Denk nicht es wird leicht!

 
Gemessen an der Gesamtzeit waren wir selten zusammen. Trotzdem, oder gerade deswegen, lebten wir wie in Trance. Wir schwebten mindestens drei Meter über den Erdboden und waren unbeschreiblich glücklich. So glücklich, überhaupt zusammen zu sein. Wenn ich mich an dieses erste Jahr zurück erinnere, kommen mir fast auschließlich Situationen und Augenblicke mit Roman in den Sinn. Alles andere hat mein Gehirn ausgeblendet oder gar von der Festplatte gelöscht. Es war irrelevant, bedeutungslos.

Jedes zweite Wochende ist Roman gekommen und Nico hat uns für das komplette Wochende sein Zimmer überlassen. Selbstlos. Sicher.

Bald war Nico mit sämtlichen Kellnern und Sevicekräften in den Cafés und Kneipen der Stadt bekannt und beinahe so etwas wie befreundet.
Irgendwo musste er ja bleiben, während wir sein Zimmer beschlagnahmten.


Wir betraten die Kneipe, in der Nico seinen Abend vertracht hatte um ihn abzuholen. Nico hockte mit dem Rücken zu uns an der Bar.

„Hast du kein Zuhause?“, frotzelte der Kellner.
Langsam kamen wir näher und blieben hinter Nico stehen.
„Nein!, das hat man mir entrissen“, sagte er mit Unschuldsmiene und herzerweichendem Ton in der Stimme.
Er erzählte eine Story von zwei kaltherzigen Leuten, die sich bei ihm eingenistet und ihn ausgesperrt hatten und er müsse heute Nacht wohl mit einer Parkbank vorlieb nehmen.
„Das tut mir leid“, sagte der Kellner, nahm das leere Bieglas, das vor Nico stand, hielt es unter den Zapfhahn, füllte es und stellte es mitleidig lächelnd vor Nico ab.
„Ich lege dir ein paar Decken in die Abstellkammer. Dort kannst du bleiben bis morgen früh, dann musst du nicht unter der Brücke am Mainufer bei den Obdachlosen und Junkies schlafen“, sagte der Kellner. 
Seine Augen legten sich auf Nico, weich und fürsorglich wie eine Chenille-Decke. Dann wandte er sich uns zu, mit fragendem Blick.
Nico drehte sich um und sah, wie Romans wütend funkelnde Augen ihn mitten ins Gesicht sprangen.
Milde lächelnd erhob sich Nico vom Barhocker.
„Das war nur Spaß“, begann er und legte beschwichtigend den Arm auf Romans Schulter. 
Doch Roman schüttelte ihn ab, als wäre er ein lästiges Insekt, packte Nico am Arm und schleifte ihn vor die Tür.
Besorgt schaute ich den beiden hinterher. Am liebsten wäre ich ihnen gefolgt, aber das war eine Sache zwischen Roman und Nico. Nicht einmischen!, entschied ich und setzte mich auf den Barhocker, auf den eben noch Nico gesessen hatte.
Meine Augen fuhren den Raum ab. Auf dem abgewetzten Parkettboden standen Holztische und Stühle im Raum verteilt. Auf den Tischen brannten in Gläsern langstielige Kerzen, an denen das flüssige Wachs herunter rann. Glühbirnen in dunklen Lampenschirmen warfen ihr schumriges Licht in den Raum. Gemütlich war es und einen Hauch verrucht. Der Kellner lächelte und stellte wortlos eine Coke, die ich gar nicht bestellt hatte, neben Nicos Bier.

