Der Anwalt

Mein Handy vibrierte und ich sah gewohnheitsmäßig nach. Ich konnte mir einfach nicht leisten, wichtige Anrufe zu versäumen, doch der eine oder andere Reporter hatte es auch geschafft, an diese Nummer zu kommen. Diesmal aber, passte es mir sehr gut, was auf dem Display stand: Bertl. Das war nur der Vorname meines Freundes und Anwalts, der gerade von einem Kollegen auf eine Fernsehsendung aufmerksam gemacht worden war. Es war eine Sendung von einem lokalen Sender, der meine Aufnahmen aus dem Internet eins zu eins wiedergab, was ich auf der Internetseite ausdrücklich erlaubt hatte. "Michel, du wilder Hund du! Bist du komplett Deppert worden?" - "Auch Grüß dich, Bertl!" - "Junge du lehnst dich weit aus dem Fenster! Das kann auch nur dir einfallen! Was fragst mich denn nicht, bevor du dir so einen Scheiß anfängst?" - "Weil du gesagt hättest, ich soll das lassen! Und das ging nicht. Und die Flucht nach vorne hatte automatisch deinen Anruf zur Folge. Damit hab ich spekuliert. Gut, was? Jetzt hab ich dich gar nicht anrufen müssen." Ich konnte mir noch so Einiges anhören von meinem Spezi, dem Anwalt. Aber damit hatte ich gerechnet. Bertl war auch einer von diesen guten alten Freunden aus meiner Jugend, auf die man sich einfach verlassen kann. "Bertl, ich würde mich sehr freuen, wenn du heute  Abend mit Selina und mir speisen würdest. Ich brauch dringend juristischen Rat. Und zwar einen ganzen Haufen davon, wie du sagen würdest." Bertl lachte. "Du, deine Partnerin aus dem Video, mit der brauchst dich nicht schämen! Da komm ich schon zum Essen. Du wirst ja schlecht ausgehn können." Da hatte er allerdings recht. Wir vereinbarten, dass er gegen neunzehn Uhr kommen würde.  Selina würde sich um die Beauftragung eines Catering-Services kümmern und ich überlegte mir, wie wir weiter vorgehen sollten.

Viktor wurde langsam ungeduldig. Seine Zielpersonen waren mittlerweile ziemlich gut abgesichert und es würde schwer sein, an die beiden unbemerkt heran zu kommen. Montar war zwar umgefallen, aber im Radio war gemeldet worden, dass er nach der Schießerei so etwas wie eine Pressekonferenz mit dem Staatsanwalt gegeben hatte. Also konnte es höchstens ein Kratzer sein. Er hatte keine guten Karten im Moment. Außerdem wurden die Schmerzen in seiner Augenhöhle stärker, vermutlich hatte er sich eine Entzündung eingefangen. Er musste sich nochmal um ein Versteck umsehn. Den Übertragungswagen hatte er stehen lassen, er war einfach zu auffällig. Es war gar nicht gut, dass dieser verdammte Erfinder alles an die große Glocke gehängt hatte. Dieses Problem hatte Viktor die ganzen Jahre nicht gekannt...

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