohnung leisten, nur zwei Straßen vom Stadtpark entfernt.

Der Sonntag ist der einzige Tag, an dem Roman Ruhe hat und nicht irgendetwas muss. Deswegen stehe ich auf, damit die Katzen nicht anfangen im Bett herum zu turnieren, ihre Machtkämpfe auf dem Zudeck auszutragen und Roman aufwecken.

Ich husche über den langen dunklen Flur. Auf dem Parkettboden liegt ein hellgrüner Teppich, der unter den Fußsohlen kitzelt. An der einen Wand hängen an der Garderobe zwei Jacken. Eine lange beige leicht taillierte Stoffjacke, meine und eine dunkelblaue, Romans Jacke. Die Katzen hüpfen erwartungsvoll, wie Gummibälle neben mir her. 
In der Küche vor der Arbeitsplatte bleibe ich stehen.
Sie erinnert mich an die Schindeldächer der Häuser in den ostoberfänkischen Städten und Dörfern oder der nördlichen Oberpfalz.  
Ich greife nach den Porzellannäpfen neben der Spüle. Die Katzen schleichen um meine Füße und reiben ihre Köpfe um die Wette an meinen Beinen, während ich die Dose mit dem Nassfutter öffne und in zwei Näpfe fülle.  Ich stelle die Schalen im Flur, gegenüber der Garderobe, neben den beiden Trinkschalen, auf einer Palstikunterlage, ab, schlüpfe zurück ins Bett und betrachte Roman. 
Sein dunkles Haar kringelt sich wie immer wild und widerspenstig und steht nach allen Seiten ab. Meine Augen wandern über die fein geschwungene Nase, über die Lippen, das markante Kinn. 
Noch immer durchflutet mich ein heißes Gefühl von Liebe und Glück, wenn ich Roman betrachte und Dankbarkeit. Tiefe Dankbarkeit, dass er neben mir liegt und ich neben ihn, obwohl wir schon vierzehn Jahre zusammen sind.
Ob sich das jemals ändern wird? Hoffentlich nie.
Vermutlich empfinden das andere Paare nicht so intensiv, vor allem nach so langer Zeit. Bei uns ist das anders. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass wir beisammen sind. Es wird immer etwas Besonderes bleiben.
Vor vierzehn Jahren haben wir beschlossen, dass wir zusammen sein werden. Das war im März 1994.


Wir waren mehr getrennt, als zusammen in der ersten Zeit, und in der Zeit wo wir zusammen waren, mussten wir meist Distanz halten, um uns in der Öffentlichkeit nicht zu verraten, und das war überall, außer in Nicos Zimmer.
Sogar in der WG, außerhalb des Zimmers, hielten wir Abstand, was wohl  hirnrissig war, denn die beiden Mitbewohner bekamen gewiss mit, dass wir mindestens das halbe Wochende in Nicos Zimmer verbrachten. Und dass wir nicht hier waren um Domino oder Backgammon zu spielen, war klar.

Eines Abends saßen wir in der Küche auf der Eckbank. 
Das Polster war ein dicker ausgeblichener Webstoff, in undefinierbarem graubeigen Ton, mit einem Hauch grün. An den Rändern der Bank, wo die Farbe noch nicht so stark ausgeblichen war, sah ich, dass es einstmals wohl so etwas wie  ein lindgrün war. Wir aßen ein paar belegte Brote. Nico hatte extra für uns mit eingekauft und so bedienten wir uns, weil er es uns ausdrücklich nahe gelegt hatte.

Wir waren erst ein paar Wochen zusammen, Roman und ich und mehr als zwei, drei Wochenenden hatten wir noch nicht miteinander verbracht. 

Plötzlich stand Christian im Türrahmen der Küche, einer der Mitbewohner, der Nico und mir manchmal bei den Matheaufgaben geholfen hatte.
Eine Baseballkappe trug er immer verkehrt herum und eine lange blaue Strähne hing ihm ins Gesicht.
„Hi ihr!“, sagte er, lächelte von Roman zu mir und trat zögernd in die Küche.
„Darf ich mich einen Augenblick zu euch setzen?“, fragte er verlegen. 
So wie er es sagte, war klar, dass er uns auf unsere Beziehung ansprechen wollte. Automatisch tastete ich nach Romans Hand und ergriff sie, angsterfüllt. 
Ich drückte die Fingerknöchel gegen die Sitzfläche, weil ich merkte, dass meine Hand zitterte. 
„Ich möchte nicht um den heißen Brei reden“, sagte er und schaute abschätzend von Roman zu mir. Mein Herz flatterte wild. Was kam jetzt?
„Wir haben uns natürlich gewundert, warum ihr jedes zweite Wochende in Nicos Zimmer seid, während Nico spurlos verschwunden ist. Wir können uns vorstellen, was ihr tut und es geht uns auch nichts an!“, sagte er verlegen lächelnd und schaute nach unten auf die vergilbte cremfarbene Platiktischdecke, die einstmals sicher weiß gewesen war.
„Wir haben Nico darauf angesprochen, Daniel und ich. Nach einigem Zögern rückte er dann doch mit der Sprache heraus und hat uns euere Geschichte erzählt, so grob zumindest“, fügte er entschuldigend hinzu.
„Daniel und ich, wir sind nicht die Sittenpolizei, das möchte ich klar stellen. 
Wir haben uns länger darüber unterhalten, Nico, Daniel und ich. Es laufen genug Menschen auf dieser Erde herum, die schlagen, töten, vergewaltigen und euch würde der Staat einsperren oder sonst wie bestrafen wollen, weil ihr euch nicht wie Geschwister fühlt, euch liebt und miteinander Sex habt. 
In meinen Augen passt da etwas nicht. Freilich, kann man moralisch seine Bedenken haben, aber jemanden lieben und mit ihm Sex haben ist doch kein Verbrechen!“
Christian strich sich die blaue Strähne hinters Ohr. Er hatte Piercings in der Nase, in den Ohren und in der Unterlippe. Bestimmt gab es jede Menge Leute, denen sein äußeres Erscheinungsbild ein Dorn im Auge war und über ihn urteilten, ohne ihn zu kennen.
„Jedenfalls wollte ich euch sagen, ihr könnt hier in unserer WG ganz ungezwungen miteinander umgehen, wie ein normales Paar eben, ohne euch Gedanken zu machen. Okay?“
Ich atmete erleichtert auf, drückte Romans Hand, die ich noch immer in meiner zittternden Hand hielt. Wir schauten uns gleichzeitig an und lächelten erleichtert.
Dann schauten wir beide gleichzeitig zu Christian. Er lächelte zurück.
„Wisst ihr was, ihr seid süß ihr zwei. Ich wünsche euch, dass ihr für immer zusammen bleibt und auf diesen ganzen Koventions- und Gesetzeskram scheißt, den euch der Staat und die Gesellschaft aufdrücken will.“

Ich konnte nicht anders, ich stand auf, ging auf Christian zu, der auf dem Stuhl gegenüber saß und umarmte ihn. Ich musste fast los heulen. Er war der erste Mensch und ein fast fremder noch dazu, der sich ausschließlich wohlwollend äußerte und sich entsprechend verhielt.













Comments

  • Author Portrait

    Ein schöner Start ist dir da gelungen; schön auch, wie sie auf die Anfangszeit zurückblickt und sich das Hier und Jetzt damit verknüpft.

  • Author Portrait

    Wie schön! Schön dass es weiter geht, schön dass sie glücklich sind!

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