Kurz darauf kam Nico herein gestürmt, direkt auf mich zu.
„Schwierige Sache!“, japste er und winkte ab, „Roman ist stocksauer. Für ihn war das kein Spaß. Ich hab ihn an einer wunden Stelle getroffen und muss das jetzt wieder gerade biegen. Ich dreh´ mit ihm eine Runde um den Häuserblock, ja?“
Ich nickte.
„Was musst du auch für Sachen erzählen“, funkelte ich ihn wütend an.
Verlegen rieb er sich die Nase.
„Tut mir leid.“
Kaum dass er es ausgesprochen hatte, war er schon wieder verschwunden.
Ehrlich gesagt, war ich fast genauso sauer  wie Roman. Er hatte sich gewaltig daneben benommen. Trotzdem spürte ich, dass hinter diesem flapsigen Verhalten Schmerz lag, den er damit versuchte zu übertünchen. Wenn Roman Nico nur halb so viel bedeutete wie mir, dann musste das alles für ihn die Hölle sein.
Vesonnen nippte ich am Coke.
„Ich heiße übrigens Stefan“, sagte der Kellner hinterm Tresen, „und du?“
Die Frage riss mich aus meinen Gedanken. Ich starrte ihn an, als wäre er ein Alien und brauchte eine Weile, bis ich mich wieder gefangen hatte.
„Sonja“, antwortete ich endlich. Ich schaute mich um.
Fast alleine saß ich in der Kneipe. Ein paar Tische weiter spielten noch zwei Leute   Schach.
„Okay Sonja, ich mixe uns was Ordentliches“, sagte er und lächelte versonnen vor sich hin, während er nach den verschiedenen Flaschen aus den Regalen griff und sie auf die Arbeitsplatte vor sich abstellte: Wodka, Sirup, Grapefruitsaft, Ginger Ale.
„‚Endless Summer Feeling‘ wird das“, sagte er und zwinkerte mir bedeutungsvoll zu. Dann füllte er aus jeder Flasche, mehr oder weniger, in einen Cocktailshaker und schüttelt das Ganze gekonnt. Eine Haarsträhne fiel ihn in die Stirn. Er blies sie lässig fort, während er weiter schüttelte.

„Hoffentlich hauen sich deine beiden Jungs ordentlich die Köpfe ein“, sagte er und lächelte mir verschmitzt ins Gesicht.
„Was?“, fragte ich mit großen erschrockenen Augen.
„Damit sie erst wieder im Krankenhaus aufwachen. Bei mir zuhause ist viel Platz. Auf dem Sofa, in meinem Bett.“
Seine Augen legen sich auf mich. Weich, zu weich. Herausfordernd, zu herausfordernd.
„Meine Freundin ist letzte Woche mit einen anderen durchgebrannt.“
„Und da meinst du, es wäre langsam Zeit sie gegen eine neue auszutauschen?“
„Warum nicht?“, sagte er und grinste mich entwaffnend ehrlich an, während er die nächsten Flaschen für einen neuen Drink bereit stellte.
Gegen Mitternacht kannte ich Stefans halbe Lebens- und Leidensgeschichte. Dann tauchten auch Roman und Nico endlich wieder auf, vergnügt lachend kamen sie in die Kneipe gestoben.
„Bedauere, deine Freundin hat sich bereits für mich entschieden“, sagte Stefan. Mit toternster Miene schaute er Roman ins Gesicht.
Verschwörerisch lächelnd wandte er sich mir zu und seine Augen funkelten.
Wachsam schaute ich auf Roman.
Er sagte nichts, legte stattdessen den Arm um mich, was er sonst nie in der Öffentlichkeit tat und zeigte den Kellner ungeniert den Mittelfinger.
Mit verführerischen Augenaufschlag schaute mich Stefan der Kellner an.
„Schade Sonja“, seufzte er, „es hätte so nett werden können mit uns beiden.“
Roman warf ihn nur einen vernichtenden Blick zu, fragte, wieviel er für die Getränke bekomme, knallte ihn das Geld auf den Tresen und presste knapp: „Stimmt so!“, hervor. Dann legte er mir wieder den Arm um die Schultern und zog mich mit sich nach draußen, ohne den Kellner noch eines Blickes zu würdigen.
Wir standen vor der Tür.

