Departed

Panisch schrie Billy auf. Laut und durchdringend schrillte es in Joes Ohren. Er war sich sicher, dass es alle im Zug gehört haben mussten. Am liebsten hätte er Billy aufgefordert, Ruhe zu bewahren. Auch wenn das Grauen der Situation durchaus etwas Panik erlaubt hätte.

Joe konnte sich nicht bewegen. Sein ganzer Körper war verkrampft. Klebrig haftete das halbfeuchte Blut an seinen Handinnenflächen. Es dauerte einige Sekunden, bis Joe realisierte, dass es nicht Billy sein konnte, der schrie. Ununterbrochen redete seine Stimme auf ihn ein. Da begriff Joe, dass er derjenige war, der panisch schrie.

Diese Erkenntnis raubte ihm die Luft zum Atmen. Er drohte in Ohnmacht zu fallen. Kein einziges Wort von Billy, drang zu ihm durch. Er verstand ihren Sinn nicht.

Plötzlich traf Joe etwas mit voller Wucht ins Gesicht. Der Schlag riss ihn regelrecht zur Seite. Nur mithilfe seiner Hände konnte er den darauf folgenden Aufprall abdämpfen. Benommen blieb der Schaffner liegen. Als er seinen Blick hob, sah er einige paar Schuhe.

„Musste das sein?“, rief Billy aus.

Aufgescheucht waren alle Fahrgäste zum Ursprung des Lärms gerannt. Schockiert standen sie da und starrten den am Boden liegenden Zugbegleiter an. Es war nicht viel Platz, sodass sie schlecht ins Cockpit blicken konnten.

Der Mond schien hell, tauchte alles in ein milchig, blaues Licht. Dennoch konnte man den toten Lokführer nur sehr schlecht erkennen, wenn man nicht wusste, wo man hinsehen sollte.

Der blasierte Affe, der Ellen beim Aufräumen geholfen hatte, stand ganz vorne, Joe am nächsten. Er machte einen weiteren, folgenschweren Schritt nach vorn, um die Taschenlampe aufzuheben, die Joe fallen gelassen hatte.

„Nein, nicht-“, hörte Joe Billy noch rufen. Doch es war zu spät.

Zuerst leuchtete der Mann auf Joe. Mitten ins Gesicht, sodass jener nur einen großen bunten Punkt sah, wenn er blinzelte. Ein erschrecktes Keuchen ging durch die kleine Menschenmenge, als sie das Blut an ihm bemerkten. Dann ging der Lichtschein weiter und offenbarte den ganzen Albtraum.

Panische Unruhe machte sich breit, wie ein Buschbrand in Australien. Erschrocken schrien die Frauen auf, während die Männer scharf Luft holten. Manche würgten.

„Was zum Teufel ist hier passiert? Oh, mein Gott! Was haben Sie getan?“

Vergebens versuchte Joe sich aufzurappeln. Seine Beine waren noch immer wie Wackelpudding und wollten sein Gewicht nicht so recht tragen. Billy half ihm auf. Dabei konnte Joe nur mit dem Kopf schütteln. Er bekam kein einziges Wort heraus. Der Schock saß auch ihm tief in den Knochen. Vor allem, weil er mitten reingestolpert war.

„Nichts hat er getan!“, antwortete Billy stattdessen für ihn. „Wir haben ihn so vorgefunden.“

„Was- was ist nur mit ihm passiert?“, fragte Ellen mit zittriger Stimme unter einem Schwall Tränen, der aus ihren Augenwinkeln floss.

„Wer hat ihn so abgeschlachtet?“

„Um Himmels Willen.“

„Wer hat das-?“

Unverständliches Stimmengewirr prasselte auf Joe ein, als wäre er das Orakel von Delphi und müsste auf alles eine Antwort haben. Müde fuhr er sich durch das Haar, das ihm klamm im Nacken klebte. Dankbar für die Stütze, schämte Joe sich nicht, sich in Billys Arm zu lehnen.


„Vielleicht ist ein Baum ...“, sagte Matthew mit einem deutlichen Akzent in der Stimme. Schnell verstummte er, als ihn alle ansahen.