„Ihr habt euch wieder vertragen?“
Erwartungsvoll schaute ich von Roman zu Nico.
„Wutentbrannt wollte er mir das Zimmer vor die Füße werfen und mit dir unter der Brücke schlafen“, sagte Nico und zwinkert mir frech zu.
„Hör auf!“, sagte ich, als ich Romans angespannten Gesichtsaudruck sah. Eine Falte zog sich senkrecht zwischen seine Augenbrauen.
Ein schneller Blick auf die Armbanduhr ließ mich erschaudern: Fünf nach Zwölf. Ich hatte meinen Eltern vorgeschlagen, mir mehr Verantwortung für mich selbst zu überlassen, dass ich länger fort bleiben durfte, aber spätestens um Eins zuhause antanzen würde, ohne dass sie auf mich warteten oder gar in Panik ausbrachen. Nach einigem Zögern hatten sie zugestimmt. Mama nur widerwillig.
Ich sollte ihre Nachgibigkeit nicht allzusehr überstrapazieren...
Hätten sie gewußt, mit wem ich zusammen war und vor allem wie, wäre der Ofen sowieso aus gewesen und sie hätten mich eingsperrt bis ich hundert wäre. Mindestens.

An der Sandsteinfassade, vor der Kneipe lehnten die Fahrräder. Meines und Nicos, das Roman benutzte, um mich nach Hause zu begleiten.
Wir verabschiedeten uns von Nico. Er zog weiter. Roman und ich fuhren durch die schlafende Stadt, mitten auf der vierspurigen Erlanger Straße, nebneinander her, über den Hohenzollernring, die Bahnhofsstraße hinauf, immer weiter stadtauswärts.
Unterhalb des Festspielhauses bogen wir rechts, direkt am Bahngleis, in die Gravenreuther Straße ein und fuhren an der Porzellanfabrik ‚Walküre‘ und am Baumarkt vorbei. Auf der linken Seite folgten Wohnblöcke. Dann fuhren wir über die Kreuzung, geradeaus in die Wohnsiedlung hinein. Sie besteht überiegend aus Ein- und Zweifamilienhäusern mit Gärten.

Zwei Straßen unterhalb des Hauses meiner Eltern, verabschiedeten wir uns. Roman und ich.
Freilich war das riskant. Irgendjemand hätte zufällig vorbei kommen können. Ein Nachbar mit seinem Hund. Hundespaziergänger sind unberechenbar, tauchen zu den unwirklichsten Zeiten auf und stehen plötzlich vor dir, als hätte sie eine Fee hervorgezaubert.  Selbst nach Mitternacht.

„Was war da zwischen Nico und dir?“, fragte ich.
Roman winkte ab.
„Halb so wild, es hat mich nur angekotzt, dass er es uns aufs Brot schmiert, dass wir sein Zimmer beschlagnahmen und wir mehr oder weniger von ihm abhängig sind.“
„Tun wir doch“, wendete ich ein.
„Welcher Freund würde sich schon jedes zweite Wochenende komplett aus seinem Zimmer verbannen lassen?“
„Ich weiß“, sagte Roman, wandte sich verlegen von mir ab und fuhr mit den Fingern die Fügen der Granitsteinmauer daneben ab.
„Wo schläft er heute Nacht?“
„Bei einem Kommilitonen, der übers Wochenende zuhause ist.“
„Was ist eigentlich mit seinem Freund?, er hatte doch sowas wie eine Beziehung.“
„Beziehung ist etwas übetrieben. Da ist jemand, mit dem er manchmal zusammen ist. Keine so feste Sache, Hauptsache er hat seinen Spaß.“
„So, hat er den?“, fragte ich vorsichtig.
Roman fuhr noch immer die Fugen der Mauer ab.
„Nein“, presste er hervor, „nicht wirklich.“
Er schaute auf, mir abschätzend ins Gesicht und schwieg eine Weile.
„Nico und ich“, sagte er vorsichtig, „wir sind jetzt seit über fünf Jahren, irgendwie, naja, sowas wie...“
Roman seufzte, legte die Hand vors Gesicht und brach ab.
„Ihr habt seit fünf Jahren mehr oder weniger eine sexuelle Beziehung“, half ich ihn weiter.
„Ja!“, sagte Roman und nahm die Hand weg.
„He, es braucht dir nicht peinlich zu sein“, sagte ich und legte eine Hand auf seine Schulter.
„Erinnerst du dich, ich hab mal gesagt, egal ob Junge oder Mädchen, berühren ist berühren und dass du die letzten fünf Jahre nicht keusch und enthaltsam gelebt hast ist klar. Du hast es mir von Anfang an gesagt, mir nichts vorgemacht. Das rechne ich dir hoch an.“
„Ehrlich?“, fragte er und schaute noch immer betreten.
„Klar.“
Ich schaute ihn in die Augen. Weich lagen sie auf mir. Dann fielen sie auf den Boden.
„Er kommt nicht so gut damit klar, dass es jetzt plötzlich ganz anders ist. Ich hatte nie so eine Beziehung“, sagte Roman, „nie so ernsthaft, dass es komplett vorbei war und das ist mir wichtig. Ich würde es umgekehrt auch nicht wollen, wenn du noch etwas laufen hättest, egal ob mit einem Jungen oder einem Mädchen.“
Er schaute mich an. Eine Strähne hing ihn wirr in die Stirn.
„Du bist so süß, wenn du verlegen bist“, sagte ich und lächelte.
„Und du bist schrecklich!“, sagte er gespielt ernst.
„Wieso?“, fragte ich entsetzt.
„Weil du mich viel zu sehr durchschaust. Ich weiß noch nicht, ob ich das mag“, sagte er und spielte es lachend herunter und doch spürte ich, dass er es ernst meinte.
„Hör auf dir Gedanken zu machen. Sei so wie du bist. Ich habe mich nicht in deine Hülle verliebt, sondern in den Menschen, der dahinter steckt. Ich erwarte keinen Mister Perfekt.“
Er schloss die Augen und zog mich an sich heran.
„Das bin ich auch nicht“, sagte er so leise, dass ich es kaum verstand und küsste mich.
„Außerdem“, sagte er plötzlich und ich fühlte sein Lächeln an meinem Ohr, „hast du auch nicht enthaltsam gelebt.“
Ich wich ein Stück zurück und schaute ihn in die Augen.
„Ist das jetzt eine Anspielung auf diese Alexgeschichte?“ Er schaute mich herausfordernd an. Kurz und knapp hatte ich Roman davon erzählt, als wir uns vor einigen Wochen in Nicos Zimmer ausgesprochen und entschieden hatten zusammen zu sein.
„Willst du wirklich wissen, wie es mir damit gegangen ist?“
Er nickte.
Ich hatte die Geschichte und die dazugehörigen Gefühle, wie Schrott in eine Rumpelkammer, ins allerhinterste Eck, verbannt. Auf einmal kroch da ein schmerzhaftes Ziehen hervor und breitete sich aus, bis in die allerletzte Fiber.
„Er war zwei Klassen über mir, nett, gutaussehend, beliebt. Die halbe Schule war scharf auf ihn. Mit mir ist er um die Häuser gezogen. Er hat mich nach Hause gebracht, mit mir hat er rumgeknutscht. Welch erhabendes Gefühl! So weit so gut.“
Ich seufzte.
„Dann kam also die Fete bei dieser Annette und der Tequila. Wir saßen im Wohnzimmer. Die Welt verschwand unwirklich mehr und mehr im Tequilanebel. Zimtkrümel und Orangengeschmack vermengten sich im Mund zu einer süßlichen Pampe.
Irgendwann hat er mich an die Hand genommen und die Treppe hoch gezogen. Im Dunkeln sind wir gegen das Regal an der Wand neben der Treppe, mit der Porzellanfigur gestoßen, die Alex in letzter Sekunde noch zu fassen kriegte. Wir lachten gedämpft und mein Herz blieb vor Schreck kurz stehen. Wir gingen in eines der Zimmer, das wohl das Schlafzimmer von Annettes Eltern war. Bewußt war mir das nicht mehr. In der Mitte stand ein großes Bett. Er hat sich aufs Bett gelegt, die Hand ausgestreckt und mich zu sich aufs Bett gezogen und ich habe mir gedacht:
Scheiße, er darf nicht merken, dass du fast besoffen bist. Ich lag auf dem Bett und schloss die Augen, der Raum begann sich zu drehen. Sobald ich die Augen aufschlug und meine Lippen auf seinen lagen, stand die Welt wieder einigermaßen still. Irgendwann fragte ich mich, wo die ganzen Klamotten geblieben waren, aber daran, dass meine Jeans sich irgendwo verhedderte, erinnere ich mich und daran, dass er fragte: ‚Du willst doch. Oder? Du musst es nur sagen.‘
Es fiel mir schwer, meine Zunge zum Gehorsam zu zwingen und ich schwieg.
‚Du bist so umwerfend...‘, sagte er.
Ich riss mich zusammen und konzentrierte mich voll darauf, die Worte klar und deutlich herauszukriegen.
‚Klar will ich!‘
Dass er nach seiner Jeans, die auf den Boden lag, gegriffen hatte und etwas aus der Hosentasche hervor zog, erinnere ich mich. Ein Kondom. Und dass er es sich über gestriffen hat und dann naja.“
Ich schaute verlegen auf den Asphaltboden über dem die Laterne ihr Licht verstreute und fummelte am Reißverschluss von Romans Jacke herum.