„Was? Soll der Baum vielleicht hier reingeflogen sein, den armen Mann zerfetzt haben, um dann auf die gleiche wundersame Weise zu verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen? Was ist nur los mit dir? Hast wohl zu viele Filme gesehen?“, antwortete der Großkotz sarkastisch. Mit jeder Minute wurde er Joe immer unsympathischer.

„Nein, aber-. Was soll es denn dann gewesen sein?“, wehrte sich der Student. Er hatte lediglich eine laute Bemerkung gemacht. Schließlich standen sie alle unter Schock. Kein Grund gemein zu werden.

„Ja“, stimmte Nina zu. „Wenn Sie so schlau sind, sagen Sie doch, was es gewesen war?“

„Sicher nicht die tödlichen, knorrigen Äste einer Eiche“, antwortete der Mann.

„Hey-.“

Und dann begannen alle durcheinander zu reden. Sie wurden immer aggressiver. Von absurden Beschuldigungen bis zu fiesen Beleidigungen war alles dabei.

Joe merkte, dass sich der Griff um seinen Oberarm gelockert hatte. Nachdem Billy sich vergewissert hatte, dass Joe nicht mehr umzukippen drohte, betrat er das Cockpit. Vorsichtig. Darauf bedacht nicht auszurutschen und nicht zu sehr in das Blut zu treten, was eine ziemliche Herausforderung war.

Joe folgte ihm. Angeekelt und mit zittrigen Knien versuchte er sich an der Wand entlang vorzutasten, so wie Billy es tat. Es war jedoch fast unmöglich, nicht in das Blut zu treten.

„Was ... Was hast du vor?“, fragte Joe ihn leise. Dicht an den anderen gedrängt, hielt er sich an dessen Schulter fest. Nur für den Fall.

„Warum ist alles aus?“

„Ich denke ... Er- Vielleicht hat er etwas auf den Gleisen gesehen und hat abgebremst, was natürlich nicht erklären würde, warum das Licht ausgegangen ist.“ Joe bemerkte, dass er gar nicht die Frage beantwortete. Er war nervös.

Unheilvoll schien der Mond auf die Konsole, die auch voller Blut und Fleischstücken war. Ausgerechnet jetzt musste Joe wieder schwindelig und übel werden. Mit Mühe unterdrückte er den Brechreiz, der in seiner Kehle brannte.

Joe kniff die Augen zusammen. Trotz allem waren die Tasten nur schwer zu erkennen. Er hatte Angst nach einem Stück Menschenfleisch zu greifen, als nach einer der Tasten. Das war gar nicht so unwahrscheinlich. Schließlich erblickte Joe den Schlüssel, der etwas verbogen, aber noch intakt war. Glänzend hob er sich vor dem absurden Hintergrund ab.

Mit zitternden Fingern griff er danach. Als er ihn umdrehte, leuchteten einige Kontrolllampen auf. Jemand oder etwas musste dagegen geschlagen und so alles ausgeschaltet haben.

Die beiden standen ratlos da, bis sie der Lärm in ihrem Rücken wieder in die Realität katapultierte.

„Vielleicht waren das ja Sie!“, griff jemand den Businessmann an, den Joe nicht ausstehen konnte.

„Das ist doch absurd. Hören Sie sich überhaupt selbst reden? Das ist doch Blödsinn“, schrie er wütend.

Plötzlich flackerte das Licht auf. Alle blickten in das Cockpit zu den beiden jungen Männern.

„Ich glaube nicht, dass es ein Mensch war.“

 Billy und Joe starrten die metallenen Wände an. Der Zustand der Leiche sprach dagegen, dass es ein Mensch gewesen sein konnte, denn von ihr war nur wenig geblieben. Auch die zahlreichen, teils sehr tiefen Kratzer, die niemand in der Dunkelheit bemerkt hatte, schlossen ein menschliches Wesen aus. Das ganze Cockpit war übersät mit unnatürlichen Kampfspuren, welche eher einem Tier glichen. Doch welches Tier war imstande Metall derart zu beschädigen?

Comments

  • Author Portrait

    Hm, kommt es mir nur so vor oder weiß dieser Billy mehr, als er vorgibt? Spannende Geschichte und Joe ist wirklich ein lieber Normalo, in den man sich sofort hineinversetzen kann und mit ihm sympathisiert. Mal sehen, wie es weitergeht.

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Fairy Dust

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