„Dummerweise sind Annettes Eltern vorzeitig nach Hause gekommen. Das Konzert, in das sie gehen wollten, ist ausgefallen. Sie waren nur nett essen und fanden es nicht allzu nett, mich mit diesem Alex in ihren Bett vorzufinden. Wie entsetzt sie waren, als sie vor uns standen, brauche ich dir sicher nicht zu erklären und wie peinlich das war.“

Ich fummelte weiter geflissentlich an Romans Reißverschluss herum, als gäbe es nichts Interssanteres.

„Dann haben sie mich nach Hause gebracht, meinen Vater zur Schnecke gemacht und mein Vater danach mich.“

Ich schaute zaghaft aufwärts. An Romans Gesicht blieben meine Augen haften. Er schaute mich nachdenklich an und ich wußte nicht, was er dachte.

„Das war aber nicht das Schlimmste“, sagte ich leise, „das war etwas anderes.“

Ich zwang mich Roman weiter in die Augen zu schauen, nicht den inneren Impuls nachzugeben, sie nach unten schweifen zu lassen.
„Dass er mir am Montag in der Schule ausgewichen ist, dass er abgeblockt hat, wenn ich mit ihm reden wollte. Nicht dass ich wahnsinnig verliebt gewesen wäre, ein bisschen vielleicht, aber da war dieses beschämende Gefühl, ausgenutzt, benutzt worden zu sein. Klar, auch er hat Ärger wegen dieser Geschichte bekommen. Trotzdem. Wenn ich ihn wirklich etwas bedeutet hätte, hätte er sich anders verhalten.“
Ich schaute Roman noch immer in die Augen.
„Kannst du das verstehen?“, sage ich mit brüchiger Stimme und merkte, dass mir Tränen in die Augen stiegen. 
Roman nickte, legte seine Arme um mich und drückt mich fest an sich.
Sein Kinn lag auf meiner Schulter.
„Solange du mit mir zusammen bist, wird dich keiner benutzen, nur lieben“, flüsterte er. Ich schlang meine Arme um seinen Hals, dann küssten wir uns. Lange.
Alex war so was von egal, ein Nichts, gegen Roman.
Meine Arme lagen noch immer um seinen Hals und ich legte mein Kinn auf seine Schulter.
„Weißt du eigentlich, was ich gedacht habe, als wir damals vom Billardpielen heim gegangen sind. Hier an dieser Stelle, wo wir jetzt stehen? Du hast mir so viel von dir erzählt und warst so fertig.“
Er schüttelte den Kopf und ich spürte seinen Atem an meiner Wange.
„Ich möchte mit ihn ewig so weiter gehen, bis ans Ende der Welt, auch wenn ich ihn nie berühren darf, Hauptsache ich kann bei ihm sein.“
„Weißt du, was ich gedacht habe?, genau an dieser Stelle?“, fragte er.
Ich lächelte, schüttelte den Kopf und schaute ihn erwartungsvoll von der Seite an?
„Wie soll ich ihr jemals klar machen, was sie mir bedeutet, dass ich sie liebe, dass ich mit ihr zusammen sein möchte?“
Versonnen nahm er die Bänder von meine Parka, die aus der Kapuze heraus hingen, band einen Knoten hinein und machte ihn wieder auf.
„Die Vergangenheit tat oder tut noch immer weh, keine Frage, aber sie hat mit der Zeit an Schärfe verloren. Viel schlimmer war die Ausweglosigkeit. Ich war in einer Sackgasse gelandet, so kam es mir vor.“
Ich nickte.
„Empfand ich genauso. Aber wir schaufeln uns unseren eigenen Weg hinaus“, sagte ich und lächelte.
„Indem wir zusammen sind?“
Ich nickte.
„Sex spielt eine Rolle, brauchen wir nicht weg zu reden“, sagte er leise, „solange wir körperliche Wesen sind, mit unserer körperlichen Hülle, wird das so sein. Aber das war und ist nicht alles. Wenn man mir sagen würde, du darfst nie wieder Sex mit ihr haben, nur noch so mit ihr zusammen sein. Ich würde es wollen, ich würde einfach nur mit dir zusammen sein wollen.“
Seine Lippen strichen mir sanft über den Hals.  An meinem Ohr blieben sie haften.
„Am liebsten aber beides“, flüsterte er. Sein Lächeln ktizelte mir ins Ohr.
Er drückte mich noch einmal fest an sich, küsste mich, dann schob er mich widerwillig von sich. Ich wendete mich seufzend dem Fahrrad zu, stieg auf und tretete mit voller Wucht in die Pedale, um die innere Anspannung los zu werden.

Genau das waren die härtesten Momente, ihn zurück zu lassen, wenn ich in mein Leben ohne ihn, in die andere Welt zurück kehren musste, die nichts von ihm wissen durfte.
Es war nicht leicht, diese Schlucht zu überwinden, die zwischen diesen beiden Welten lag und diese beiden Welten strikt zu trennen.
 
Ich habe Roman zum Beispiel nie vom Bahnhof abgeholt oder hingebracht, wenn er wieder nach München zurück gefahren ist. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, ihn ungerührt und regungslos zu begrüßen oder zu verabschieden.
Wir haben uns am Freitag Abend oder Samstag Vormittag in Nicos Zimmer getroffen und auch da wieder verabschiedet.

Unter der Woche telefonierten wir stundenlang. Ich, drei Straßen weiter in einer Telefonzelle und Roman rief aus einer Telefonzelle an der Hausecke an, damit Henriettes Telefonrechnung nicht in unermessliche Höhen schoss und wir verkamen fast vor Sehnsucht. Wir verabredeten bestimmte Uhrzeiten, wann er bei uns zuhause anrief und ich meldete mich immer mit Vor- und Nachnamen, damit er bescheid wusste, dass ich dran war. Ab und zu sprach er mit unserer Mutter. So fiel es nicht auf, dass er anrief.

Für uns ist unsere Beziehung nie eine moralische Frage gewesen. Es ist so, als hätten sie uns etwas untergejubelt, was nicht den Tatsachen entsprach: Wir haben uns nie, auch nur eine Sekunde, als Bruder oder Schwester gefühlt. Als wir uns das erste Mal bewußt begegneten sind, waren wir fast schon ineinander verliebt. Und genau das sind und waren wir immer: ein Liebespaar. Wir sind gleichzeitig beste Freunde, engste Vertraute. Er ist der beste Kumpel für mich, mit dem ich Spaß habe und herumflachse, aber in erster Linie waren und sind wir zwei Menschen, die sich schlicht und einfach lieben, mit allem was dazu gehört.


Comments

  • Author Portrait

    Toll geschrieben. Ob Nico nochmal Thema in der Gegenwart wird? So süß auch die gegenseitigen Bekenntnisse zu jenem Abend. Ja, Seelenverwandtschaft - keine Frage. Und die Liebe gibt es als Zugabe

  • Author Portrait

    Werden wir erfahren, was aus Nico geworden ist? In der Vergangenheit war er wohl nicht glücklich. // Der letzte Absatz ist schön. Die Erklärung für alles eigentlich. Auch alles, was ich mir von Anfang an dachte. Die beiden sind seelenverwandt. Es konnte nicht anders kommen.

beta
Fairy Dust

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